Zweiter Weltkrieg Die Frau, die Churchill zum Schweigen brachte

Zweiter Weltkrieg: Die Frau, die Churchill zum Schweigen brachte Fotos
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Wenn Churchill und Roosevelt am Telefon Pläne ausheckten, hörten Hitlers Spione mit - aber die 24-jährige Ruth Ive auch. Wenn die Staatsmänner in Gefahr gerieten, echte Geheimnisse auszuplaudern, kappte die Telefonistin im Londoner Regierungsbunker die Leitung. Von

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Es schien ein Telefonat wie jedes andere auch. Ruth Ive dachte sich zunächst nichts dabei, als ein gewisser Mister White einen Mister Smith sprechen wollte. Sie saß auf ihrem harten Holzstuhl in der ausgebombten Londoner City, vor sich einen Stapel Papier und sechs angespitzte Bleistifte, den Kopfhörer am Ohr, bereit, bis zu 180 Wörter pro Minute mitzuschreiben.

Seit Wochen folgte die ausgebildete Stenotypistin im Dienste Ihrer Majestät der gleichen Routine. Wann immer ein britischer Beamter mit einem amerikanischen oder kanadischen Kollegen telefonieren wollte, sagte sie ihr Sprüchlein auf: "Der Feind nimmt Ihr Gespräch auf und wird es mit früheren Informationen vergleichen. Große Diskretion ist notwendig. Jede Indiskretion wird vom Zensor an die höchste Autorität gemeldet". Dann drückte sie einen Schalter, und die transatlantische Leitung stand.

Es war 1942, und sämtliche Telefonate zwischen England und Nordamerika mussten per Funk abgewickelt werden. Das transatlantische Unterseekabel hatten die Amerikaner vorsichtshalber gekappt, nachdem die deutsche Wehrmacht Frankreich besetzt hatte. Der Funk konnte von den Deutschen abgehört werden, daher hatten die Alliierten Vorsichtsmaßnahmen getroffen: Geredet wurde in Codewörtern, und obendrein schrieben Zensoren alle Gespräche mit und unterbrachen die Leitung, wenn kriegsrelevante Geheimnisse ausgeplaudert wurden.

Staatsmänner beim Plauderstündchen

Tabu waren Informationen über Truppenbewegungen, Bombenschäden oder die Stimmung der Bevölkerung. Auch Namen von Politikern und Militärs durften nicht fallen. In der Regel folgten die telefonierenden Beamten brav den Anweisungen der Zensoren.

Mister White jedoch erwies sich von Anfang an als ungeduldig. "Als ich meine kleine Warnung aufsagte", erinnert sich Ive, "röhrte eine sehr bekannte Stimme durch die Leitung und sagte mir in unmissverständlichem Tonfall, dass ich mich beeilen solle".

Als die junge Frau diese Stimme hörte, wurde ihr ganz anders zumute. Sie kannte sie aus dem Radio. Unzählige Male hatte sie gehört, wie diese Stimme die Briten zum Durchhalten gegen die Nazis aufrief. "Mister White" war der Premierminister Winston Churchill. Und auch die Stimme von "Mister Smith" erkannte sie sofort - der breite amerikanische Akzent verriet den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt.

So beeindruckt war die Zensorin, dass sie vollkommen vergaß, mitzuschreiben. "Ich weiß nicht, wessen geniale Idee es war, Churchill und Roosevelt als Mister White und Mister Smith miteinander reden zu lassen", sagt sie. "Ich dachte, selbst der dümmste Deutsche würde die Stimmen sofort erkennen." Die beiden Männer hätten sich jedoch einen Spaß daraus gemacht, schreibt Ive in ihrem Erinnerungsbuch "The Woman who censored Churchill" (The History Press, 2008). "Sind Sie das, Mister Smith?", begann Churchill demnach das Gespräch. "Wie geht es Ihnen, Mr. White, und wie geht es dem Colonel?", fragte Roosevelt zurück. Mit dem Colonel war Churchills Frau gemeint.

left false custom

Erst langsam gewöhnte sich Ive an den Jargon der Staatsmänner. Zum Beispiel fragte sie sich, warum Churchill zum Abschied immer dieses merkwürdige "KBO" benutzte. Ihr Abteilungsleiter wies sie nach einigen Wochen darauf hin, dass sie das nicht jedes Mal transkribieren müsse. Es stehe für "Keep buggering on" - Churchills berühmteste Durchhalteparole.

Whisky im Bett und "jugendlicher Leichtsinn"

In dem streng geheimen Büro im Londoner Union House arbeiteten acht Zensoren plus zwei Vorgesetzte rund um die Uhr. Ive war wegen ihrer guten Steno-Kenntnisse ausgewählt worden, die Churchill-Anrufe zu übernehmen. 1942, im Wendejahr des Krieges, telefonierten Churchill und Roosevelt mehrmals pro Woche. Der Premierminister lag meistens auf seinem Bett, erinnert sich Ive. Im Hintergrund hörte sie Papiergeraschel und das Klirren eines Glases, das oft mit Whisky gefüllt war.

Aber wie konnte es sein, dass eine 24-jährige Sekretärin die Gespräche der mächtigsten Männer der Welt belauschen durfte? Und obendrein Churchill jederzeit abwürgen konnte, wenn sie fand, dass er zu redselig wurde? Sie selbst schreibt, sie sei auf die Aufgabe überhaupt nicht vorbereitet gewesen. Ihr Vorgesetzter habe ihr den Rat gegeben: "Versuche, die Worte und Gedanken des Gesprächs im voraus zu ahnen und handele schnell und entschlossen".

Doch hatte sie anfangs schlaflose Nächte, weil sie in ihrem Kopf noch einmal die Gespräche des Tages durchspielte und ihre Entscheidungen in Frage stellte. Ein Journalist wäre wohl besser geeignet gewesen, schließlich hätte er mehr von den Zusammenhängen verstanden. Allein ihr "jugendlicher Leichtsinn" habe sie das überstehen lassen.

Reden nach Zahlen

Eigentlich wollte Ruth Ive Schauspielerin werden. Die gebürtige Londonerin schwärmte fürs Theater, doch ihr Vater bestand auf einem ordentlichen Beruf. Also besuchte sie einen Kurs für angehende Sekretärinnen. Dann bewarb sie sich auf Empfehlung eines Cousins bei der Zensurbehörde. Erst las sie private Feldpost von Soldaten, bevor sie zu den Telefonschnüfflern wechselte.

Nach dem Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 rückte die transatlantische Kommunikation ganz oben auf die Agenda. Die Generäle auf beiden Seiten verzweifelten an der Aussicht, dass die Deutschen alle Pläne mithören konnten - die von den Alliierten benutzte A-3-Verschlüsselung war leicht zu knacken. Laut Ive wurde im Büro das Gerücht kolportiert, die deutschen Abhörspezialisten säßen auf einem kleinen Boot in der Nähe von Hamburg, weil da der Empfang am besten sei. Tatsächlich saßen sie in Holland.

Um die Deutschen auszutricksen, schickten die Alliierten immer erst ein Telegramm an ihren Telefonpartner, in dem sie die Gesprächsthemen in nummerierten Absätzen erörterten. Während des Telefonats mussten sie dann nur noch auf die Zahlen verweisen. Die Gespräche waren dementsprechend recht einsilbig und kryptisch. Ive schreibt, dass sie meistens keinen Schimmer hatte, worüber geredet wurde.

Als Ruth Ive Churchills Leitung kappte

Ab Sommer 1943 machte eine von den Amerikanern entwickelte, abhörsichere Chiffriermaschine namens Sigsaly den Zensoren Konkurrenz. Churchill mochte "dieses verdammte Ding" jedoch nicht - angeblich, weil Roosevelt herzlich lachen musste, als er Churchill zum ersten Mal hörte. Der Engländer klinge wie Donald Duck, soll der Amerikaner geprustet haben.

Darum wurde die Arbeitslast der Zensoren bis Kriegsende nicht geringer. Der Zirkel der Mitwisser war klein. Ive musste eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Ihre Mutter war eingeweiht, ihr Verlobter, ein Frontsoldat, hingegen blieb bis nach Kriegsende im Dunkeln. Sie durfte keine Papiere aus dem Büro mitnehmen und kein Tagebuch führen. Ihre Gesprächsprotokolle verschwanden auf Nimmerwiedersehen, sie wurden laut ihren Nachforschungen vernichtet. Als sie einmal fragte, was mit den Mitschriften geschehe, wurde sie von ihrem Chef mit einem "eisigen Blick" bedacht, schreibt Ive.

Nur zweimal verstieß Churchill in den dreieinhalb Jahren gegen die Zensurregeln. Das erste Mal war es Absicht: Am 29. Juli 1943 sprachen Roosevelt und Churchill offen über Details des Waffenstillstands mit Italien. Churchill wollte verhindern, dass britische Kriegsgefangene dabei in deutsche Hände fallen. Das Telefonat hatte jedoch den unerwünschten Nebeneffekt, dass die Deutschen von der bevorstehenden Invasion des US-Generals Dwight Eisenhower in Sizilien erfuhren.

Das zweite Mal griff Ruth Ive ein, bevor Churchill sich verplappern konnte. Wenige Stunden, nachdem eine deutsche V2-Rakete im Londoner Leather Lane Market eingeschlagen war, ließ sich der britische Premier mit seinem Außenminister Anthony Eden verbinden, der gerade im kanadischen Ottawa weilte. "Heute morgen um 12...", begann Churchill, da betätigte Ive den Aus-Schalter. "Ich muss Sie daran erinnern, dass Schadensmeldungen verboten sind", ermahnte sie den Premier. "Wollen Sie wieder verbunden werden?" Ein zustimmendes Grunzen von Churchill, also schaltete sie die Leitung wieder frei. "Anthony, heute morgen..." - erneut unterbrach Ive die Leitung. Sie habe auf Churchills Wutanfall gewartet, schreibt sie, doch er habe nur still den Hörer aufgelegt.

Es war das einzige Mal, dass Ruth Ive Churchill zensierte.

Ihr letztes Telefonat erledigte Ive am 8. Mai 1945 um 10.30 Uhr - unmittelbar vor der Kapitulation des Deutschen Reichs. Zwei Monate später lobte ihr Vorgesetzter in ihrem Arbeitszeugnis, sie sei seine beste Zensorin gewesen: "Für eine Arbeit, die Takt und Diskretion erfordert, ist sie wärmstens empfohlen."

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1.
annette wiechmann 12.10.2009
Sehr gut und unterhaltsam geschriebener Beitrag. Nur ein kleiner Fehler: Winston Spencer Churchill mochte keinen Whisky. Er trank stattdessen (und zwar in rauhen Mengen) Gin. Dass er Alkoholiker war, war allgemein bekannt und akzeptiert. Wir kennen das schon z.B. von Hemmingway, dass manch hohe Leistung mit einem Äquivalent an Sprit einher geht. Wills nicht gut heißen, nur mal anmerken. Da dieser Tage der Literatur-Nobelpreis verliehen wurde, ein Hinweis: 1953 erhielt ihn Winston Spencer Churchill für sein Epos der "Geschichte des zweiten Weltkriegs". Eine von ihm selbst bearbeitete Kurzfassung des preisgekrönten Werks (mit immer noch 1100 Seiten) ist unter der ISBN 3-596-16113-4 im Fischer-Verlag erschienen. Sehr lesenswert.
2.
Lorenz Frank 13.10.2009
Bei diesem Artikel muss ich mich leider auch mal einschalten, um einige Fakten und Falschdarstellungen des Autors gerade zu rücken: 1. Es gab bis 1956 ausschließlich transatlantische Telegrafen-Kabel, die digitale Informationsübertragung gestatteten, zuerst im Morse-Code, später per Fernschreiber. Das erste Transatlantik-Telefonkabel ging erst 1956 in Betrieb, als es möglich war, analoge Zwischenverstärker soweit zu verkleinern, dass diese alle paar km in das Kabel eingebaut werden konnten. Von 1927 bis 1956 waren deshalb Telefongespräche über den Atlantik nur mittels Funk (damals auf Langwelle) möglich. Im Zweiten Weltkrieg haben die Alliierten vor die schon seit 1927 bestehende transatlantische Funkfernsprechverbindung eine Sprachverschlüsselung in Form einer zeitlich ständig wechselnden Sprachbandvertauschung und -invertierung gesetzt. Der deutschen Reichspost gelang es, diese verschlüsselten transatlantischen Funktelefonate ab 1941 sporadisch, ab März 1942 regelmäßig (quasi online) zu entschlüsseln und deren Inhalte an die entsprechenden Stellen weiter zu leiten. Der Autor stellt es jedoch so dar, dass die Funktelefonate deshalb geführt werden mussten, weil die Amerikaner das transatlantische Unterseekabel über Frankreich nach Amerika (das selbstverständlich ebenfalls ein reines Telegrafenkabel war) wegen der deutschen Eroberung Frankreichs 1940 gekappt hätten. Das ist falsch, tatsächlich bestanden zwischen Großbritannien und den USA die ganze Zeit des zweiten Weltkriegs über mehrere direkte Transatlantikkabel-Verbindungen, jedoch entfernungsbedingt nur für Telegrafie. Es wäre sonst auch nicht möglich gewesen, wie der Autor weiter unten schreibt, dass vor den Funktelefonaten über Telegramme die Besprechungspunkte durchgegeben wurden. 2. Durch mehrere Quellen belegt ist u. a. das Telefonat zwischen Churchill und Roosevelt vom 29.07.1943 über die geheimen Waffenstillstandsverhandlungen mit Italien und dass es von der deutschen Geheimdiensten abgehört wurde. Dies gab der deutschen Seite über einen Monat Vorsprung, auf den Abfall des damals noch verbündeten Italien zu reagieren ("Fall Achse"). Rätselhaft bleibt die Aussage des Autors, dieser Geheimnisverrat sei beabsichtigt gewesen, kostete er doch tausende italienische und alliierte Soldaten das Leben. 3. Gewagt auch die Behauptung "nur zweimal verstieß Churchill in den dreieinhalb Jahren gegen die Zensurregeln": Bezieht sich das auf die Erzählungen von Frau Ive? Dies würde bedeuten, dass ausschließlich Frau Ive alle Transatlantik-Telefonate Churchills überwacht hätte, was angesichts des Gesprächsaufkommens unwahrscheinlich erscheint. Vermutlich haben auch andere Zensoren Churchills Gespräche überwacht und die alliierten Archive sind meines Wissens über diese Gespräche immer noch nicht vollständig geöffnet, sodass die einzige Quelle die nur noch fragmentarisch erhaltenen deutschen Archive bzw. indirekte Quellen wie KTB und Goebbels Tagebücher sind. Allein aus diesen Quellen wird jedoch schon deutlich, dass (nicht nur von Churchill) ständig gegen diese Zensurbestimmungen verstoßen wurde. Deshalb warnte die britische Zensurbehörde am 2. August 1942 nochmals vor den Gefahren der laschen Gesprächsdisziplin und kündigte an, jedes Gespäch aufzunehmen und dem verantwortlichen Ministerium weiter zu leiten, um gegen die Gesprächsteilnehmer Disziplinarverfahren einzuleiten. 4. Keinesfalls konnte Frau Ive Churchill "jederzeit abwürgen". Die Zensoren waren lediglich befugt, Gespräche unterhalb der Ministerebene nach mehrfachen Warnungen zu unterbrechen, bei Ministern und erst recht dem Premierminister, durften sie lediglich während der Gespräche Warnungen aussprechen, nicht jedoch eigenmächtig die Gespräche unterbrechen. Entweder hat Frau Ive hier aus Wichtigtuerei zu dick aufgetragen, oder sie hat in der Erinnerung nach über 60 Jahren (schriftliche Aufzeichnungen hatte sie ja nicht mehr) verschiedene Gespräche verwechselt. 5. Wer an einer sachkundigen Darstellung dieser Vorgänge interessiert ist, dem sei ergänzend das Buch"... und lauschten für Hitler" von Günther W. Gellermann empfohlen.
3.
Thomas Abschinski 15.10.2009
Zu dem Foto mit der Wachspuppe bzw. der Bildbeschreibung noch ein Hinweis. "Historischer Ort: Eine Wachspuppe hält in den Cabinet War Rooms in London, die ansonsten seit Ende des Zweiten Weltkriegs unberührt geblieben sind, die Stellung. Am 27. August 2009 feierte man dort das 70-jährige Jubiläum der ersten Nutzung der Räume durch Winston Churchill - eine Woche vor der deutschen Invasion in Polen." Churchill wurde erst mit wirksamwerden der britischen Kriegserklärung an Deutschland am 03. September 1939 Angehöriger der Regierung und Mitglied des Kriegskabinetts, sowie am 10. Mai 1940 Premierminister. Was hatte Churchill also bereits am 27. August 1939 - zu einem Zeitpunkt in dem Er nur einfacher Abgeordneter war - in den Räumen des britischen Kriegskabinetts zu tun?
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