Zweiter Weltkrieg Treue Feinde

Zweiter Weltkrieg: Treue Feinde Fotos
Ken Adam

Krieger gegen das eigene Vaterland: Rund 10.000 Deutsche kämpften im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Briten - meist rassisch oder politisch Verfolgte, die sich vor Hitler nach England gerettet hatten. Als "des Königs allertreueste Feinde" gingen sie in die Geschichte ein. Von

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Wie es sich anfühlt, die eigenen Landsleute zu töten? Für Klaus Hugo Adam war das kein Problem. Keinerlei Phantomschmerz, keine klaffende Wunde auf der Seele, nichts. Von seinem Kampfflugzeug aus habe er ohnehin nichts mitbekommen von dem Tod, den er gebracht habe, erinnert sich lapidar der Ex-Pilot, der später als Szenenbildner sieben James-Bond-Filme ausstattete und heute als Sir Ken Adam Ritter Ihrer Majestät der britischen Königin ist. "Doch auch, wenn ich am Boden gekämpft hätte, Auge in Auge mit den Deutschen, ich hätte es dennoch getan. Wir mussten den Krieg gewinnen, und wir mussten Hitler und die Nazis loswerden."

Klaus Hugo Adam ist der einzige bislang bekannte Deutsche, der im Zweiten Weltkrieg als Kampfpilot in der britischen Royal Air Force gedient hat. Doch er war nur einer von rund 10.000 Deutschen und Österreichern, die zwischen 1939 und 1945 an der Seite Großbritanniens gegen die Soldaten der Wehrmacht kämpften - freiwillig, nur durch den Treueschwur auf König Georg VI. mit der britischen Armee verbunden. "Des Königs allertreueste feindliche Ausländer" lautet ihr ironischer Spitzname bis heute, "The King's Most Loyal Enemy Aliens"; ihre turbulente Geschichte hat die britische Historikerin Helen Fry für ihr gleichnamiges, in England erschienenes Buch recherchiert.

Nur noch eine Nummer

Der Nationalität nach waren sie Feinde Englands, die rund 75.000 jüdischen Flüchtlinge, die nach 1933 aus Deutschland auf die Insel strömten: Intellektuelle, Sozialisten, Kommunisten und vom "Dritten Reich" als "degeneriert" eingestufte und verfolgte Künstler, alle geboren und aufgewachsen in Deutschland oder Österreich. Darunter waren etwa der Schriftsteller Arthur Koestler, der Künstler Johannes Koelz und Martin Freud, der älteste Sohn Siegmund Freuds.

Viele von ihnen hatten Väter, die zwischen 1914 und 1918 noch auf Seite des Kaisers gegen Großbritannien gekämpft hatten, Willy Hirschfeld zum Beispiel. Für den Sohn eines Bonner Herrenausstatters und Weltkriegsveteranen brach am Morgen nach der "Reichskristallnacht" vom 9./10. November 1938 eine Welt zusammen. Die Gestapo nahm den 18-Jährigen an seinem Arbeitsplatz fest, in Köln kam er in Einzelhaft - der junge Mann hat keine Ahnung, warum. Fünf Tage später pferchten ihn die Nationalsozialisten gemeinsam mit anderen Juden in einen Viehwaggon. Endstation war das KZ Dachau - es begann ein drei Monate währender Alptraum. Willy Hirschfeld wurde zur Nummer: "28411" hieß er fortan im Konzentrationslager.

Nackt musste er mit anderen Deportierten über Stunden regungslos auf dem Paradehof stehen, immer wieder wurde das Grüppchen mit Eiswasser übergossen. "Ich sah ältere Menschen freiwillig in den ums Gelände führenden Elektrozaun laufen, nur um endlich sterben zu dürfen", erinnert er sich. Doch Nummer 28411 überlebte, dank seines ehemaligen Arbeitgebers, der nach England emigriert war und die Freilassung ermöglichte. Im Mai 1939 folgte Hirschfeld seinem Retter auf die Insel.

Aus dem Outback an die Front

Mit offenen Armen empfingen die Briten den jungen Hirschfeld nicht, schließlich besaß er die Staatsbürgerschaft des verhassten Feindes. Dass er Jude war, machte ihn nicht weniger verdächtig. Weg mit den "feindlichen Ausländern" lautete die Parole auf der Insel seit Kriegsausbruch - 1940 wurde Hirschfeld nach Australien verschifft: Auf dem Truppentransporter "Dunera" schipperten 2500 deutsche und österreichische Juden von Liverpool nach "Down Under". Die Lebensbedingungen an Bord waren katastrophal: "Ich hatte das Konzentrationslager von Dachau überlebt, um erneut eine grauenhafte Erfahrung zu machen. Wo war meine Freiheit? England rettete mir mein Leben, doch was auf der 'Dunera' passierte, war eine große Ungerechtigkeit", erinnert sich Hirschfeld im Rückblick.

Und trotzdem, die Loyalität zu Großbritannien überwog. Hirschfeld meldete sich freiwillig zur britischen Armee und entging so der Internierung im australischen Outback. Zurück in England heuerte er beim unbewaffneten Pionierkorps an - der zunächst einzigen Möglichkeit für Nicht-Briten, beim Krieg gegen Hitler dabei zu sein.

Doch schnell hatte er genug davon, Schützengräben auszuheben und Eisenbahngleise zu verlegen, Kartoffeln zu schälen und Böden zu schrubben. Willy Hirschfeld wollte beim Kampf gegen Hitlers Reich an vorderster Front dabei sein: "Ich hätte in Australien bleiben können. Oder im Pionierkorps, wo das Leben einfach gewesen wäre", sagt er heute. "Doch das habe ich nicht getan. Ich wollte die Deutschen bekämpfen. Es war meine Pflicht." Ohne die Briten wäre er ermordet worden, wäre es ihm gegangen wie seinen Eltern, seinem Bruder, seinem Onkel, seiner Tante.

Sieger Hirschfeld, Verlierer Hitler

Im August 1943 bekam Hirschfeld endlich die Chance, auf die er so sehr wartete: gegen seine deutschen Landsleute zu kämpfen. Seit einem Jahr ließen die Briten auch "enemy aliens" bei den bewaffneten Streitkräften zu, also legte der 23-Jährige kurz entschlossen seinen deutschen Namen ab und nannte sich fortan Willy Field. Als Panzerfahrer der C-Schwadron der 8th King's Royal Irish Hussars zog er gegen die Nazis ins Feld - durch die Normandie nach Holland und schließlich nach Deutschland hinein, in seine alte Heimat. Im Mai 1945 berührte Panzerfahrer Field zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder deutschen Boden.

Voller Stolz steuerte Hirschfeld alias Field am 21. Juli 1945 seinen Tank an Premierminister Winston Churchill vorbei, als dieser auf der Charlottenburger Chaussee in Berlin - heute Straße des 17. Juni - die Siegesparade abnahm. Für Field ist es ein persönlicher Triumph. Der Triumph eines deutschen Juden über die Judenhasser unter seinen Landsleuten. Willy Hirschfeld hat gewonnen, Adolf Hitler verloren.

Ein wenig hilft ihm diese Genugtuung über die Trauer hinweg. Einzig seine Zwillingsschwester hat den Holocaust überlebt - auch sie im Dienst der Briten, im "Auxiliary Territorial Service", der Frauenabteilung der britischen Armee. Etwa tausend Deutsche und Österreicherinnen heuerten während des Krieges hier an: als Köchinnen, Putzfrauen, Bürokräfte, Übersetzerinnen, Sängerinnen. Auch sie freiwillig, auch sie eher geduldet als gemocht. Unbeliebt, aber unersetzlich.

Wiedersehen in Bergen-Belsen

Ihre Deutsch- und Ortskenntnisse machten die hilfswilligen Deutschen zu einer unverzichtbaren Stütze für den "war effort" der Alliierten. Und was während des Kriegs galt, traf auch nach seinem Ende zu: Deutsche wurden gebraucht, um untergetauchte Kriegsverbrecher zu jagen, um eine demokratische Verwaltung, eine unabhängige Justiz, eine pluralistische Presse aufzubauen. Vor allem dank der "feindlichen Ausländer" waren die Briten für diese Aufgaben gut gerüstet - zumal viele der deutschen und österreichischen Flüchtlinge zur intellektuellen Elite gehörten.

Und doch gab es Dinge, auf die sie nicht vorbereitet sein konnten. Garry Rogers, 1923 als Gunter Baumgart in Breslau geboren, war dabei, als britische Truppen am 15. April 1945 das KZ Bergen-Belsen befreiten. "Das Konzentrationslager öffnete uns die Augen für den realen Horror und die Grausamkeiten, die Hitler und seine Schergen begingen", erinnert er sich. Herbert Landsberg, deutschstämmiger Jude und Kamerad von Rogers, war ebenso schockiert: "Wir trauten unseren Augen nicht, als wir die Überlebenden sahen. Lebendige Skelette, systematisch ausgehungert durch die SS." "Belsen hat jeden Soldaten fertiggemacht, der dort war", betont Rolf Hirtz, aus dem in England Rolf Holden wurde, auch er ein Deutscher im Dienste der Briten. "Diese Verbrecher vor Gericht zu bringen wurde unser wichtigstes Ziel", fügt er hinzu.

Die Einheit von Herbert Landsberg durchsuchte das Lager nach dem Mediziner, der an Insassen Operationen ohne Betäubung vornahm, um zu testen, wie viel Schmerz der menschliche Organismus erträgt. Sie fanden ihn - und Landsberg erkannte in ihm jenen Arzt wieder, den er 1931 in Leipzig wegen einer Nierenentzündung konsultiert hatte. "'Raus mit dir, du lausiger Judenbengel. Deine einzige Krankheit ist es, jüdisch zu sein!', hatte er damals gebrüllt - nun stand er vor mir, gesucht wegen Kriegsverbrechen unglaublichen Ausmaßes", erinnert sich Landsberg mit Schaudern.

Ohne die Deutschen in britischer Uniform wäre so mancher Kriegsverbrecher niemals gefasst worden - ein Grund mehr für viele Besiegte, die "Überläufer" zu schneiden. Nach der Stigmatisierung durch die Nazis und der anfänglich skeptischen Aufnahme in England waren sie jetzt zum dritten Mal Fremde im eigenen Land. "Was dachten - und denken - die Deutschen von uns?" fragt sich Ernst Guttmann, aus dem damals Ernest Goodman wurde - und gibt selbst die Antwort: "Einige meinen, wir hätten Hochverrat begangen." Das stört ihn nicht, wie auch seine ehemaligen deutschen und österreichischen Kameraden in britischer Uniform. "Wir taten nur, was wir glaubten, tun zu müssen. Wir versuchten, die menschliche Rasse zu retten und der Geschichte eine neue Chance zu geben."

Zum Weiterlesen:

Helen Fry: "The King's Most Loyal Enemy Aliens. Germans who fought for Britain in the Second World War", Sutton Publishing, London 2007

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Ralf Bülow 27.07.2008
Bei deutschen Kriegspiloten in der Royal Air Force sollte man Michael Kerr (1921-2002) nicht vergessen, den Sohn des Theaterkritikers und Schriftstellers Alfred Kerr, der mit seiner Familie nach England emigrierte. Michael Kerr war vor seiner Fliegerzeit sogar eine Zeitlang als "enemy alien" interniert.
2.
Robert Schors 28.07.2008
Leider gab es nicht noch mehr dieser Deutschen. Die tatsaechlichen Vaterlandsverraeter sassen doch allesamt im Deutschen Reich. Als einen der groessten Widerstaendler gegen den Faschismus erwaehne ich hier noch mal Georg Elser, von dem wir heute noch lernen koennen.
3.
Nikolai Yurttagül 30.07.2008
Die meisten von diesen Typen wären wohl damals nicht als Deutsche bezeichnet worden (z.b. Hirschfeld), vielleicht sollte man mal als Gegensatz einen Artikel über "Feinde" und Ausländer machen, die in der Wehrmacht und der Waffen SS dienten (Russische Befreiungsarmee, SS Freiwilligendivisionen aus nahezu allen europäischen Ländern usw.). Das waren weit mehr als die zehntausend "Deutschen" und auch weitaus bedeutendere Personen (Man denke z.b. an den hochdekorierten Leon Degrelle oder den russischen General Wlassow).
4.
Florian Geier 07.06.2010
Leider wurden die wenigsten Nazis von den britischen Soldaten erledigt, das zeigen deren Biographien: den vielgerühmten "Heldentod" sind die wenigsten von ihnen gestorben. Was die von Herrn Schors gerühmten Widerständler angeht, ist es leider bei denen vom 20.Juli und bei Elser so gewesen, daß sie zwar keine Rücksicht auf das Leben Unbeteiligter nahmen, wohl aber vor einem zu 100% sicheren Selbstmordattentat zurückscheuten.
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