Zwangsarbeit bei Salamander "Die Angst der Getretenen vor dem nächsten, härteren Tritt"

Mit ihren Fingernägeln musste Vera Friedländer im Winter 1945 die Nähte ramponierter Schuhe überprüfen. Die junge Frau war Zwangsarbeiterin in einem Reparaturbetrieb. Sie ahnte: Es waren die Schuhe von Toten.

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"Da oben habe ich von früh bis spät Schuhe sortiert. Lauter Halbschuhe von Frauen und Männern, die gesteppt, geklebt oder neu besohlt werden mussten." Vera Friedländer zeigt auf ein Gebäude mit Klinkerfassade in der Köpenicker Straße im Berliner Stadtteil Kreuzberg, wenige Meter von der Spree entfernt. Als 16-Jährige musste sie im letzten Kriegswinter Zwangsarbeit in einem Reparaturbetrieb des Schuhfabrikanten Salamander leisten. Hunderte ramponierter Schuhpaare wanderten täglich durch ihre Hände: "Mir tat der Rücken weh, ich musste die ganze Zeit stehen."

Noch schlimmer als die körperlichen Strapazen war die ständige Angst um ihr Leben. Denn sie war sogenannte Halbjüdin. Schon die kleinste Nachlässigkeit hätte sie ins KZ bringen können.

Die Germanistin, früher Professorin unter anderem an der Berliner Humboldt-Universität, ist heute eine energische Dame von 88 Jahren. "Genau hier war damals die Tür zum Treppenaufgang, über den ich zu der Arbeitsstätte kam. Jetzt ist sie zugemauert", erklärt sie vor einer weiß getünchten Wand. Bomben zerstörten im Frühjahr 1945 das vierte Stockwerk des Gebäudes, in dem der Teenager für die Nazis schuften musste, mit anderen Jüdinnen und mit Kriegsgefangenen aus Ländern wie Frankreich, Polen und der Sowjetunion.

"Wir bekamen eine warme Suppe mit Kartoffeln oder Nudeln. Die Suppe und die Fahrkarte für die Straßenbahn waren unser Lohn", schreibt sie in ihrem Buch "Ich war Zwangsarbeiterin bei Salamander", das gerade im Eulenspiegel-Verlag erschienen ist. "Ich hatte Angst, die Angst der Getretenen vor dem nächsten, härteren Tritt."

"Meine Fingerspitzen waren eine verquollene Masse"

Friedländer schildert, wie eine SS-Aufseherin ihr unerbittlich einen Stock in den Rücken stieß und sie anherrschte: "Ein bisschen Tempo, wenn ich bitten darf!" Sadistisch zwang sie das Mädchen, Schuhnähte mit den bloßen Fingernägeln auf ihre Festigkeit zu überprüfen. Im Nu nutzten sich die Nägel an den scharfen Kanten ab, die Haut entzündete sich. "Meine Fingerspitzen waren eine verquollene Masse", erinnert sie sich.

Woher kamen bloß all diese Schuhe? Und wie sollten ihre Besitzer sie jemals zurückbekommen, wenn deren Namen nirgendwo notiert waren? Die schreckliche Ahnung, Hinterlassenschaften von Toten in den Händen zu halten, ließ sie bald nicht mehr los. Friedländer, die eigentlich anders heißt, trägt als Buchautorin den Nachnamen jüdischer Verwandter, die in Konzentrationslagern ermordet wurden. Ein Großteil ihrer Familie hat den Holocaust nicht überlebt. Die Erinnerung an die besitzerlosen Schuhe bewegte sie dazu, sich mit der Firmengeschichte von Salamander im Dritten Reich zu befassen.

Mithilfe von historischem Archivmaterial und Sekundärquellen machte Friedländer sich ein Bild von den Geschehnissen, die sie als Zwangsarbeiterin nicht selbst miterlebt hatte. So erklärt die Historikerin Petra Bräutigam in ihrem Buch "Mittelständische Unternehmen im Nationalsozialismus", wie sich Salamander-Generaldirektor Alex Haffner nach der "Machtergreifung" rasch dem neuen Regime angedient und bereits 1933 im Namen der Firma 10.000 Reichsmark zu Hitlers Geburtstag gespendet habe. Zum Dank habe Hitler ihn zum Tee eingeladen.

Die Schuhmarke Salamander war bereits im Jahr 1904 eingetragen und schnell beliebt geworden, ab 1937 auch durch die Comicfigur Lurchi. Im Nationalsozialismus wurden jüdische Teilhaber, die gut die Hälfte der Salamander-Aktien besaßen, binnen kürzester Zeit aus dem Unternehmen verdrängt, wie Aktionärsverzeichnisse belegen. Fotos dieser Dokumente sind in Vera Friedländers Buch abgebildet.

Zwangsarbeit? Nicht bei uns

Demnach "arisierte" sich Salamander offenbar selbst, um mit den Nazis einträgliche Geschäfte zu machen. Im Artikel "Die kleine Stadt" stellte der Jurist Hanspeter Sturm, von Salamander mit der Aufarbeitung der Firmengeschichte beauftragt, das 1999 so dar: "Eine rasch durchgeführte Veränderung des Mehrheitsverhältnisses führte dazu, dass die NSDAP das Unternehmen als überwiegend arisch ansah und praktisch von der Boykottliste strich."

Friedländer schloss aus ihren Recherchen, dass Salamander seine Chronik beschönigen ließ, um sich nach dem Krieg eine weiße Weste zu verschaffen. Wie sie darlegt, bestritt das Unternehmen mit Hauptsitz im baden-württembergischen Kornwestheim unter anderem, jemals Zwangsarbeiter beschäftigt zu haben. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE hat Salamander dazu bisher nicht Stellung genommen. 2004 hatte die Firma Insolvenz anmelden müssen, 2009 ebenso der Mutterkonzern EganaGoldpfeil. Heute ist Salamander im Besitz des Schuhherstellers ara Shoes AG, besteht aber als Marke fort.

Mit ihren Verstrickungen in der NS-Zeit beschäftigten sich viele deutsche Unternehmen, ob Mittelständler oder Konzerne, erst spät oder nie. Sie brauchten viele Jahrzehnte, um die eigene Geschichte aufzuarbeiten und die Beschäftigung von Zwangsarbeitern zuzugeben - vor allem aus Furcht, moralisch wie finanziell in die Pflicht genommen zu werden.

Rund zehn Millionen Menschen waren einst im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten der Zwangsarbeit unterworfen. Nach und nach flossen über Jahrzehnte überschaubare Millionenbeträge von Industrieriesen wie I.G. Farben, Krupp oder Siemens, oft wegen des Drucks durch Sammelklagen. Erst im Jahr 2000, also 55 Jahre nach Kriegsende, gründete der Bundestag eine Stiftung zur Entschädigung ehemaliger NS-Zwangsarbeiter. Den 10-Milliarden-Mark-Fonds füllten Staat und Wirtschaft je zur Hälfte.

Vater bewahrte Familie vor dem KZ

Doch viele Opfer waren unter grausigen Umständen gestorben, andere nach dem Krieg, oder sie konnten die Zwangsarbeit nicht durch Dokumente beweisen und gingen leer aus - ein düsteres Kapitel der deutschen Nachkriegs- und Wirtschaftsgeschichte.

Vera Friedländer arbeitete 1944 als regulär bezahlte Stenotypistin in einer Maschinenfabrik, bevor sie kurz vor Weihnachten vom Arbeitsamt einen "Verpflichtungsbescheid" erhielt. Widersetzen konnte sie sich nicht, angesichts der großen Gefahr, in der sich die Familie befand. Ihr Vater, ein Christ, war in einem Lager der Organisation Todt, einer paramilitärischen Bautruppe, nahe Merseburg inhaftiert. Er hatte sich geweigert, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen. Dadurch bewahrte er Frau und Tochter vor der Deportation.

Wie durch ein Wunder wurde die herzkranke Mutter nicht zur Arbeit geholt. Sie klammerte sich die ganze Zeit an die Hoffnung, dass ihre Karteikarte im Amt irgendwie "verschwunden" sein musste.

Laut ihrem Arbeitsbuch - das Hakenkreuz auf dem Einband kratzte sie später weg - wurde Vera Friedländer bei Salamander als "Hilfsarbeiterin" registriert. In seinem Reparaturbetrieb brauchte Salamander als "kriegswichtige" Firma dringend Arbeitskräfte. Denn Schuhe für die Wehrmacht, die SS und die Zivilbevölkerung waren wegen knapper Rohstoffe Mangelware. Daher wurden auch Materialien entwickelt, die Leder ersetzen sollten.

Das mörderische "Schuhläufer-Kommando"

Friedländer beruft sich außerdem auf Forschungsergebnisse der Historikerin Anne Sudrow: Demnach hatte Salamander von unmenschlichen Experimenten mit KZ-Häftlingen nicht nur Kenntnis, sondern unterstützte sie auch. Im Frühjahr 1940 wurde im KZ Sachsenhausen eine "Schuhprüfstrecke" angelegt. Die 700 Meter lange, halbrunde Laufbahn war abwechselnd mit Beton, Schotter, Sand und feuchtem Lehm belegt. Häftlinge mussten dort von morgens bis abends marschieren. So ließen Schuhhersteller die Strapazierfähigkeit ihrer Produkte testen.

Wie sich der Niederländer Josef Snep später erinnerte, passten die zugeteilten Schuhe meist nicht und verursachten bald höllische Schmerzen. Mit bis zu 30 Kilo Gepäck mussten die völlig unterernährten Gefangenen täglich etwa 30 Kilometer laufen. Wer zusammenbrach, wurden von SS-Männern per Genickschuss getötet.

An manchen Tagen sah Snep zehn oder zwölf Häftlinge umfallen. Er selbst überlebte als durchtrainierter Sportler. Das Unternehmen Freudenberg etwa habe sich "anständig aufgestellt" und die Leute zu entschädigen versucht, sagte Snep dem Deutschlandfunk. "Die Firma Salamander hingegen, die wollten nicht drüber reden."

Dem Bombenhagel entronnen

Der damalige Salamander-Direktor Angelo Hammelbacher habe der Reichsstelle für Lederwirtschaft vorgeschlagen, zusätzliche Verarbeitungsversuche "zu den Prüfungen beim Materialprüfungsamt und beim K.-Z.-Lager in Oranienburg" durchzuführen, zitiert Friedländer aus Sudrows Buch "Der Schuh im Nationalsozialismus". Als sie bei Salamander in Kreuzberg arbeitete, wusste Friedländer zwar bereits, dass es in Deutschland Konzentrationslager gab und Häftlinge dort zu Tode kamen. Vom tatsächlichen Ausmaß des Massenmordes an Juden erfuhr sie aber erst später.

Vera Friedländers Tortur bei Salamander endete erst, als eine Bombe den Reparaturbetrieb in der Köpenicker Straße traf. Am 18. März 1945 überstanden die junge Frau und die anderen Zwangsarbeiter den Angriff im benachbarten Luftschutzkeller. Am Spreeufer entlang lief sie nach Hause, während weiter Bomben fielen. Auch ihre Mutter überlebte, obwohl das Wohnviertel der Familie am Strausberger Platz größtenteils in Schutt und Asche lag.

Zwei Tage vor Beginn der Schlacht um Berlin kehrte auch der Vater am 16. April zurück; er war gemeinsam mit anderen Lagerhäftlingen aus Sachsen-Anhalt geflohen. Als der Krieg endete, war die Familie bereits wieder vereint. Doch viele ihrer Angehörigen sahen sie nie wieder.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Rathard Mosiak, 02.09.2016
1. Meine Mutter war
Für die deutschen jüngeren Kriegerwitwen galten die gleichen Bedingungen. Als sie und die zwei kleinen Kinder ausgebombt waren, wurde sie in das Vogtland verschleppt, bekam dort ein Zimmer und musste 12 Stunden jeden Tag Uniformmäntel nähen. Ein Kind starb an Lungenentzündung, denn das Zimmer wurde nicht geheizt. Das andere Kind erlitt eine Hirnhautentzündung. Grausige Zeiten. Für alle. Als der Krieg vorbei war, musste sie ich zu ihren Eltern im Wortsinne durchschlagen. Dabei wurde ihr der Koffer geklaut. Sie kam bei ihren Eltern nur mit dem an, was sie und das überlebende Mädchen auf dem Leib trug.
Stefan Claus, 02.09.2016
2.
Ja, Krieg erzeugt schreckliche Dinge, auch auf Seiten der Täter und mit Auswirkungen für ihre unschuldigen Kinder.
Ian Stone, 02.09.2016
3. Grausige Zeiten. Für alle.
Mag alles Stimmen, was Sie über Ihre Mutter erzählen. Und das war grausam. Richtig. Was genau hat das aber mit der Geschichte hier zutun? Mit dem Versagen von Zwangsarbeit ausnutzenden und fördernden Unternehmen, die sich Jahrzehnte lang weigern, die Opfer zu entschädigen? Das Leid Ihrer Mutter ist schrecklich, relativiert aber gar nichts.
Helen Ray, 02.09.2016
4.
Zur Geschichte der Arisierung der Firma gehört aber auch die Geschichte der Beschlagnahmung der Burg Stettenfels bei Untergrppenbach (Heilbronn) http://www.stimme.de/heilbronn/nachrichten/schozach-bottwar/Levi-Nachfahren-auf-Burg-Stettenfels;art1909,2506311
Tobias Funken, 02.09.2016
5. Missverstanden?
Es ging ihrem Vorredner vermutlich nicht um Relativierung, sondern um Verstärkung, denn das 12-stündige Nähen von Uniformmänteln hört sich für mich auch nach Zwangsarbeit an. Individuelle Schicksale helfen mir, diese grausame Zeit in Ansätzen nachzufühlen. Das können allgemeine, abstrahierende Schilderungen nicht. Daher danke für dieses weitere Beispiel von Zeiten und Geschehnissen, die niemals in Vergessenheit geraten dürfen!
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