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Zweiter Weltkrieg Die Nacht, in der Königsberg unterging

Luftangriffe auf Königsberg: Funkenschwärme und Alarmsirenen Fotos
picture alliance/ dpa

Vor 70 Jahren verglühte Ostpreußens Hauptstadt bei zwei Luftangriffen der Briten im Feuerball der Phosphorbomben. An ihre Stelle trat das russische Kaliningrad, das seine Rolle zwischen Ost und West noch nicht gefunden hat. Von Olaf Ihlau

Niemand konnte sich vorstellen, dass es zur Katastrophe kommen würde, denn Ostpreußen war bis zum Spätsommer 1944 vom Krieg weitgehend verschont geblieben. Zwar musste Königsberg, Krönungsstadt der preußischen Monarchen, ein paar Schrammen hinnehmen durch vereinzelte sowjetische Fliegerattacken. Aber noch lebte sie in der Illusion, sich außerhalb der Reichweite alliierter Bomber zu befinden, die im Westen Hamburg und Köln, Berlin und Essen in Schutt und Asche legen. Die 360.000 Königsberger hofften darauf, das Kriegsende unbeschadet zu überstehen und die Zeugnisse eines 700-jährigen Erbes bewahren zu können.

Davon gab es einiges und Einmaliges vorzuweisen in den Straßen, Bürgerhäusern und Kirchen der Viertel rings um das alles beherrschende Herzogschloss, eine Gründung des Deutschritterordens bei der Christianisierung der heidnischen Prußen Mitte des 13. Jahrhunderts. Hier in der Stadt am Pregel hatte einst der Philosoph Immanuel Kant gewirkt. Der Großaufklärer, der seine Heimatstadt nie verließ, nannte sie "einen schicklichen Platz zur Erweiterung sowohl der Menschenkenntnis als auch der Weltkenntnis, wo diese, auch ohne zu reisen, gewonnen werden kann".

Sommer 1944 in Deutschlands östlichster Provinz: strahlend hell, mit brütender Hitze. Noch immer sind die Terrassen des berühmten Café Schwermer voll besetzt, schmecken den Besuchern dort der Baumkuchen und die Zaubereien aus Marzipan. Bei Gräfe und Unzer, Europas größter Sortimentsbuchhandlung, herrscht weiterhin Betrieb. Um den Schloss- und den Oberteich flanieren abends die Liebespaare, in der Ostpreußenhalle werden Konzerte gegeben. Vom Kriegsgeschehen anscheinend unbeeindruckt begeht im Juli die 1544 von Herzog Albrecht gestiftete evangelische Albertus-Universität mit viel Pomp ihr 400-jähriges Bestehen. Die Kleinbahn kutschiert fröhliche Kurzurlauber zur Bernsteinküste an der Ostsee. Zwar nehmen die Transparente mit Durchhalteparolen zu, schleppen sich mehr versehrte Soldaten an Krücken durch die Straßen, und doch findet der Krieg vorwiegend im Radio statt. Weiterhin werden Kinder aus Berlin mit dem Zug ins vermeintlich sichere Ostpreußen verschickt.

Doch dann bricht in der letzten Augustwoche mit zwei Luftattacken der Briten, die über das neutrale Schweden von Norden her einfliegen, das Unheil über Königsberg herein. Der erste unerwartete Angriff mit 200 Lancaster-Bombern am 27. gilt vor allem der Zivilbevölkerung in den nördlichen Wohnvierteln. Die Schichauwerft, Kasernen, Rüstungsfirmen, Befestigungsanlagen, der Hauptbahnhof und der Flugplatz bleiben unbeschädigt.

Im Feuerball verglüht

Erst an den zweiten Angriff der Briten, den ich als Kleinkind miterlebte, habe ich vage Erinnerungen: Wie ich mit zweieinhalb Jahren in meinem Bettchen liege, den braunen Teddy im Arm, und verschreckt auf das Fenster starre. Dahinter geschieht Unheimliches: ein glutlodernder Himmel, durch den Funkenschwärme stieben, dazu ein schreckliches Geheule von Alarmsirenen. Es ist die Nacht, in der Königsberg stirbt.

Am frühen 30. August 1944 verglüht die ostpreußische Hauptstadt im Feuerball der Phosphorbomben. Dieser Angriff der Royal Air Force mit 650 Bombern, ohne Erdsicht im Planquadrat über einer geschlossenen Wolkendecke fliegend, hat das dichtbesiedelte Zentrum im Visier. Nach dem Feuersturm der Spreng- und Brandstrahlbomben ist von Kants "schicklicher" Stadt nicht mehr viel übrig. Das historische Königsberg mit seiner jahrhundertealten preußischen Kultur ist ausgelöscht. Dom, Hohenzollernschloss, Universität, Kirchen, die klassizistischen Gebäude und die alten Speicher am Hafen sind nach dem Flammenmeer nur noch ausgebrannte Ruinen. Die Zahl der Toten wird auf rund 4500 geschätzt, an die 200.000 Königsberger sind obdachlos.

Ich lebe damals mit meiner Mutter, einer Schauspielerin, im Waldvorort Metgethen, der von dem Inferno verschont bleibt. Am Morgen nach der Schreckensnacht steht mein Großvater auf dem Hof vor dem Haus. Verdreckt und schwarz im Gesicht wie ein Schornsteinfeger. Neben ihm ein Handwagen mit Koffern. "Das ist alles, was ich noch retten konnte", sagt der erschöpfte Mann und fällt seiner Tochter weinend in die Arme. Das Familienhaus auf dem Hintertragheim im Zentrum der Stadt ist von einer Bombe getroffen worden und ausgebrannt. Den Handwagen kenne ich gut. Auf ihm habe ich mit dem Großvater schon manche Spazierfahrt gemacht.

"Sturm auf das faschistische Räubernest"

Hinter diesem "Terrorgroßangriff der britischen Luftgangster" stecke das "nackte Verlangen nach Mord", schäumt die "Königsberger Allgemeine Zeitung" in einer Notstandsausgabe. Doch, so heißt es weiter, die Absicht der "Feinde", "mit diesen Angriffen auf unsere Gauhauptstadt den Bolschewiken besondere Hilfsstellung zu leisten, wird sich nicht verwirklichen".

Stalins 3. Weißrussische Front bereitet da bereits den Angriff auf Ostpreußen vor. Sieben Monate danach setzt eine sowjetische Übermacht von 240.000 Soldaten zum "Sturm auf das faschistische Räubernest" an. Die deutschen Verteidiger der "Festung Königsberg" können demgegenüber nur noch 10.000 Mann aufbieten, denen es an Waffen und Munition mangelt. Der General Otto Lasch kapituliert, viel zu spät, am 9. April 1945. Von den etwa 125.000 Zivilisten und Flüchtlingen, die noch immer in Kellern und Luftschutzräumen der belagerten Stadt ausharren, weil sie nicht rechtzeitig evakuiert werden durften, kommt bei den Kampfhandlungen ein Viertel ums Leben, wenn nicht mehr. Die Überlebenden sind danach dem Abrechnungsterror der Besatzungsmacht ausgesetzt, mit unzähligen Vergewaltigungen, grausamen Ausschreitungen und Erschießungen. Keine größere deutsche Stadt wurde durch Krieg und Nachkriegszeit dermaßen zerstört wie Königsberg, fand die Publizistin Marion Gräfin Dönhoff, die ganz in der Nähe auf Schloss Friedrichstein aufwuchs. Und keine sei so "in ihrer Geschichtlichkeit getroffen" worden.

Heute heißt das frühere Königsberg Kaliningrad, benannt nach einem Vasallen Stalins, und es gehört mit dem nördlichen Ostpreußen seit Kriegsende zu Russland. Jahrzehntelang als militärische Sperrzone in bleierner Finsternis, seit der Implosion der Sowjetunion nunmehr Moskaus isolierter Vorposten an der Ostsee. Eine von den EU- und Nato-Mitgliedern Polen und Litauen umklammerte Exklave, die Selbstzweifel und Zukunftsängste plagen. Denn diese russische Insel mit knapp einer Million Einwohnern ist weit von Russland entfernt. Über 1000 Kilometer von der Kommandozentrale Moskau, aber bloß 530 Kilometer von Berlin, dem Ziel heimlicher Sehnsüchte der Jungen, die nach Westen, nach Europa streben. Russlands westlichste, immens korrupte Stadt ist noch immer auf der Suche nach sich selbst. Sie kommt wirtschaftlich nicht auf die Beine, leidet unter ihrer Lage wie kaum ein zweiter Ort im Imperium des Wladimir Putin.

Die Zukunft des Kaliningrader Gebiets, so mutmaßen Autoren einer EU-Studie wohl zu Recht, erfordere die Abwendung von der klassischen Realpolitik nationaler Souveränität hin zu einem "post-souveränen Weg". Das wäre der Stadt am Pregel zu wünschen. Doch all dies muss langsam wachsen, man darf es nicht erzwingen wollen.

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