Neue Farbaufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg Filmschatz einer Hollywood-Ikone

Als US-Soldat erlebte Hollywoodregisseur George Stevens das dramatische Ende des Zweiten Weltkriegs. Mehr als 70 Jahre lagerten seine Farbaufnahmen im Archiv - nun sind sie in ihrer ganzen Brillanz zu sehen.

LOC/Kronos Media/SPIEGEL TV

Von Michael Kloft


Als die Alliierten in den Jahren 1944/45 von den Stränden der Normandie in das Herz von Hitlers Reich vorrückten, wurden sie von einem Kamerateam begleitet, das Filmaufnahmen für die US-Propaganda drehen sollte. Doch nicht alle Szenen, die damals auf farbigem Zelluloid festgehalten wurden, waren für die Öffentlichkeit bestimmt.

Nie aufgeführt landete das mehrstündige Material in der Library of Congress in Washington - wo der Filmschatz bis heute aufbewahrt wird. Mehr als 70 Jahre nach dem Dreh sind diese Aufnahmen nun zu sehen. Für die Dokumentation "Der Geist der Befreiung - Das Ende des Dritten Reichs" hat der deutsche Regisseur Konstantin von zur Mühlen die 16-mm-Farbaufnahmen in hochauflösendem HD digitalisiert. Der Film läuft am Montagabend, 8. Mai, um 20.15 Uhr auf dem Pay-TV Sender SPIEGEL Geschichte, der über Sky zu empfangen ist.

Die für den Film ausgewählten Passagen wurden aufwendig stabilisiert, gereinigt und auf einzigartige Weise zusammengeschnitten. Die Sequenzen sind ausschließlich mit Berichten und Aussagen aus zeitgenössischen Wochenschauen, Dokumentationen und Interviews kombiniert, die von zur Mühlen bei monatelangen Recherchen entdeckte.

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Kriegsende im Farbfilm: "Als würden wir durch Dantes Visionen der Hölle wandern"

Die authentischen Aufnahmen, nun in ihrer ganzen originalen Brillanz zu sehen, zeigen das Durchhaltevermögen der alliierten Streitkräfte auf ihrem Weg durch Europa bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges - hautnah dokumentiert von den besten Kameramännern ihrer Zeit.

Denn der Mann, der das Filmteam anführte, zählt heute zu den Ikonen der US-Traumfabrik Hollywood: Regisseur, Produzent und Drehbuchautor George Stevens, bekannt geworden unter anderem mit Spielfilmen wie "Mein großer Freund Shane" (1953) und "Das Tagebuch der Anne Frank" (1959). Für "Giganten" mit Elizabeth Taylor, Rock Hudson und James Dean erhielt er 1957 den Oscar für die beste Regie.

Als Mitglied einer "Special Coverage Unit" hatte Stevens 1944 von Regielegende John Ford den Auftrag erhalten, den Vormarsch der Truppen auf dem von den Nazis besetzten Kontinent zu dokumentieren. Mit in seinem Team: die Schriftsteller William Saroyan und Irwin Shaw.

Wer genau die Farbsequenzen auf Kodachrome Sicherheitsfilm gedreht hat, die zwischen Juni 1944 und Juli 1945 entstanden, lässt sich heute nicht mehr klären. Da Stevens häufig im Bild zu sehen ist, wird wahrscheinlich einer aus seinem Team die meisten Szenen gedreht haben. Während John Ford mit seinen Leuten am 6. Juni 1944 an Omaha Beach landete, betrat George Stevens weiter östlich - an Juno Beach - französischen Boden.

Dort war der Widerstand geringer, und so entstanden kurz nach Beendigung der Kämpfe erste Aufnahmen von zerstörten Häusern und gefangenen deutschen Soldaten. Stevens galt als launischer Chef, der zu großem Gelächter und Wutausbrüchen neigte, aber immer darauf bedacht war, dass niemand von seinen Leuten in zu große Gefahr geriet.

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Im Tross der sich langsam vorkämpfenden Amerikaner drehte Stevens' Team immer wieder beeindruckende Szenen hinter der Front. Erster Höhepunkt der filmischen Reise ist die Befreiung von Paris im August 1944. Der deutsche Stadtkommandant hatte eigentlich den Befehl, Paris bis zum letzten Mann zu verteidigen und dann die wichtigsten Bauwerke in die Luft zu sprengen. Doch seit einer Audienz beim "Führer" war General Dietrich von Choltitz sicher, dass er einem Wahnsinnigen die Treue hielt. So entschied er, kampflos zu kapitulieren und Paris vor der Zerstörung zu retten.

Ganz Hollywoodregisseur wusste George Stevens um die Bedeutung des historischen Moments, den er unbedingt festhalten wollte. Doch die Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde fand im Bahnhof Montparnasse statt, wo es für Filmaufnahmen zu dunkel war. Um doch noch die ersehnten Bilder zu bekommen, ließ Stevens die Beteiligten die Zeremonie draußen wiederholen. Als Choltitz zögerte, soll der angetrunkene Regisseur ihn angeblafft haben: "C'est la guerre, General, so ist der Krieg!"

"Die unglaublichste Zeit meines Lebens"

Wie viele seiner Kollegen nahm sich auch George Stevens eine kurze Auszeit, um zu feiern und um wieder einmal in einem richtigen Bett zu schlafen. "Die zwei Wochen bis zur Befreiung von Paris", so schrieb er an seine Frau, "waren die unglaublichste Zeit meines Lebens."

Das Team reiste im Gefolge der amerikanischen Truppen weiter Richtung Nazideutschland, wo es unter anderem die Eroberung von Aachen und das erste Zusammentreffen von Amerikanern und Russen bei Torgau an der Elbe dokumentierte.

Kurz nach der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau bei München drehte George Stevens mit seinem Kamerateam besonders verstörende Aufnahmen. Viele der überlebenden Häftlinge hatten einen langen Leidensweg hinter sich, waren unterernährt und krank. Stevens filmte auch einen Zug voller Leichen - offenbar ein Transport aus einem der Todeslager im Osten.

"Es war, als würden wir durch Dantes Visionen der Hölle wandern", schrieb er in einem Bericht. So schwer es ihm fiel, Stevens wollte die Zustände festhalten, damit später niemand behaupten konnte, die Berichte über Dachau seien alliierte Propaganda.

Unverzüglich begannen Amerikaner mit der Versorgung der Überlebenden. Doch der Schock des Gesehenen blieb haften. "Ich konnte mit niemandem darüber sprechen", erinnerte sich der Hollywoodregisseur später.

Auch diese Aufnahmen sind in den Dokumentarfilm "Der Geist der Befreiung" eingeflossen - ebenso wie viele Szenen aus der Hauptstadt Berlin, die Stevens Anfang Juli 1945 mit seinem Team besuchte. Danach kehrte er zu seiner Karriere in der Traumfabrik Hollywood zurück.

  • Die Dokumentation "Der Geist der Befreiung - Das Ende des Dritten Reichs" läuft aus Anlass des 72. Jahrestags der Kapitulation Nazi-Deutschlands im Zweiten Weltkrieg am Montag, 8. Mai 2017, um 20:15 Uhr auf dem Pay-TV Sender SPIEGEL Geschichte, der über Sky zu empfangen ist.

Zu sehen ist der Film außerdem am 9. Mai 2017 auf dem DOK.fest München.


insgesamt 5 Beiträge
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bartolomeo brogno, 08.05.2017
1. Schriftzug in Feldherrenhalle
es wäre eine schöne Geste gewesen wenn an diesen Schriftzug dort gelassen hätte
Ernst Hugentobler, 08.05.2017
2. Mehr zum Thema...
gibts auf Netflix: "Five Came Back". Über die Arbeiten fünf berühmter Regisseure im Rahmen der Dokumentation der alliierten Kriegsbemühungen. Sehr eindrücklich.
Hans-Joachim Groß, 08.05.2017
3. unter Ausschluss der Öffentlichkeit
wie schön, das so etwas im Pay-TV gezeigt wird, wir wollen doch die Öffentlichkeit nicht mit so etwas belasten
Mathias Völlinger, 08.05.2017
4. @1. bartolomeo brogno
Spätestens ab 1949 war der Schriftzug wieder weg. Das Nazitum ging hinter schöner Fassade vorerst weiter. Volksgenossen, Politiker, Juristen et al.
bartolomeo brogno, 08.05.2017
5. Mathias - ja leider
ich nenn Sie einfach mal mit ihrem Vornamen:) hoffe Sie haben nichts dagegen. Ich denke wenn man solche Schriften hätte stehen lassen, dann hätte man auch nicht krampfhaft nach Denkmäler suchen müssen und die ganze Diskussion darum hätte sich erübrigt. Ich weiss, die Weltlage erforderte anscheindend eine schnelle Wiedereingliederung Deutschlands, damit kam eine schnelle Rehabilitation und eine oberflächliche Entnazifizierung. Den Preis für diesen schnellen Modus zahlt man heute. Einerseits mit dem Glauben alles perfekt aufgearbeitet zu haben, mit entsprechendem Selbstlob, andererseits durch das Einholen des Bösen das fast täglich zuschlägt in Form von Abfackelung, NSU, Garagenschmiereien und Schaffung von rechten Parallelgesellschaften. Natürlich sieht das Monument toll aus, geschniegelt und historisch gepflegt. Es wäre wunderbar gewesen und ein Schritt in eine echte Reue und eine höhere gesellschaftliche Dimension, wenn dieser Schriftzug dort erhalten geblieben wäre wie auch andere im Land. Man könnte dann durchaus mit Verantwortung aber auch mit Leichtigket damit umgehen heute. Die Gesellschaft wäre sich der historischen Schuld bewusst und dadurch würde sie auch unverkrampft ¨ lebbar ¨ ohne krampfhaft eine Leitkultur definieren zu müssen, was wiederum einer Rückwärtsspirale gleichkommt.....:)
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