Zweiter Weltkrieg Flirthinweise fürs Feindesland

Wie fragt man auf "DOI-tsh" nach der Toilette? Ein kleines Taschenbuch sollte US-Soldaten 1944/45 helfen, sich im besetzten Deutschland zurechtzufinden. Der "Pocket Guide to Germany" enthielt viel Nützliches, viele Klischees und taugte sogar als Flirthilfe. Jetzt wird das Zeitdokument wieder aufgelegt.

Berlin Story Verlag

Von Alice Kohli


"Ish bin ah-may-ree-KA-ner. BIT-tuh HEL-fen zee meer". So ähnlich könnte sich der amerikanische Armeelastwagenfahrer Felix A. Cizewski aus Wisconsin einem Deutschen vorgestellt haben, hätte er 1945 auf den Straßen Münchens nach dem Weg fragen müssen. Die hilfreiche Redewendung hätte er im "Pocket Guide to Germany" gefunden, einem handlichen Taschenbuch der US-Armee.

Das Spektrum der in Lautschrift, deutscher Rechtschreibung und englischer Übersetzung aufgeführten Redewendungen sollte den GIs bei überlebenswichtigen Problemen helfen, aber auch in banalen Situationen die Kommunikation erleichtern und Missverständnissen mit den Eingeborenen vorbeugen - etwa mit der äußerst praktischen Frage "VO ist ai-nuh two-LET-tuh?".

So vergnüglich die Aussprachehilfen zu lesen sind: Ausrufe wie "DEK-koong" und "guh-FAR" erinnern an die dramatischen Umstände, unter denen das Taschenbuch entstand. Geschrieben hatten den Pocket Guide 1944 Deutschlandexperten der für die Kampfmoral der US-Truppen zuständigen Morale Service Division. Den US-Soldaten sollte das Brevier wenigstens die wichtigsten Fakten über das Land vermitteln, welches sie erobern und besetzen sollten: Deutschland.

"Blei und Lügen"

Am 6. Juni 1944 landeten die Alliierten in der Normandie, am 21. Oktober eroberten ihre Truppen mit Aachen die erste große Stadt auf deutschem Boden. Zu diesem Zeitpunkt waren in den Reihen der amerikanischen Soldaten bereits rund zwei Millionen Exemplare des hilfreichen Büchleins im Umlauf, das neben praktischer Lebenshilfe auch geografische Basisinformationen ("Im zentralen Deutschland gibt es Mittelgebirge, die an die Catskills oder den Blue Ridge erinnern"), Erläuterungen zur Landwirtschaft und Auskunft über die Wetterbedingungen ("Das Klima in Deutschland erinnert an das der Ostküste der Vereinigten Staaten in der Gegend von Baltimore und Washington") enthielt.

Auch der Grund für ihre Anwesenheit wurde den GIs noch einmal dargelegt: "Die Besetzung Deutschlands gibt euch die Chance, persönlich zu gewährleisten, dass der Deutsche nicht noch einmal zum Schießeisen greift und Blei und Lügen auf eine arglose Welt loslässt, sobald ihr euch umdreht und nach Hause geht."

Nach dem Krieg jedoch geriet der Pocket Guide bald in Vergessenheit. Die meisten Exemplare steckten zerfleddert im Gepäck heimkehrender GIs und verstaubten in Kellern oder auf Dachböden, entsorgt wie Schulbücher nach bestandener Prüfung. Das Exemplar des Armeelastwagenfahrers Felix A. Cizewski aus Wisconsin etwa fand sein Sohn Leonard 2006 in dessen Nachlass.

Cowboys, Indianer, reiche Onkel

So verschwand das soldatische Benimmbuch, welches das Deutschlandbild von Millionen Amerikanern mit prägte, aus dem kollektiven Gedächtnis. Erst 2004 legte das Bonner Haus der Geschichte den Reiseführer der etwas anderen Art neu auf. Jetzt erscheint der Pocket Guide erstmals in einer zweisprachigen und ausführlich kommentierten Ausgabe - als Dokument der Völkerverständigung, die damals noch so recht keine war. Deutsche und Amerikaner waren sich 1944 so fremd wie wohl nie zuvor und nie wieder. "Ihr werdet feststellen, dass viele Deutsche mit der Meinung aufgewachsen sind, dass Amerika überwiegend von Cowboys, Indianern und reichen Onkeln bevölkert ist", warnte die Fibel ihre Leser vor den Vorurteilen der deutschen Bevölkerung gegenüber ihrer Heimat.

Obwohl unter den Autoren auch deutsche Emigranten waren, blieben Pauschalurteile nicht aus. Der deutsche Jugendliche sei zwar ein nett aussehender Kerl, hieß es etwa, der Unterschied zu amerikanischen Teenagern sei aber in seinem Inneren zu finden - in seinem Charakter. Und unter der Überschrift "Vorsicht! Wahrt Abstand" mahnte der Pocket Guide eindringlich: "Denkt daran, dass vor elf Jahren die Mehrheit der Deutschen durch Wahl den Nazis zur Macht verholfen hat. Das gesamte deutsche Volk hat Hitlers 'Mein Kampf' gelesen."

Die Beschreibung des gegenseitigen Beschnupperns der zwei Völker wirkt heute gelegentlich wie eine peinliche Familienzusammenkunft zerstrittener Geschwister, die sich nur widerwillig die Hand reichen. Die Soldaten sollten sich nicht wie Miesepeter verhalten, riet da das US-Kriegsministerium, forderte aber dennoch Zurückhaltung: "Zu Hause hattet ihr mit vielen Leuten flüchtig zu tun. Ihr wart ihnen gegenüber höflich, aber habt niemals private Angelegenheiten besprochen, ihnen Geheimnisse erzählt oder sie ins Vertrauen gezogen", dozierte der Pocket Guide: "An diesem Verhalten solltet ihr euch orientieren."

"DO NOT FRATERNIZE" - Verbrüderung verboten: In Großbuchstaben fand sich dieser Warnhinweis auf dem Titelblatt des Pocket Guide. Dabei wussten die Herausgeber wohl, dass das Büchlein selbst gerade zur Verbrüderung beitragen würde. Ganz klein findet sich nach Ausführungen über die Gesundheitsversorgung in Deutschland denn auch ein Abschnitt mit dem Titel "Marriage Facts", Wissenswertes über Eheschließungen. Eine Heirat mit einer ausländischen Frau sei ein komplizierter Vorgang, warnen die Autoren dort und weisen auf verschiedene rechtliche Schwierigkeiten hin. Die eine oder andere deutsch-amerikanische Ehe dürfte dennoch mit einer der unbeholfenen Floskeln aus dem Pocket Guide ihren Anfang genommen haben - geschickt eingesetzt, konnte der Pocket Guide nämlich durchaus als Flirthilfe benutzt werden: VAHN buh-GINT dahss KEE-no, FROY-lain SHMIT?



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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Charles Boutler, 21.07.2008
1.
Ähnliches hatte sich auch das deutsche Heer für Russland einfallen lassen - den Taschendolmetscher für Frontsoldaten. Etwas martialischer geraten aber dennoch höchst interessant (online unter http://www.russki-mat.net/tdf/tdf.htm aufrufbar).
Florian Geier, 22.07.2008
2.
"...das Land (...), welches sie erobern und besetzen sollten..." Das klingt aber ganz anders als die Knopp'sche "Befreiungs"-Doktrin.
Gerhard Weitz, 08.01.2015
3. Und für die Briten...
"Leitfaden für britische Soldaten in Deutscland 1944".Lesenswert!
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