Zweiter Weltkrieg Hitlers vergessenes Hauptquartier

Zweiter Weltkrieg: Hitlers vergessenes Hauptquartier Fotos
Alexander Kuffner

Es war die Wolfsschanze der Westfront: Vom "Felsennest" in der Eifel aus führte Hitler 1940 den Blitzkrieg gegen Frankreich - und ließ sein Lieblings-Führerhauptquartier anschließend unter Denkmalschutz stellen. 1945 wurde die Anlage gesprengt, doch bis heute sind die Spuren des Nazi-Postens nicht getilgt. Von

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Es ist noch stockdunkel, als der schwergepanzerte Zug in den Euskirchener Bahnhof südlich von Köln einfährt und quietschend zum Stehen kommt. Zunächst herrscht Stille. Nach fünf Minuten aber ist lautes Motorengeräusch zu hören. Mehrere Fahrzeugkolonnen verlassen das Bahnhofsgelände und bewegen sich in Richtung Süden. In einem Wagen der zweiten Kolonne sitzt Adolf Hitler.

Es ist der 10. Mai 1940 um 4.30 Uhr in der Frühe. Der Diktator ist mit seiner Gefolgschaft auf dem Weg nach Rodert, einem kleinen Dörfchen bei Bad Münstereifel. Hier, unweit der belgischen Grenze, hat der Diktator eines seiner geheimen "Führerhauptquartiere" einrichten lassen, es trägt den Code-Namen "Felsennest". Vom "Felsennest" aus will Hitler den Feldzug gegen Frankreich und die Benelux-Staaten kommandieren. Kurz zuvor, während der Anreise im Führersonderzug "Amerika", hat er dazu den Angriffsbefehl gegeben.

Um 5.00 Uhr trifft Hitler während der ersten schwachen Anzeichen des Morgengrauens in Rodert ein und wird von Hauptmann Spengemann durch die Anlage geführt, die ihm bis zum 6. Juni als Hauptquartier und Wohnsitz dienen wird. Ab 5.35 Uhr ist beim "Führer" und seinem Gefolge im "Felsennest" dumpfer Geschützdonner aus westlicher Richtung zu hören - der Zweite Weltkrieg hat nun auch im Westen Europas in seiner ganzen Härte begonnen.

Der "Führer" liebt es schlicht

Das "Felsennest" ist bei weitem nicht so bekannt wie die Wolfschanze in Ostpreußen oder andere große Führerhauptquartiere. Sogar nur wenige Eifeler wissen, dass der Krieg an der Westfront von ihrer Heimat aus eröffnet und koordiniert wurde. Als Führerhauptquartier (FHQ) diente der Eselsberg, eine an das Dorf Rodert grenzende Anhöhe, die in ein eher kleines und spartanisches, aber dennoch gut gesichertes Hauptquartier verwandelt wurde. Im Dorf selbst waren bereits vorher zahlreiche Flakstände, Baracken, Blockhäuser und Bunker errichtet worden. Vier zusätzliche Fernsprechleitungen und zwei Fernschreiberleitungen wurden während des Baus abhörsicher und metertief von Rodert aus in Richtung Westgrenze verlegt.

Eigentlich war das FHQ für den Westfeldzug in Schloss Ziegenberg bei Bad Nauheim in Hessen geplant und für mehrere Millionen Reichsmark auch fast fertiggestellt gewesen. Der Diktator aber lehnte es ab, sein Hauptquartier in einem Schloss aufzuschlagen. Er wollte eine schlichtere Kommandozentrale, da er laut eigenen Worten um seinen Ruf fürchtete ("Es werden Tausende von deutschen Bürgern später einmal durch dieses Schloss pilgern, und keiner wird Verständnis dafür haben, dass ich in einem solchen Luxus gewohnt habe").

Als Alternative wurden ihm in der Luftverteidigungszone West drei Standorte vorgeschlagen: im Schwarzwald bei Freudenstadt, in der Pfalz bei Landshut und eben in der Eifel der Flecken Rodert bei Bad Münstereifel, für das sich Hitler sich endgültig am 22. Februar 1940 entschied. Dem Wunsch des Tyrannen nach schlichten Verhältnissen wurde dabei entsprochen - das "Felsennest" hatte eine Gesamtgröße von lediglich 30 Hektar. Allein der Kernbereich eines der wichtigen späteren FHQ, der Wolfsschanze, umfasste 250 Hektar.

Zerstreuung vom Diktatoren-Alltag

Der Alltag der etwa 160 Bewohner des kleinen Dörfchens Rodert veränderte sich mit Beginn der Bauarbeiten und erst Recht seit dem Eintreffen der Führungsriege des Deutschen Reiches stark. Passierscheine und Straßensperren waren nun an der Tagesordnung. Den "Führer" selbst bekamen die Bewohner hingegen nur selten zu Gesicht. Immerhin zeigte Adolf Hitler sich an jedem Dienstag der Bevölkerung, wenn er sich mit seinen engsten Mitarbeitern in den zum Kino umfunktionierten Dorfsaal begab, um die aktuelle "Wochenschau" zu sehen.

Weil im Dorf zahlreiche neuerrichtete oder umgestaltete Versorgungsgebäude entstanden, etwa Bürobaracken oder Gästehäuser, war im kleinen Rodert aber doch so mancher Parteibonze anzutreffen. Reichsminister Hermann Göring, SS-Chef Heinrich Himmler, Arbeitsminister Fritz Todt oder Hitlers Propagandachef Joseph Goebbels waren nur einige aus der obersten Nazi-Riege, die das "Felsennest" besuchten. Göring beispielsweise ließ es sich nicht nehmen, auch bei Besuchen in der Eifel seiner Jagdleidenschaft zu frönen, aber auch Hitler suchte bei Spaziergängen rund um das Hauptquartier ein wenig Zerstreuung vom Diktatoren-Alltag.

Nach einem fast vierwöchigen Aufenthalt reiste der "Führer" am 6. Juni 1940 vom "Felsennest" in das besetzte Belgien, zu dem bei Brûly-de-Pesche in kürzester Zeit neu errichteten FHQ "Wolfsschlucht". Im Roderter FHQ blieb ein Wachkommando von sieben Unteroffizieren und 50 Mann zurück. Zwischen 1942 und 1943 wurde das "Felsennest" zwar weiter ausgebaut, diente jedoch nie mehr seinem eigentlichen Zweck. Wie und wann genau Hitlers Eifel-Bunker schließlich ein explosives Ende fand, darüber streiten sich verschiedene Quellen. Eine besagt, dass deutsche Pioniere das "Felsennest" vor dem Einrücken der Amerikaner zerstörten. Andere behaupten, die Anlagen des Eselsberges seien erst am 17. März 1945 durch US-Soldaten gesprengt worden.

Was die Zeit übrigließ

Im Dorf Rodert selbst sind heute nur noch wenige Spuren zu sehen, die auf die einstige Bedeutung als FHQ hinweisen. Am Ortseingang befand sich etwa ein größerer Komplex mit einem Batterienlager für die Flak-Stellungen rund um Rodert, der für das FHQ in Mannschaftsquartiere samt Luftschutzbunker umgebaut wurde. Hier waren seinerzeit unter anderem Hitlers Leibarzt Paul Morell und der NSDAP-Reichsleiter Martin Bormann untergebracht. Gleich daneben befand sich das "Kleine Gästehaus", welches heute noch existiert. Das Einfamilienhaus wurde 1934 von der Familie Prinz erbaut, die ihr Eigenheim im Frühjahr 1940 verlassen und in angemietete Wohnräume in Rodert umziehen musste. An das Haus wurde ein kleiner Luftschutzbunker für die neuen Kurzzeitbewohner angebaut, der heute als Lagerraum genutzt wird. Die massive Bunkertür ist noch im Original vorhanden. In dem auch als "Mädelhaus" bezeichneten Gebäude lebten die Sekretärinnen Hitlers, die der Diktator dort auch kurz nach seiner Ankunft im "Felsennest" am Morgen des 10. Mai 1940 besuchte.

Die Gaststätte Hack mit dem angrenzenden Dorfsaal in der Ortsmitte diente seinerzeit als Kinosaal. Hier ließ sich Hitler an jedem Dienstagvormittag gegen 10 Uhr die neuste Ausgabe der "Wochenschau" vorführen. Einen Filmprojektor hatte man beim Einzug in Rodert vergessen mitzubringen, doch Propagandaminister Goebbels sorgte persönlich dafür, dass entsprechende Gerätschaften zwei Tage später eintrafen. Im improvisierten Kinosaal des Gasthof Hack sah und genehmigte Hitler am 20. Mai 1940 auch den zu trauriger Berühmtheit gelangten antisemitischen Propagandafilm "Der ewige Jude".

Im sogenannten Sperrkreis 1 am Ortsrand von Rodert auf dem Eselsberg lag das eigentliche Führerhauptquartier. An seinem Randbereich sind bis heute die Fundamente der Lagebaracke zu erkennen. Hier kamen Hitler und seine Generalität mindestens zweimal täglich zusammen, um die militärische Lage zu erörtern und Entscheidungen zu treffen. Im Lageraum herrschte ständiges Kommen und Gehen; die Besatzung des "Felsennestes" musste immer bereit sein, da Hitler nachtaktiv war, während er bis spät in den Vormittag hinein schlief.

Ein Denkmal für die Ewigkeit

Einen kleinen Pfad den bewaldeten Hang hinauf befindet sich der Kern des FHQ. Das 1945 gesprengte Areal ist heute eine Betonwüste mit nur wenigen aussagekräftigen Relikten. Im sogenannten Kommandostand ("K-Stand") befand sich das eigentliche Quartier Hitlers. Der K-Stand umfasste fünf verschiedenen Boxen, von denen zwei wahrscheinlich zu einem größeren Raum verbunden waren. Dieses einzige mit einem Fenster versehene Zimmer nutzte der Diktator als Schlaf- und als Arbeitsraum. Generaloberst Wilhelm Keitel und Hitlers Diener Heinz Linge waren ebenfalls im "K-Stand" untergebracht. Die kleinen Betonboxen dort boten kein natürliches Licht, waren sehr hellhörig und äußerst unkomfortabel.

Heute sind an den gesprengten Trümmern noch gut die Einteilungen in Boxen zu erkennen. Direkt an diesen Bunker schloss sich vermutlich die Offiziersbaracke an, in welcher der engste Mitarbeiterkreis und Teile der Generalität untergebracht waren. Dem "F-Stand", der wohl als Luftschutzbunker diente, war eine weitere Baracke angegliedert, höchstwahrscheinlich in Form eines Blockhauses. Hier befanden sich die Küche und der Speiseraum Hitlers sowie die sanitären Einrichtungen.

Obwohl der Diktator nur kurze Zeit von hier aus Krieg führte, behielt er zum "Felsennest" eine sentimentale Bindung. Noch während seines Aufenthalts in der Eifel befahl er am 1. Juni 1940, das Roderter FHQ nach seiner Abreise unter Denkmalschutz zu stellen. Jeder Raum sollte unverändert bleiben, ja sogar kein einziges Türschild abmontiert werden.

Diktator im Vogelparadies

Christa Schroeder, eine von Hitlers persönlichen Sekretärinnen, erinnerte sich später, wie der "Führer" vom "Felsennest" schwärmte: "Er war immer wieder begeistert über die schöne Landschaft und äußerte den Plan, nach Beendigung des Krieges in jedem Jahr einmal mit der gleichen Besetzung eine Erinnerungsfahrt hierher zu machen." Schroeder berichtete auch, dass Hitler schon bald einen possierlichen Kosenamen für die Umgebung seines Roderter Hauptquartiers parat hatte: "das Vogelparadies".

Während einer Frontreise zu Weihnachten 1940 soll Hitler noch einmal kurz Halt im "Felsennest" gemacht haben, was jedoch historisch nicht gesichert ist. Aber noch knapp zwei Jahre später erinnerte er sich gern an die Tage, die er dort im Frühjahr 1940 verbracht hatte: "Mein schönstes Quartier war doch das Felsennest", soll er im Februar 1942 geäußert haben.

Und auch noch ein weiteres Jahr später, im März 1943, hielt der Diktator seine ansonsten so zerstörerischen Hände schützend über sein "Vogelparadies" und den Kreis Euskirchen. In einer Besprechung soll er eine erneute Nutzung des "Felsennestes" mit der Begründung abgelehnt haben, wenn er und seine Entourage "noch einmal nach dem Felsennest gehen und bloß drei Tage dort bleiben" würde, so werde "Euskirchen und die Umgebung so zerschlagen werden, dass das ein Jammer wäre. Das dürfen wir gar nicht machen."

Gekürzter, leicht bearbeiteter Auszug aus dem "Zeitreiseführer Eifel 1933-1945" von Alexander Kuffner (ISBN 978-3938208427, 14,50 Euro). Das Buch bietet auch genaue Wegbeschreibungen und Karten zum Thema.


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