Anti-Nazi-Gesänge Liederschlacht im Weltkrieg

Deutsche und englische Soldaten kämpften im Krieg nicht nur mit Gewehren und Bomben gegeneinander - auch mit Liedern. Lustiger texteten eindeutig die Briten, etwa mit Versen über Hitlers Hoden.

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There were ten German bombers, ten German bombers
There were ten German bombers in the air, (...)
And the RAF of England, the RAF of England,
And the RAF of England shot one down, (...)

There were nine German bombers in the air...

Minutenlang hallte der Gesang englischer Fußballfans durch das Dortmunder Westfalenstadion, als Deutschland am Abend des 22. März 2017 zum Länderspiel gegen England antrat. Die Melodie mag deutsche Zuschauer an "Von den blauen Bergen kommen wir" erinnert haben. Doch das Lied handelt nicht von Bergen, sondern von Bombern.

Genauer: Es sind zehn deutsche Bomber, die nach und nach von der Royal Air Force abgeschossen werden. Dazu breiteten die englischen Sänger ihre Arme aus wie die Flügel der Hawker Hurricanes, die im Zweiten Weltkrieg Südengland verteidigt haben.

Ende 1940 und Anfang 1941 hatten Görings Bomber ihre tödliche Fracht über London, Coventry und Hull abgeworfen. Auf der Insel stieß der "Blitzkrieg" auf unerwartet heftigen Widerstand. Die von Hitler angedrohte Ausradierung der Städte blieb aus, dennoch starben fast 30.000 Zivilisten. Der "Blitz" wurde ein nationales Trauma, das bis heute in England präsent geblieben ist - zugleich Rohstoff für Scherze eher rustikaler als feinsinniger Natur.

Britischer Humor ist nicht zwingend subtil

Als englische Fans im Stadion das Propagandalied aus Kriegszeiten wieder anstimmten (Video), geriet das Freundschaftsspiel in den Hintergrund. Von einem Eklat schrieb etwa die Ruhrpott-Zeitung "Der Westen": Bei der Liedwahl hätten die englischen Fans so viel Geschmack bewiesen "wie bei der Zusammenstellung eines typischen englischen Frühstücks: nämlich gar keinen".

Das umstrittene Lied hat eigentlich ganz harmlose Wurzeln: Es geht auf das afroamerikanische Spiritual "When The Chariot Comes" zurück und ist in etlichen Varianten bekannt - etwa als "She'll be coming round the mountain" oder in Deutschland als "Von den blauen Bergen kommen wir".

Die "Ten German Bombers"-Fassung war ein Lied des Widerstands gegen Angreifer, die über Großbritannien herfielen. Im März 2017 aber wurde es als besonders anstößig aufgenommen. Wegen des Weltkriegs-Zusammenhangs und vor allem, weil nur wenige Stunden vor Anpfiff ein islamistischer Terrorist in London ein Attentat verübt hatte, wenn auch nicht mit einer Bombe - der Täter hatte vier Menschen totgefahren und einen Polizisten erstochen.

Auf den Krieg gepfiffen

So kurz nach einem Anschlag mit Scherzen über Bomben in Verbindung gebracht zu werden, war Englands Trainer Gareth Southgate peinlich: Er entschuldigte sich öffentlich, die Fans hätten sich nicht "korrekt" verhalten. Während des Krieges war kein Platz für solche Empfindlichkeiten - schon britische Schulkinder trällerten damals den bekannten Propagandasong über die zehn deutschen Bomber.

Ungezählte Anti-Nazi-Lieder gingen damals um. Etwa der Colonel-Bogey-March - jene Melodie, die später durch einen oscarprämierten Kriegsfilm berühmt wurde: In "Die Brücke am Kwai" (1957) pfiffen britische Kriegsgefangene sie beim Einmarsch in ein japanisches Lager. Der Marsch war damals auch in Deutschland ein Top-Hit und wurde 1977 wiederbelebt als Werbesong ("Komm doch mit auf den Underberg").

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Propaganda-Lieder: Don't mention the war

Der Militärmusikkapellmeister Kenneth J. Alford hatte 1914 den Marsch komponiert, dem britische Soldaten im Zweiten Weltkrieg einen neuen, delikaten Text verpassten. Autor soll der anglo-irische Journalist Toby O'Brien gewesen sein. Er arbeitete in einer britischen Propagandakompanie und griff in seinem Spottvers Gerüchte auf, Hitler habe nur einen Hoden:

Hitler has only got one ball
Göring has two but they're small
Himmler has something sim'lar
But poor old Goebbels has no balls at all.

Davis Lean, Regisseur von "Die Brücke am Kwai", schien es 1957 jedoch zu riskant, diesen Text singen zu lassen. Er fürchtete die Zensur, daher durften die Darsteller den Marsch bloß pfeifen - englischsprachige Zuschauer wussten auch so, was gemeint war.

Hitler - am Laternenpfahl erhängt

Viele bekannte Lieder wurden zu Kriegszeiten so umfunktioniert, etwa der deutsche Kriegsschlager "Lili Marleen". In einer eigenwilligen BBC-Version sang eine Frauenstimme mit deutlichem deutschen Akzent:

Fuehrer, I thank and greet you
For you are good and wise
Widows and orphans meet you
With hollow, silent eyes
Hitler, the man of blood and fear
Hang him up from the lantern here
Hang him up from the lantern
Of your Lili Marleen.

Ursprünglich stammte "Lili Marleen" aus der Feder des Hamburger Soldaten Hans Leip. Er hatte die ersten drei Strophen bereits 1915 getextet, vor seiner Abfahrt an die russische Front; die Melodie kam später von Norbert Schultze hinzu. Das Lied drohte ein totaler Flop zu werden, bis es 1939 Lale Andersen aufnahm (Video), einen Monat vor Kriegsbeginn.

Vom Wehrmachtssender Belgrad wurde "Lili Marleen" wieder und wieder gespielt - und dann ein Welthit: Auch die alliierten Soldaten pfiffen es, besonders die Briten waren ganz vernarrt - und sie erklärten die Schnulze praktisch zur Kriegsbeute. Bald gab es mehrere englische Versionen; Marlene Dietrich trat mit dem Laternenlied 1943 auch vor US-Truppen auf.

Die von der BBC gesendete Anti-Nazi-Version wurde eingesungen von Lucie Mannheim. Die jüdische Schauspielerin war in Deutschland einst ein Stummfilmstar und arbeitete unter anderem mit Friedrich Wilhelm Murnau. 1933 emigrierte sie nach London. Mit ihrem Beitrag für den Deutschen Dienst der BBC wollte Mannheim ihre Landsleute zum Widerstand gegen Hitler ermutigen.

In einer anderen, deutschen Version sang sie:

Vielleicht fällst du in Russland, vielleicht in Afrika
Doch irgendwo, da fällst du, so will's dein Führer ja!
Und wenn wir doch uns wiederseh'n,
Oh möge die Laterne steh'n
In einem andern Deutschland. Deine Lili Marleen.

Nach dem Krieg kehrte Mannheim nach Deutschland zurück. Doch das Land hatte sich verändert: "Das von den Rassefanatikern des Dritten Reiches zerschnittene Band zum deutschen Publikum ließ sich nicht mehr knüpfen", schrieb die "Zeit" anlässlich ihres Todes 1976. "Das hat sie geschmerzt. Und so ist sie gestorben, enttäuscht, einsam, fremd im eigenen Land."

Swing im Auftrag von Swing-Hassern

Beide Seiten trieben im Zweiten Weltkrieg erheblichen Aufwand, um die Moral der Feinde musikalisch zu untergraben. Während die Briten erfolgreich den Megahit "Lili Marleen" kaperten, setzte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels unter anderem auf "entartete" Musik, für die Künstler sonst im KZ landeten. So spielten "Charlie and his Orchestra" umgetextete US-Songs - Swing im Auftrag von Swing-Hassern, ausgestrahlt auf dem Deutschen Kurzwellensender.

Dieses Auslandsrundfunkprogramm der Nazis war von 1933 bis 1945 mehrsprachig zu empfangen und sendete Nachrichten über Kriegsrückschläge der Alliierten, Kommentare, Hörspiele wie auch Musik. Es war die große Zeit des Radios, nicht zuletzt als Propagandamedium. Die härteste deutsche Waffe im englischsprachigen Programm war "Lord Haw-Haw", ein britischer Faschist, der mit hämischen Reden Soldaten wie Zivilisten unter seinen Landsleuten entmutigen sollte.

Umgekehrt sendete die BBC ihr deutschsprachiges Programm, das unter der NS-Diktatur offiziell niemand hören durfte. Auf den Empfang von "Feindsendern" standen Zuchthaus und Todesstrafe; Denunziation drohte durch Nachbarn, Blockwarte oder gar die eigenen Kinder - und doch schalteten viele Deutsche ein.

Wettsingen über den Ärmelkanal

Zu einiger Popularität brachte es bei den Alliierten der vom Iren Jimmy Kennedy verfasste Anti-Nazi-Schlager "We're Gonna Hang out the Washing on the Siegfried Line". Darin wird verkündet, man werde in Kürze seine Wäsche an den von den Deutschen "Siegfriedlinie" genannten Verteidigungsstellungen an der Westfront trocknen: "We're going to hang out the washing on the Siegfried Line/ Have you any dirty washing, mother dear?"

Den Spott wollten die Deutschen freilich nicht so hinnehmen und dichteten flugs dagegen:

Ja, mein Junge, das hast du dir gar zu leicht gedacht
mit dem großen Wäschetag am deutschen Rhein
Hast du dir auch deine Hosen tüchtig vollgemacht
Brauchst du gar nicht traurig sein!
Bald seifen wir dich gründlich ein.

Ein anderes britisches Kriegslied über die Deutschen blieb hingegen in der Zensur der BBC hängen. 1943 sang Komiker Noel Coward "Don't Let's be Beastly to the Germans" - Lass uns nicht zu garstig zu den Deutschen sein. Eine bitterböse Abrechnung mit dem Kriegsgegner, die ausgerechnet in der Heimat des schwarzen Humors nicht von jedem verstanden wurde.

Man dürfe nach dem Sieg nicht zu gemein zu den armen Deutschen sein, die von bösen Nazis verführt und ein "bisschen ungezogen zu den Tschechen und Polen und Holländern" waren, trällerte Coward:

Don't let's be beastly to the Germans
When our victory is ultimately won
It was just those nasty Nazis
Who persuaded them to fight
And their Beethoven and Bach
Are really far worse than their bite!

So viel Ironie, so scheint es, mochte man 1943 auch im Vereinigten Königreich dem einfachen Hörer nicht zumuten.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
chico11mbit, 04.09.2017
1. Die verhöhnten Ihre eigene Regierung in WW II auch ordentlich.
So zum Beispiel die sogenannten D-Day Dodgers: https://youtu.be/k-K-_iFBDOM Der Bezug auf einen „D-Day Dodger“ war beißend sarkastisch angesichts der großen Anzahl von alliierten Soldaten, die bei den Kämpfen an der italienischen Front getötet oder verwundet wurden. Die Soldaten in Italien hatten das Gefühl, dass ihre Opfer nach der Invasion der Normandie ignoriert wurden und ein „D-Day Dodger“ jemand sei, der angeblich den Kampf zu vermeiden suchte, indem er in Italien diente. Denn ein „Dodger“ ist ein Drückeberger, während die Wirklichkeit eine ganz andere war. Text zur Melodie von "Lilli Marleen": We're the D-Day Dodgers, way off in Italy Always on the vino, always on the spree; Eighth Army scroungers and their tanks, We live in Rome, among the Yanks. We are the D-Day Dodgers, way out in Italy We landed in Salerno, a holiday with pay, The Jerries brought the bands out to greet us on the way. Showed us the sights and gave us tea, We all sang songs, the beer was free To welcome D-Day Dodgers to sunny Italy. Naples and Casino were taken in our stride, We didn't go to fight there, we went just for the ride. Anzio and Sangro were just names, We only went to look for dames The artful D-Day Dodgers, way out in Italy. Dear Lady Astor, you think you're mighty hot, Standing on the platform, talking tommyrot. You're England's sweetheart and her pride We think your mouth's too bleeding wide. We are the D-Day Dodgers, in sunny Italy. Look around the mountains, in the mud and rain, You'll find the scattered crosses, some that have no name. Heartbreak and toil and suffering gone, The boys beneath them slumber on. They are the D-Day Dodgers who stay in Italy.
Andreas Ulke, 05.09.2017
2. 18. Bild
Die Angabe "John Cleese (links)" finde ich richtig drollig. Ich wäre sonst nie darauf gekommen..
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