"Zurück in die Zukunft" Herzensbrecher mit Schlaf-Induktions-Alpha-Rhythmus-Generator

Als Marty McFly reiste Michael J. Fox 1985 so lässig durch die Zeit, dass sich sogar seine Film-Mutter in ihn verliebte. Dabei hatten die Dreharbeiten zunächst ohne ihn begonnen.

ddp images/Universal

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Es nützte nichts - sein Film funktionierte einfach nicht! Die Dreharbeiten liefen schon sechs Wochen, als Regisseur Robert Zemeckis der bitteren Wahrheit ins Auge blickte. Er saß in einem Raum der Universal-Studios und schaute auf den Zusammenschnitt der bisherigen Aufnahmen. Neben ihm hockte Bob Gale, mit dem er das Drehbuch für das Debakel verfasst hatte, das sie sich gerade ansahen: "Zurück in die Zukunft". Der erste Science-Fiction-Film in Zemeckis' Karriere drohte, zugleich sein letztes Werk zu werden.

Noch während die Filmrolle durch den Projektor lief, trafen sie eine Entscheidung, die Filmgeschichte schrieb: Sie würden alles noch einmal drehen. Nicht, weil die Dialoge schlecht gewesen wären oder die Techniker versagt hätten. Es lag am Hauptdarsteller. Eric Stoltz war einfach nicht lustig. Er war nicht der Marty McFly, den sie auf dem Papier skizziert hatten: ein schlitzohriger Teenager, ein wenig verrückt, etwas überdreht, aber zugleich ein Mädchenschwarm.

Und so wurde im Januar 1985 das gesamte Filmset noch einmal aufgebaut. Die Schauspieler mussten zurückkommen und die gleichen Szenen wiederholen. Nur einer war neu: TV-Star Michael J. Fox, berühmt durch seine Rolle in der Sitcom "Familienbande".

"Als Michael die ersten paar Worte vor der Kamera sprach, wusste ich, dass der Film ein Erfolg wird", erklärte Drehbuchautor Bob Gale in späteren Interviews. Er sollte Recht behalten: "Zurück in die Zukunft" wurde der erfolgreichste Film des Jahres - und machte Michael J. Fox zum Superstar.

Der Kultfilm, den keiner wollte

Die Idee war Gale gekommen, als er ein altes Highschool-Jahrbuch seines Vaters aufgeschlagen hatte. "Könnte ich mit diesem Jungen befreundet sein?", fragte er sich beim Betrachten der Fotos. Gemeinsam mit seinem Kumpel Zemeckis verwandelte er die Frage in eine Geschichte: Ein Teenager reist mittels Zeitmaschine in die Vergangenheit, wo er auf seine eigenen Eltern im Schulalter trifft. Der Vater entpuppt sich als scheuer Spanner, der auf Bäume klettert, um mittels Fernglas in fremde Zimmer zu blicken. Die Mutter trinkt, raucht und wirft sich ihrem eigenen Sohn an den Hals.

Eine moderne Ödipus-Geschichte, die Zemeckis und Gale in ein rasantes Abenteuer verwandelten. Mit seinen lockeren Sprüchen war ihr Marty McFly prädestiniert dafür, ein Jugendidol zu werden: So erfand er etwa ganz nebenbei auf seiner Zeitreise das Skateboard. Oder den Rock'n'Roll. Dass er in die Fünfzigerjahre eintauchte, war beabsichtigt: In dieser Zeit trat Jugendkultur erstmals ins Zentrum der US-Gesellschaft.

Als Zemeckis und Gale 1980 ihren ersten Entwurf an die Filmstudios schickten, erhielten sie überall Absagen. Zeitreisen - das sei ein alter Hut, damit könne man doch niemanden mehr in die Kinos locken. Zemeckis legte das Projekt auf Eis, um sich anderen Filmen zu widmen. Bis zu seinem ersten kommerziellen Erfolg: "Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten" mit Michael Douglas und Kathleen Turner spielte 1984 70 Millionen Dollar ein. Plötzlich galt der 32-Jährige als Regietalent - und konnte sich für seinen Zeitreise-Film ein Studio aussuchen.

Zeitmaschine mit Heimwerker-Look

Zemeckis' Wahl fiel auf Universal, da die Firma bereits drei Jahre zuvor den Science-Fiction-Megablockbuster "E.T." von Steven Spielberg herausgebracht hatte. Spielberg selbst wurde Co-Produzent.

Universal-Chef Sid Sheinberg begutachtete das Drehbuch persönlich - und bestand auf einer Reihe von Änderungen: So musste etwa der Schimpanse verschwinden, den Zeitmaschinen-Erfinder Emmett Brown im Original-Skript noch als Maskottchen hielt. Sheinberg schrieb in einem Memo: "Kein einziger Film mit einem Schimpansen war jemals erfolgreich." Der Affe wurde zu einem Hund namens Einstein.

Die wichtigste Neuerung betraf jedoch die Zeitmaschine. Im ersten Entwurf war die Erfindung eine Art Kühlschrank, in die der Abenteurer steigen musste. "Wir hatten Angst, dass das viele Kinder auf dumme Ideen bringen würde", sagte Zemeckis später. Also wählte er eine Alternative: den DeLorean DMC, einen futuristischen Sportwagen mit nach oben öffnenden Türen. Das Fahrzeug wurde mit Lichtern, Kabeln und Schaltern ausgestattet, um ihm das Aussehen einer Zeitmaschine zu verleihen. Gleichzeitig sollte es aber nicht zu professionell wirken, schließlich war die Maschine im Film ja von Doc Brown in Heimarbeit in seiner Garage zusammengeschraubt worden - genau wie der "Schlaf-Induktions-Alpha-Rhythmus-Generator", mit dem er und Marty im weiteren Verlauf der Filmreihe Komplikationen bei ihren Zeitreisen vermeiden sollten. Allzu fragefreudige Zeitgenossen versetzte das Gerät kurzerhand in den Tiefschlaf.

"Wer zum Teufel ist John F. Kennedy?"

Auch wenn "Zurück in die Zukunft" eine Science-Fiction-Geschichte ist, kommen im Film nur rund 30 Spezialeffekt-Szenen zum Einsatz - kein Vergleich zu Spektakeln wie "Krieg der Sterne". Den Kern der Handlung bildet die Dreiecksgeschichte zwischen Marty, seiner Mutter Lorraine und seinem Vater George. Zemeckis sagte es so: "Es ist die Geschichte eines Jungen, der seinem Vater beibringt, ein Mann zu sein." Der Humor speist sich vor allem aus Missverständnissen: Die Menschen aus den Fünfzigerjahren kapieren einfach nicht, was der Zeitreisende aus den Achtzigerjahren meint. Etwa: "Eine Pepsi ohne." - "Ohne zu bezahlen? Dann bist du hier aber falsch." Oder: "Der kommt gleich nach dem John F. Kennedy-Drive." - "Wer zum Teufel ist John F. Kennedy?"

Zemeckis wollte die Fünfzigerjahre möglichst authentisch wiedergeben. Die Straßen auf dem Universal-Gelände wurden mit Studebakers und alten Chevrolets geschmückt. Picknicktische säumten die Wege. Ein Kino pries den neuesten Film mit Ronald Reagan an - dass dieser einmal US-Präsident werden soll, können die Fünfzigerjahre-Teenager im Film nur belächeln.

Zudem tauchen zahlreiche Firmen-Logos auf, die sich von den Fünfziger- bis zu den Achtzigerjahren stark verändert hatten. Natürlich nicht aus reiner Nostalgie: Universal hatte zahlreiche Verträge mit Firmen zu Product Placement abgeschlossen. Immerhin: Das mitunter arg auffällige Auftauchen von Firmenlogos pufferte die Mehrkosten ab, die durch den Dreh-Neustart mit neuem Hauptdarsteller nach sechs Wochen entstanden waren.

Komiker am Tag, Zeitreisender in der Nacht

Trotzdem: Zemeckis war das Abdrehen der gleichen Szenen ein Graus. "Es entsteht ein Druck, alles noch besser zu machen", erzählte er nach Jahren in einem Gespräch mit UCLA-Studenten. "Und diesen hohen Anspruch konnte man gar nicht erfüllen."

Noch anstrengender war die Produktion für Hauptdarsteller Fox. Als er im Januar 1985 zum Team stieß, war er noch mitten in den Dreharbeiten zur vierten Staffel von "Familienbande". Tagsüber musste er für die TV-Show vor der Kamera stehen, abends und nachts wurde er auf dem Film-Set zu Marty McFly. Seine Tagesszenen als Zeitreisender mussten notgedrungen an Wochenenden gedreht werden.

Als "Zurück in die Zukunft" schließlich am 3. Juli 1985 in die Kinos kam, war Fox schon wieder unterwegs - Staffel fünf seiner Sitcom sollte teilweise in Europa spielen. Um seinen Kinofilm zu bewerben, hatte er keine Zeit mehr. Die Universal-Bosse tobten. Doch die Aufregung war unnötig: "Zurück in die Zukunft" hielt sich elf Wochen an der Spitze der Kinocharts und wurde zu einer erfolgreichen Filmreihe. Vier Jahre später sollte ein weiterer Teil in die Kinos kommen, in dem McFly in die Zukunft reiste, 1992 (1990) dann der Abschluss der Trilogie als Western-Abenteuer.

Weniger Glück hatte Fox' Vorgänger Eric Stoltz. Er hielt sich mit kleineren Rollen in "Pulp Fiction", "Anaconda" oder der Ärzteserie "Grey's Anatomy" über Wasser. Ein internationaler Durchbruch aber ist dem ersten Marty McFly bis heute verwehrt geblieben.

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
Peter Becker, 01.07.2015
1. Michael J. Fox
Erwähnenswert wäre noch gewesen, daß Michael J. Fox in der Serie "Good Wife" trotz seiner Krankheit einen ziemlich guten Job in seiner Rolle als Anwalt machte ...
Jens Loosen, 01.07.2015
2. einer der besten Filme aller Zeiten
ich weiss nicht wie oft ich die Back to the future Filme schon gesehen habe. Es macht immer wieder Spass und man entdeckt jedes Mal wieder einen neuen versteckten Witz. Herrlich!
Christian Schmidt, 01.07.2015
3.
Man hätte vielleicht erwähnen können, dass Fox von Anfang an der Wunschkandidat der beiden Bobs war, aber sie ihn zunächst wegen der "Familienbande"-Sache nicht kriegen konnten (sein Agent wollte ihm nicht mal von dem Angebot erzählen, weil er wusste, dass Fox die Rolle dann gewollt hätte).
Thomas Schneider, 01.07.2015
4. Wo ist mein Hoverboard?
Interessant auch der Ausblick auf das Jahr 2015 in Teil II oder zumindest wie man es sich damals, wenn auch überspitzt, vorstellte. Also wo bleibt mein Hoverboard, fliegende Autos und ein auf die Minute genauer Wetterbericht?!
Martin Gutsch, 01.07.2015
5. 1,21 Gigawatt?! Marty!
Wie konnte ich nur so leichtsinnig sein? Zurück in die Zukunft ist *der* Film meiner Kindheit. Er verbindet alles, was meine kindliche Phantasie beflügelte: ein Held, der trotz Schmächtigkeit die bösen "Großen" übertrumpft, Zeitreisen, das tollste Auto nach K.I.T.T. und ein Soundtrack, der mich als Kid mitriss. Und man hat immer gute Laune nach den Sehen. Hach ja.
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