Zweiter Weltkrieg in Farbe Großbritanniens Schönwetterschlachten

Jagdbomber vor tiefblauem Himmel, Soldaten mit freiem Oberkörper: Rare Farbaufnahmen aus einem britischen Archiv lassen den Zweiten Weltkrieg schockierend nah erscheinen - und zugleich surreal.

Imperial War Museums

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James Edgar "Johnnie" Johnson war ein ziemlicher Haudegen. Der englische Kampfpilot soll im Zweiten Weltkrieg mindestens 38 feindliche Flugzeuge abgeschossen haben, was ihn in seinem Land zum Volkshelden machte.

Ein Farbfoto aus dem Sommer 1944, kurz nach der Landung der Alliierten in der Normandie, zeigt ihn jedoch von einer ganz anderen Seite: Auf einem Fluglandeplatz in Nordfrankreich spielt er mit seinem schwarzen Labrador Sally, eine Zigarette lässig zwischen die Zähne geklemmt.

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Zweiter Weltkrieg in Farbe: So bunt, so unwirklich

Wie auf einem 3D-Bild heben sich Herrchen und Hund plastisch von einem verschwommenen Hintergrund ab. Hinter seiner wie weichgezeichnet wirkenden Propellermaschine leuchtet ein fast unwirklich blauer Himmel.

Ein Bildband mit seltenen Farbfotos aus dem Archiv der Imperial War Museums (IWM) in Großbritannien rückt den Krieg aus der zeitlichen Distanz auf einmal sehr nah an uns heran. Wie der Autor und Ausstellungskurator Ian Carter in dem Buch erklärt, geht von diesen Bildern noch heute eine Art Schockwirkung aus - weil wir den Weltkrieg bislang nahezu ausschließlich in Schwarz-Weiß wahrgenommen haben.

"Gemütlicher Spaziergang"

Die Farbfotos springen den Betrachter an, wirken, als seien sie gestern erst entstanden: Ein US-amerikanischer Leutnant grinst uns aus dem Cockpit seines Flugzeugs an, dessen kräftig gelbe Nase deutlich vom Weiß der Wolkenberge absticht. Unter der sengenden Sonne Süditaliens räkeln sich braungebrannte britische Soldaten mit freiem Oberkörper vor ihrem Geschütz, das mitten in einer verdorrten Landschaft steht.

Und an der Heimatfront begutachtet ein blau gekleideter Luftschutzwart Schäden an Londoner Häusern nach Bombardements der deutschen Wehrmacht. Durch das Wechselspiel von Licht und Schatten wird sein Gesicht so stark modelliert, dass man meint, ein Gemälde vor sich zu haben.

"Die Fotos blenden die brutale Schattenseite des Krieges aus, die zerfetzten Körper, den Dreck, den Schlamm, die Panzerschlachten, die Luftkämpfe, die Bombenkriege, auch die Massenvernichtung", sagt der österreichische Fotohistoriker Anton Holzer, Herausgeber der Zeitschrift "Fotogeschichte", im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Man hat fast den Eindruck, das alles sei ein gemütlicher Spaziergang."

Britische Sicht des Konflikts

Denn die Aufnahmen dienten vor allem einem Ziel: der britischen Kriegspropaganda. Zwischen 1942 und 1945 entstanden etwa 3000 Farbfotos im Auftrag des britischen Militärs. Das Informationsministerium MOI, das nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Büro für Kriegspropaganda hervorgegangen war, verwendete eine Auswahl der Bilder für Publikationen, die in Farbe erscheinen konnten.

Viele Aufnahmen gingen allerdings verloren oder wurden damals als für die Veröffentlichung nicht geeignet eingestuft. Nur 1500 Fotos gelangten schließlich nach dem Krieg in das IWM-Archiv.

Im Video: Chronik des Zweiten Weltkriegs: Die Jahre 1942 bis 1945

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Die meisten Aufnahmen in dem Band "The Second World War in Colours" stammen von Fotografen, die im Dienst der britischen Streitkräfte standen. Unverkennbar spiegeln sie die Sicht Großbritanniens auf den Konflikt. Verwendet wurden Kodachrome-Filme aus den USA, die Mitte der Dreißigerjahre auf den Markt gekommen waren.

Schnappschüsse nicht möglich

Die Deutschen indes benutzten den 1936 eingeführten Agfacolor-Film, im Krieg setzten auch sie Farbfotografien gezielt zu Propagandazwecken ein. Wie Holzer erklärt, wurde durch die Zeitschrift "Signal", die der Wehrmacht unterstellt war, "ein riesiges Reservoir an Bildern in ganz Europa verbreitet." Sogar Amateurfotografen griffen hin und wieder zum Farbfilm, um ihre Version vom Krieg zu knipsen.

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Ian Carter:
The Second World War in Colour

Imperial War Museum; 120 Seiten; 15,31 Euro.

Generell jedoch war der Farbfilm sehr kostspielig: "In den Kriegsjahren wurde sehr wenig in Farbe fotografiert. Das Material war knapp, der Druck der Aufnahmen kostete viel Geld", sagt Holzer.

Zudem waren Farbfilme auch komplizierter in der Handhabe: Anders als bei der Schwarz-Weiß-Fotografie seien Schnappschüsse in Farbe damals nicht möglich gewesen - die Belichtungszeit für die Filme war sehr lang, so Holzer: "Kampfszenen, schnelle Bewegungen kommen nicht vor."

Selbst eine Not-OP wirkt idyllisch

Das erklärt auch, warum viele in dem Bildband dargestellte Situationen auf den Betrachter so merkwürdig arrangiert wirken: Menschenleer ist das Bild, auf dem ein "Crocodile"-Flammenwerferpanzer ein loderndes Feuer entfacht, das just in diesem Moment niemanden umbringen kann.

Und die uniformierte Blondine vom Auxiliary Territorial Service ATS, der Frauenabteilung des britischen Heeres, schaut sicherlich nicht zufällig gerade durch ein Fernglas gen Himmel, als auf den Auslöser gedrückt wird.

Frauen sind zudem in Rüstungsbetrieben zu sehen oder sie ersetzen - etwa in Wäldern und Sägewerken - Arbeiter, die als Soldaten an die Front geschickt wurden. Zwei "Lumber Jills", weibliche Holzfäller, sägen vor der Kamera einen Baumstamm an, offensichtlich ohne dabei ins Schwitzen zu kommen.

Eine Szene mit verwundeten Soldaten und Krankenschwestern, die sich im Park eines Krankenhauses der britischen Luftwaffe aufhalten, erinnert an ein familiäres Picknick. Selbst ein Bild aus einem Behandlungszimmer, in dem ein verletzter Armeeangehöriger künstlich beatmet wird und eine Bluttransfusion erhält, erweckt noch den Eindruck einer gemächlichen Idylle.

Krieg spielen, im Krieg fallen

Außer zahlreichen nicht namentlich genannten Soldaten und Zivilisten wurden auch prominente Persönlichkeiten abgelichtet, etwa die zukünftige Queen Elizabeth II. im grünen Militäroverall, General Dwight D. Eisenhower und Feldmarschall Bernard "Monty" Montgomery, der vor einer Landkarte dem britischen König Georg VI. die Kampfstrategien der Alliierten erläutert.

Die Akteure auf den gestellten Fotos wirken allesamt bizarr entspannt - manchmal verrät sogar die Bildunterschrift, dass von Vornherein keine Gefahr bestanden hat. Wie etwa bei dem Soldaten, der mit aufgepflanztem Bajonett und grimmiger Miene dem Feind gegenüberzustehen scheint: kein Ernstfall, sondern nur eine Übung weit weg von der Front.

Die Aufnahme zeigt den 23-jährigen Maurer Alfred Campin vom 6. Bataillon der Durham Light Infantry. Im März 1944 nahm der junge Gefreite für den Fotografen eine martialische Pose ein, spielte gewissermaßen Krieg.

Tragisch, dass die tödliche Realität ihn rasch einholte: Drei Monate nach dem inszenierten Foto fiel Campin nach der Landung der Alliierten in der Normandie. Er wurde auf dem Soldatenfriedhof in Bayeux beigesetzt.



insgesamt 9 Beiträge
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Errol Friedhelm Karakoc-Preussner, 08.05.2018
1. Eindrucksvolle Fotos aber ...
... auch hier noch einmal der Hinweis, sich im Artikel an die korrekte Nomenklatur zu halten: in der Normandie fand keine «*Invasion*» der Alliierten statt, sondern eine Landung (débarquement)! Die Invasoren ( = Einfallende) waren die Deutschen, nicht die Alliierten!
Werner Haertel, 08.05.2018
2. Militärische Fachbegriffe...
...scheinen wirklich nicht die Stärke der Autorin zu sein: Die drei kanadischen Spitfire-Staffeln von James "Johnnie" Johnson bestanden nicht aus 127 Geschwadern, sondern bildeten das 127. Geschwader. ;)
Frank Weiß, 08.05.2018
3. zum thema 2.wk
nur eines, die briten und die USA verloren im gesamten krieg etwa 700.000 menschen, auf allen schlachtfeldern. das sind weniger , als die sowjetunion allein in stalingrad verlor...
Christian Bellechamps, 08.05.2018
4. 8. Mai
Bei Spon schicke bunte Bildchen zum 8. Mai? "In vielen europäischen Ländern ist der 8. Mai ein nationaler Feier- bzw. Gedenktag (Tag der Befreiung). An diesem Tag endete 1945 der Zweite Weltkrieg in Europa." Wikipedia. Bei uns scheinbar nicht mehr? Ich dachte wir, insb die Linken, wären Gutmenschen? Scheinbar doch nicht. Auch der Kommentar "Landung statt Invasion" zeigt das!
Klaus Schlupp, 08.05.2018
5. Deutschland ist nicht mehr unter Besatzung....
....daher dürfen auch Bilder der deutschen Streitkräfte gezeigt werden. Aber Surreal wirkt das schon allein dadurch das man sich strikt weigert Bilder von deutschen Truppen zu zeigen. So als wenn es sie nicht gegeben hätte.
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