Zweiter Weltkrieg in Skandinavien "Der Führer ist rasend!"

Es war ein blitzartiger Überfall: In kurzer Zeit besiegte Hitlers Wehrmacht 1940 Dänemark und Norwegen. Bei dem Feldzug kamen erstmals alle Waffengattungen zeitgleich zum Einsatz. Doch dann begehrten die Besetzten auf - und verwandelten den Erfolg in einen Alptraum für die Nazis.


Telavåg ist ein pittoreskes Fischerdorf auf Sotra an der norwegischen Westküste, querab von Bergen. Bunte Holzhäuser vor grünen Fjells und dunkelblauem Nordatlantik prägen das Bild, Angler aus aller Welt rühmen die reichen Fischgründe: Dorsch, Seelachs und Schellfisch sind in den nur 80 Meter tiefen Gewässern der traumhaften Inselwelt zu Hause.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Idyll zum Alptraum, für seine Bewohner und den norwegischen Nationalstolz. Das Dörfchen mit seiner strategisch günstigen Lage an der Außenkante der zerklüfteten Fjordlandschaften war Geheimtipp für den aus Großbritannien unterstützten Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Nachschub konnte hier lange Zeit nahezu ungestört anlanden, Flüchtlinge unbehelligt das Land verlassen - bis zum 26. April 1942.

An diesem Morgen überraschte die Gestapo in einem Haus des Dorfes zwei aus Großbritannien eingetroffene Widerstandskämpfer der "Kompanie Linge". Es kam zum Schusswechsel. Dabei wurden der Gestapo-Chef von Bergen, SS-Sturmbannführer Gerhard Behrens, und sein Stellvertreter Henry Bertram getötet, aber auch der Untergrundkämpfer Arne Værum.


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Vier Tage später kam die SS wieder, angeführt von "Reichskommissar" Josef Terboven, einem Freund von Behrens. Das Dorf wurde ausgelöscht. Die Nazi-Schergen sprengten und brannten sämtliche Fischerhäuser nieder und vernichteten das Hab und Gut der Bewohner. Die Gestapo verhaftete alle Männer zwischen 16 und 60 und verschleppte sie ins KZ Sachsenhausen, die Frauen, Kinder und Greise kamen nach wochenlangen Verhandlungen mit dem Roten Kreuz frei. Insgesamt waren von der Aktion 268 Menschen betroffen.

Telavåg ist für die Norweger, was die SS-Massaker von Lidice für die Tschechen oder Oradour für die Franzosen sind. Nur in die Geschichtsbücher ging der nordische Flecken nicht so nachhaltig ein wie andere Symbole der Nazi-Gräuel.

Zwei Jahre zuvor, am 9. April 1940, waren die deutschen Truppen in Dänemark und Norwegen einmarschiert. Es waren strategische Überlegungen, den Skagerrak und den Nordatlantik besser zu kontrollieren, aber auch der Wille, die Eisenerzlieferungen aus Nordnorwegen und Schweden vor britischem Zugriff zu schützen sowie landwirtschaftliche Importe aus Dänemark zu steigern, die Hitlers Entscheidung zur Invasion letztlich beflügelt hatten.

Das Unternehmen "Weserübung", der Überfall auf Dänemark und Norwegen, war die "bis dato modernste strategische Operation", schreibt der Nordeuropa-Historiker Fritz Petrick. Zum ersten Mal operierten alle drei Waffengattungen bei einem Einmarsch umfassend parallel - Marine, Heer und Luftwaffe.

Sehr unterschiedlich war die Besatzungspolitik. In Dänemark ließen die Nazis die Verfassung in Kraft und König Christian X., Regierung, Verwaltung und selbst die Polizei im Amt. Das dänische Militär wurde nicht entwaffnet, nur einige Dutzend deutsche Verwaltungsbeamte und Diplomaten rückten an die Spitze des Landes.

Es sollte eine "Bündnisverwaltung" sein, sagte der spätere "Reichsbevollmächtigte" Werner Best, die sogar freie Wahlen erlaubte: Am 23. März 1943 bestätigten die Dänen ihre Sammlungsregierung mit den Sozialdemokraten als stärkste Kraft (knapp 45 Prozent) im Amt, die dänischen Nazis kamen gerade mal auf 2,1 Prozent.

Dieses Experiment half, die Ausfuhr landwirtschaftlicher Produkte nach Deutschland in nur zwei Jahren von 23 auf 75 Prozent 1941 zu steigern, und es unterschied sich grundlegend von der "Politik der harten Hand" des "Reichskommissars" Terboven in Norwegen.

Dort dauerte es zwei Monate, bis die Wehrmacht den norwegischen und alliierten Widerstand zurückgedrängt und unter erheblichen Verlusten einigermaßen niedergeschlagen hatte. Im Oslofjord versenkten die Norweger den nagelneuen Schweren Kreuzer "Blücher", das Flaggschiff der Invasionsflotte. Vor Bergen erwischte es den Kreuzer "Königsberg" nach einem britischen Bombenangriff, vor Narvik gleich 10 von 14 Zerstörern.

Das Land blieb auch nach der formellen Kapitulation am 10. Juni weiter im Kriegszustand. König Haakon VII. und die Regierung flüchteten nach Großbritannien und verweigerten jede Zusammenarbeit. Norwegische und britische Kommandoeinheiten sabotierten und bekämpften deutsche Truppen vor allem im unzugänglichen Küstenland.

Im Sommer 1940 mussten die Norweger alle privaten Radiogeräte abgeben. Über 500.000 kamen zusammen, mehr als offiziell vorhanden, aber immer noch nicht genug, um den Kontakt zur freien Welt über BBC zu unterbinden. Die Bevölkerung lehnte sich auch unter der Marionettenregierung des norwegischen Kollaborateurs Vidkun Quisling immer mehr gegen ihre Besatzer auf. Bereits Anfang September 1941 streikten in Oslo 25.000 Arbeiter in 50 Industriebetrieben gegen die Fremdherrschaft.

Im Winter 1941 begann die Lage, sich auch in Dänemark zu verändern. Sabotageakte, Streiks und Demonstrationen nahmen zu, Spitzel für die Deutschen, sogenannte "Stikker", wurden liquidiert.

Ende Juli 1943 stieg die Zahl der Anschläge auf mehr als 20 pro Woche. Am 19. August misshandelte eine Menschenmenge einen deutschen Offizier in Odense, Best musste zum Rapport ins Führerhauptquartier. "Der Führer ist rasend!", erfuhr er dort von Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop.

Am 29. August 1943 besetzte die Wehrmacht erneut strategische Stellungen und entwaffnete die dänische Armee. Die beschränkte dänische Souveränität wurde aufgehoben. Das Modell einer scheinbar moderaten Okkupationspolitik war endgültig gescheitert, aus dem "Musterprotektorat" ein "mønsterprotektoratet" geworden, jubelte der Untergrund.

Die dänische Marine floh mit zahlreichen Schiffen nach Schweden. Einen Teil der Flotte versenkte sie selbst.

Die größte Bravourleistung aber gelang wohl den einheimischen Fischern. Zusammen mit vielen Freiwilligen brachten sie in der Nacht zum 2. Oktober 1943 und in den nächsten Wochen rund 7000 dänische Juden in ihren Booten nach Schweden und retteten sie vor dem Zugriff der Deutschen. Es war "ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der 'Endlösung'", schreibt der NS-Forscher Hermann Weiß, nur 284 Juden fielen ihren Häschern in die Hände.

Es war vor allem einem Deutschen zu verdanken, dass diese Hilfsaktion während des Holocaust gelang. Der langjährige Schifffahrtssachverständige an der deutschen Gesandtschaft in Kopenhagen, Georg Ferdinand Duckwitz, hatte von der bevorstehenden Deportation erfahren, wohl von Best selbst, und dänische Freunde alarmiert.

Zum Teil unter den Augen der deutschen Wachsoldaten legten Rettungsboote mit jüdischen Flüchtlingen ab. "Sie haben wahrscheinlich mit Absicht zur Seite geguckt", erzählte jüngst Miriam Yaari, 88, aus dem Kibbuz Neot Mordechai im Norden Israels.

Über den Coup ärgerte sich der Organisator der "Endlösung", Adolf Eichmann, noch 1961 in seinem Prozess in Jerusalem: "Dänemark hat uns mehr Schwierigkeiten bereitet als jedes andere Land."



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Klaus Groebig, 07.06.2010
1.
Der Beitrag ist mit des schlechteste was jemals im Spiegel zu lesen war. Der Autor hat keine Ahnung - aber davon eine ganze Menge. 14 deutsche Zerstörer in Narvik? waren es nicht doch bloß? Naja egal, wenn es im Spiel steht wird es schon richtig sein. die Kriegsmarine verlor die Kreuzer Königsberg, Karlsruhe und Blücher. aber der größte Witz ist der Bericht darüber, daß Dänemark und Norwegen voller Widerstandskämpfer war. Immerhin gelang es der Waffen SS eine ganze Division mit Dänen und Norwegern aufzustellen (Nordland). Bombenanschläge gegen die Wehrmacht und andere deutsche Einrichtungen gab es vermehr nach der Kriegswend. Es war wohl nicht Hitler sondern eher Churchill der verzweifelt war, weil die Dänen sich sicht in den Krieg hineinziehen lassen wollten und viele Norweger im April 1940 erfahren haben, daß sich eben nicht nur die Deutschen sondern auch die Briten mit der Absicht trugen das Land zu besetzen (Operation Wilfred).
Frank Geisenau, 07.06.2010
2.
Halbwissen falsch ausgelegt und IDEOLOGISCH verbrämt. Peinlich für "einestages".
Ralf Zuber, 07.06.2010
3.
Die gesamte Bewertung ist irgendwie seltsam und deckt sich auch nicht mit der von Militärhistorikern. Die Operation Weserübung wurde vor Augen der englische Flotte erfolgreich durchgeführt. Die Zeit von 2 Monaten für die Erorberung eines großen sehr bergigen Landes ist keinesfalls ein Zeichen für besonders harten Widerstand (seitens der Norweger und zweier englisch-französischer Armeen). Dass der "Führer" rasend war heißt nicht viel, das kam bei ihm öfter vor. Der Widerstand der Norweger war nicht sehr stark. Um das Bild komplett zu machen, sollten die Autoren nicht verschweigen, dass einige Tausend Norweger freiwillig in der Waffen SS Division Wiking in Rußland für die Nazis kämpften. Man fragt sich welcher Zweck hinter dieser merkwürdigen Bwertung steht!? Man sollte wenigstens den kompletten Sachverhalt darstellen! Ansonsten empfehle ich eine Norwegenreise.
Ernst Pelzing, 07.06.2010
4.
Tankerlebnis Wir schrieben das Jahr 1971. Mein Bruder Karl und ich hatten die Absicht, dem Nordkap mit dem Auto einen Besuch abzustatten. Durch die geplante Streckenführung über Dänemark, Norwegen und zurück über Finnland und Schweden wollten wir im auslaufenden Frühjahr neben der einzigartigen Landschaft das Phänomen der Mitternachtssonne nördlich des Polarkreises auf uns wirken lassen. Im Raum Hammerfest mussten wir tanken. Die Bedienung, ein etwa 60jähriger Mann, warf einen kurzen Blick auf unser Nummernschild. Für uns etwas seltsam, doch es musste einen Grund dafür geben. Und den sollten wir denn auch umgehend erfahren. Er bedeutete uns, dass wir bei ihm nicht tanken könnten. Wir sollten eine andere Tankstelle anfahren. Das hatten wir auf unserer gesamten Fahrt noch nicht erlebt. Wir warem perplex. Wir hatten zum Glück einen vollen Ersatzkanister. Bevor wir jedoch weiterfuhren, um uns an einer bedienungsfreundlicheren Tankstelle mit Diesel einzudecken, suchten wir nach einer möglichen Erklärung für das Verhalten des Tankwarts. Die einzige einigermaßen sinnvolle Begründung schien uns darin zu liegen, dass der gute Mann in seiner Vergangenheit ein sicherlich recht unangenehmes Erlebnis in Verbindung mit Deutschen gehabt haben musste. Dazu fiel uns nur die deutsche Besatzung Norwegens im II Weltkrieg ein. Einzelheiten über diese diktatorische Zwangsverwaltung wussten wir jedoch nicht. Wir werteten das Erlebnis als Spätfolge der Weltkriegsereignisse, deren Opfer wir durch Zufall geworden waren.
Manfred Heuer, 08.06.2010
5.
Ein kleiner Hinweis zu dem Teilsatz "...aus dem "Musterprotektorat" [war] ein "mønsterprotektoratet" geworden...". Musterprotektorat ist die direkte Übersetzung von mønsterprotektorat. Leider konnte ich auf die Schnelle in der Literatur keinen Hinweis auf das Wortspiel finden, aber ich nehme an soll statt mønsterprotektoratet tatsächlich monsterprotektoratet heißen. Im Übrigen halte ich es für keineswegs verwerflich, dass der Autor sich in seiner Darstellung auf den Widerstand konzentriert und das Thema Kollaboration in großen Teile unberührt lässt. Eine umfassende Darstellung, die alle Aspekte berührt, ist auf dem knappen Raum eines Zeitungsartikels kaum nötig, die Fokusierung auf einen Teilaspekt daher m.E. durchaus legitim.
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