Zweiter Weltkrieg Der Fußballkönig vom Bittersee

Fast wie in Freiheit: Im Kriegsgefangenenlager in Ägypten bauten sich Italiener und Deutsche eine Fußballparallelgesellschaft auf - Länderspiele gegen die Briten inklusive. Dort wurde der Hamburger Adolf Böttger als Trainer der Deutschen ein Held - zurück in der Heimat verlor er alles.

Ralf Klee

Von Ralf Klee


Ägypten, Camp 305 am Bittersee im Suez-Kanal-Distrikt. Es war der 28. Dezember 1945. Tausende Gefangene verließen ihre Zelte und bewegten sich freudig in Richtung Lagersportplatz. Für den 32-jährigen Hauptmann Adolf Böttger war es der Höhepunkt seiner sportlichen Laufbahn. Er war Spielertrainer einer deutschen Gefangenenauswahl. Tagelang hatte er seine Schützlinge auf das "Länderspiel" gegen die Italiener vorbereitet, die ebenfalls seit Jahren am Bittersee festsaßen. Böttger - der vor dem Krieg für den Rothenburgsorter Fußballklub stürmte - lief mit einer starken Mannschaft auf. Im Sturm sollte Edmund Malecki glänzen, der 1938 mit Hannover 96 deutscher Meister geworden war.

Doch alle taktischen Finessen halfen nichts. Böttger verlor mit seinen Schützlingen 0:2 und war enttäuscht, von dem Spiel - und der eigenen Situation. Zwar war der Krieg seit einem halben Jahr vorüber, doch er wusste nicht, wann er je würde heimkehren dürfen. Wie alle anderen war auch er von der Militärverwaltung der Alliierten "gescreent" worden, sie hatte ihn genauestens durchleuchtet - hinsichtlich möglicher Parteizugehörigkeit, Dienstzeit, Funktionen in Gesellschaft und im Militär. Böttger galt als Mitläufer und hoffte deswegen trotz aller Ungewissheit auf eine baldige Rückkehr in die Heimat. Wie auch immer die aussah: Seine Familie in Hamburg-Rothenburgsort war ausgebombt worden, ob seine Frau Irma und Tochter Jutta noch am Leben waren, wusste er nicht. Es herrschte Postsperre.

Im März 1946 erhielt er dann endlich einen Brief. Seine "Fipse", wie er Frau und Kind liebevoll nannte, waren wohlauf. Sie lebten bei Verwandten in einer Kleingartensiedlung. Böttger nahm einen der ausgeteilten Briefvordrucke und antwortete umgehend: "Nach 1 1/2-jährigem qualvollen Warten erhielt ich euren ersten lieben Brief, der mir eine Zentnerlast Sorgen vom Herzen nahm und durch dessen Inhalt mein Leben wieder einen Sinn bekommen hat!"

Alle lebten nur auf den Spieltag hin

Das Leben in der Wüste war schwierig. Die klimatischen Bedingungen, das enge Zusammenleben in Zelten und die von Wanzen befallenen Strohmatten stellten eine ständige Pein für die Internierten dar. Von der Wasserknappheit und vitaminarmen Ernährung ganz zu schweigen. Doch den Gefangenen dürstete auch nach Kultur. Und so erschufen sich Böttger und seine Kameraden in der Wüste ihre Heimat. Sie gründeten Theatergruppen, Bands und eigene Sportorganisationen. Der Kanal-Distrikt-Sportverband wurde zum Dachverband für eine ganze Reihe von Sportarten wie Fußball, Handball oder Hockey. Tausende Gefangene waren organisiert, auch Böttger. Es war ein kleiner Schritt zurück in die Zivilgesellschaft. Sitzungen und Ausschüsse wurden abgehalten, Funktionäre gewählt, vorausgesetzt, sie waren politisch unbelastet. Wie Böttger, der das Lager 305 auf die Meisterschaftskämpfe vorbereitete.

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Fußball im Kriegsgefangenenlager: Suez Kanal statt Elbe

Es gab nichts, was die Kriegsgefangenen mehr faszinierte als das runde Leder auf dem staubigen Wüstensand. Man war fanatisch, lebte nur auf den Spieltag hin. Nach dem Abpfiff standen die Anhänger noch lange vor ihren Zelten. Man diskutierte über die Aussichten in der Meisterschaft und wartete auf den Lagerfunk um 20 Uhr. Dann gab ein Ansager über den Lautsprecher die Fußballberichte durch. Auch Böttger hielt sein Umfeld auf dem Laufenden: "3.5.1946. Am Sonnabend war das Endspiel der 1. Klasse. Nach Filmaufnahmen stieg vor vielen Tausend Zuschauern ein hinreißender Kampf, an dessen Ende aber meine schwarz-weißen Jungs als Sieger gefeiert werden konnten. Es war ein Hexenkessel, wie bei großen Spielen im Frieden."

Böttger war beliebt und leistete gute Arbeit. Ob der neu eingeführten demokratischen Wahlen stieg er in der Hierarchie des Lagersports auf. Stolz schrieb er am 10. November 1946 seiner Familie: "Euer Pappi ist ein ganz großes Tier geworden. Man hat mich zum Fußball-Leiter des gesamten Suez-Kanal-Distriktes gewählt. Ich bekomme Freibewegungserlaubnis von Suez bis Port Said."

Zwiebelbackender Fußballkönig

Böttger kümmerte sich fortan um Spielansetzungen, Platzfragen und Klasseneinteilungen. "Fußballkönig" nannte man ihn nun ehrfurchtsvoll. Ein König in komischer Kleidung: "Februar 1947. Wir empfinden kaum noch das Primitive unseres Wohnens und der aufgrund des Verschleißes allmählich ulkigen Bekleidung. Man stopft und näht selbst an den Klamotten herum und brutzelt sich 'Zusatzkost', Spezialität: Zwiebelbacken, Bratkartoffeln und Pfannkuchen. Und immer das gleiche Bild der Wüste und des Stacheldrahtes."

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Ablenkung fand Böttger in seiner umfangreichen Tätigkeit als Sportfunktionär, die ihn immer wieder mit interessanten Menschen zusammenführte. So lernte er im Februar 1947 den englischen Lieutenant-Colonel A.W.Shirley kennen. Der Offizier war nicht nur Kommandant des Camps 380, sondern formal auch Präsident des Kanal-Sport-Distriktes. Nicht bei allen Landsleuten im englischen Offizierskorps war er beliebt - zu sehr prahlte er mit den Leistungen seiner deutschen Fußballer und Hockeyspieler.

In den nächsten Monaten bekam Böttger noch mehr Arbeit. Die deutschen und britischen Verantwortlichen planten ein Spiel zweier Auswahlmannschaften gegeneinander. Ein ebenso mutiges wie notwendiges Zeichen, denn die Stimmung am Bittersee war auf dem Tiefpunkt. Der Grund: Die Entlassung der Gefangenen wurde immer wieder hinausgezögert. Offiziell wurde mangelnder Schiffsraum angegeben. Dennoch wusste jeder, dass die Briten nicht auf die Arbeitskraft der Gefangenen verzichten wollten. Sie reparierten englische Kraftfahrzeuge, warteten Maschinen und führten sogar Ausbesserungsarbeiten am Suez-Kanal durch. Sie brauchten die Deutschen.

Schalker Kreisel im Wüstensand

Doch das anstehende Spiel hob die Stimmung und "Länderspielfieber" grassierte am Bittersee. Böttger schrieb seiner Familie: "Am 6. Dezember ist das große Spiel Deutschland-England im Viktoria-Stadion, das leider nur 7000 Zuschauer fasst. Bei dem großen Interesse könnte ich eine Anlage für 20.000 gebrauchen. Ich möchte mal wissen, welche 'Schwarzmarktpreise' für eine Eintrittskarte erzielt werden."

Böttger zog über die Sportplätze der Region und suchte nach geeigneten Spielern. Besonders angetan hatten es ihm die Kicker der Arbeitskompanie 2719, die als beste Fußballmannschaft Ägyptens galt. Das Team um den HSV-Spieler Ernst Seikowski hatte den FC Ismailia, immerhin Tabellendritter der ersten ägyptischen Liga, mit 7:2 deklassiert. Und auch gegen englische Mannschaften spielte sie sehr erfolgreich. Im November 1947 schlug sie im Bitterseestadion die "Royal Fusiliers" mit 6:1. Der Sportkurier lobte: "Das Zuspiel war so bestechend, dass man unwillkürlich an das Schalker Kreiselspiel erinnert wurde."

Das Gerüst für seine Mannschaft stand und Böttger verkündete selbstbewusst: "Ich habe gestern nach einem Trainingsspiel meine Mannschaft bekannt gegeben, die den Engländern das Leben schon sauer machen wird, obwohl diese mit mehreren Berufsspielern ankommen." Am Nikolaustag war es schließlich soweit. Böttger führte die deutsche Auswahl unter tosendem Applaus ins Stadion. Es spielten sich unglaubliche Szenen ab. Der Sportkurier notierte: "Ein schier endloser Menschenstrom ergoss sich am Samstagvormittag aus Nord, Süd und West ins 'Viktoria Lido Stadium Fayid'. Schon lange vor Spielbeginn war das Stadion prall gefüllt. Eine Vielzahl Unentwegter kletterte auf Bäume, Autos und sonstige erhöhte, luftige Plätze und harrte dort zwei Stunden aus, um wenigstens Ausschnitte des Spielgeschehens zu erhaschen."

Himmelfahrt auf dem Fußballfeld

Am Ende siegten Böttgers Mannen verdient mit 3:0 und das Publikum war nicht mehr zu halten. Es war ein Schlüsselerlebnis, ein Katalysator: für viele der Schritt in ein neues Miteinander. Die Unverbesserlichen hingegen deuteten das Spiel in einen deutschen Sieg um. Einen Sieg, der ihnen während des Krieges vor der ägyptischen Küstenstadt El Alamein verwehrt geblieben war. Für alle jedoch waren die Spieler und Trainer Böttger Helden. Helden, die sich bald wieder in der Zivilgesellschaft behaupten mussten, denn in den nächsten Monaten sollten die meisten Gefangenen Afrika verlassen.

Adolf Böttger wurde nach seiner Rückkehr zur tragischen Figur. In der Gefangenschaft gefeiert, musste er in der Heimat um seinen Platz in der Gesellschaft kämpfen. Eine Wiedereinstellung in den Polizeidienst verwehrte man ihm, er musste andere Tätigkeiten annehmen. Auch das erhoffte Angebot von einem renommierten Fußballverein blieb aus. Er trainierte kleinere Vereine wie den Bramfelder SV. Außerdem blieb er als Altherrenspieler aktiv. Er kickte sich seine bundesdeutsche Frustration von der Seele, bis zum Himmelfahrtstag 1967, als er bei einem Altherrenspiel nach einem Kopfball zusammensackte. Im Alter von 53 Jahren starb der heute vergessene Fußballkönig vom Bittersee.



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Joachim Reinike, 08.09.2008
1.
Der Korrektheit halber muß man darauf hinweisen, was der Artikel ausblendet, weil Widersprüche oft als störend empfunden werden könnten. Das Lazarettschiff 'Tübingen' wurde am 18.11.44 trotz entsprechender Kennzeichung in der Nähe von Pola, südl. Kap Promontore, von 2 brit. Beaufighters in mehreren Angriffsanflügen mit Raketen und Bordwaffen versenkt. Neun Besatzungsmitglieder wurden getötet, weitere verletzt. Das Schiff war vorschriftsmäßig als Lazarettschiff gekennzeichnet. Der brit. Exkulpationsversuch, fehlende Beleuchtung habe den Irrtum verursacht, ist allerdings nicht stichhaltig, da die Beleuchtung wegen der guten Sicht schon eine Stunde vor dem Angriff ausgeschaltet wurde und es zur Zeit des Angriffs bereits taghell war. Im Rahmen dieser Ereignisse, die eine klassische Mißachtung der Integrität von Lazarettschiffen darstellte, wurde Böttger gefangengenommen und im Suezraum interniert.
Ralf Klee, 09.09.2008
2.
Adolf Böttger geriet nach seinen eigenen Aufzeichnungen im Oktober 1947 auf dem Lazarettschiff Tübingen in Gefangenschaft. Laut verschiedener Quellen wurde das Schiff am 27.10.1944 im Mittelmeer von englischen Seestreitkräften gestoppt und nach Alexandria geleitet. Dort wurden die Verwundeten an Land gebracht, unter denen sich höchstwahrscheinlich auch Böttger befand. Das Schiff selbst wurde dann wieder freigegeben. Die Versenkung der "Tübingen" wenige Wochen später durch englische Jagdbomber ist zweifellos ein eigenes Thema...
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