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Chronik des 1. September 1939 "Steh auf! Der Krieg hat angefangen!"

Chronik des 1. September 1939: "Steh auf! Der Krieg hat angefangen!" Fotos

Mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen begann vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. einestages hat die ersten Stunden anhand von Tagebüchern und Erinnerungen rekonstruiert. Von

Wielun, 4 Uhr 40: Das Geräusch würde Eugeniusz Kolodziejczyk sein Leben lang verfolgen. Das Geräusch von Flugzeugen. Von Kampfbombern über seiner Heimatstadt im Süden Polens.

"Flugzeuge, Papa, Flugzeuge!" ruft der 13-Jährige aufgeregt seinem Vater zu, mit dem er zu dieser frühen Stunde auf einen Zug wartet. Dann fallen die ersten Bomben. Häuser zerbersten, ein Krankenhaus geht in Flammen auf. Neben Kolodziejczyk liegt ein Mädchen mit blutverschmiertem Gesicht leblos auf der kalten Straße. Der Zweite Weltkrieg hat begonnen. Noch am selben Tag werden fast 1,5 Millionen Soldaten die Grenze Polens überschreiten, angeführt von etwa 1500 Panzern.

Danziger Bucht, 4.45 Uhr: Etwa zur selben Zeit (bis heute ist umstritten, ob der Krieg hier oder in Wielun begann) springt Geschützführer Hermann Gerdau aus seiner Hängematte auf der "Schleswig-Holstein". Das Schiff, das offiziell zu einem Freundschaftsbesuch in der Bucht kreuzte, hatte sich zuvor unbemerkt der Halbinsel Westerplatte genähert. Dort befindet sich ein polnisches Munitionslager. Gerdau ist einer der Ersten, der vom Schiff auf die Westerplatte feuert. "Wir waren so nah dran, wir konnten gar nicht vorbeischießen."

Warschau, 6 Uhr: Der junge Pianist Wladyslaw Szpilman wird von fernen Explosionen aus dem Schlaf gerissen. Sicher nur wieder eine dieser Militärübungen, beruhigt er sich. Er liest ein Buch, um sich abzulenken. Zwei Stunden später steht seine Mutter in seinem Zimmer - eine Szene, die sich in seine Erinnerung einbrennt:

Wladyslaw Szpilman Zur Großansicht
imago

Wladyslaw Szpilman

Sie machte den Mund auf, doch beim ersten Wort versagte ihr die Stimme, so dass sie sich räuspern musste. Erst dann sagte sie hastig und nervös: "Steh auf! Krieg … er hat angefangen."

Berlin, 8.15 Uhr: US-Auslandskorrespondent William Shirer macht sich auf den Weg ins Funkhaus, empört über diesen "flagranten, unentschuldbaren" Akt deutscher Aggression. In sein Tagebuch notiert er:

Ein grauer Morgen mit tiefhängenden Wolken. Die Leute waren apathisch, als ich zu meiner ersten Sendung (…) fuhr. Gegenüber vom [Hotel] Adlon bauten die Arbeiter der Frühschicht am neuen IG-Farben-Gebäude weiter, als wäre nichts geschehen. Keiner der Männer kaufte die Extra-Ausgaben, die die Zeitungsjungen ausriefen.

Prominente Zeitzeugen erinnern sich an den 1. September 1939

Klaus Mann, damals 32 Jahre, in New York
Die letzten zwölf Stunden - von gestern Abend, als ich auf den Hollywood-Boulevard die Zeitungen mit der Riesenüberschrift "WAR!" gekauft habe bis jetzt (…) - sie scheinen fast wie geträumt … Nachts, um 1 Uhr, die Hitler Rede aus Berlin. Matter, schäbiger, elender noch, als zu erwarten war … The unsucccessful crook [Dieser erfolglose Ganove - Red]. This is his end … Angst. Hoffnung. Beben. Äußerste Spannung. Immer am Radio. Oft den Tränen nah. Sorgen um E[rika - seine Schwester, - Red] und die Eltern - den nach Schweden Verschlagenen. Ungewiss auch wegen der eigenen Pläne …
Tagebuch-Auszug

Marcel Reich-Ranicki, damals 19 Jahre, in Warschau
"Die Nachrichten vom deutschen Überfall auf Polen haben wir, so unwahrscheinlich dies auch anmuten mag, mit Erleichterung, mit befreitem Aufatmen zur Kenntnis genommen.
Und als am 3. September Frankreich und Großbritannien Deutschland den Krieg erklärten, konnte sich das Volk vor lauter Glück kaum beherrschen: Die Stimmung war - und nicht nur in Warschau - enthusiastisch. Ich schickte meiner Schwester, die zusammen mit ihrem Mann seit wenigen Wochen in London lebte, gleich eine Postkarte: Es werde gewiss nicht leicht, ja vielleicht schrecklich werden, aber wir seien guten Mutes, denn an der Niederlage Deutschlands hätten wir nicht den geringsten Zweifel. Die Postkarte ist nie angekommen.
Ob das nun für oder gegen mich spricht: Des Sieges der Alliierten war ich den ganzen Krieg über sicher, da gab es keinen Augenblick der Ungewissheit. (…) Woher nahm ich diese Sicherheit? Daran war wohl das preußische Gymnasium schuld, das mir immer wieder, auch im Deutschunterricht, beigebracht hatte, dass in der Geschichte der Menschheit letztlich stets die gerechte Sache triumphierte."
Zitiert aus: "Mein Leben".

Schriftsteller Günter de Bruyn, damals 12 Jahre, in Berlin
"Die Nachricht vom Kriegsbeginn, die meine Mutter beim Verlassen des Reformhauses aus dem Munde einer Frau Knautschke hörte, löste in ihr verschiedenartige Reaktionen aus. Sie sagte zu mir, während sie mich heftig umarmte: Gottseidank bist du noch klein; du wenigstens bleibst mir erhalten; dann aber ließ sie mich stehen und lief in den Laden zurück, um neben größeren Mengen von Heilerde, die meines Vaters Magen kurieren sollte, noch so viel Ess- und Trinkbares wie möglich zu kaufen. Es ist ja kein Hamstern, sagte sie auf dem Heimweg, wenn man für seine Familie sorgt! (...)
Ich hatte genug vom Kriege gehört, um die Tragweite der Nachricht begreifen zu können, blieb aber unberührt. Ich wartete darauf, dass die Angst meiner Mutter auch mich erreichte, und wunderte mich darüber, dass gar nichts verändert war. In Polen wurde zerstört und getötet, hier aber kreischte die Straßenbahn wie eh und je in der Kurve; vor Wentorffs Trinkhalle zeichneten Mädchen mit Kreide Hopsefelder aufs Pflaster. (...) Niemand jubelte oder schwenkte Fahnen, niemand ließ Zorn oder Verzweiflung sichtbar werden. Der Krieg, der im Radio stattfand, schien unser Alltagsleben nicht zu berühren."
Zitiert aus: "Zwischenbilanz - meine Jugend in Berlin".

Ernst Jünger, damals 44 Jahre, in Celle
"Am Morgen beim Frühstück fragte mich der Kellner mit bedeutsamem Gesicht, ob ich die Tagesnachrichten gehört hätte. Danach sind wir in Polen einmarschiert. Tagsüber nahm ich im Hin und Her der Geschäfte die weiteren Neuigkeiten auf, die den Ausbruch des Krieges (…) bestätigten. Am Abend knappe Meldungen, Verfügungen, Verdunkelung der Stadt. Um zehn Uhr ging ich an die Schlossbrücke, zu einer Verabredung. Die alte Heidestadt war finster, und die Menschen bewegten sich wie Zauberwesen in einem Minimum an Licht. Das Schloss erhob sich, von einem matten blauen Schimmer überrieselt wie der alte Palast in einer Märchenstadt. Wie schwerelose Tänzer glitten Menschen auf Rädern durch die Dunkelheit. (…) Ich kam an einer Bank vorbei, auf der zwei alte Damen saßen; die eine sagte: "Du musst bedenken, dass bei dem allen auch Fügung ist." Dann im Café. Man tritt in Licht, Musik und Gläserklirren wie in geheime Feste und Albenhöhlen ein. Dazu dann wieder Rundfunkstimmen, die Bombenwürfe melden und den Menschen drohen."
Tagebuch-Auszug

Helmut Schmidt, damals 20 Jahre, Wehrdienstleistender
"Ich habe nicht geahnt, dass der polnische Überfall nur vorgetäuscht war. Ich glaubte tatsächlich, die Polen hätten den Sender Gleiwitz überfallen, weshalb wir Deutschen uns jetzt wehren müssten. (...)
Den Ausbruch des Krieges haben wir wie ein Naturereignis hingenommen. Erst der Frankreich-Feldzug, gut ein halbes Jahr später, und die schnelle Niederschlagung des Nachbarlandes, das uns doch zwanzig Jahre zuvor gerade erst besiegt hatte, hat viele meiner Altersgenossen zu der Frage geführt, ob nicht vielleicht doch etwas Richtiges an dem sei, was der Führer machte. Dass es 1918 nicht die Franzosen allein gewesen waren, die uns besiegt hatten, sondern dass am Ende fast die ganze Welt gegen Deutschland gekämpft hatte, dazu reichten bei manchem der jungen Soldaten die Geschichtskenntnisse kaum aus. Dagegen kannte ich Geschichte und Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges recht gut; deshalb ahnte ich, dass es abermals zu einer Weltkoalition gegen Deutschland kommen würde."
Zitiert aus: "Kindheit und Jugend unter Hitler".

Richard von Weizsäcker, damals 19, beim Potsdamer Infanterie-Regiment 9
"Ende August 1939 kam es zur allgemeinen Mobilmachung. (…) Als einfache Soldaten konnten wir die Hintergründe der politischen Entwicklung unmittelbar vor Kriegsausbruch nicht durchschauen. (…) Die deutschen Zeitungen waren voll von Berichten polnischer Provokationen und Übergriffe gegen die deutschen Minderheiten. Wer wusste, ob die Berichte stimmten? Geglaubt wurde das meiste. Nachts marschierten wir aus den Kasernen zum Verladebahnhof. Einige Angehörige und Passanten standen am Straßenrand, hörbar stumm und sorgenvoll. Welch ein Kontrast zur Begeisterung, mit der die Bevölkerung ihre Truppen in den Ersten Weltkrieg begleitet hatte!
Am frühen Morgen des 1. September überschritten wir die polnische Grenze. Tags darauf kam es gegen Abend zum ersten Gefecht mit polnischen Truppen, am Bahndamm von Klonowo in der Tucheler Heide. Als erster der Offiziere des Regiments fiel Heinrich, einige hundert Meter von mir entfernt. In der Nacht wachte ich bei ihm, dem heißgeliebten Bruder, bis wir ihn morgens zusammen mit den anderen Gefallenen am Waldrand begruben. Dann mussten wir weiterziehen."
Zitiert aus: "Vier Zeiten - Erinnerungen".

Helmut Kohl, damals 9 Jahre, in Ludwigshafen
"Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg (…) begann, war ich neun Jahre alt. Mit diesem Datum endete abrupt meine bis dahin ungetrübte Kindheit in Ludwigshafen.
Den Tag des Kriegsausbruchs habe ich noch konkret in Erinnerung: In der Nacht zuvor wurde mein Vater, obwohl er die Fünfzig bereits erreicht hatte, als erfahrener Frontoffizier des Ersten Weltkriegs eingezogen, um am Polenfeldzug teilzunehmen. Es herrschte große Aufregung. Ich stand mit meiner Mutter und meinem vier Jahre älteren Bruder an der Auffahrtsrampe zur Rheinbrücke von Ludwigshafen nach Mannheim.
Die Erwachsenen waren sehr ernst. Viele Frauen weinten. Auf der Rheinbrücke zogen die ersten Flüchtlinge des Zweiten Weltkriegs vorbei: Bauern aus südpfälzischen Dörfern, die aus der "roten Zone" am Westwall, dem bedrohten Gebiet hinter den vielgerühmten Festungswerken Hitlers entlang der deutsch-französischen Grenze, evakuiert wurden und nun mitsamt der spärlichen Habe, die sie mitführen durften, zu Sammelstellen fuhren. Kühe zogen die ärmlichen Fuhrwerke."
Zitiert aus: "Erinnerungen 1930 - 1982".

Breslau, 8.30 Uhr: Der jüdische Handelsvertreter und Schriftsteller Walter Tausk liest einen Runderlass der Polizei, den ihm seine Hausmeisterin zeigt. "Alles fertigmachen für plötzliche Verdunkelung und gegen Flieger-Angriffe", steht da drauf. Schon vorher hatte Tausk gespürt, dass sich Schlimmes anbahnt. In sein Tagebuch notiert er am 1. September:

Keinerlei Zweifel, dass es losgeht. Das gesamte Jüdische Krankenhaus, bis auf die Gynäkologie, Siechenhaus und Altersheim, ist Knall und Fall evakuiert worden, um dreihundertachtzig Betten freizumachen. Hat man schon in der vergangenen Woche in anderen hiesigen Krankenhäusern rigoros gewirtschaftet, hier machte Gestapo und Militär eine 'negative Ausnahme', das heißt: Sie überboten sich in der Unmenschlichkeit. (…) Man evakuierte Frischoperierte, zum Beispiel Blinddärme, die kaum transportfähig waren. Man warf alte Leute, über achtzig, mit Sack und Pack raus und brachte sie bei den Siechen mit unter: alles wahllos durcheinandergemengt, hierzu kamen Irre und Halbirre.

Warschau, etwa zur selben Zeit: Wladyslaw Szpilman macht sich auf den Weg zum Rundfunk, wo er regelmäßig als Pianist auftritt. Er hastet vorbei an den Häuserwänden und Litfaßsäulen, die schon voll gepflastert sind mit der Botschaft des polnischen Präsidenten, der seine Landsleute über den Krieg in Kenntnis setzt. Aufmerksam beobachtet Szpilman einen älteren Mann vor einer der Säulen:

Seine Erregung zeigte sich in hochroten Flecken, die ihm Gesicht und Hals überzogen. (…) Er las, schüttelte ungläubig den Kopf und las wieder, wobei er sich den Kneifer tiefer auf die Nase drückte. Etliche Worte las er laut, empört: "Sie haben uns überfallen… ohne Vorwarnung…" Er blickte zu den Nachbarn, was die wohl sagen würden, rückte seinen Kneifer zurecht und rief laut: "Aber das ist doch unanständig!"

Kurz danach schrillt eine Sirene durch die Lautsprecher der Stadt, die provisorisch an Laternenpfähle gebunden oder in Fensterläden gestellt worden sind. "Wir rufen Alarm über der Stadt Warschau aus", brüllt der Rundfunksprecher, "Achtung!" Die Straßen leeren sich abrupt. Szpilman:

Die Frauen eilten verschreckt zu den Schutzräumen. Die Männer wollten nicht hinunter. Sie standen in den Hauseingängen, fluchten auf die Deutschen, trugen ihren Mut zur Schau und machten ihrem Ärger über die Regierung Luft, dass die Mobilmachung so ungeschickt durchgeführt wurde.

Berlin, 10 Uhr: Auch in Deutschland warten die Menschen auf eine Erklärung, die Hitler für 10 Uhr im Reichstag angekündigt hat. Gebannt versammeln sich Millionen vor den Radiogeräten.

Die Rede beginnt mit einer dreisten Lüge. Am Abend des 31. August hatte eine Gruppe SS-Männer, die sich als polnische Aufständische tarnten, den deutschen Sender Gleiwitz besetzt, um Hitler einen Vorwand für den Krieg zu liefern. Zynisch behauptet Hitler nun, Polen habe angegriffen und ruft unter Beifall die später berühmten Sätze: "Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten!"

Die propagandistische Schmierenkomödie wird von vielen geglaubt, die Ansprache kommt an. Sanitätsoffizier Wilhelm Mauss notiert in sein Tagebuch:

Ich erspare es mir, im Einzelnen hier auf die Rede einzugehen. Sie wird, wie ich glaube, einst historische Bedeutung erlangen und der Ansprache Friedrich des Großen an seine Generale gleichzustellen sein.

Radiokorrespondent Shirer überträgt live in die USA. Er hat einen anderen Eindruck von Hitler:

Irgendwie klang er wenig überzeugend, und es gab auch viel weniger Hochrufe im Reichstag als bei früheren, weniger wichtigen Gelegenheiten.

Bremen, 10 Uhr: Auch der 18-jährige Werner Mork hört in seiner Firma die Rede. Er ist empört, dass seine Kollegen anschließend nicht in Jubel ausbrechen. Hätte man nicht wenigstens gemeinsam die Nationalhymne singen können? Kurzerhand beschloss er, eigenmächtig ein Zeichen zu setzen, für das er sich nach dem Krieg als überzeugter Pazifist schämen würde:

Ich ging auf den Boden, wo sich die beiden Fahnenstangen befanden, an denen die Nationalfahnen befestigt waren und schob diese mit eigener Kraft aus den Bodenluken heraus, und lustig flatterten nun die Fahnen "Schwarz-weiß-rot" und die "Hakenkreuzfahne" im Morgenwind des 1. September 1939 herunter auf die Katharinenstraße in Bremen.

Frankfurt, 10.20 Uhr: Die Schriftstellerin Emilie Braach empfindet eine "grauenhafte Unruhe". Nach den Gesetzen der Nazis ist sie jüdischer Mischling ersten Grades. Ihr Mann, ein Redakteur, ist zur Arbeit in Oppenheim, die Geschwister in den USA und Bolivien, die Tochter nach London geflohen. Braach bleibt nichts, als ihre Angst in Briefen auszudrücken, die sie aber nicht abzuschicken wagt:

Ich habe gerade die Nachrichten gehört. Es wurde unter anderem gesagt, dass das "Abhören ausländischer Sender von jetzt an verboten ist". Ob das in anderen Ländern auch so ist? Ich kann es mir nicht vorstellen. Aber solche Gedanken darf man nicht laut aussprechen. Das allein würde genügen, um einen spurlos verschwinden zu lassen. Überhaupt muss man sich beim Reden mit anderen Leuten sehr in Acht nehmen.

Danzig, nachmittags: Es ist Krieg, doch Heinz-Günther Wensurski macht sich auf den Weg zum Angeln. Am Heveliusplatz feuert die deutsche Artillerie auf das Postamt, das seit den frühen Morgenstunden von rund 50 polnischen Beamten hartnäckig verteidigt wird. Wensurski wird von einem Granatsplitter am Kopf getroffen und schwer verletzt, wie er nach dem Krieg der "Bild" erzählt.

Berlin, 19 Uhr: Die Hauptstadt erlebt ihren ersten Fliegeralarm. Die Jüdin Inge Deutschkron fragt sich, ob die NS-Regierung ihn nur fingiert hat, um die Menschen in Angst vor dem Feind zu einen. Sie erinnert sie sich an die Minuten im Schutzraum:

Die Leute saßen artig auf ihren Plätzen, horchten in die Stille hinaus und spekulierten in flüsternden Gesprächen, was es wohl mit diesem Alarm auf sich habe. Draußen war es unheimlich still. Der Luftschutzwart in seiner neuen grauen Uniform kontrollierte anhand seiner Liste, wer von den Hausbewohnern anwesend war und tat sich wichtig (…). Uns Juden wies er eine Ecke im Keller an, in der wir schweigend saßen und unsere "arischen" Hausgenossen nicht anzusehen wagten. Als er nach etwa 30 Minuten völliger Stille Entwarnung gab, warteten wir "respektvoll", bis die "Arier" den Keller verlassen hatten.

Auch Sanitätsoffizier Mauss flüchtet in einen Schutzraum, beeindruckt, wie schnell sich die Straßen leerten. Danach notiert er:

Die Stimmung ist allgemein ernst, doch zuversichtlich, das Vertrauen zum Führer lässt jeden die Gewissheit haben, dass wir siegen werden.

Danzig, 19 Uhr: Das Postamt ist völlig zerschossen. In den Stunden zuvor war ein Loch in die Fassade gesprengt, Benzin in den Keller gepumpt und entzündet worden. Nun ergeben sich die überlebenden Verteidiger. Die ersten beiden werden trotz mitgebrachter weißer Flagge sofort erschossen, die übrigen in den nächsten Tagen hingerichtet.

Berlin, am Abend: Alle Fenster der Hauptstadt sind mit Pappe abgeklebt. Zum ersten Mal ist die Metropole wegen der angeordneten Verdunkelung in Finsternis getaucht. Die spätere Schriftstellerin Deutschkron blickt zurück:

Gesetzestreue Bürger brüllten Drohungen zu allen jenen hinauf, aus deren Fenster ein Lichtstrahl drang. Hunderte von Berlinern machten sich auf, um Berlin ohne die bekannten Leuchtreklamen zu sehen - etwa das regelmäßig aufflammende Sarotti-Mohrchen und den ins Glas perlenden Deinhard-Sekt. Was für ein Bild! An jenem Abend war es noch Sensation. Der Mond und die Sterne beherrschten die nächtliche Szene. Die Gedächtniskirche, das hässliche Wahrzeichen des Berliner Westens aus jenen Tagen, wirkte fast schön; das Mondlicht stilisierte es zur Silhouette.

KZ-Sachsenhausen, 22 Uhr: Rudolf Höß, Adjutant des Lagerführers Sachsenhausen und späterer Kommandant von Auschwitz, führt die erste Exekution des Krieges durch. Am Morgen hatte Theodor Eicke, Inspektor der Konzentrationslager, eine stramme Rede gehalten und unbeugsames Vorgehen gegen die Häftlinge gefordert. Jetzt trifft es einen Kommunisten, der sich offenbar geweigert hatte, an einem Fliegerunterstand mitzuarbeiten. Höß schildert nach dem Krieg, wie er in einer Sandgrube einen Pfahl eingraben ließ, an den sich der Verurteilte stellen musste:

Ich führte ihn hin. Ruhig stellte er sich bereit. Ich trat zurück und gab den Feuerbefehl - er sank in sich zusammen und ich gab ihm den Fangschuss.

Berlin, 2. September, 1.30 Uhr: Reporter Shirer hat seine letzte Radiosendung beendet und taumelt durch die pechschwarze Stadt. Als er nach langer Zeit endlich ein einsames Taxi sieht, drängelt sich ein anderer Passant vor. Shirer notiert:

Schließlich teilten wir uns den Wagen, er betrunken, der Fahrer gleichfalls, und beide die Dunkelheit und den Krieg verfluchend.

Dieser Krieg war zu diesem Zeitpunkt nicht einmal einen Tag alt. Erst 2073 lange Tage später würde Europa wieder zur Ruhe kommen.

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1. Danke
Mathias Völlinger, 01.09.2014
Ist momentan wirklich beklemmend, dass die Weltpolitik irgendwie "passend" ind Gedenkjahr fällt. Wobei die aktuelle Situation eher der vor dem Ersten Weltkrieg "entspricht", Ukraine... Nur Deutschland ist diesmal wohl auf der "richtigen Seite"...
2. die polnische Kavallerie
Paavo Bergmann, 01.09.2014
Immer wieder hört oder liest man die Geschichte, oft untermalt von Bildern aus Vorkriegsmanövern wie hier, von der lächerlich unterlegenen polnischen Kavallerie, und stellt sich vor wie Reiter mit Säbeln Panzerkolonnen attackieren wie ein blutiger Sancho Pansa. Leider handelt es sich dabei um reine Nazi-Propaganda: In der polnischen Kavallerie waren mechanisierte Infanterie-Einheiten inklusive, weniger, damals moderner Pazerwägen zusammengefasst, die Kavallerie stellte somit fast den beweglichsten und schlagkräftigsten Teil der polnischen Armee, der den deutschen Invasoren in den ersten Kriegstagen immer wieder überraschend und unerwartet empfindliche Probleme bereitete. Aus diesem Grund wurden die Berichte über die polnischen Gegenangriffe propagandistisch bewusst ins Lächerliche gezogen, was die tapferen Polen aus heutiger Sicht nicht verdient haben.
3. Mobilmachung
Dirk Muysers, 01.09.2014
Ich lag, sechs Jahre alt im Bett auf Besuch bei einer meiner Tanten. Durch ein ungewöhnliches Straßengeräusch aufgewacht, ging ich ans Fenster und sah hunderte von Männern mit spärlichem Gepäck die Bahnhofsstrasse hinaufgehen. Junge, es gibt Krieg mit Polen sagte meine Tante.
4. Nur Geschichte?
Michael Fabis, 01.09.2014
Provokationen, Lügen, gestellte Fakten. Hitler hat die perfektioniert. Ich habe den Eindruck ich erlebe ein Deja-vu wenn ich Richtung Russland schaue. Der Vergleich Putin-Hitler vom Finanzminister Schäuble war nicht völlig daneben. Hätten die Engländer, Amerikaner und Polen den Hitler an einem Verhandlingtisch zu Kompromissen zwingen können? Eher nicht. Und so lässt auch Putin mit sich nicht verhandeln bis er genau das erreicht, was er sich vorgenommen hat.
5. Nur mal so gefragt ...
Frank Rieger, 01.09.2014
"Postbeamte mit militärischer Ausbildung" - das bedeutet aber doch, das diese polnischen Verteidiger keine regulären polnischen Truppen waren, sondern "Irreguläre" oder "Partisanen", die bis heute nicht unter die Regelung des Völker- und Kriegsrechts fallen, oder sehe ich das jetzt prinzipiell falsch?? Sogar das letzte deutsche Aufgebot, der "Volkssturm" anno 1945 hatte ja wenigstens eine Armbinde "Volkssturm" um, da sie bei Gefangennahme als reguläre Kombattanten erkannt werden sollten ...
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