Zweiter Weltkrieg Wunderwaffe aus der Klamottenfabrik

Zweiter Weltkrieg: Wunderwaffe aus der Klamottenfabrik Fotos

Auf der Flucht vor alliierten Bomben zogen die Junkers-Werke 1944 in die Oberlausitz. Dort wurden in ehemaligen Textilfabriken die Triebwerke des ersten Düsenjägers der Welt gefertigt. Die Me 262 sollte für Hitler den Krieg gewinnen - doch der erreichte bald die hochgeheimen Fertigungsstätten. Von Uli Suckert

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Am 20. März 1944 quartierte sich der Krieg im hintersten Winkel der Oberlausitz ein. Genauer gesagt: die Rüstungsindustrie. Weil immer öfter alliierte Luftangriffe auf deutsche Industriezenten und Ballungsgebiete geflogen wurden, begannen große Rüstungsbetriebe intensiv mit der Suche nach geeigneten Standorten für eine mögliche Produktionsverlagerung. Möglichst unauffällig und abgelegen sollten sie sein. Reichsmarschall Hermann Göring hatte schon 1943 Pläne geschmiedet, die Luftfahrtindustrie in sichere Gefilde zu verlagern.

Und so kam es, dass ein Jahr später die Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG aus Dessau bei dem Zittauer Textilunternehmen Gebr. Moras AG. einzog. Getarnt als Zittwerke AG, Postfach 261, entstand hier nicht irgendein Produktionsstandort: In Zittau sollte das erste serienreife Strahltriebwerk der Welt gefertigt werden, jenes Aggregat, das Hitlers Geheimwaffe, den Düsenjäger Messerschmitt Me 262, in den Himmel schob.

Von den Dessauer Junkerswerken wurde Jürgen Ulderup als Betriebsführer für Zittau abgeordnet. Sofort spannte er ein Netzwerk von Fertigungsstätten innerhalb der Region, selbstverständlich hoch geheim. 18 alteingesessene Textilbetriebe mussten zusätzlich Platz schaffen für die Kriegswaffenproduktion oder sollten für diesen Zweck sogar stillgelegt werden - eine erhebliche Belastung der ohnehin angeschlagenen und auf Kriegwirtschaft umgestellten Oberlausitzer Textilindustrie.

Zwangsarbeiter bauen Hitlers Wunderwaffe

Doch der Endsieg ging vor - von nun an wurden Einzelteile des geheimen Triebwerks produziert. Über 2500 Beschäftigte waren unter Anleitung von Spezialisten der Luftfahrtindustrie bei den Zittwerken eingespannt. Sie arbeiteten in den Räumlichkeiten der Moras AG, den Textilbetrieben Gebr. Haebler in Zittau, der Mechanischen Weberei Rudolf Breuer in Reichenau, der Firma Kreutziger & Henke in Leutersdorf, der Spinnerei und Weberei AG Ebersbach sowie in 13 weiteren Unternehmen aus Zittau, Reichenau, Herrnhut und Großschönau.

Das eigentliche Herzstück der Zittwerke entstand unweit von Zittau auf dem Terrain des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers aus dem Ersten Weltkrieg in Großporitsch. Zuletzt nutzte die Wehrmacht das weiträumige Gelände und hinterließ mehrere halbfertige Kasernenbauten, die von Junkers übernommen wurden. Die Sicherungsmaßnahmen übernahm das 17. SS-Totenkopf-Wachbataillon.

Im inneren Sperrkreis des Geländes befand sich auch ein mit Stacheldraht umzäuntes Wirtschaftsgebäude. Hier war ein Außenkommando des KZ Groß-Rosen untergebracht. Neben den sogenannten Ostarbeitern und Kriegsgefangenen mussten über 850 KZ-Häftlinge für die Zittwerke Zwangsarbeit leisten.

Mysteriöse Geräusche im Neißetal

Schon bald nachdem sich Junkers im Neißetal eingenistet hatte, drang Tag und Nacht ein anhaltend monotoner Pfeifton durch das Tal, der bis ins Zittauer Gebirge hörbar war. Hinter vorgehaltener Hand munkelte die Bevölkerung von Wunderwaffen, die in dem Rüstungsbetrieb hergestellt wurden, doch Genaues war eben doch nicht bekannt. Erst bei der Endmontage im Betriebsteil Kaserne war zu erkennen, dass es sich um besondere Turbinen-Luftstrahltriebwerke für neuartige Kampfflugzeuge handelte.

Nach dem sich am 2. März 1943 das als Prototyp gebaute Versuchsflugzeug der Messerschmitt-Flugzeugwerke, die Me 262-V 1 mit Junkers Jumo 004A-0 Triebwerken, erfolgreich in der Luft bewährt hatte, sollten nunmehr alle Maschinen dieses Typs mit Jumo-Triebwerken ausgerüstet werden. Mit Beginn der Gesamtproduktion in Zittau erfolgte der Aufbau einer kompletten Fertigungskette mit der Vor- und Endmontage der neuen Triebwerke sowie deren Versand.

Die großen Lagerhallen des Betriebsteils Kaserne von Großportitsch lassen vermuten, dass dort auch die Verkleidung der Triebwerke, die sogenannten Gondeln, hergestellt wurden. Die fertiggestellten und geprüften Triebwerke wurden in abgedeckten Güterwagen per Reichsbahn in Richtung Regensburg/Augsburg befördert, beispielsweise in die Waldfabrik von Oberstraubling bei Regensburg. Hier wurde jede zusammengebaute Me 262 zum Schluss geprüft und dann auf die zum Rollfeld umfunktionierte nahegelegene Reichsautobahn geschleppt. Von dort aus erfolgte der Probeflug zur Abnahme und anschließend der Weitertransport der Kampfflugzeuge auf dem Landwege mit der Eisenbahn, direkt zu den Luftwaffen-Einsatzeinheiten.

Hastige Evakuierung der Rüstungsbetriebe

Am 28. Februar 1945 verkündete Reichspropagandaminister Joseph Goebbels im Rundfunk, dass deutsche Wunderwaffen bald die Kriegswende bringen würden. Tags zuvor war die Stadt Görlitz zur Frontstadt erklärt worden. In Zittau konnte man schon deutlich feindlichen Kanonendonner hören. Hektische Evakuierungsaktionen begannen.

Noch einmal konnte die deutsche Wehrmacht in einem Gegenangriff bei Lauban am 7. und 8. März 1945 die sowjetischen Streitkräfte in für beide Seiten verlustreichen Kämpfen mehrere Kilometer nach Osten zurückdrängen, bis die Front zum Stehen kam. Jetzt stellten auch die Zittwerke ihre Produktion ein, die Mitarbeiter machten sich mitsamt Material eiligst auf und davon in Richtung Harz und Thüringen.

Die Evakuierungsstufe I-III der sächsischen Gauleitung legte unter anderem fest, dass in dem Gebiet Zittau-Löbau-Bautzen Menschen und Maschinen der Rüstungsproduktion durch "Verlagerung in sichere Gebiete" vor dem vordringendem Feind zu retten seien. Bereits am 6. März 1945 war dazu ein Sonderzug mit Rüstungsarbeiten aus Zittau und Umgebung nach Bleicherode unweit von Nordhausen gefahren. Am 10. März 1945 fuhr ein weiterer Sonderzug von Untermorchenstern über Reichenbach und Zittau wieder in Richtung Nordhausen.

70 Tote kurz vor Kriegsende

In Zittau stiegen auch Soldaten der Luftwaffe zu, die in den verschiedenen Betriebsteilen der Zittwerke die Strahltriebwerksproduktion der Me 262 überwacht hatten. Direkt vom Werksgelände aus fuhren zwei Sonderzüge mit über 500 Personen nach Halberstadt. Mysteriös war auch die letzte Fahrt eines Wehrmachtzuges vom 30. April 1945. Er kam aus dem Richard-Lager Leitmeritz, einem U-Verlagerungsobjekt der Auto Union Chemnitz, und fuhr direkt in das Werksgelände der Zittwerke ein. Vermutlich wurden mit ihm die letzten militärischen Einheiten evakuiert.

Die Zittwerke blieben auch nach der Evakuierung militärisches Sperrgebiet mit Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen. Das KZ-Außenkommando bestand an Ort und Stelle noch bis zum 7. Mai 1945. Der Werksarzt der Zittwerke AG stellte zuletzt 70 handgeschriebene Totenscheine für die KZ-Häftlinge aus, die meisten im April bis Anfang Mai. Auf den provisorischen Dokumenten ist die Einäscherungsnummer des Zittauer Krematoriums eingetragen. Als Todesursache vermerkte Arzt überwiegend: "Akute Herzmuskelschwäche bei allgemeiner Körperschwäche" oder "Lungentuberkulose" bzw. -"Lungenentzündung" sowie "Skorbut".

Über die Rolle des Betriebsführers der Zittwerke, Jürgen Ulderup, ist aus dieser Zeit wenig überliefert. Nach eigenen Angaben flüchtete Ulderup in den letzten Kriegstagen mit einem Rucksack, vollgestopft mit Kupferbarren, mit dem Fahrrad von Zittau noch Osnabrück. Sein Fahrer sei samt Dienstwagen schon längst über alle Berge gewesen, so der ehemalige NS-Betriebsführer.

Auf dem Zittauer Frauenfriedhof erinnert heute nur noch ein Massengrab an die angebliche "Wunderwaffe" aus der Region. Ein gepflegter Rasen bedeckt die Fläche hinter der Friedhofsmauer, unter der fast nur zivile Kriegsopfer des Zweiten Weltkrieges ihre letzte Ruhestätte fanden - darunter auch die Häftlinge und Ostarbeiter aus den Zittwerken, einer der geheimen Rüstungsschmieden des Dritten Reiches in der Oberlausitz.

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1.
Eugen von Arb, 14.04.2009
Ein interessanter Artikel - gut, dass einmal die Hintergründe der Kriegswirtschaft und ihre Opfer gezeigt werden. Diese muss bis im letzten Moment (tödlich-)perfekt funktioniert haben. Ich staune immer wieder, dass die Versorgung der Wehrmacht mit neusten Waffen und Nachschub bis kurz vor Kriegsende ziemlich gut war - nur eine richtige Front gab es eben nicht mehr. Vielleicht fehlt in diesem Text ein bisschen die brisante rüstungspolitische Geschichte des "Blitzbombers", den Hitler wollte. Dank seiner Sturheit wurde eine ganze Reihe von sehr reifen Projekten auf Eis gelegt, und Deutschland verlor (zum Glück) den Vorsprung in der Düsenantriebstechnik. Soviel ich weiss hatte der Düsenjet von Heinkel (He 178) noch vor Kriegsbeginn seinen erfolgreichen Jungfernflug.
2.
vorname nachname, 12.04.2011
Wesentliche Erkenntnisse zu den Zittwerken, Objekt Kaserne, verdanken wir der Arbeit des leider schon verstorbenen Herbert Bauer, die er in seinem Heft "Rund um die Historie eines Anschlussgleises" (Interessenverband der Zittauer Schmalspurbahnen e.V., Oybin 2003) veröffentlicht hat. Die Beschreibung der Bilder, die während meines Rundgangs durch das Objekt entstanden sind, stützt sich im Wesentlichen auf dieses Buch.
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