Zweiter Weltkrieg Bomben auf Bethel

Zweiter Weltkrieg: Bomben auf Bethel Fotos
Reinhard Neumann

Wurde die Behindertenanstalt in Bethel 1940 nur zufällig Opfer britischer Bomber? Zeugen vermuteten, die Nazis hätten einen britischen Angriff vorgetäuscht, um sich an Anstaltsleiter und Euthanasiegegner Fritz von Bodelschwingh zu rächen. Reinhard Neumann hat sich auf die Suche nach Indizien für diesen schrecklichen Verdacht begeben. Von

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
    2.8 (6 Bewertungen)

Acht Bomben fielen in der Nacht zum 19. September 1940 auf die Bodelschwinghsche Stiftung Bethel nahe Bielefeld, schon damals eine der weltweit größten diakonischen Einrichtungen für Behinderte. Vierzehn Menschen fanden dabei den Tod - darunter einige behinderte Kinder. Propagandaminister Joseph Goebbels erkannte sofort, wie er das Ereignis für seine perfiden Zwecke nutzen konnte. Am selben Tag noch wies er die deutsche Presse an, ausführlich über das Ereignis zu berichten.

Das amtliche Deutsche Nachrichtenbüro verbreitete eine offizielle Meldung, die einen Tag später unter der Überschrift "Mord, Schändung, Zerstörung" von der deutschen Tagespresse wiedergegeben wurde. Keiner der Artikel versäumte den humanitären Zweck der Anstalten in Bethel hervorzuheben und die Briten für ihren völkerrechtswidrigen Angriff zu kritisieren. Die Propagandamaschinerie der Nazis lief auf Hochtouren. Wenige Stunden nach dem Angriff brachten sie ausländische Pressevertreter aus Berlin nach Bethel, um ihnen das Ausmaß des von den Briten verursachten Desasters direkt vor Augen zu führen.

Trotz dieser gezielten Öffentlichkeitsarbeit machten am Morgen nach dem Angriff in Bethel auch andere Mutmaßungen die Runde: Die Bombardierung sei keineswegs ein britischer Angriff gewesen, sondern ein deutscher, hieß es. Sie stünde in direktem Zusammenhang mit dem im September 1939 von Hitler erlassenen Euthanasiebefehl, der die gezielte Ermordung von Behinderten anordnete. Der Massenmord solle mit Hilfe deutscher Flugzeuge zumindest in Bethel vollendet und dann dem britischen Kriegsgegner in die Schuhe geschoben werden. Bis heute kursiert dieses Gerücht. Doch es ist nicht mehr als eine verzerrte Symbiose von Wirklichkeit und Legende.

Geburt einer Legende

Der amerikanische Presse- und Rundfunkkorrespondent William L. Shirer war einer der ersten, der schriftlich einen Zusammenhang zwischen dem Bombenangriff und der Euthanasie-Politik der Nazis herstellte. Er war einer jener ausländischen Journalisten, die auf Goebbels Befehl nach Bethel gebracht worden waren. Kurz danach notierte er: "Heute kam ein Informant in mein Hotelzimmer im Adlon und (...) erzählte mir die folgende, schlimme Geschichte. Er sagte, die Gestapo sei gegenwärtig dabei, alle geistig Behinderten und Kranken im Reich systematisch zu beseitigen. Die Nazis nennen das Gnadentod. Er verweist darauf, dass vor einigen Tagen Pastor von Bodelschwingh verhaftet wurde, der ein großes Heim für gestörte Kinder in Bethel leitet. Der Grund: er hatte sich geweigert, einige seiner ernsteren Fälle der Geheimpolizei zu überlassen. Kurz danach wird seine Anstalt bombardiert. Von den Briten. Muss dieser Geschichte nachgehen."

Shirer deutete in diesen Zeilen an, dass er nicht unbedingt an eine zufällige Bombardierung glaubte, sondern einen Zusammenhang zwischen dem Angriff und der konsequenten Haltung des Betheler Anstaltsleiters Fritz von Bodelschwingh gegenüber der Gestapo für möglich hielt. Seine Vermutung bildet die Basis der bis heute andauernden Legendenbildung. Dass die bisher zugänglichen britischen Quellen keinen Hinweis darauf enthalten, wann und wie britische Flugzeuge an jenem 19. September 1940 zum Einsatz kamen, hält den Mythos offenbar am Leben.

Richtig ist, dass sich Bodelschwingh vehement gegen den Euthanasiebefehl stemmte. Im Herbst 1939 hatte das Reichsinnenministerium Rundschreiben und Meldebögen verschickt, die "im Hinblick auf die Notwendigkeit planwirtschaftlicher Erfassung der Heil- und Pflegeanstalten" ausgefüllt werden sollten. Angeblich sollte es sich dabei um "rein statistische Erhebungen" handeln. Kurz danach häuften sich die Todesnachrichten von behinderten Menschen.

Anweisung ignoriert

Um seine Patienten zu schützen, ignorierte Bodelschwingh die Anweisung aus Berlin. NS-Funktionäre kamen daraufhin am 26. Juli 1940 nach Bethel und drohten Bodelschwingh mit Verhaftung und der Schließung der Anstalten, wenn er die Fragebögen nicht ausfüllen ließe. Der Stiftungsgründer und die Chefärzte Bethels lehnten diese Forderung trotzdem ab.

Die Bombardierung Bethels hat mit diesen Ereignissen dennoch nichts zu tun, wie der Lobetaler Lokalhistoriker Hans Richter en Details nachgewiesen hat. Richter beschäftigte sich intensiv mit der Geschichte der Anstalten in Lobetal bei Bernau, die etliche Parallelen zu den Ereignissen in Bethel aufweist. Der dortige Anstaltsleiter Paul Gerhard Braune war ebenfalls ein überzeugter Euthanasiegegner. In einer Denkschrift hatte er sämtliche Informationen zu den sich häufenden Todesfällen zusammengetragen, weshalb er 1940 von der Gestapo verhaftete wurde. Am 31. Oktober 1940 wurde Braune entlassen, einen Tag später Lobetal bombardiert.

Im familiären und persönlichen Umfeld Braunes hieß es später, die Gestapo habe so an dem Euthanasie-Gegner Rache nehmen wollen. Wie Richter ausführt, versteigt sich einer der Kolporteure der Legende bis heute darauf, dass die Lobetaler Bombardierung in direktem Zusammenhang mit dem Angriff auf Bethel wenige Wochen zuvor stehe. Ein ganzer Bomberverband der Deutschen Luftwaffe sei losgeschickt worden, um Bethel gezielt anzugreifen und Bodelschwingh zu beseitigen.

Ziel verfehlt

Doch weder an der Lobetaler noch an der Betheler Legende ist etwas dran. Es war der Reihenabwurf einer einzelnen Maschine, der in der Nacht zum 19. September das Anstaltsgelände in Bethel traf. Wenn man, wie Richter aufzeigt, diese Abwurflinie um etwa eintausend Meter nach Westen verschiebt, zeigt sich, dass dort die Eisenbahnlinie zwischen dem Ruhrgebiet und Berlin genau an ihrem neuralgischen Punkt zwischen zwei Bergrücken des Teutoburger Waldes getroffen worden wäre.

Eine der wichtigsten Eisenbahnverbindungen im deutschen Reichsgebiet wäre damit unterbrochen worden. Doch die acht Bomben verfehlten in jener Nacht ihr Ziel - statt im Teutoburger Wald schlugen sie in der Ortschaft Bethel ein.

Der Bombenangriff auf Bethel vom 19. September 1940 stand folglich in keinem Zusammenhang mit der NS-Euthanasie. Ihn als bewusste Reaktion der Nazis auf den hinhaltenden Widerstand Bodelschwinghs und seiner Mitarbeiter gegen die Euthanasie darzustellen, ist ein reines Produkt der Phantasie. Bis Januar 1945 wurde Bethel noch zehn Mal bombardiert. Allerdings wurde keiner der folgenden Angriffe mit dem Euthanasie-Befehl oder der Eisenbahnlinie in Verbindung gebracht. Die Zerstörungen, die diese Bomben anrichteten, gelten vielmehr bis heute als Kollateralschäden der heftigen Luftangriffe auf das Industriezentrum Bielefeld.

Der Autor ist Leiter des Archivs der Westfälischen Diakonenanstalt Nazareth in Bethel.

Artikel bewerten
2.8 (6 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen