Zweiter Weltkrieg Skiweltmeister gegen Hitler

Zweiter Weltkrieg: Skiweltmeister gegen Hitler Fotos
Denver Public Library; 10th Mountain Division Collection

Eis, Schnee, Blut: Ein Ski-Enthusiast schwatzte der US-Armee 1939 eine eigene Gebirgsjägereinheit auf, die nach der Invasion in Europa zur Speerspitze der Amerikaner in Italien wurde - auch weil dort Dutzendweise emigrierte Skigrößen aus Deutschland, Österreich oder Norwegen kämpften. Von Sebastian Moll

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Peter Elmer ist in einer bewundernswert guten Verfassung. Der 85-Jährige ist schlank und muskulös, er flitzt so flink durch seine Wohnung wie ein 50-Jähriger, hat hellwache Augen und einen ungetrübt scharfen Verstand. Dennoch ist Elmer unzufrieden mit sich. Am meisten stört ihn, dass er nicht mehr Skifahren kann. "Das Herz", sagt er und greift sich an die Brust, "ich vertrage die Höhe nicht mehr."

Das Skifahren hat in Elmers Leben eine zentrale Rolle gespielt. Als Junge wedelte der gebürtige Wiener die Streif in Kitzbühel oder die Hänge von St. Anton hinunter. Und im Zweiten Weltkrieg diente er bei den Gebirgsjägern - bei den amerikanischen. Gemeinsam mit dem Wiener Juden Peter Elmer, der mit seinen Eltern 1938 als 15-Jähriger vor den Nazis in die USA geflohen war, kämpften viele geflüchtete österreichische, deutsche und skandinavische Bergsportler, darunter mehrere Skiweltmeister, in der sagenumwobenen 10th Mountain Division gegen die Nazis. Im Januar 1945 brachen die US-Gebirgsjäger in Norditalien in einer legendären Gebirgsschlacht auf Skiern über den Apennin zur Po-Ebene durch - ein Sieg, der die Männer der ohnehin schon unglaublich populären "10." endgültig zu amerikanischen Nationalhelden machte.

Dabei war Skifahren in den USA noch am Vorabend des Zweiten Weltkriegs bestenfalls ein exzentrisches Vergnügen für eine kleine, wohlhabende Elite an der Ostküste gewesen. Einer der wenigen Skifans war Charles "Minnie" Dole, der an den Wochenenden mit seinen Freunden vom New Yorker Skiclub die Hänge der Green Mountains in Vermont unsicher machte. Dole war schon 1939 überzeugt, dass die USA eine eigene Gebirgsjägereinheit bräuchten. Wie effektiv Soldaten auf Skiern sein konnten, demonstrierten da gerade die Finnen, die sich im "Winterkrieg" von 1939/40 erfolgreich gegen die übermächtige Rote Armee wehrten. Wenn die Deutschen einmal in den USA landen würden, so das Argument von Dole, brauche die US-Armee Verteidigungslinien in den Bergen von Neuengland.

Gebirgsjäger als Popstars

Wiederholt bedrängte Dole das US-Verteidigungsministerium - und erhielt 1941 tatsächlich den Auftrag, ein Berg-Bataillon auszubilden. Doch nun hatte er ein Problem: Es war in den USA ausgesprochen schwierig, genügend Leute mit Bergerfahrung zu finden. Also suchte er sich im ganzen Land aus Europa geflohene Alpinisten zusammen - Männer wie den österreichischen Skiweltmeister Friedl Pfeifer und dessen Landsleute Hannes Schneider und Toni Matt, den Dresdner Kletterer Fritz Wiessner, der in New York lebte, oder den norwegischen Skisprungweltmeister Torger Tokle.

Die neuen Gebirgsjäger wurden in Amerika über Nacht zu Popstars. Die Manöver der Einheit in Alaska und später im Ausbildungslager Camp Hale in den Rocky Mountains waren für Zeitschriften und Wochenschauen ein gefundenes Fressen - die verwegenen Burschen, die es nicht nur mit dem Feind, sondern auch mit der wilden Natur aufzunehmen bereit waren, übten auf ganz Amerika eine unwiderstehliche Faszination aus.

Auch auf Peter Elmer, der gerade in Wisconsin das College besuchte, als er 1942 mit 19 Jahren zur US-Army eingezogen wurde. "Ich hatte nicht die geringste Lust, in den Krieg zu ziehen", erinnert er sich heute. Doch während der Grundausbildung fiel ihm ein Artikel über die 10th Mountain Division in die Hände. "Ich fuhr wahnsinnig gerne Ski", erzählt Elmer. "Und so dachte ich, dass diese Truppe vielleicht der richtige Ort für mich wäre, um den Krieg zu überstehen."

Soviel Angst wie noch nie

Im Handumdrehen fand sich Elmer in den Rocky Mountains wieder, im Ausbildungslager der 10th Mountain Division in Colorado. Die neue Truppe brauchte dringend Leute wie ihn, die anderen das Skifahren beibringen und sich in den rauen Bergen zurechtfinden konnten. Bis auf das Barackendorf von Camp Hale in einem entlegenen Hochtal auf 3000 Metern Höhe war die Gegend noch völlig unberührt und unerschlossen. "In den Rockies war damals überhaupt nichts, das war einsamste Natur", erinnert sich Elmer an seine Ankunft.

Mit 60 Jahren Abstand sieht Peter Elmer sein Jahr in Camp Hale als die schönste Zeit seines Lebens an. Allerdings war es nicht gerade ein Winterurlaub, die Ausbildung war knallhart: "Wir waren manchmal wochenlang bei eisiger Kälte auf über 4000 Meter im Biwak", so Elmer. "Die Ausrüstung war teilweise katastrophal, weil es ja in Amerika damals niemanden gab, der so etwas herstellte und der sich damit auskannte." Außerdem geriet selten in Vergessenheit, was die jungen Männer oben in den Bergen einmal tun sollten - nämlich kämpfen: "Wir mussten üben, unter scharfem Beschuss bei eisiger Kälte Kameraden aus dem Fels zu bergen - das war kein Spaß", gesteht Elmer.

Ende 1944 schiffte sich die 10. zu ihrem ersten Kampfeinsatz nach Italien ein - bestens präpariert, wie die jungen Soldaten glaubten. Für die brutale Wirklichkeit des Krieges aber, das lernten Peter Elmer und seine Kameraden sehr schnell, gibt es keine wirkliche Vorbereitung. Als er im Januar 1945 in tiefster Nacht mit einem Spähtrupp in der Nähe von Cutigliano in der Toskana per Ski über den ersten Apenninkamm stieg, gibt Peter Elmer zu, habe er so viel Angst gehabt wie noch nie zuvor in seinem Leben.

"Der Überraschungsangriff war das Leichteste"

Elmers Patrouille gehörte zu denjenigen US-Gebirgsjägern, die unbemerkt die beste Route über einen Steilhang auskundschaften sollten, über den die 10. nach mehreren misslungenen Großangriffen der Army endlich die deutschen Linien in den Bergen durchstoßen sollte. Nach zwei Nächten am Berg hatten die Amerikaner eine Kletterroute über den 500 Meter hohen Hang zwischen Monte Belvedere und Monte Torraccia gefunden und den Fels für die angreifende Truppe gesichert. Am 28. Januar 1945 griff die 10. an; die Deutschen wurden überrumpelt, die Höhe praktisch ohne Verluste genommen.

"Der Überraschungsangriff war das Leichteste", erinnert sich Elmer, "auch wenn darüber heute am meisten geredet wird." Auch, um auf die Anhöhe zu gelangen, mussten Elmer und seine Kameraden nur das tun, was sie am besten konnten: Bergsteigen und Skifahren. Schlimm sei hingegen die darauffolgende, fünf Tage dauernde Abwehrschlacht gegen die deutschen Rückeroberungsversuche gewesen. "Es war furchtbar blutig", sagt Elmer und beginnt mit dem Fuß zu wippen, während seine Augen nervös hin und her wandern. "Der ganze Berg war voller Leichen, es roch wie in einem Schlachthof. Überall waren weggeschossene Schädel und Leichenteile. Es war grausig."

Skrupel, gegen Deutsche und seine ehemaligen österreichischen Landsleute zu kämpfen, hatte Elmer nicht. "Wissen Sie, alle sechs Geschwister meines Großvaters sind mitsamt ihren Familien im KZ umgekommen", erklärt er. "Mein Großvater selbst war schon in Dachau und ist nur freigekommen, weil meine Mutter die Chuzpe hatte, direkt nach Berlin zu fahren und mit der Gestapo zu verhandeln." Vor dem "Anschluss" Österreichs 1938 hatten sich die Elmers, Bankiers und Textilindustrielle aus Wien, in erster Linie als Österreicher gefühlt und erst in zweiter Linie als Juden. Seit der Emigration empfanden sie sich dann nur noch als Amerikaner, bis heute.

Von der Front ins Skiresort

Besonders glücklich war Elmer deshalb auch nicht, als er nach Kriegsende ausgerechnet nach Wien abkommandiert wurde. "Es ist mir sehr schwer gefallen, in Wien auf der Straße normal mit den Leuten umzugehen", seufzt er. "Wir wussten ja, wie viele zu überzeugten Nazis geworden waren. Man hat schließlich 1938 unser Haus in der Innenstadt einfach abgebrannt, weil wir Juden waren." So war er erleichtert, als er 1946 wieder in die USA zurückkehren durfte. Der schönste Augenblick, sagt er, sei für ihn gewesen, als für seine Truppe eine Parade in Manhattan abgehalten wurde: "Wir sind mit unseren Skiern auf dem Rücken die Fifth Avenue herunter marschiert. Die Leute haben mit amerikanischen Fahnen gewunken, uns mit Konfetti überschüttet und uns zugejubelt."

Elmer blieb in New York und wurde erfolgreicher Mode-Unternehmer, nur noch an den Winterwochenenden stürzte er sich die Hänge der Green Mountains hinunter. Aber viele seiner Kameraden zog es zurück in die Rockies. Die immense Popularität der Kletterer und Skijäger der 10th Mountain Divison hatte das Interesse der Amerikaner am Skifahren wesentlich mitentfacht, und so waren es Veteranen der 10., die nun zu Pionieren des Ski- und Bergsports in den USA wurden. Ex-Weltmeister Friedl Pfeifer und der deutschstämmige Peter Seibert gründeten in den schneesicheren Bergen Colorados die ersten Skiresorts des amerikanischen Westens - heute sind Orte wie Vail und Aspen die exklusivsten Wintersportorte der USA.

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1.
Vincent Truppe 03.04.2009
Eines Tages schreibt der Spiegel vielleicht über deutsche Helden, die für Deutschland Gutes getan haben, anstatt über Amerikaner, die Gutes für die freie Welt gegen Deutschland getan haben. Auf die Gefahr hin, von der Redaktion und der restlichen Leserschaft falsch verstanden zu werden, muss ich gestehen, dass ich die konvertierten Ski-Helden zwar respektiere, aber nicht bewundere. Meine Bewunderung würde deutschen Soldaten gelten, die Deutschland und seine heutigen Werte verteidigen und dafür siegen, ohne dass man ihre Leistungen verstecken muss, weil es einen schlechten Beigeschmack hat. Nach 60 Jahren erfolgreicher und eigenverantwortlicher Aufrechterhaltung demokratischer Werte und einer erfolgten Wandlung von alliierter Vormundschaft in Partnerschaft auf Augenhöhe ist es vielleicht irgendwann deutschen Mitbürgern aller Hautfarben und Herkünfte möglich, die eigenen Soldaten für eine gute Sache zu bewundern anstatt fremde. Es würde mich freuen, wenn dieser Beitrag zur Diskussion zugelassen wird und nicht ideologisch missdeutet wird. Vielleicht ergibt sich ein fruchtbarer Diskurs. Es grüßt Sie Vincent Truppe
2.
Florian Geier 06.04.2009
Die Heroisierung der US-Truppen wirkt vor dem Hintergrund ihres Desasters in Afghanistan und Irak nur noch skurril. Offenbar will der Verfasser den Vorwurf des Antiamerikanismus mit einer solchen Heldengeschichte abwehren. Vielleicht sollte man bei der Gelegenheit einmal Publikationen des israelischen Wissenschaftlers Martin van Crefeld heranziehen, die den Wehrmachtssoldaten den höchsten Kampfwert unter allen nennenswert am 2. Weltkrieg beteiligten Armeen attestieren und die US-Truppen hinter Japaner, Briten, Franzosen und Italiener einordnen. Spitze waren demnach lediglich die US-Luftwaffe und die zahlenmäßig weit überlegene Marine, vgl. http://www.google.de/search?hl=de&safe=off&rlz=1T4GGLL_de&num=50&q=martin+crefeld+wehrmacht+deutsche&meta= .
3.
Andrew Cardoso 05.04.2009
Vielleicht sollte die Truppe namens Vincent erstmal den Artikel lesen. >Eines Tages schreibt der Spiegel vielleicht über deutsche Helden, die für Deutschland Gutes getan haben, anstatt über Amerikaner, die Gutes für die freie Welt gegen Deutschland getan haben. Im Artikel ist eindeutig die Rede von Deutschen (und Österreichern) die für Deutschland Gutes getan haben, in dem sie die Nazis und ihre Wehrmacht bekämpft haben. > >Auf die Gefahr hin, von der Redaktion und der restlichen Leserschaft falsch verstanden zu werden, muss ich gestehen, dass ich die konvertierten Ski-Helden zwar respektiere, aber nicht bewundere. Diese Leute sind nicht "konvertiert", sie wurden vertrieben. Wenn sie geblieben wären, wären sie ermordert worden. > >Meine Bewunderung würde deutschen Soldaten gelten, die Deutschland und seine heutigen Werte verteidigen und dafür siegen, ohne dass man ihre Leistungen verstecken muss, weil es einen schlechten Beigeschmack hat. Wessen Werte wo? Die deutsche Freiheit am Hindukusch? Lächerlich. Deutsche Schiffe (unter Billigflaggen mit philippinischer Besatzung) am Horn von Afrika? Kanonenbootpolitik wie bei Willy Zwo Nach 60 Jahren erfolgreicher und eigenverantwortlicher Aufrechterhaltung demokratischer Werte und einer erfolgten Wandlung von alliierter Vormundschaft in Partnerschaft auf Augenhöhe ist es vielleicht irgendwann deutschen Mitbürgern aller Hautfarben und Herkünfte möglich, die eigenen Soldaten für eine gute Sache zu bewundern anstatt fremde. Wenn man schon jemand zum bewundern braucht: Ich bewundere Feuerwehrleute und Rettungssanitäter. Und, um beim Thema 2. Weltkrieg zu bleiben: Ich bewundere Deserteure und Befehlsverweigerer. >Es würde mich freuen, wenn dieser Beitrag zur Diskussion zugelassen wird und nicht ideologisch missdeutet wird. Vielleicht ergibt sich ein fruchtbarer Diskurs. > >Es grüßt Sie >Vincent Truppe
4.
Vincent Truppe 06.04.2009
Hallo Andrew, ich habe mich über Deinen Beitrag sehr gefreut. Den hab ich übrigens genauso gründlich gelesen wie den Artikel, den ich recht gut finde. Ich kann mich über Deserteure und Fahnenflüchtige leider nur bedingt freuen. Das kommt eben immer auf die Umstände drauf an. Unter den gegebenen Umständen ist bei mir Respekt auf jeden Fall drin, Bewunderung nicht. Bewundern tu ich Herrn Reich-Ranicki und all die jüdischstämmigen Deutschen, die ihr Leben nach dem Holocaust doch tatsächlich der deutschen Sprache (!) gewidmet haben. Da kommen mir ehrlich fast die Tränen hoch. Deshalb verteidige ich auch regelmäßig den hochempflindlichen Zentralrat der Juden in Deutschland. Die dürfen so feinnervig sein sein, weil sie ja Deutsche sind, die immer noch zu dem Land halten, welches solchen Horror über ihre Familien gebracht hat. Ich würde viel mehr mosern und schreien, wenn man meinen Patriotismus so mit Füßen getreten hätte wie man es damals mit der deutschen Elite jüdischer Abstammung gemacht hat. Und ja, ich bewundere jeden, der zu seiner Meinung steht, Pazifisten, Feuerwehrleute und Sanis eingeschlossen. Ich bewundere zudem aber auch den einen oder anderen Helden in deutscher Uniform, nicht nur Stauffenberg. Auch Helmut Schmidt zum Beispiel. Oder Loriot. Sie haben tapfer das Grauen ertragen und ihre Pflicht getan bevor sie sich in einer demokratischen Gesellschaft endlich selbst verwirklich konnten. Ich will für Deutschland keinen Platz an der Sonne wie Willy Zwo. Ich will, dass deutsche Soldaten dabei helfen, die Sonnenstrahlen an diejenigen zu verteilen, die noch im Dunkeln sitzen müssen. Zur Not auch mit der Waffe. Und dafür will ich unsere Soldaten halt bewundern dürfen. Genauso wie Sanis und Feuerwehrleute.
5.
Burkhard von Grafenstein 17.05.2009
Das Office of Strategic Services (siehe Wikipedia-Eintrag mit weiteren Verweisen) hat am Ende des 2. Weltkrieges im geringen Umfang aus der deutschen Emigration Mitglieder der "Freien Deutschen Bewegung", sieben an der Zahl, als Kundschafter im Deutschen Reich eingesetzt. "Freie Deutsche" gegen Hitler, über die wenig bekannt ist, zum Teil sind sie ums Leben gekommen. In der deutschen Presse habe ich noch nie darüber gelesen.
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