Zweiter Weltkrieg Leben, was das Zeug hält

Als Kinder unternahmen sie fast alles gemeinsam - bis sie getrennt wurden: Als Juden aus Kattowitz erlebten Josef Königsberg und Siegmund Siegreich die Gräuel der Nationalsozialisten. Nach dem Ende des Krieges fanden sie einander wieder - und schworen sich ewige Freundschaft.

Josef Königsberg/Siegmund Siegreich

Wahre Freundschaft währt ewig. Mein alter Freund Siegmund Siegreich und ich sind das beste Beispiel dafür. Beide 1924 im oberschlesischen Kattowitz geboren, lernten wir uns im ersten Volksschuljahr kennen und waren seitdem unzertrennliche Freunde. Als beste Freunde drückten wir auch im Gymnasium gemeinsam die Schulbank. Kaum ein Tag verging, an dem wir nicht zusammen waren. Wir spielten mit den anderen Kindern in unserem Viertel "Räuber und Gendarm", machten gemeinsam Sport, rauchten zusammen unsere erste Zigarette und erlebten das ein oder andere Abenteuer.

Eines Abends zum Beispiel trieb uns die Neugier an einen Ort, der Jungen aus gutbürgerlichen Familien wie uns strikt verboten war. An der Misckiewicza-Straße zwischen der jüdischen Synagoge und einer alten Badeanstalt befand sich ein Platz, an dem sich so manch lichtscheue Gestalt herumtrieb. Prügeleien, Messerstechereien und Schießereien waren dort an der Tagesordnung. Aber hier verbarg sich das, was uns Jungen am meisten interessierte: der Straßenstrich. Wir nahmen unseren ganzen Mut zusammen und suchten uns ein Versteck, von dem aus wir durch Zaunlöcher die Prostituierten mit ihren Freiern unbemerkt beobachten konnten. Der bullige Mann mit verschlagenem Blick, der uns unerwartet auflauerte und zu verstehen gab, dass Gucken nicht kostenlos sei, fackelte nicht lang und schlug erst auf meinen Freund und dann auf mich erbarmungslos ein, nachdem er begriffen hatte, dass wir kein Geld hatten, das er uns abnehmen konnte.

Eine Polizeistreife hörte unsere Hilferufe und brachte uns in ein nahe gelegenes Krankenhaus. Der Schläger floh. Es dauerte nicht lange, bis unsere Eltern, die man benachrichtig hatte, im Krankenhaus erschienen. Zu unserer großen Überraschung schimpften sie überhaupt nicht mit uns. So sehr waren sie erleichtert, dass uns nicht mehr passiert war. Allerdings ermahnten sie uns eindringlich, den Ort unseres Verhängnisses nie wieder aufzusuchen und vor allen Dingen niemandem zu erzählen, wo wir uns die Blessuren geholt hatten. Und so nahm jedermann an, dass wir uns wieder einmal geprügelt hatten. Dieser Vorfall ist uns beiden unvergesslich geblieben. Vielleicht auch deshalb, weil wir damals noch nicht ahnten, dass unsere unbeschwerte Jugend bald ein Ende haben sollte. Wir lebten, was das Zeug hielt.

Das jähe Ende der glücklichen Jahre

Zu einem erfüllten Leben gehört die Leidenschaft. Es kam Zyga gut zupass, dass wir im sechsten Schuljahr gemeinsam mit Mädchen unterrichtet wurden. Zygas Banknachbarin hieß Hilda. Mir persönlich gefiel sie nicht allzu sehr. Für meinen Geschmack war sie zu groß und zu schlank. Zyga allerdings war in sie verliebt. Jeden Morgen holte er sie von zu Hause ab und brachte sie nach der Schule wieder bis vor ihre Haustür. Oftmals trafen sie sich am Nachmittag, um gemeinsam durch den Kosciuski-Park und die Stadt zu schlendern. Meistens ging Zyga mit Hilda allein, eines Tages allerdings bat er mich, gemeinsam mit ihm und Hilda einen kleinen Spaziergang zu machen. Als sie sich nicht am verabredeten Treffpunkt einfand, schlug Zyga vor, Hilda von zu Hause abzuholen.

Hildas Vater schätzte unser Pfeifen und Rufen gar nicht. "Haut ab", rief er aus dem Fenster. "Lasst meine Tochter in Ruhe und hört auf, sie zu belästigen!" Ohne eine Erwiderung abzuwarten, knallte er das Fenster wieder zu. Zyga konnte es kaum glauben. Er vermutete, dass uns sein Vater verwechselt hatte und schlug vor, auf der Hofseite des Hauses an der Regenrinne zu Hildas Zimmer hinaufzuklettern und die Sache mit ihr zu klären.

Unsere Aktion blieb allerdings auch den Nachbarn nicht verborgen. Sie hielten uns für Einbrecher und alarmierten die Polizei. Wir hatten schon fast unser Ziel erreicht, als mehrere Polizeiwagen mit schrillenden Sirenen vor dem Haus hielten. Nachdem geklärt war, dass wir keine Einbrecher waren, wurden wir trotzdem auf die Wache gebracht, wo man uns in eine Zelle steckte. Alles Weinen und Wehklagen nützte nichts. Aus irgendeinem Grund hatte man vergessen, unsere Eltern zu informieren, die uns unterdessen bereits verzweifelt suchten. Als sie zufällig zu der Polizeiwache kamen, auf der man uns festhielt, fanden sie uns - verstört, aber immerhin gesund.

Die aufregenden Geschichten jener Zeit ließen sich sicher endlos weiter erzählen. Aber die unbeschwerten, glücklichen Jahre sollten im September 1939 mit dem Einmarsch deutscher Truppen nach Polen ein jähes Ende nehmen. Zyga und ich waren Juden. Schon bald durften wir die Schule nicht mehr besuchen. Mitsamt unseren Familien wurden wir aus unseren Wohnungen vertrieben und in Ghettos gesperrt. Zyga und ich verloren uns in den Wirren jener Tage aus den Augen. In verschiedenen Konzentrationslagern verbrachten wir getrennt voneinander fünf erbarmungslos grausame Jahre.

Schmerzliche Erinnerungen

Kurz nach der Befreiung aus den Konzentrationslagern gingen wir 1945 zurück nach Kattowitz, in der Hoffnung, die Familienmitglieder, die man ebenfalls verschleppt hatte und die wir während des Kriegs verloren hatten, wiederzufinden. Diese Hoffnung erfüllte sich für uns beide nicht. Eltern, Geschwister, Onkel, Tanten, Cousinen, Cousins - die meisten von ihnen waren ermordet worden. Als Zyga und ich uns endlich fanden, war die Freude deshalb umso größer. Wir hatten nur noch uns, wir waren jetzt wie Brüder.

Aber Zyga konnten es nicht ertragen, in der Stadt weiterzuleben, aus denen seine Angehörigen verschwunden waren. Die Erinnerungen waren zu schmerzlich. Zyga entschloss sich, nach Australien auszuwandern. Wir versprachen uns, den Kontakt zueinander niemals abreißen zu lassen. Ich verließ Polen erst in den sechziger Jahren, als die politischen Zustände für mich immer unerträglicher wurden.

Mittlerweile lebe ich seit 50 Jahren in meiner Wahlheimat Deutschland. Zu Zyga verbindet mich immer noch eine innige Freundschaft. Obwohl wir uns seit seiner Auswanderung nicht wiedergesehen haben. Wir telefonieren regelmäßig und schreiben einander.

Auf Wunsch meiner Kinder entschied ich mich im vergangenen Jahr, meine Biografie zu veröffentlichen. Vor allem die Schilderung meiner Erlebnisse in den Konzentrationslagern stieß auf großes Leser- und Medieninteresse. Auch mein Freund Zyga brachte seine Lebensgeschichte zu Papier. Vor einigen Wochen erschien in Australien unter dem Titel "The Thirty-Six" seine Biografie. In kurzer Zeit war die erste Auflage ausverkauft.

Josef Königsberg Biographie "Ich habe erlebt und überlebt" ist im Verlag Portalis erschienen. ISBN 978-3-9811567-6-8.

Siegmund Siegreichs Biographie "The Thirty-Six" ist bei Random House erschienen. ISBN 978-1-74166-843-8.



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