Zweiter Weltkrieg Tödliche Zuflucht

Zweiter Weltkrieg: Tödliche Zuflucht Fotos

Sie suchten Schutz und fanden den Tod: 173 Menschen starben, als am 3. März 1943 während eines Fliegeralarms in einer Londoner U-Bahn-Station Panik ausbrach. Die Katastrophe, die mit einem fatalen Irrtum begann, wurde über Jahre verschwiegen. Von Sandra Scotting

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Es ist eine kleine und unscheinbare Plakette, die am Eingang der Londoner U-Bahn-Station Bethnal Green an ein großes Unglück erinnert. Zu klein und unscheinbar, um dem Ausmaß der Katastrophe, die sich 1943 dort ereignet hat, gerecht zu werden. 173 Männer, Frauen und Kinder starben in der Nacht des 3. März 1943 auf den Treppen der zum Luftschutzbunker umfunktionierten U-Bahnstation. Keine feindliche Bombe hatte zu der Tragödie geführt, sondern eine Kette von verhängnisvollen Zufällen und das zögerliche Handeln der Behörden.

Etwa 7000 Londoner benutzten während der deutschen Luftangriffe die Stationen der Zuglinien östlich der Liverpool Street als Bunker. Mobile Kantinen schenkten Essen und Tee aus. In Leihbüchereien konnten die Schutzsuchenden für die Zeit ihres Aufenthalts untertage nach Lektüre stöbern. Es gab sogar Platz für Feiern und Hochzeiten. Man versuchte in Zeiten des Kriegsterrors so gut es ging weiterzuleben.

Trotz der lang anhaltenden Bombenangriffe der Deutschen wurden viele Londoner zunehmend unbekümmert und zogen es vor, während der Bombardements zu Hause zu bleiben. Die langen Aufenthalte in den Luftschutzbunkern ließen ein normales Leben einfach nicht zu. Als Anfang März 1943 die Briten Berlin bombardierten, trieb die Angst vor Vergeltungsschlägen sehr viel mehr Menschen als gewöhnlich in die Bunker. Vielen von denen, die sich in Bethnal Green eingefunden hatten, fanden statt des ersehnten Schutzes den Tod.

Fataler Irrtum

Die Sirenen heulten am 3. März so angsteinflößend wie immer. Die Suchscheinwerfer wurden eingeschaltet und die Menschen aus den umliegenden Kinos und Kneipen strömten zum Bunker. Weder ein Polizist noch ein Aufseher hatte an jenem Abend, wie sonst üblich, Dienst am Eingang. Bis heute weiß man nicht, warum. Das kritische Einströmen der vielen Menschen in den Bunker lief unbeaufsichtigt ab. Es war bereits dunkel und der Eingang zum Bunker stockfinster. Die Treppen waren vom Regen nass.

Plötzlich versetzte ein ohrenbetäubend lautes Gedröhn die Menschen in Schrecken. Jemand rief: "Das ist eine Bombe!" Die Menschenmasse setzte sich ruckartig in Bewegung und strömte panisch dem Bunkereingang entgegen. Am unteren Treppenabsatz stürzte eine Frau mit ihrem Baby im Arm. In der Dunkelheit drängten die Menschen weiter die 19 Stufen nach unten. In der Mitte der Treppenführung war kein Handlauf vorhanden, der ein wenig Halt hätte geben können. Wegen der Kosten war er von der lokalen Behörde nicht bewilligt worden. In wenigen Sekunden fielen 300 Menschen wie Briketts, die man in einen engen Keller schüttet, in einen Raum von etwa 16 Quadratmetern.

Heute weiß man, dass es keine Bombe war, die den Krach verursacht hatte, sondern eine britische Fliegerabwehrrakete, die im nahegelegenen Victoria Park abgefeuert worden war. Ein anwesender Polizist hätte die aufkommende Massenpanik vielleicht verhindern können. Gesetzt den Fall, er wäre informiert gewesen.

Behördliche Vertuschungsversuche

Weil die Behörden die Katastrophe geheim halten wollte und die Rettungsmannschaften von einem anderen Untergrundzugang aus nach Bethnal Green schickte, liefen die Rettungsmaßnahmen nur schleppend an. Drei Stunden lang rangen die Helfer um das Leben der Menschen. Am Ende bargen sie 27 Männer, 84 Frauen und 62 Kinder tot. Die meisten von ihnen waren erstickt. Viele der Überlebenden waren schwerverletzt und mussten zur Behandlung ins Krankenhaus. Ihnen schärfte man ein, niemandem von dem Vorfall zu erzählen. Man befürchtete, der Feindespropaganda in die Hände zu spielen und die Kriegsmoral der Londoner Bevölkerung in Gefahr zu bringen.

Die Identifizierung der Opfer war schwierig. Ihre Verletzungen waren, entgegen späterer offizieller Meldungen, teils entsetzlich. Die Opfer mussten anhand ihrer Kleidungsstücke oder ähnlicher Dinge identifiziert werden, weil ihre Gesichter und Körper zu sehr entstellt worden waren. Viele Jahre wurde über die schrecklichen Details des Vorfalls geschwiegen. Bis heute fällt es auch den Überlebenden schwer, über ihre schrecklichen Erlebnisse zu sprechen.

Auch mein Großvater und meine Großmutter starben bei dem Unglück. Meine Mutter hat seit der Katastrophe eine gelähmte Gesichtshälfte. Noch lange hörte sie in den Nächten der folgenden Jahre das Geschrei und das Schluchzen der Opfer. Ihr zweijähriger Neffe, den sie bei dem Ausbruch der Massenpanik in den Armen hielt, erstickte unter der Last der Menschen. Meine Mutter konnte ihn nicht vor dem Tod bewahren. Ein Entkommen war unmöglich.

Wider das Vergessen

Das letzte Kind, das damals lebend geborgen werden konnte, ist der heute 79-jährige Alf Morris. Er war am Treppenabsatz gegen die Wand gequetscht worden und hatte um Hilfe geschrien. Eine Luftschutzhelferin hatte seine Hilfeschreie gehört und versucht, ihn an den Haaren aus der Masse zu ziehen. Als dies nicht gelang, schaffte sie es, mit beiden Händen unter seine Arme zu greifen und ihn aus der Masse zu befreien. Viele seiner Schulkameraden hatten nicht so viel Glück wie er. Als Alf Morris am nächsten Tag wieder in der Schule war, waren viele der Schulbänke leer.

Heute setzt sich Alf Morris dafür ein, dass der Katastrophe angemessen gedacht wird. Mit Hilfe des jungen deutschen Architekten Jens Borstelmann und seines britischen Kollegen Harry Paticas sowie der Wohltätigkeitsstiftung "Stairway to Heaven Memorial" wird es hoffentlich nicht mehr lange dauern, bis genug Geld gesammelt ist, um ein Denkmal zu Ehren der Opfer von Bethnal Green zu errichten. Jede Spende hilft. Unterdessen sammeln und dokumentieren die Mitarbeiter der Stiftung Zeitzeugenberichte von Überlebenden. Damit nie vergessen wird, was nie vergessen werden darf.

Übersetzung aus dem Englischen: Haldun Musazlioglu

Spendeninformationen finden Sie auf der Website www.stairwaytoheavenmemorial.org. Sollten Sie Personen kennen, die die Katastrophe erlebt haben oder mit Opfern bzw. Überlebenden des Unglücks bekannt oder verwandt sind, können Sie sich unter der Rufnummer 0044 -1277 372 938 mit der Stiftung in Verbindung setzen.

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