Zweiter Weltkrieg Drei Brüder gegen Hitler

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Jerusalem im Wald: Die Bielski-Brüder führten die größte jüdische Partisanentruppe des Zweiten Weltkriegs an. In den Sümpfen Ostpolens errichteten sie eine Geheimstadt, in der 1200 Juden den Holocaust überlebten. Lange waren die Bielskis vergessen - jetzt hat Hollywood ein Heldenepos über sie gedreht. Von Christoph Gunkel

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Die Bauern in der Nähe der ostpolnischen Stadt Nowogródek trauten ihren Augen kaum. Am 10. Juli 1944 kroch ein zwei Kilometer langer Treck aus verdreckten, abgekämpften, halb verhungerten Menschen langsam aus dem nahegelegenen Wald - Kinder, Greise, Frauen, Soldaten. "Seid ihr Gespenster?", fragten einige die Ankömmlinge. Andere raunten immer wieder fassungslos: "Juden, so viele Juden!"

Mehr als 1200 Juden kamen an diesem Tag aus den lebensfeindlichen Sümpfen und den undurchdringlichen Wäldern, die ihnen so lange Sicherheit geboten hatten. Sicherheit vor der Mordlust der deutschen Besatzer, vor Festnahmen, Zwangsarbeit, Massenhinrichtungen. Das systematische Morden hatte auch in Nowogródek, das damals in Ostpolen lag und heute zu Weißrussland gehört, schon im Sommer 1941 begonnen, nachdem Hitlers Soldaten in die Sowjetunion eingefallen waren. Jetzt, drei Jahre später, neigte sich der Zweite Weltkrieg dem Ende zu, die Rote Armee trieb die deutschen Invasoren wieder in die Flucht - und Hunderte Verfolgte wagten sich urplötzlich aus dem Wald.

Ein Mann entstieg dem Dickicht an diesem Tag völlig unausgeschlafen, vom Wodka verkatert und mit zwiespältigen Gefühlen: Tewje Bielski. Drei Jahre hatte er zusammen mit seinen jüngeren Brüdern Asael und Zus das Überleben im Wald organisiert und sich dabei als begnadeter Logistiker erwiesen. Er hatte einen Partisanenkampf gegen die Deutschen geführt, Brücken und Eisenbahnen gesprengt und zugleich Hunderte Zivilisten in sein Lager aufgenommen - stets nach einer Devise: "Ich würde lieber eine alte Jüdin retten als zehn deutsche Soldaten zu töten." Tewje Bielski und seine Brüder retteten mehr als 1200 Juden, ebenso viele wie Oskar Schindler. Jetzt, als Tewje aus dem Wald heraustrat, wusste er, dass er zwar schon zu Lebzeiten zur Legende geworden war. Doch er ahnte auch, dass seine absolute Macht außerhalb der Wälder schnell verblassen würde.

Ein vergessener Held

Nicht nur das: Lange Zeit waren die Bielski-Brüder sogar ganz vergessen. Obwohl sie die größte und erfolgreichste Partisaneneinheit zur Rettung von Juden anführten. Obwohl sie den besten Beweis boten, dass sich die Juden keineswegs "wie Schafe zur Schlachtbank" treiben ließen. Es sollte noch bis 1993 dauern, bis die US-Historikerin Nechama Tec Dutzende Zeitzeugen interviewte, Archive durchstöberte und eine erste, umfassende Studie über die Bielski-Brüder verfasste, und in ihrem Buch "Bewaffneter Widerstand. Jüdische Partisanen im Zweiten Weltkrieg" (Psychosozial-Verlag) veröffentlichte. Und es sollten noch einmal 15 Jahre vergehen, bis das Thema erstmals für ein breites Publikum aufbereitet wurde - dann allerdings gleich in Hollywood. Niemand Geringerer als James-Bond-Darsteller Daniel Craig spielt in dem Film "Defiance" die Rolle des charismatischen Partisanenchefs Tewje Bielski.

Die Geschichte bietet genügend Stoff zur Heldenverehrung, der Plot ist einfach, die Rollenverteilung klar: Drei Brüder kämpfen gegen brutale deutsche Besatzer, gegen klirrende Kälte, gegen aufkommende Zweifel, gegen sich selbst - und triumphieren schließlich heldenhaft. "Eine wahre Geschichte", werben die Macher des Films, der jetzt in Deutschland unter dem Titel "Unbeugsam" in die Kinos kommt. Doch war Tewje Bielski wirklich der Über-Held, zu dem ihn Hollywood nun macht? Wie wurde seine Familie, die über Generationen friedlich eine Mühle betrieb, zu unerbittlichen Partisanenkämpfern? Und wie konnte sie so lange im Wald überleben?

Alles begann mit einem Schwur. Tewje und sein Bruder Zus schworen sich im Sommer 1941, sich niemals von den Deutschen schnappen zu lassen. Da hatten sie schon erlebt, wie Hitlers Luftwaffe die Städte in der Umgebung in Grund und Boden gebombt hatten. Da erfuhren sie schon von Flüchtlingen aus Westpolen, dass die Nazis die Juden "schlimmer als Hunde" behandelten. Zus Bielski selbst sah am 26. Juli 1941, wie auf dem Marktplatz von Nowogródek deutsche Soldaten und Polizisten eine Gruppe Juden zusammentrieb. "Sie standen dort in fünf Reihen, verängstigt, gebrochen und hilflos", schrieb er nach dem Krieg. "Plötzlich zog der deutsche Offizier seine Waffe und schoss in die Luft. Unmittelbar danach folgte eine Maschinengewehrsalve." Wenig später waren 50 Männer tot.

Massenmorde und Flucht

Nach und nach wurden in der Region Juden systematisch in Ghettos kaserniert und zur Zwangsarbeit verpflichtet. Am 8. Dezember 1941 fuhren die Deutschen und ihre Schergen Tausende Juden aus Nowogródek mit Lkw aus der Stadt, stellten sie vor eine riesige Grube und schossen sie nieder. Unter den mehr als 4000 Toten: die Eltern der Bielski-Brüder, Zus' Frau und Tochter. Es blieb nicht die einzige Massenhinrichtung in der Gegend.

Als einzige Rettung blieben die Wälder, die die Bielskis seit ihrer Kindheit gut kannten. Sie hatten nicht den Plan, dort eine Siedlung für Hunderte von Flüchtlingen aufzubauen, die Deutschen und ihre Kollaborateure bis aufs Blut zu bekämpfen oder Juden bei ihrer Flucht aus den Ghettos zu helfen. "Inzwischen idealisiert und übertreibt man die Motive", erinnert sich ein ehemaliger Partisan nach dem Krieg. "Als wir in die Wälder flohen, glaubten wir, dass bald alles vorüber wäre. Wir dachten nicht an einen Kampf gegen die Deutschen, sondern nur ans Überleben."

Als aber nach und nach immer mehr Juden in die Wälder flohen, wurden aus Flüchtlingen bewaffnete Partisanen. Und schon bald kam es zwischen den Brüdern zum offenen Streit um die richtige Strategie. War es sicherer, in möglichst kleinen Einheiten zu operieren? Sollte man retten oder angreifen? "Willst du, dass sie uns umbringen?", fuhr Zus Tewje angeblich einmal an. Er befürchtete, dass eine große Gruppe leicht aufzuspüren sei. Tewje hingegen sah die Überlebenschance aller mit der Größe der Einheit steigen, trotz der unbewaffneten Zivilisten. "Wenn es Tausenden von Juden gelänge, in unser Lager zu fliehen, wir würden sie alle willkommen heißen", soll er einmal gesagt haben - und setzte diese Position durch.

Jerusalem im Wald

Unter Tewjes Führung wurde so aus einem kleinen Widerstandsnest ein "Jerusalem im Wald", wie es manche Bewohner bald stolz tauften: eine improvisierte Kleinstadt mit Synagoge, Krankenhaus, Friseur, Bäckerei, Wurstfabrik und Waffenschmiede. Gebaut aus Holz oder erbeuteten Kriegsgütern, getarnt mit Laubzweigen. Jedes der Zelthäuser war zum Großteil in der Erde versenkt und hatte gar eine eigene Hausnummer. Die Menschen arbeiteten emsig, reparierten Uhren, stellten aus Kuhhäuten Leder her, schnitzten aus Holz Ersatzteile für ihre Waffen. Und für Diebe gab es sogar ein Gefängnis. Wer in diese Parallelwelt kam, konnte es kaum glauben. "Ich dachte, ich träume. Was ich sah, war einfach unfassbar. So viele Juden, Kinder, alte Leute", erinnert sich ein Flüchtling nach dem Krieg. "Es gab mir Hoffnung."

Doch die Dorfidylle täuschte. Innerhalb der Gemeinde kam es zu Konflikten zwischen Jungen und Alten, Orthodoxen und Liberalen, Arbeitern und Intellektuellen. Nicht immer gab es genügend zu essen, nicht alle erhielten die gleiche Ration, für die Führungselite gab es sogar extra eine zweite, eine bessere Küche. Es kam zu Intrigen, und Tewje Bielski ließ vermeintliche Verräter und ehemalige Nazi-Kollaborateure hinrichten. Bauern aus der Region, die mit den deutschen Besatzern kooperierten, wurden brutal ausgeplündert und konnten keine Gnade erwarten. "Eine heilige Mission", nannte Tewje die Rache an Verrätern.

Nicht nur solche Feinheiten gehen in der Verfilmung verloren. Die Verhältnisse in der Region waren weit komplexer als für das Kino darstellbar. Neben den jüdischen Partisanen tummelten sich in den Wäldern auch etliche russische und polnische Partisaneneinheiten, die sich nicht selten unerbittlich gegenseitig bekriegten, Antisemitismus war auch bei ihnen weit verbreitet. Die kommunistischen Sowjet-Generale beäugten besonders die orthodoxen Juden im Bielski-Lager mit großem Argwohn. Dennoch entstand ein zerbrechliches Zweckbündnis.

Panzer, die es nie gab

Die verwirrenden Zustände in der Region führten in Polen bereits zu hitzigen Geschichtsdebatten, bevor der Film "Defiance" dort überhaupt in die Kinos kam. Der Vorwurf: Die Judenretter seien keine Helden, sondern auch Kriegsverbrecher, verantwortlich für ein Massaker in dem Dorf Naliboki, bei dem im Mai 1943 insgesamt 128 Polen abgeschlachtet worden waren. Die Aufregung legte sich erst, als ein namhafter Historiker eindeutig nachweisen konnten, dass die Bielski-Partisanen nicht an dem Massaker beteiligt waren. Es ging auf das Konto einer sowjetischen Einheit.

Doch an einer anderen Stelle entfernt sich der Film deutlich von der historischen Realität: Die deutschen Panzer, die auf der Kinoleinwand zum Angriff auf die jüdischen Partisanen zurollen, sind ein dramaturgischer Kunstgriff. Dabei war die Wirklichkeit schon dramatisch genug. Im Juli 1944 drangen versprengte deutsche Soldaten noch einmal in den Wald ein, konnten sogar Handgranaten in das Hauptlager werfen, bevor die Partisanen sie erschossen. Es war das letzte Gefecht im Wald. Kurz danach machte sich die Kolonne der Juden endgültig auf ihren Weg aus den Wäldern.

Und ausgerechnet Tewje Bielski, den manche Anhänger zu "König David" stilisierten und dessen selbstlosen Einsatz sie priesen, beging an diesem letzten Tag im Wald einen fatalen Fehler - der einen Schatten auf seine Verdienste wirft: Angeblich, so berichten es zwei Augenzeugen, erschoss er unnötig und überhastet einen Mann, der sich seinem Befehl widersetzte. "Mit etwas Geduld hätte er den Mann zum Einlenken überreden können", erzählte einer der Zeugen später. "Vielleicht war er nervös, weil ihm der Verlust seiner Führungsrolle bevorstand."

Abstieg ins Nichts

"Wenn ich tot bin, werde ich berühmt", hat Tewje Bielski einmal selbstbewusst prophezeit. Lange sah es so aus, als habe er sich geirrt. Nach dem Krieg ging Tewje nach Israel, wo er sich als Taxifahrer gerade so über Wasser hielt. Aus seiner Vergangenheit und seiner Leistung als Widerstandskämpfer zog er keinen Nutzen. "Als er Taxifahrer wurde, begann sein Abstieg ins Nichts", erinnert sich ein Weggefährte. "Hätte er darauf bestanden, ein Held zu sein, hätte man ihm in Israel einen wichtigen Posten gegeben."

Auch in seiner späteren Heimat, den USA, erinnerte sich niemand an ihn. Dort arbeitete er als Lastwagenfahrer und starb 1987 in Brooklyn, mittellos. Erst jetzt, 20 Jahre nach seinem Tod, könnte Hollywood seine alte Vorhersage doch noch erfüllen.

Zum Weiterlesen:

Nechema Tec: "Bewaffneter Widerstand - Jüdische Partisanen im Zweiten Weltkrieg". Psychosozial-Verlag, Gießen 2004, 328 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im Buchhandel oder über den Psychosozial-Verlag.

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1.
dominique barre 23.04.2009
Was ich nicht verstehe, warum die Juden nicht in von Sowjets schon mal vorab befreite Gebiete und zu den Freiheit liebenden und juden-freundlichen Sowjets geflüchtet sind - das war doch wohl zu dieser Zeit ( ( 1941 ) möglich - anstatt sich in den Wäldern zu verstecken ?! Man hört doch in der BRD immer, dass die Sowjets Völker und Juden-Befreier ( Auschwitz ) waren
2.
semjon michailowitsch 29.04.2009
Was sind eigentlich "Budnony-Partisanen-Einheiten"? Beim Googlen lässt sich da sehr Aufschlussreiches finden. Vielen Dank Herr Gunkel für die gründliche Recherche zu den Bildunterschriften. Grüße S. M.
3.
Christian Meyer 20.05.2009
>Was ich nicht verstehe, warum die Juden nicht in von Sowjets schon mal vorab befreite Gebiete und zu den Freiheit liebenden und juden-freundlichen Sowjets geflüchtet sind - das war doch wohl zu dieser Zeit ( ( 1941 ) möglich - anstatt sich in den Wäldern zu verstecken ?! >Man hört doch in der BRD immer, dass die Sowjets Völker und Juden-Befreier ( Auschwitz ) waren Ende 1941 war die Flucht in die Sowjetunion möglich ?!? Sicherlich nicht für Menschen. die sich im ehemaligen polnisch-sowjetischen Grenzgebiet aufgehalten haben. Immerhin waren diese Menschen nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte, die Auswirkungen des dortigen Winters auf die reguläre deutsche Armee sollten bekannt sein. Unwahrscheinlich dass ein paar Flüchtlinge tausende Kilometer auf eine fahrende Armee aufholen. Die hier vorwurfsvoll gebrauchte Sprache stellt klar, dass der Autor die Verantwortung für ihr Schicksal wieder einmal bei den Juden sucht. So wie damals.
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