Zweiter Weltkrieg Goldrausch im Salzbergwerk

Wertvolle Gemälde, glitzerndes Gold, kofferweise Banknoten: Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges machten amerikanische Soldaten in Thüringen eine spektakuläre Entdeckung. Sie fanden den wohl größten Schatz der Nazis - 420 Meter unter der Erde.

Von

DPA

In den letzten Kriegswochen machte in Merkers das Gerücht von einem gewaltigen Schatz die Runde. Die 3. US-Armee unter General George S. Patton war bis nach Thüringen vorgedrungen, am 4. April 1945 rollten die amerikanischen Panzer auch in der kleinen westthüringischen Ortschaft ein. Nur Tage nach ihrem Einmarsch lüfteten die Amerikaner das große Geheimnis: Ausgerüstet mit Waffen und Sprengstoff fuhren sie mehrere hundert Meter tief in einen Schacht des Kalibergwerkes Kaiseroda und erkundeten mit Fahrzeugen die unterirdischen Gänge - bis sie irgendwann vor einer gewaltigen Stahltür standen, die in eine dicke Ziegelmauer eingelassen war.

Weil sich die Tür nicht öffnen ließ, sprengten die Soldaten ein Loch in die Ziegelwand. Vorsichtig spähten die Männer in die dahinterliegende Grotte, schließlich stiegen sie hinein. Im Strahl ihrer Taschenlampen bot sich ihnen ein beeindruckendes Bild: Umgeben von den im Lichtschein funkelnden Salzkristallen stapelten sich kniehoch Tausende Beutel, gut verschnürte Pakete, hölzerne Kisten und etliche Koffer.

Was die Männer erst langsam begriffen: In dem etwa 15 Meter breiten und 60 Meter tiefen Raum lagerte tatsächlich ein gigantischer Schatz. Noch vor Ende des Zweiten Weltkrieges waren die Alliierten auf das wohl größte Gold- und Devisenlager der Nationalsozialisten gestoßen.

Geheime Transporte

Das Versteck war zu dieser Zeit gerade erst wenige Wochen alt. Nachdem die Luftangriffe der Alliierten im Februar 1945 bereits das Berliner Schloss, die Reichskanzlei und das Rote Rathaus zerstört hatten, entschied Reichsbankpräsident Walther Funk, den Großteil der deutschen Finanzreserven aus der Stadt zu bringen. Das weit verzweigte Gewirr von unterirdischen Stollen in einem Salzbergwerk, Hunderte Kilometer von Berlin entfernt und in der Mitte Deutschlands gelegen, schien den Nazis offenbar ein günstiges Versteck, wie der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Ralf Banken beschreibt. Per Reichsbahn ließen sie Banknoten, Münzen und Goldbarren nach Merkers bringen.

Weitere Schätze folgten, denn auch die Berliner Museumsdirektoren sahen in der Stadt bald keinen sicheren Ort mehr für Gemälde und Skulpturen. Hans Heinrich Lammers, Chef der Reichskanzlei, ordnete daher am 6. März 1945 im Auftrag Adolf Hitlers an, dass die Sicherung der Kunst- und Kulturgüter "nunmehr schleunigst vorgenommen werden soll". Mit Bussen und Lastwagen schafften Ende März Soldaten der Wehrmacht nun auch die Museumsbestände in das Salzbergwerk - unter größter Geheimhaltung, um das vermeintlich sichere Versteck nicht zu gefährden.

Wer den Nazi-Schatz schließlich an die Amerikaner verriet, darüber kann bis heute nur spekuliert werden: In Merkers geht die Legende von einer schwangeren französischen Zwangsarbeiterin. Aus Dankbarkeit für die Befreiung soll sie den Amerikanern erzählt haben, dass die Nazis im Bergwerk Gold lagerten. Das ist nach Ansicht des ehemaligen Grubenleiters in Merkers, Hartmut Ruck, zumindest nicht abwegig: "Die Grubenarbeiter waren damals zum großen Teil Kriegsgefangene. Wahrscheinlich sind ihnen die geheimnisvollen Transporte in den Schacht nicht verborgen geblieben."

Zeugen unerwünscht

So schnell, wie der Nazi-Schatz entdeckt worden war, verschwand er auch wieder aus Merkers. Kurz nach Bekanntwerden des Fundes eilte der Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte in Westeuropa, General Dwight D. Eisenhower, persönlich nach Merkers, um das Goldlager unter der Erde zu inspizieren. Anschließend befahl er, den unterirdischen Tresor schnellstmöglich zu räumen - widerrechtlich, denn nach dem Abkommen von Jalta vom Februar 1945 hätten die Amerikaner die Grube in Merkers, so wie sie war, an die Sowjets übergeben müssen, entsprechend den vereinbarten Besatzungszonen. Eisenhower aber handelte auf geheime Weisung des Generalstabschefs der US-Armee, General George C. Marshall.

Eilig schafften amerikanische Soldaten Gold, Geld und Kunstgüter somit wieder an die Erdoberfläche und luden sie auf große Laster. Am 17. April brach der Transport ins rund 170 Kilometer entfernte Frankfurt am Main auf. In Merkers gab die Aktion erneut Anlass zu Spekulationen, denn während sie die Lastwagen beluden, verhängten die Amerikaner eine Ausgangssperre rund um die Salzmine. So blieb - zumindest für die Bewohner von Merkers - offen, was genau sich in den unzähligen Säcken und Kisten befand und wohin sie gebracht wurden.

Bis heute ranken sich deswegen in der kleinen Ortschaft wilde Gerüchte um den Verbleib des Schatzes. Die einen vermuten, dass die US-Soldaten Gold und Gemälde mit einem U-Boot nach Argentinien gebracht haben, andere spekulieren, dass damit der Marshall-Plan finanziert wurde oder auch, dass sich Eisenhower mit den in Merkers sichergestellten Gemälden sein Wohnzimmer aufgehübscht habe.

Rückgabe

Experten teilen diese Thesen allerdings nicht. "Die Amerikaner haben sich nicht daran bereichert", ist Historiker Banken überzeugt. Das Geld aus der Reichsbank sei größtenteils an die ursprünglichen Besitzer zurückgegeben worden. "Gold, das die Nazis geraubt hatten, ist an die betreffenden Nationalbanken sowie Flüchtlingsorganisationen verteilt worden", erklärt er. Auch die National- und die Gemäldegalerie Berlin bestätigten die Rückkehr der Kunstwerke Mitte der fünfziger Jahre.

In den neunziger Jahren beauftragte die US-Regierung eine Historikerkommission mit Untersuchungen zum Stand der Rückerstattung von enteignetem Besitz im Zweiten Weltkrieg. Die Kommission unter Leitung von Staatssekretär Stuart E. Eizenstat listete in ihrem Bericht von 1997 erstmals öffentlich detailliert die Funde von Merkers auf: Den amerikanischen Militärs waren demnach neben Goldbarren auch weitere Edelmetalle wie Platin und Silber sowie stapelweise Banknoten unterschiedlicher Währungen in die Hände gefallen. Die Kisten enthielten einmalige Skulpturen, so die weltbekannte Büste der Nofretete. Zum Merkersfund gehörten außerdem Gemälde berühmter Meister wie Rembrandt, Dürer und Riemenschneider.

Doch die Amerikaner fanden noch mehr: Neben Gold, Geld und Kunstwerken umfasste der Nazi-Schatz auch Koffer mit Schmuck und Zahngold, die Juden und anderen Verfolgten von der SS geraubt worden waren, wie Eizenstat dokumentiert. Das sogenannte Opfergold sollte in Merkers aufbewahrt und später eingeschmolzen werden. Die Amerikaner kamen dem zuvor.

Das geheime Versteck, das die US-Soldaten 1945 entdeckten, gibt es noch heute. Es kann sogar besichtigt werden. Mit der Errichtung eines Erlebnis-Bergwerks in Merkers wurde es 1991 auch für die Öffentlichkeit zugänglich. Die dort ausgestellten Goldbarren sind allerdings nur Attrappen.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Heinz Becker, 10.05.2009
1.
Ein Hinweis zur "Rückgabe" des Goldes: Selbstverständlich wurde das Gold offiziell an die Ursprungsländer "zurückgegeben" - fairerweise sollte man aber auch den Fakt ergänzen, daß das "zurückgegebene" Gold physisch in den USA lagert und auch von den USA "treuhänderisch" verwaltet wird.
Susanne Modeski, 10.05.2009
2.
Die Amerikaner, von der Armeeführung bis zu einzelnen Offizieren, haben das Giold in Merker geklaut wie der Raben, dass das "zurückgegeben" wurde, davon kann keine Rede sein. Das hätte übrigens eine einfache Recherche im SPIEGEL-Archiv ergeben. http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=19438032&top=SPIEGEL Klauen war 1945 in der U. S. Army, wie der Bankier und Historiker Kenneth Alford aus Richmond (Virginia) recherchiert hat, so was wie ein "soldatischer Sport". Alford: "Die Grenze der Plünderei hing nur davon ab, wie groß der Sack war, den man mitbrachte." Professor Carl Weickert, der die Oberaufsicht bei der Bergungsoperation im "Kunstflakbunker" in Berlin-Friedrichshain führte, erklärte in einem amtlichen Bericht zur Sache, dass die Bilder, die dort gelagert waren, sich heute "im Westen befinden". 441 hochkalibrige alte Meister - Rubens, Caravaggio, van Dyck und andere. Mysteriös auch die amerikanische "Sicherstellungsaktion" im Kalibergwerk Merkers in Thüringen, wo Gold, Bargeld und 3000 Kisten Kunst aus Berlin gelagert waren, darunter die Nofretete-Büste, Riemenschneiders "Vier Evangelisten" und der "Mann mit dem Goldhelm" aus dem Umfeld von Rembrandt. Nach dem Abkommen von Jalta von Anfang Februar 1945 hätten die Amerikaner die Grube in Merkers, so wie sie war, an die Sowjets übergeben müssen. Trotzdem wurde sie am 14. und 17. April leer geräumt. Obwohl der Konvoi von zehn mobilen Flakgeschützen, mehreren Flugzeugen und fünf Zügen Infanterie begleitet wurde, kamen auf dem Weg zur Reichsbank in Frankfurt am Main drei Lastwagen abhanden. Und in den Eizenstadt-Report findet sich auch wenig Hinweise auf Rückgabe. http://www.pcha.gov/PlunderRestitution.html/html/StaffChapter2.html#anchor66802
Jonas Miller, 10.05.2009
3.
Ich weiß nicht, ob Heinz Beckers Beitrag ironisch gemeint ist, aber die USA haben das Gold NICHT zurückgegeben, es gilt weiterhin als "verschollen". Tatsächlich haben es die USA aber einbehalten, genauso wie das ursprünglich von den Japanern geraubt Gold der Chinesen, das die USA mithilfe der CIA und einem Dissidenten suchen ließen und gefunden hatten. Nach dem 2. WK gehörten den vorher hochverschuldeten USA über die Hälfte des weltweiten Goldes.
Vittorio Ferretti, 11.05.2009
4.
Weiss man, wieviel Gold in Merker gelagert war?
Insa van den Berg, 11.05.2009
5.
Laut des Eizenstat-Berichts von 1997 lagerten in Merkers rund 400 Millionen Reichsmark in Gold. http://www.state.gov/www/regions/eur/ngrpt.pdf
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.