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Zweiter Weltkrieg Das Geheimnis von U-869

Zweiter Weltkrieg: Das Geheimnis von U-869 Fotos
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Vor New Jersey fanden Taucher 1991 ein Wrack, das dort nie hätte liegen dürfen: Die Überreste eines deutschen U-Bootes aus dem Zweiten Weltkrieg. Wie war es dorthin gelangt? Und warum war es gesunken? Die Lösung des Rätsels dauerte sechs Jahre - und kostete drei Menschen das Leben. Von

Als im Herbst 1991 die Wellen des Atlantiks über John Chatterton zusammenbrechen, hat er beim Abstieg in die Tiefe noch keine Ahnung, was ihn auf dem Meeresgrund erwartet. Ein Haufen Felsen, ein versenkter Müllkahn, wie es sie unweit der Küste New Jerseys häufiger gibt? Bill Nagle, der Kapitän des Tauchbootes "Seeker", hatte Tage zuvor in einer Hafenkneipe in dem kleinen Örtchen Brielle von Fischern die Koordinaten einer Stelle erfahren, an der sich erstaunlich große Fischschwärme ansammeln - ein sicherer Hinweis darauf, dass am Grund etwas liegen muss.

Schemenhaft verdichten sich vor Chattertons Maske in 70 Metern Tiefe Umrisse zu einem zigarrenförmigen Körper. Dort angekommen, gleitet der erfahrene Wracktaucher langsam an der Bordwand entlang, bis er auf eine Luke stößt, die seine letzten Zweifel beseitigt: Vor ihm liegt das Wrack eines gesunkenen U-Bootes. Chatterton ist historisch interessiert und belesen, er weiß, dass in diesem Teil des Ozeans kein U-Boot gesunken ist. Es kann hier keine U-Boote geben. Dennoch ist es da, liegt unverkennbar vor ihm. Für Wracktaucher ist so eine Entdeckung gleichbedeutend mit dem Auffinden des Heiligen Grals, von etwas Rätselhaftem, geradezu Mystischem. Und es ist nicht irgendein Boot, das dort auf dem Meeresgrund ruht: Es ist ein deutsches U-Boot, einer von Hitlers Grauen Wölfen, die im Zweiten Weltkrieg vor Amerikas Ostküste Angst und Schrecken verbreitet haben.

Im Januar 1942 begann Nazi-Deutschland mit der Operation "Paukenschlag" einen direkten Angriff auf Amerikas Schifffahrtsrouten. Fünf Langstreckenboote vom Typ IX operierten mit erfahrenen Kommandanten vor der Ostküste der USA und fügten der vollkommen überforderten amerikanischen Führung schwere Schläge zu, indem sie in gut drei Wochen 23 Schiffe mit über 150.000 Bruttoregistertonnen versenkten. Bis 1945 folgten noch mehrere Angriffswellen, auf die sich die USA in der Folge jedoch immer besser einstellten: Aus den ehemaligen Jägern wurden Gejagte. Sollte "U-Who", wie das unbekannte Wrack in Taucherkreisen bald getauft wird, zu diesen Gejagten gehören? Und wenn ja - warum findet sich in sämtlichen Unterlagen kein Hinweis auf ein U-Boot, das im Umkreis von 150 Meilen untergegangen ist?

Das Geheimnis des Grauen Wolfs

Zu der Tauchergruppe, die das Rätsel um U-Who lösen will, stößt einige Monate später Richard Kohler. Er besetzt an Bord der "Seeker" den Platz von Steve Feldmann, der bei einem Tauchgang das Bewusstsein verlor, abtrieb und ums Leben kam. Kaum ein Taucher scheint prädestinierter, um das Geheimnis des mysteriösen Wracks zu lüften: Kohler ist ein ebenso erfahrener wie wilder Taucher, ein Dauergast an dem 1956 gesunkenen italienischen Luxusliner "Andrea Doria". Außerdem hat er schon als Kind jedes Buch, das sich mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigte, verschlungen. Jetzt, mit 29 Jahren, scheint er in dem unbekannten Wrack seine Bestimmung gefunden zu haben.

Wie schwer kann es schon sein, das Wrack zu identifizieren? Bei ihren Tauchgängen finden Kohler und Chatterton im Inneren des U-Bootes Messer, Gabeln und Teller, an deren Rückseite das Hakenkreuz prangt, außerdem schematische Darstellungen technischer Details - aber kein Hinweis für die Identifikation. Keine Kennung am Turm, keine Schilder mit der U-Boot-Nummer, kein Tagebuch des Kommandanten. Nur die Überreste der Toten liegen noch im stählernen Bauch begraben, verstreute Gebeine von 56 Seeleuten.

Im November 1991 findet Chatterton dann ein Artefakt, das die Taucher auf eine neue Spur führt: Auf dem hölzernen Griff eines Küchenmessers ist per Hand "Horenburg" eingeritzt. Der Name eines Besatzungsmitgliedes? Nachforschungen bei dem Leiter des Cuxhavener U-Boot-Museums und ehemaligem Wachoffizier von U-288, Horst Bredow, führen schnell zur Ernüchterung: Der einzige deutsche U-Boot-Fahrer mit dem Namen Horenburg diente als Funkmeister auf U-869, einem Boot, das am 28. Februar 1945 zwischen Gibraltar und dem marokkanischen Rabat versenkt wurde. So zeigen es die offiziellen Kriegsaufzeichnungen, die Bredow in seinem Besitz hat. Bredow ist sich sicher, U-869 ist nicht "U-Who". Eine mögliche Erklärung: Das Messer könnte auf das unbekannte Boot gelangt sein, als es neben U-869 in einer Werft lag.

Tödlicher Tauchgang

Wenn es für die Taucher schon im Sommer aufgrund der Wetterbedingungen oft nicht möglich war, das im offenen Atlantik liegende Wrack anzusteuern, ging im Winter gar nichts. Sie verbringen viel Zeit in Archiven, lesen alles über deutsche U-Boote und fiebern der nächsten Tauchsaison entgegen. Bei der zweiten Ausfahrt 1992 ist auch ein aus Vater und Sohn bestehendes Team an Bord, Chris und Chrissy Rouse. Während Chatterton schon seit Beginn des Jahres mit einem "Trimix" genannten Gemisch taucht, bei dem der Sauerstoff- und Stickstoffanteil reduziert und mit Helium vermischt wird, um den Tiefenrausch besser in den Griff zu bekommen, verzichten die Rouses aus Kostengründen darauf - ein verhängnisvoller Fehler.

Während Chrissy im Inneren des U-Bootes nach Artefakten gräbt, stürzt ein Schrank um und klemmt ihn ein. Erfasst vom Tiefenrausch beginnt er zu halluzinieren, bis der Vater ihn befreien kann. Was folgt, ist eine Verkettung tragischer Umstände: Die Beiden finden die auf dem Deck des Wracks abgelegten Zusatzflaschen nicht, ein Atemregler ist undicht, und so schießen die Taucher an die Oberfläche, ohne die notwendigen Dekompressionsstopps einzuhalten. Der Vater verstirbt noch vor Ort, Chrissy kurze Zeit später im Krankenhaus.

Die Bilanz nach einem Jahr fällt im Herbst 1992 verheerend aus: Drei Menschen waren bei den Tauchgängen ums Leben gekommen, von einer Identifizierung des U-Bootes war man weit entfernt. Die einzig greifbare Spur: eine Plakette mit der Aufschrift "Deschimag Bremen" und "Typ IX C", Chatterton hatte sie im Maschinenraum gefunden.

Der entscheidende Fund

In den Folgejahren steuern die Taucher im Sommer das Wrack an, wann immer es ihnen möglich ist. Die Winter verbringen sie in Archiven, doch sie finden keinen Ansatz. Der einzige Raum, den sie in dem U-Boot noch nicht erkundet haben, ist der für die Elektromotoren. Auf Ersatzteilkisten, so erzählen es Experten, sei oftmals die Kennung des Bootes angebracht. Aber der Durchgang dorthin ist wegen eines von der Decke hängenden Öltanks so schmal, dass man ihn mit regulärer Taucherausrüstung nicht passieren kann. Chattertons wagemutiger Plan: Er will seine Ausrüstung direkt vor dem Durchgang ablegen, diese vor sich her schieben und dann, im Elektromaschinenraum, wieder anziehen.

Am Abend des 30. August 1997 legt die "Seeker" ab. Kohler und Chatterton tauchen in das Wrack hinein, passieren die Luke zu den Dieselmotoren und setzen ihren Plan in die Tat um. Jetzt ist Chatterton ganz auf sich alleine gestellt: Der Taucher nähert sich dem kleinsten der Kästchen und kann es mit Hammer und Brecheisen von seinen Verkrustungen lösen. Sein Atemgasvorrat reicht noch für drei Minuten, dann muss er Kohler und die bei ihm deponierten Tauchflaschen wieder erreicht haben. In einer Wolke aus Rostpartikeln löst sich die Kiste, Chatterton schießt dem Ausgang entgegen, hin zur rettenden Gasreserve.

An Bord der "Seeker" wird das Fundstück vom Schlamm befreit, eine kleine Plakette erscheint, und die Taucher machen Freudensprünge: Es ist der größte Tag in ihrem Leben, der Tag, an dem sie U-Who einen Namen geben können: U-869, das Boot, das angeblich südwestlich von Gibraltar versenkt worden sein soll.

Des Rätsels Lösung

Am 29. Dezember 1944 erreichte Kapitänleutnant Helmut Neuerburg ein Funkspruch von Admiral Karl Dönitz, dem Befehlshaber der U-Boot-Flotte. Das Boot wird in Planquadrat CA53 beorderte, rund 110 Seemeilen südöstlich von New York - die erste Feindfahrt für U-869. Als Neuerburg mit seiner Besatzung den mittleren Atlantik erreicht hatte, funkte Dönitz einen neuen Befehl: Das Boot sollte nun das Seegebiet um Gibraltar ansteuern. Ob durch einen technischen Schaden oder aufgrund von atmosphärischen Störungen - dieser Befehl erreichte U-869 nie. Während die deutsche Seekriegsführung das Boot bei Gibraltar wähnte, steuerte Neuerburg weiter ostwärts. Der US-Marinenachrichtendienst hielt in geheimen Unterlagen fest: "Ein deutsches U-Boot ... hält Kurs auf das Seegebiet um New York. Allerdings ist seine gegenwärtige Position ungewiss, und der Befehlshaber der U-Boote geht davon aus, dass es Kurs auf Gibraltar genommen hat."

Als vor der nordwestafrikanischen Küste der Zerstörer "Fowler" und das Küstenwachschiff "L'Indiscret" den Angriff und die "wahrscheinliche Versenkung" eines U-Bootes melden, scheint für die Kriegstagebücher der Fall klar: U-869 liegt vor Nordafrika. In Wirklichkeit lauert es in dem ursprünglich zugewiesenen Seegebiet, in dem die Taucher das Wrack später entdecken.

Doch wodurch wurde U-869 versenkt, das selbst kein einziges Schiff torpedierte? Die plausibelste Erklärung ist ein Kreisläufer, ein akustischer Torpedo, der auf die Schraubengeräusche eines feindlichen Schiffes reagiert. Wie Veteranen berichten, visierten diese Torpedos oft das eigene Schiff an und liefen dann nur knapp daran vorbei - wahrscheinlich wurde U-869 der eigene Torpedo zum Verhängnis. Eine neue Theorie kam 2005 auf: Das amerikanische Kriegsschiff "Crow" warf am 11. Februar 1945 nach Sonarkontakt Wasserbomben auf ein vermeintliches U-Boot, lediglich viereinhalb Meilen von der Auffindungsposition von U-869 entfernt.

Ob Wasserbombe oder Kreisläufer - die Geschichte bewegt offenbar auch Hollywood: Laut Chatterton plant der Studiogigant Fox, sie mit dem Regisseur Peter Weir ("Der letzte Zeuge", "Der Club der toten Dichter", "Die Truman Show") auf die Leinwand zu bringen.

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insgesamt 5 Beiträge
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1.
Christof Hellmis, 20.03.2009
Die Geschichte um U-869 und seine Wiederentdecker um John Chatterton ist faszinierend. Ein exzellentes Buch dazu heisst "Shadow Divers" von Robert Kurson. Es gibt eine deutsche Übersetzung. Beim lesen gefrieren einem die Adern ob des Risikos, welches die "Wreck Diver" eingegangen sind. Ein Muß eigentlich für jeden Tauch interessierten. Dazu gibt es noch eine DVD mit einer Documentary, allerdings mit Ländercode für USA und nur auf Englisch. Titel: "Hitler's lost sub" von NOVA. (erhältlich via Amazon US).
2.
Stephan Kollmer, 22.03.2009
Wirklich eine unglaubliche Geschichte, die sich spannend wie ein Krimi liest! Ich werde mir nach dem Bericht hier auch das Buch "Im Sog der Tiefe" holen, wo die Entdeckung ausführlich geschildert wird und freu mich schon drauf wie ein Kind auf Weihnachten... Gibt es eigentlich weitere Wracks von Unterseebooten, die eine ähnlich aufregende Geschichte haben? Bin jetzt auf den Geschmack gekommen :-)
3.
Roman Greven, 22.03.2009
Auf http://www.u869.com/ gibt es noch mehr interessante Details.
4.
Florian Geier, 23.03.2009
Zwei Anmerkungen: Dönitz war 1945 Groß-Admiral und nicht lediglich Admiral, wie im Artikel zu lesen ist. Und wer von 1933 bis 1945 in Deutschland an der Macht war, dürfte zumindest den Besuchern von SPIEGEL.DE bekannt sein, den Begriff Nazi-Deutschland braucht man ihnen nicht nachzuliefern, zumal ja auch nicht von Churchill-England, Roosevelt-USA oder Stalin-Bolschewisten geschrieben wird.
5.
Stephan Kollmer, 23.03.2009
Es gibt noch ein anderes Buch, welches sich mit U-869 und speziell mit dem tödlich verlaufenden Tauchgang der Rouses auseinandersetzt: "Der letzte Tauchgang" von Bernie Chowdhury. Chatterton und Kohler wurden nach der Entdeckung in den USA recht populär und moderierten im "History Channel" eine Sendereihe, "Deep Sea Detectives", deren Folgen es auch auf DVD gibt!
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