Zweiter Weltkrieg Die Geheimnismaschinen

Zweiter Weltkrieg: Die Geheimnismaschinen Fotos
Klaus Schmeh

Wer über seine Arbeit redet, wird erschossen: Fast 9000 Beschäftigte, überwiegend Frauen, entschlüsselten während des Zweiten Weltkriegs im britischen Bletchley Park deutsche Codes - unter größter Geheimhaltung. Noch Jahrzehnte später wagten einige nicht, von ihrem Job zu berichten. Von Klaus Schmeh

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Gut ausgeschildert ist etwas anderes. Zum wiederholten Male bin ich falsch abgebogen und muss einige Hundert Meter zurückgehen. Dabei suche ich nicht etwa einen bedeutungslosen Hinterhof, sondern ein Anwesen, auf dem sich vor knapp sieben Jahrzehnten Weltgeschichte abgespielt hat. Das Anwesen trägt den Namen Bletchley Park und befindet sich nordöstlich von London. Hier stampften die Briten im Zweiten Weltkrieg eine Dechiffrierfabrik aus dem Boden, in der sie mit industriellen Methoden verschlüsselte Nachrichten ihrer Kriegsgegner in Klartext zurückverwandelten. Zu Hochzeiten waren hier fast 9000 Personen mit dem Knacken von Codes beschäftigt - natürlich unter strengster Geheimhaltung.

Die wichtigste Aufgabe der Codebrecher von Bletchley Park war es, die Geheimtexte der legendären deutschen Verschlüsselungsmaschine Enigma zu dechiffrieren. Zu Zehntausenden nutzte das deutsche Militär dieses Gerät im Zweiten Weltkrieg. Millionen von Morse-Botschaften wurden damit verschlüsselt. Erst Anfang der siebziger Jahre erfuhr die Öffentlichkeit, dass die Briten Enigma-Nachrichten im großen Stil dechiffriert hatten. Sie arbeiteten dabei so gründlich, dass sie große Teile des geheimen Funkverkehrs der Deutschen ohne größere Verzögerungen lesen konnten. Klaus Kopacz, der wohl führende deutsche Experte für historische Verschlüsselungsmaschinen, sagt daher: "Hätten die Deutschen eine bessere Verschlüsselungsmaschine verwendet, dann wäre der Krieg anders verlaufen."

Einsatz für die Turing-Bombe

Dabei war den Deutschen durchaus bewusst gewesen, dass die Enigma mit einem sehr großen Aufwand an Menschen und Material zu knacken war. Sie rechneten jedoch nicht damit, dass ein Kriegsgegner einen ganzen Industriebetrieb für diesen Zweck aufbauen würde, wie es in Bletchley Park geschah. Insgesamt 300 kleiderschrankgroße Spezialmaschinen, sogenannte Turing-Bomben kamen beim Enigma-Dechiffrieren zum Einsatz und lieferten häufig mehrere Tausend dechiffrierte Funksprüche pro Tag. Die Deutschen waren bis Kriegsende völlig ahnungslos.

Heute ist das einst abgelegene Bletchley Park ein Bestandteil der Retortenstadt Milton Keynes. 1991 stand das Gelände kurz davor, in Bauland für Wohnhäuser und einen Supermarkt umgewandelt zu werden. Zum Glück legte die Britische Archäologische Gesellschaft ihr Veto ein und verhinderte diese Pläne im letzten Moment. Erst jetzt machten sich einige geschichtsbewusste Enthusiasten daran, an diesem Ort eine Gedenkstätte aufzubauen. Viele der Gebäude standen noch, wenn auch zum großen Teil in verfallenem Zustand. Maschinen waren nicht mehr zu finden, denn nach dem Krieg hatte Premierminister Winston Churchill alle Geräte vernichten lassen. Neben den Turing-Bomben gingen dadurch auch die etwa 170 Enigma-Maschinen verloren, die die Briten im Lauf des Kriegs erbeutet und zur Analyse nach Bletchley Park gebracht hatten.

1994 öffnete die Gedenkstätte Bletchley Park ihre Pforten. Als ich sie 1999 zum ersten Mal besuchte, musste ich meinen Reisetermin mit den Öffnungszeiten abstimmen, denn das Anwesen war damals nur an zwei Tagen im Monat zugänglich. Aus den bescheidenen Anfängen entwickelte sich jedoch schnell ein sehenswerter Museumskomplex, wie ich bei meinem zweiten Besuch 2007 feststellen konnte. Unter anderem gab es inzwischen den Nachbau einer Turing-Bombe zu bewundern, der in jahrelanger Arbeit entstanden war, und zudem eine Sammlung von Verschlüsselungsmaschinen - "Enigma & Friends".

Typex nicht zu knacken

Mit John Alexander, dem Besitzer dieser Maschinen, ergab sich ein längeres Gespräch. "Wir haben noch einiges vor, hier in Bletchley Park", verriet er mir, "die Gedenkstätte soll für Touristen noch deutlich attraktiver werden." Bis heute sind beispielsweise noch nicht alle Gebäude auf dem Anwesen renoviert. Für einen Schub sorgte 2001 der Hollywood-Film "Enigma" mit Kate Winslet, der in Bletchley Park spielt. Allerdings wurde er nicht dort gedreht, was John Alexander sehr bedauert. "Immerhin haben wir seitdem eine Turing-Bomben-Attrappe im Museum, die uns das Filmteam überlassen hat".

Zu Alexanders Sammlung gehören jedoch nicht nur Enigmas. Interessant ist beispielsweise auch eine Maschine namens Typex, die von den Briten im Zweiten Weltkrieg genutzt wurde. Ihr Funktionsprinzip ähnelte der Enigma so sehr, dass die Codespezialisten in Bletchley Park eine umgebaute Typex zum Simulieren der Enigma nutzen konnten. Die Typex aber war etwas geschickter konstruiert und dadurch deutlich sicherer als die Enigma. Mit der damaligen Technik war es praktisch unmöglich, einen Typex-Funkspruch zu knacken. Nach heutigem Kenntnisstand haben die Deutschen es auch nie versucht.

Meinen dritten Besuch in Bletchley Park legte ich auf den 5. und 6. September 2009. Etwa 30 Sammler und Vertreter von Museen aus aller Welt brachten auf Einladung von John Alexander zu diesem Termin diverse Verschlüsselungsmaschinen nach Bletchley Park und stellten sie zwei Tage lang in einem Zelt aus. In Zelt und Museum kamen so um die 90 Verschlüsselungsmaschinen zusammen - eine einzigartige Sammlung, in der sich auch 18 Enigmas fanden. Trotz dieser großen Auswahl gab es kaum Doubletten, denn die Enigma wurde in mindestens 60 Varianten hergestellt, die sich in vielen Details unterschieden.

"Wer redet, wird erschossen"

Neben den Maschinenbesitzern hatten die Veranstalter der Enigma-Reunion auch alle noch lebenden Bletchley-Park-Veteranen eingeladen. Mehr als 200 kamen. Es waren überwiegend Frauen, denn etwa zwei Drittel der Bletchley-Park-Belegschaft war weiblich. Viele der Beschäftigten waren noch Teenager gewesen, als man sie für die Dechiffrierarbeiten verpflichtete. Bei den Männern, die in der Unternehmenshierarchie häufig höher standen, war der Altersdurchschnitt dagegen höher, von ihnen leben nur noch wenige. Die meisten Arbeitskräfte in Bletchley Park hatten stupide Arbeiten wie das Bedienen von Maschinen oder das Sortieren von Zetteln zu erledigen. Natürlich durfte dabei kein Fehler passieren, denn jede Ungenauigkeit konnte einen Dechiffrier-Erfolg zunichte machen.

Interessant wird es, als eine der Veteraninnen den Nachbau der Turing-Bombe in Gang setzt, um die Bedienung zu demonstrieren. "Es ist 64 Jahre her, dass ich das zum letzten Mal gemacht habe", berichtet sie, während die Maschine vor sich hin rattert. Ihre Kolleginnen erinnern sich vor allem an die strenge Geheimhaltung: "Man hat uns gesagt: Wenn ihr über die Arbeit hier redet, dann werdet ihr erschossen", erzählt eine Dame. Noch in den siebziger Jahren wagten einige Veteranen nicht mit Historikern zu reden, da sie Konsequenzen fürchteten. Auch unter der Belegschaft galt Schweigepflicht. "Selbst nach Jahren wusste ich nicht, was hinter der nächsten Tür oder hinter der nächsten Wand passierte", erzählt eine andere. Immerhin war wohl den meisten bewusst, dass es in Bletchley Park um das Knacken von Codes ging. Die Details kannten jedoch nur wenige, und das Wort Enigma bekamen die meisten von ihnen nie zu hören.

Während die Veteranen das schöne Wetter genießen, herrscht im Maschinenzelt Hochbetrieb. "Wie viele Enigmas gibt es heute noch?", frage ich in die Runde. Keiner weiß es genau, Schätzungen bewegen sich meist um die Zahl 400. Dies ist erstaunlich wenig, wenn man bedenkt, dass während des Kriegs mindestens 30.000 Exemplare (vielleicht sogar mehr) gebaut wurden. Die meisten Maschinen wurden jedoch zerstört, um sie nicht dem Feind zu überlassen.

"Wer eine Enigma kaufen will, muss derzeit mindestens 18.000 Euro auf den Tisch blättern", erzählt Klaus Kopacz, "für besondere Exemplare kann es teilweise ein Vielfaches davon sein." Sammler und Museen in aller Welt haben seit Bekanntwerden der Vorgänge in Bletchley Park ein großes Interesse an den Geräten. Die Preise sind in den vergangenen Jahren allerdings etwas zurückgegangen, da einige bis dahin unbekannte Exemplare auf den Markt kamen und so für ein größeres Angebot sorgten. Der bisher prominenteste Käufer einer Enigma war Rolling-Stones-Mitglied Mick Jagger. Als Koproduzent des Films "Enigma" ersteigerte er für die Aufnahmen ein Exemplar bei Sotheby's. Der Preis ist nicht bekannt.

Zum Weiterlesen:

Klaus Schmeh: "Codeknacker gegen Codemacher", W3l., 2007, 414 Seiten

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