Zweiter Weltkrieg Das Geheimnis von P. O. Box 1142

Zweiter Weltkrieg: Das Geheimnis von P. O. Box 1142 Fotos
US National Archives and Records Administration

Generation Hitlerjugend im O-Ton: In kürzlich entdeckten Akten des geheimen US-Vernehmunglagers Fort Hunt bei Washington fanden Historiker Abhörprotokolle deutscher Kriegsgefangener - wohl nie wieder plauderten Wehrmachtssoldaten so offen über Hitler, Kriegsverbrechen und Fronterlebnisse. Von

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12. September 1944, Pennsylvania: Während in Europa die Entscheidungsschlachten des Zweiten Weltkriegs toben, fährt im US-Kriegsgefangenenlager Pine Grove Furnace ein sonderbarer Bus vor, der keine Fenster hat. Auf ein Kommando hin besteigen 15 Wehrmachtssoldaten das Fahrzeug ohne Kennzeichen. Auf ihre Frage, wohin die Fahrt geht, bekommen sie keine Antwort. Einer der Männer ist ein dunkelhaariger Mannschaftssoldat mit Brille. Er wirkt unscheinbar, und noch ahnt niemand, dass der 30-Jährige nur wenige Jahre später Literaturgeschichte schreiben wird: Alfred Andersch, der künftige Mitbegründer der deutschen Schriftstelleravantgarde "Gruppe 47" - und vor kurzem noch Angehöriger der 20. Luftwaffen-Sturm-Division. Drei Monate zuvor war der Obersoldat Andersch auf dem italienischen Kriegsschauplatz desertiert und bald darauf als "Prisoner of War" in die Vereinigten Staaten transportiert worden. Mit dem Transfer von Pine Grove Furnace beginnt eine neue Episode im Leben des Schriftstellers - eine, die bis heute unbekannt blieb.

Wie der Zweite Weltkrieg für Andersch endete, erfuhr ein großes Publikum 1952, als seine autobiografische Erzählung "Die Kirschen der Freiheit" erschien. Was die Leser nicht erfuhren: dass sich Andersch nur wenige Wochen nach seiner Desertion in einer der geheimsten Einrichtungen wiederfand, die das US-Militär im Zweiten Weltkrieg betrieb.

Anderschs Gefangenendossier aus dieser Zeit ist Teil eines enormen Aktenbestands, der erst kürzlich entdeckt wurde und der nicht nur neues Licht auf die Biografie des Schriftstellers, sondern auch auf die Mentalitätsgeschichte der Wehrmacht wirft. Zwar hatte die US-Regierung bereits Ende der siebziger Jahre die Klassifizierung der Akten als "Top Secret" aufgehoben, doch bislang wurde die Hinterlassenschaft des Geheimdienstes der US-Army, des Military Intelligence Service (MIS), kaum beachtet. Auch ehemalige Bedienstete, die zu absolutem Stillschweigen verpflichtet worden waren, offenbarten sich erst vor wenigen Jahren ihren Familien und der Öffentlichkeit. Nun endlich lüftet sich die Schleier über "Post Office Box 1142", wie der Codename des Vernehmungslagers lautete.

Ankunft in Fort Hunt

Unsichtbar für die Insassen führte die Fahrt des mysteriösen Busses aus Pennsylvania heraus durch Maryland über die idyllische Küstenstraße am Potomac River nach Virginia. Vor den Toren Washingtons bog das Fahrzeug in das umwaldete Verhörlager Fort Hunt ein. Noch Tage später wunderte sich Andersch über das "geschlossene Automobil", das ihn an einen Ort gebracht hatte, von dessen Existenz selbst die amerikanische Öffentlichkeit erst mehr als ein halbes Jahrhundert später erfuhr.

Mit der Ankunft in Fort Hunt gelangte Andersch in die Hände des MIS. Der Geheimdienst der US-Army hatte seine Verbringung ins "Secret Interrogation Center" veranlasst, weil er sich von dem ehemaligen Insassen des "Concentration Camp Dachau" Erkenntnisse über "psychological and political conditions in Germany" versprach. Mehrmals wurden die Mannschaftssoldaten vernommen, außerdem hörte der MIS über die in den Zellen versteckten Mikrofone die Gespräche zwischen den Gefangenen ab.

Die belauschten Unterhaltungen wurden transkribiert und archiviert - und so mit Anderschs Gefangenenakte auch wörtliche Dialoge des Autors überliefert. Laut den Gesprächsprotokollen hörte man Andersch von seiner Zeit im KZ berichten, über die Judenverfolgung klagen und Deutschlands Zukunft prognostizieren. Außerdem erklärte er, "dass ich absoluter Gegner von Russland bin, dass ich nichts Gutes halte von Paulus und Seydlitz Bewegungen", jener Organisation, die als "Bund deutscher Offiziere" in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft Propaganda gegen Hitler betrieb.

Anderschs Lüge

Die Akte belegen auch, dass Andersch selbst in Fort Hunt jene Strategie verfolgte, die ihm Kritiker wiederholt zum Vorwurf machten: Um sich Vorteile zu verschaffen, log er den Amerikanern vor, weiterhin mit seiner Frau Angelika verheiratet zu sein, die nach den Nürnberger Rassegesetzen als "Halbjüdin" galt. "He's married to a half-jewess", notierte der Vernehmungsoffizier nach den Angaben Anderschs. Dabei hatte sich Andersch bereits über ein Jahr zuvor von seiner Ehefrau scheiden lassen.

Dass sich "Mischlinge" freilich in Gefahr befanden, war Andersch zumindest zum Zeitpunkt seiner Internierung in Fort Hunt wohl bewusst. Über die als "Frontkämpfer" eingesetzten "Halbjuden" räsonierte er: "Jetzt werden sie ihnen alle die Konzessionen machen und später werden sie [sie], wenn sie sie nicht mehr brauchen, ermorden."

Nach einer Woche hatte der MIS genug von Andersch gehört. Am 19. September 1944 transportierte man den als "Antinazi" klassifizierten Gefangenen ab. Über ein Transitlager gelangte er zwei Tage später nach Camp Ruston in Louisiana, wo sich die Lücke in der bisher bekannten Andersch-Biografie wieder schließt.

Weltumspannendes Netz geheimer Verhörlager

Verhörlager wie Fort Hunt waren eine Erfindung des Empire. "P.O. Box 1142" sowie Fort Tracy, das Pendant an der Pazifikküste, waren im Sommer 1942 nach britischem Vorbild eingerichtet worden. Als Vorreiter in der Evolution der modernen Nachrichtendienste hatte Großbritannien bereits am Ende des Ersten Weltkriegs den Aufbau eines "Interrogation Center" ins Werk gesetzt. Als der Zweite Weltkrieg begann, konnte man an diese Anfänge nahtlos anknüpfen. Die Methode avancierte zu einem Exportschlager. Gegen Kriegsende unterhielten die Westalliierten schließlich auf fünf Kontinenten ein weltumspannendes Netzwerk von Verhörlagern. Noch über das Kriegsende hinaus dienten die Geheimlager als Folie für geheime Programme wie "Paperclip" oder "Ashcan".

Lauschangriffe auf Kriegsgefangene hatten ohnehin Konjunktur. Auch die übrigen Großmächte betrieben verwanzte Speziallager, freilich nicht durchweg mit der gleichen Systematik. Zumindest von der deutschen Seite ist belegt, dass das Abhören von Gefangenen im "Dulag Luft" in Oberursel nur höchst dilettantisch angewandt wurde.

Keines der bekannten Verhörlager hinterließ derart aussagefähiges Material wie Fort Hunt. Um an militärische Geheimnisse zu gelangen, schleuste der MIS von 1942 bis 1945 knapp 3000 einfache Wehrmachtssoldaten durch das Lager, über sämtliche Insassen fertigte man eine Gefangenenakte an. Es entstand eine alphabetisch geordnete Serie, die auf einen Gesamtumfang von mehr als 100.000 Seiten anwuchs. Die einzelnen Dossiers waren vielseitig. Sie enthielten Formblätter, die nicht nur die Eckdaten der militärischen Laufbahn erfassten, sondern mit Angaben zu Konfession, Schulbildung und Zivilberuf auch den sozialen Hintergrund der Männer ausleuchteten. Ergänzend führte man detaillierte lebensgeschichtliche Interviews mit den Insassen. Außer den genuin militärischen Verhören legten die Amerikaner den Wehrmachtssoldaten außerdem politische Fragebögen vor, die unter anderem ihre Haltung zu Hitler und dem Nationalsozialismus eruierten. Nicht zuletzt sammelte man sämtliche Abhörprotokolle, die im Zuge der Lauschangriffe auf die Insassen aufgezeichnet wurden.

Aufschluss über HJ-Generation

Der Materialbestand, der in Fort Hunt entstand, ist gigantisch - eine einmalige Quelle, die das Denken und die Befindlichkeiten ganz normaler Wehrmachtssoldaten in nie da gewesener Dichte dokumentiert. Der MIS erforschte sowohl Weltbilder als auch Lebensgeschichten der Gefangenen. Er glaubte, durch die Analyse von Regimetreue und Milieuherkunft dem starken Zusammenhalt in der Wehrmacht auf die Spur kommen zu können.

Heute können die Akten Aufschluss darüber geben, ob zwischen Biografien und Befindlichkeiten der Landser Zusammenhänge bestanden. Entschied etwa ihr Alter, ihre Schichtzugehörigkeit oder ihre Bildung darüber, wie sie sich zum NS-Regime stellten und den Kampf an der Front erlebten, oder verlieh der Krieg ihnen vielmehr eine ganz eigene Prägung?

Dass ihre Sozialisation nicht völlig spurlos an ihnen vorbeigegangen war, zeichnete sich bereits in den politischen Befragungen ab: Gerade aus den Reihen der jüngsten Soldaten wurde ein überproportionaler Anteil als "Nazis" klassifiziert. Dies wäre der erste empirische Beleg dafür, dass die Loyalität zu Hitler unter den Soldaten aus der sogenannten HJ-Generation besonders stark ausgeprägt war, wie man bislang nur vermuten konnte.

Debatten über Hitler

Den Kern des Aktenbestands aus Fort Hunt bilden die vielen tausend Abhörprotokolle. Zwar ahnten manche Soldaten, dass die Zellen verwanzt waren, doch verhallten ihre Warnungen wirkungslos. Wie der MIS registrierte, weckte das Bedürfnis zum "exchange of experiences" bei den Gefangenen eine unwiderstehliche "tendency to talk with strangers". So führten die Wehrmachtssoldaten in Fort Hunt gehaltvolle Diskussionen mit einmaliger Offenheit. Von ihrer Haltung zu Hitler und dem Nationalsozialismus über ihre Erlebnisse an der Front bis zu den Kriegsverbrechen und dem Holocaust sparten sie kaum ein Thema aus. Wahrscheinlich ergab sich für die meisten Insassen auf ihren weiteren Lebenswegen nie wieder eine solche Situation, in denen sie sich derart unverstellt über ihre Erfahrungen im "Dritten Reich" und dem Zweiten Weltkrieg aussprechen konnten.

Heftige Debatten entbrannten in Fort Hunt etwa über Hitler. Die einen sahen im "Führer" weiterhin das größte "Genie", die anderen verdammten ihn als "Verbrecher". Wo in diesem konträren Stimmungsbild die Mehrheiten lagen, versuchten die amerikanischen Nachrichtendienste durch Umfragen im Stile der neuen Gallup Polls zu ermitteln. Die Meinungsforschung ergab, dass sich während des letzten Kriegsjahrs 1944/45 noch etwa die Hälfte aller Wehrmachtssoldaten in der Gefangenschaft zu ihrer Loyalität zu Hitler bekannte. Angesichts des Kriegsverlaufs ein erstaunlich starker Rückhalt, auch wenn viele andere Soldaten ihre Gefolgschaft bereits aufgekündigt hatten.

Die Geschichte der Wehrmacht wird durch die Akten aus Fort Hunt nicht gänzlich umgeschrieben. Im Gegenteil, viele der Ergebnisse der bisherigen Forschung finden sich bestätigt. Die Papierberge von "P.O. Box 1142" eröffnen jedoch neue Perspektiven auf die Streitkräfte des "Dritten Reichs".

Dr. Felix Römer ist Historiker an der Universität Mainz und Mitarbeiter im Forschungsprojekt "Referenzrahmen des Krieges", das von der Fritz Thyssen Stiftung gefördert wird.

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1.
Ralf Bülow 05.01.2010
Spannende Geschichte, aber vielleicht doch nicht so neu, denn einige Informationen gibt es bereits im Internet, siehe http://www.uboatarchive.net/POWInterrogation.htm
2.
Arthur Kranzler 05.01.2010
Es heißt gegen Ende des Artikels, die Soldaten hätten unter anderem auch "über den Holocaust" gesprochen. Da bis heute nicht ganz klar ist, wieviel der "gemeine Mann" damals wusste, gerüchteweise oder als kleiner Funktionsträger, wäre es interessant gerade diesen Punkt zu vertiefen. Auch die entsprechenden Stellen der Anderschprotokollen über die Judenverfolgung würden mich interessieren.
3.
Ralf Bülow 05.01.2010
Lieber Herr Kranzler, zur Holocaust-Thematik gibt es hier einen Artikel von 2008, der Ihnen vielleicht weiterhilft: http://hgs.oxfordjournals.org/cgi/content/full/22/1/1
4.
Eric Danielski 08.01.2010
http://de.wikipedia.org/wiki/Holocaustkenntnis_von_Zeitzeugen Hier ist dann doch einiges zusammengefasst, was die Kenntnis der Bevölkerung und anderer Personen angeht. Hier nur ein Literaturhinweis, wobei andere auf Wikipedia zu finden sind. http://www.amazon.de/nichts-gewusst-Deutschen-Judenverfolgung-1933-1945/dp/3886808432/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1262945706&sr=8-1
5.
Frank Hübner 08.01.2010
Hm, kleine Kritik am Artikel an sich: Zum Zeitpunkt des Überlaufens Andersch´ gab es keine "20. Lw-Sturm-Division" mehr, sie war bereits in die 26. PzDiv überführt. Die Luftwaffe hatte auch den Rab "Obersoldat" nicht, es gab den "Flieger" als untersten Rang, gefolgt vom Oberschützen (Respektive -Grenadier/Kanonier etc). Er war also Oberschütze/Obergrenadier. Ein interesannter Artikel. Mein Großvater (Obergefreiter und VB in der 22. InfDiv (LL) sagte mir übrigens, dass sie alle wussten, was mit den Juden passierte. Es gab mehr als genug Gelegenheiten, den Umgang mit ihnen zu beobachten. Wer es nicht ignorierte, der wusste Bescheid, konnte es sich zumindest denken.
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