Deportation in der Sowjetunion Der Eishölle entronnen

Mit 14 wird Dalia Grinkeviciute nach Sibirien deportiert. Wie durch ein Wunder gelingt ihr Jahre später die Flucht. Doch als sie über die unmenschlichen Zustände im Gulag berichten will, kommt ihr der KGB auf die Spur.

Von Friederike Kenneweg

Litauisches Nationalmuseum

Am 28. Mai 1941 spaziert Dalia Grinkeviciute durch den sonnigen Vytautas-Park in der litauischen Stadt Kaunas und schaut auf die goldene Stadt hinunter. Heute ist ihr 14. Geburtstag, und sie kann es kaum erwarten, am Abend ins Theater zu gehen. Das erste Mal "La Traviata"! Sie atmet die Frühlingsluft ein, ein Glücksgefühl durchströmt sie, wie sie sich später erinnert. Das Leben scheint vor ihr zu liegen.

Kaum drei Wochen später endet ihre unbeschwerte Jugend abrupt. Bereits im Juni 1940 war die Rote Armee in Litauen einmarschiert, hatte das vormals unabhängige Land besetzt und sofort die Sowjetisierung vorangetrieben: Grund und Boden, Betriebe und Banken wurden verstaatlicht, vermeintlich konterrevolutionäre Umtriebe gewaltsam unterdrückt.

Auch Dalias Vater, Mathematiklehrer am Gymnasium, gerät nun in das Visier der sowjetischen Milizen. Die litauische Intelligenz gilt den neuen Machthabern als Hort des Widerstands, gegen den sie mit Verhaftungen, Erschießungen und Deportationen vorgehen.

Am 14. Juni 1941 wird Dalia mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen. Vor ihrem Bett steht ein Soldat, im Schlafzimmer der Eltern sieht sie das kreidebleiche Gesicht der Mutter und einen auf den Vater gerichteten Revolver. Dazu hört sie die Worte: "Lebenslange Verbannung nach Sibirien!"

Die Familie hat gerade das Nötigste gepackt, da wird sie schon am Bahnhof gemeinsam mit Tausenden Litauern aller Gesellschaftsschichten in Güterwaggons verladen. Der Vater wird von der Familie getrennt. Er stirbt 1943 in einem sowjetischen Arbeitslager, ohne seine Frau und Kinder noch einmal gesehen zu haben.

Verbannt ins Nirgendwo

Dalia, ihre Mutter und ihr 17-jähriger Bruder Juozas dürfen zusammen bleiben. Mit 25 anderen Personen fahren sie in einem Waggon bis ins Altaigebirge. Dort bleiben sie den Winter über und arbeiten bis zu 18 Stunden täglich auf den Feldern. Als der Frühling kommt, geht die Fahrt weiter Richtung Norden. Dalia beobachtet die zusammengewürfelte Gemeinschaft im Waggon genau: den rücksichtslosen Krikstanis, der für niemanden Sympathie hegt außer für seine eigene Familie. Den jungen Schauspieler Albertas mit den blauen Augen, der davon träumt, wieder auf der Bühne zu stehen. Die junge Mutter Jasinkiene, die den Schrecken der Deportation, die Enge, die Zustände, nicht aushält und manchmal vorübergehend dem Wahnsinn anheimfällt.

Unentwegt kursieren Gerüchte, man fahre nicht in die Verbannung, sondern nach Amerika. Doch diese Hoffnung wird bei jedem Zwischenstopp aufs Neue enttäuscht. Mit Lastwagen und Dampfern geht es weiter nach Jakutsk, den Lena-Fluss hinab und bis an die Laptewsee. Nach drei Monaten haben sie das Ziel erreicht - die Insel Trofimowsk, 80 Kilometer nördlich des Polarkreises.

Am 28. August 1942 werden 450 Litauer, zumeist Frauen und Kinder, auf dem kahlen Eiland abgeladen. Vor ihnen erstreckt sich die Weite der Arktis. Hier, mitten im Nichts, wo es weder Bäume noch Sträucher gibt, sollen sie überwintern. Mit bloßen Händen bauen sie aus Ziegeln, Brettern und dem Moos der Tundra einfache Unterkünfte, bevor im November die Polarnacht über sie hereinbricht.

Hunger und Kälte

Den Aufsehern im Lager ist es egal, dass viele Inhaftierte den Winter nicht überleben werden. Obwohl genügend Vorräte vorhanden wären und trotz der harten Arbeit, die sie zu verrichten haben, werden die Gefangenen mit viel zu kleinen Rationen abgespeist. Auch Brennholz ist Mangelware. Typhus, Ruhr und Skorbut breiten sich aus, bald sterben die Deportierten reihenweise an Krankheiten, Hunger und Kälte.

Als die Zeit der Schneestürme anbricht, sieht es so aus, als würde niemand überleben. Schon längst können die Leichen nicht mehr abtransportiert, geschweige denn begraben werden. Die Baracken sind zugeschneit. Seit Tagen können die Deportierten nicht hinaus, haben kein Brennholz, keine Nahrung mehr, lutschen den von Fäkalien verunreinigten Schnee.

Die Deportierten haben sich schon fast aufgegeben, als ein Arzt nach Trofimowsk kommt, der die unmenschlichen Zustände in den Baracken aufs Schärfste verurteilt. Endlich erhalten die Deportierten vitaminreiche Lebensmittel. Sogar einige der Todkranken gesunden.

Vergrabene Erinnerungen

Die Zustände verbessern sich leicht, trotzdem hört das Sterben nicht auf. Mehr als die Hälfte der Verbannten überlebt die Zeit auf der Insel nicht. Dalia, ihr Bruder und ihre Mutter haben Glück: Sie dürfen Trofimowsk verlassen, um ihre Zwangsarbeit in einem Fischereibetrieb in Bobrowsk fortzuführen.

Von dort gelingt Dalia und ihrer Mutter, die unterdessen schwer erkrankt ist, 1949 sogar die Flucht zurück in ihre Heimat Litauen - acht Jahre nach der Deportation. Weil sie aber keine gültige Aufenthaltserlaubnis haben, müssen sie sich verstecken. Auf der Flucht und in verschiedenen Verstecken schreibt Dalia Grinkeviciute zum ersten Mal ihre Erinnerungen auf - an die Deportation, die Kälte, die Toten. Doch sie muss fürchten, verhaftet zu werden. Seit Tagen hat sie das Gefühl, dass sie beobachtet werden. Sollte das Manuskript gefunden werden, würde sie das noch mehr in Schwierigkeiten bringen. Zur Vorsicht vergräbt sie die Blätter in einem Weckglas im Garten.

Wenig später, im Jahr 1950, stirbt ihre Mutter. Ohne gültige Aufenthaltserlaubnis kann es auch keine offizielle Beerdigung geben, deshalb muss Dalia ihre Mutter im Keller des Elternhauses bestatten. Und ihre Befürchtungen erweisen sich als berechtigt: Kurz darauf wird sie vom KGB festgenommen und erneut deportiert.

Erst 1954 kommt sie wieder frei und darf Medizin studieren, zunächst in Omsk und schließlich auch wieder in ihrer Heimatstadt Kaunas. Um endlich etwas Sinnvolles mit ihrem Leben anzufangen, arbeitet Dalia Grinkeviciute als Ärztin im Provinzkrankenhaus in dem kleinen litauischen Ort Laukuva. Auch wenn sie ihre Arbeit dort sehr gut macht und man ihr von fachlicher Seite nichts vorzuwerfen hat, gerät sie durch ihre kritische und kompromisslose Haltung immer wieder mit der Obrigkeit in Konflikt, etwa indem sie Mitarbeitern verbietet, betrunken zur Arbeit zu erscheinen - selbst wenn diese Parteimitglieder sind. 1974 wird ihr schließlich untersagt zu praktizieren.

Nationalerbe aus dem Weckglas

Grinkeviciute hat nun nichts mehr zu verlieren. Endlich will sie ihre Erinnerungen an die Eishölle von Trofimowsk öffentlich machen. Obwohl sie mehrmals im Garten in Kaunas danach gesucht hat, hat sie das Weckglas mit den Aufzeichnungen nicht wiederfinden können. Und offen reden, das geht noch immer nicht. Aber vielleicht lassen sich die Schriften im Untergrund inoffiziell veröffentlichen und verbreiten - und so Zeugnis ablegen von dem, was geschehen ist, und die Erinnerung an die Toten weitertragen.

Dalia schreibt also eine zweite Fassung ihrer Erinnerungen, kürzer, gedrängter, mit mehr Abstand. Am Ende steht eine Liste mit den Namen von allen Deportierten, an die sie sich noch erinnern kann. 1976 erscheint dieser Bericht auf der anderen Seite der Welt, in Amerika, unter dem Namen "Frozen Inferno". Immerhin ein kleiner Triumph. Die erste Version der Aufzeichnungen bleibt jedoch unentdeckt. Und Grinkeviciute hat keine Zeit mehr zu suchen. Am 27. Dezember 1987 stirbt sie mit nur 60 Jahren in Laukuva.

Knapp 4 Jahre später gräbt eine Frau Vaboliene in Kaunas in ihrem Garten. Sie will die Pfingstrose umsetzen, die schon lange den anderen Pflanzen das Licht raubt. Mit dem Spaten lockert sie den Wurzelballen - und stößt plötzlich auf etwas Hartes. Ein Weckglas! Sie öffnet es und findet darin die vergilbten Seiten eines Manuskripts.

Die Erinnerungen von Dalia Grinkeviciute, die sie im Alter von 23 verfasste, unmittelbar nachdem sie aus der Verbannung nach Litauen zurückkehrte, gehören heute zum litauischen Nationalerbe. In diesem Jahr erschienen sie erstmals vollständig in deutscher Übersetzung.



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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Gangolf. Freisberg, 17.11.2014
1.
Wehret den Anfängen auch der kleinsten Diktatur! Es ist eigentlich unfassbar, das in der Menschgeschichte bis heute Einzelpersonen es geschafft haben, Millionen Mitmenschen zu vernichten und in tiefstes Elend zu stürzen.Diktatoren entwickeln sich wenn man sie gewähren lässt.Wer zum Beispiel Posten wechselt um an der Regierung zu bleiben ist schon ein Diktator!
gsmnycyvr, 17.11.2014
2. Danke
für die sorgfältige Recherche
Hansjörg Ruprecht, 18.11.2014
3. NATO-Beitritt des Baltikums
Das sind die Gründe, warum das Baltikum in die NATO wollte um vor Rußland beschützt zu werden. Rußland hat systematisch die Balten gefoltert und verfolgt. Diesen Beitrag müßten alle lesen, die soviel Verständnis für Putins Machtpolitik haben. Nicht der Westen hat "seine Versprechen gebrochen und Rußlands Machtsphäre verletzt" als er das Baltikum in EU und NATO aufnahm sondern Rußland hat mit seiner Politik dafür gesorgt, daß die Balten (Und bald auch die Georgier, Ukrainer, Moldawier) soviel Schutz wie möglich vor Rußland haben wollen.
Ronald Vopel, 18.11.2014
4. ++++++++++
Eine stringente Illustration des Menschenbilds, das viele Russen haben. Herr Putin lebt das gerade aus, mit seiner klaren Ansicht, dass die Ukrainer kein Recht haben, über ihr Land selbst zu entscheiden.
Mika Shumann, 18.11.2014
5. @Hansjörg Ruprecht
das war der Grund warum die meisten ex-Ostblockstaaten in den Nato wollten. In Polen haben die Russen das Gleiche gemacht. Mag sein, dass Polen und alle Anderen rusofob sind, wir haben dafür aber sehr gute Gründe- die Russen sind sich bis heute keine Schuld bewusst und wären durchaus in der Lage so etwas noch mal durchzuziehen. Stalin, der dutzende millionen Russen umbringen ließ wird dort immer noch verehrt - die Russen ticken anders als alle anderen. Es ist Zeit das zu verstehen.
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