Bombenkrieg in Berlin Tod vom Himmel

Auf Berlin gingen im Zweiten Weltkrieg mehr Bomben nieder als auf jede andere deutsche Stadt. 50.000 Menschen starben, Hunderttausende wurden obdachlos. Doch ein Ziel verfehlten die alliierten Luftkriegsstrategen: Der erhoffte Aufstand gegen das NS-Regime blieb aus.

Corbis

Von Katharina Stegelmann


Die dichten Wolken über Berlin am Abend des 22. November 1943 versprachen Ruhe. "Wenn sie um halb acht nicht kommen, kommen sie heute nicht mehr", sagte der Kellner zuversichtlich. Der Journalist Konrad Warner hatte gerade zu essen begonnen. Es wurde 19.30 Uhr, da ertönten die Sirenen.

Warner ging in den großen Bunker am Bahnhof Zoo, wo in fünf Etagen bis zu 18.000 Menschen untergebracht werden konnten. Die Leute unterhielten sich lebhaft, einige Frauen beschäftigten sich mit Handarbeiten, die meisten erwarteten, dass der Alarm bald vorbei sei.

Plötzlich vibrierte das Gebäude bis in die Grundmauern, es krachte, und das Licht erlosch. Schlagartig verstummte jedes Gespräch. Frauen weinten, Männer blickten starr vor sich hin. Auch Warner machte sich Sorgen; er fürchtete um seine Frau, die bei ihrer Mutter in Charlottenburg war.

Der Zivilist im Luftkrieg lebte gefährlich. Herabstürzende Balken erschlugen, zusammenbrechende Mauern zerquetschten ihn; der Luftdruck der Explosionen sprengte seine Lunge und die inneren Organe; im Luftschutzkeller konnte er ersticken, verbrennen oder im Löschwasser ertrinken.

Der Tod, der aus dem Himmel über Berlin kam, traf Wehrlose, vor allem Frauen, Kleinkinder und alte Menschen. Anders als die Soldaten im Feld hatten sie nicht die Möglichkeit, sich zu ergeben. Schätzungen zufolge starben bis zu 50.000 Menschen bis April 1945 im Bombenkrieg auf Berlin, die meisten von ihnen waren Zivilisten.

Der strategische Luftkrieg hatte zwei Ziele. Erstens: Zerstörung der Stadt als Produktionsstätte; der Feind sollte im Vorfeld besiegt werden. Zweitens: Demoralisierung der Bevölkerung; die Deutschen sollten sich von Hitler lossagen. Die Strategen in London und später die aus Washington nahmen den Tod Zehntausender Zivilisten in Kauf.

Das "Moral Bombing" auf Berlin begann im Sommer 1940. Der britische Premierminister Winston Churchill hoffte, der "moralische" Hebel würde am besten in der Hauptstadt wirken.

Der erste Angriff in der Nacht zum 26. August 1940 durch die Royal Air Force war allerdings ein militärisches Desaster: 6 der 50 gestarteten Bomber stürzten ab, ein Holzschuppen in einem Berliner Vorort ging zu Bruch, zwei Deutsche wurden leicht verletzt.

Bald jedoch verbesserten die Luftkrieger ihre Technik, die Navigationssysteme wurden genauer, die Bomben effizienter. Die Sprengbomben zwangen die Menschen in die Keller und Bunker, die Brandbomben verhinderten, dass sie hinaus konnten, um zu retten, was vielleicht noch zu retten war.

Ab März 1944 begannen die Amerikaner, tagsüber Angriffe auf die Hauptstadt zu fliegen; im Dunkeln kamen die Briten. Auf Berlin gingen im Zweiten Weltkrieg mehr Bomben nieder als auf jede andere deutsche Stadt. Das Leben war weitgehend davon bestimmt. Die Angst wurde zum "öffentlichen Zustand", wie der Publizist Jörg Friedrich analysiert.

Doch der "Betrieb geht ungestört weiter", verkündete ein Schild vor einer Behörde; die Post wurde auch an die Notunterkunft zugestellt, wenn man ausgebombt worden war. Die U- und S-Bahnen waren ständig überfüllt mit müden, aggressiven, schlecht riechenden und dennoch meist disziplinierten Menschen.

Ende November 1943 gab es 500.000 Obdachlose

Ab 1944 nahm der tägliche Kampf um das Essen an Schärfe zu. Das Chemieunternehmen IG Farben hieß im Volksmund nun "Reichskonditor", weil sogenannte Ersatzstoffe den Speiseplan dominierten. Oft konnten Berliner nach stundenlangem Schlangestehen nur noch einen Kohlkopf ergattern. In manchen Bezirken konnte tagelang nicht gekocht werden, weil die Gaszufuhr unterbrochen war.

Viele Berliner hatten ihr Zuhause schon längst verloren; Ende November 1943 gab es 500.000 Obdachlose. Während der 19 Großangriffe durch die U.S. Air Force und die Royal Air Force vom August 1943 bis zum März 1944 starben 9390 Zivilisten.

Mit Galgenhumor scherzten die Berliner über ihre "Stadt der Warenhäuser": "Hier waren Häuser, da waren Häuser." An einem Baum hing ein Zettel: "Tausche wegen Fettmangel eine beinahe neue Bratpfanne gegen ein Führerbild." Wer beim Erzählen solcher Witze erwischt wurde, dem verging das Lachen. Defätistische Äußerungen wurden mit Gefängnis oder Tod bestraft.

Wille und Mut zum Widerstand waren indes rar. Das "Moral Bombing" funktionierte nicht. Ausgebombte denken nicht darüber nach, wie sie ihre Regierung stürzen könnten. Sie wollen eine heiße Suppe und ein Dach über dem Kopf. Und hier zeigte der NS-Staat seine organisatorische Stärke.

"Klappstuhlgeschwader"

Ein Heer von Notdienstverpflichteten war nach jedem Angriff zur Stelle. Die Helfer verteilten Tee, Leberwurstbrote und Zigaretten. Die Opferbetreuung war fest in der Hand der Partei und ihrer Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt: Der "Führer" sorgte für sein Volk, dem er den Krieg gebracht hatte. Seine Anhänger stellten Transparente in die Ruinen: "Unsre Mauern brachen, unsre Herzen nicht."

Die Fliegerschadenstellen, wo Entschädigungsansprüche angemeldet wurden, konnten den Ansturm bald kaum noch bewältigen. Die Stimmung war schlecht, der herbe Charme der Berliner schlug ins Bittere um. Der Abschiedsgruß "Bleib übrig!" machte die Runde.

Nur knapp zwei Prozent der Bevölkerung konnten in Bunkern untergebracht werden. Schon morgens zogen die "Klappstuhlgeschwader" los, um sich vor den Eingangstüren zu positionieren, bis der Alarm kam. Es waren meist Frauen mit Kleinkindern, große Teile der Schuljugend waren 1943 mit der "Kinderlandverschickung" evakuiert worden.

Für Juden waren die lebensrettenden Betonburgen tabu. Für sie waren keine Schutzräume vorgesehen. 1943 lebten sie nur noch als Zwangsarbeiter, in "Mischehen" mit "arischen" Ehepartnern oder als "U-Boote", in der Illegalität, in Berlin.

"Ein unfassbarer Anblick"

Joel König war einer von ihnen. Sein größtes Problem waren nicht die Bomben; von ihnen erhoffte er die Befreiung. Bis dahin musste er sich vor den Nazis verstecken. Nachts schlief er in einer Art Besenkammer, tagsüber musste er sich unsichtbar machen. Im März 1943 entdeckte er den Zoo als Zufluchtsort. Im Aquariumhaus war es still und warm, hier konnte er ein wenig ausruhen.

Acht Monate später, nach den schweren Novemberangriffen, waren das Aquarium und die meisten anderen Tierhäuser verschwunden. Angeblich wurden Löwen am Landwehrkanal gesichtet, ein Tiger am Ku'damm, Krokodilschwänze sollen ein schmackhaftes Mahl gegeben haben.

Als der Journalist Warner den Bunker am Bahnhof Zoo verließ, bot sich ihm ein unfassbarer Anblick. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche stand in Flammen, der Ufa-Palast - alles brannte lichterloh. Mit Geschwindigkeiten bis zu 15 Meter pro Sekunde fegte der Feuersturm durch die Straßen, riss Autos und Passanten mit sich und verbreitete schwarze, stinkende Rauchschwaden. Von 19.58 bis 20.20 Uhr hatten 753 britische Flugzeuge 2500 Tonnen Spreng- und Brandbomben abgeworfen. Warner hatte den Eindruck, ganz Berlin sei zerstört.

Der Propagandaminister und Berliner Gauleiter Joseph Goebbels ordnete am folgenden Tag an, die Theater wieder in Betrieb zu nehmen. Die Leute kamen in Scharen. Eine Revue war ein besserer Zeitvertreib, als nach etwas Essbarem Schlange zu stehen. Jeder Tag konnte der letzte sein, nach diesem Motto stürzten sich die Leute verzweifelt ins Vergnügen.



insgesamt 33 Beiträge
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Thomas Fahr, 10.10.2012
1.
Au weia, darf man so etwas schreiben? Daß es vor allem wehrlose Zivilisten getroffen hat usw.?? Sie waren doch alle an allem schuld, so wie wir heute auch alle schuld sind und dafür zahlen müssen! Also, man sollte hier kein falsches Mitleid erregen, sondern immer schön demütig und schuldbewußt sein...
Kristian Matthes, 10.10.2012
2.
Ich finde diesen Artikel richtig gut. Wertungsfrei und sachlich geschrieben, gute Bilder und lebhafte Schilderungen. Was mir nicht gefällt (aber das ist immer so) ist, dass mit "moral bombing" in gewisser Weise die britische Ausdrucksweise im Deutschen Einzug gehalten hat. Es mag ja durchaus sein, dass im britischen Sprachgebrauch das Bombardieren von Zivilisten mit "demoralisieren" umschrieben wird. Im Deutschen sind für meine Begriffe solcherlei Umschreibungen aber eher unüblich. MfG
Boris Wieting, 10.10.2012
3.
Natürlich darf und muss man darüber schreiben. Aber hätten die "wehrlosen Zivilisten" 1933 nicht in Scharen Hitler gewählt, wäre uns das Ganze erspart geblieben. Die direkte Schuld tragen die heute Lebenden zwar nicht mehr, aber dafür die lebenslange Verantwortung, dass sich dergleichen nicht wiederholt. Insofern relativiert sich "wir sind alle immer noch schuld und müssen zahlen"-Gerede von selbst...
Jörn Erbguth, 10.10.2012
4.
Ob das Bombardieren von Wohnvierteln oder die Sanktionen gegen den Iran (die auch die Medikamentenversorgung beeinträchtigen) - immer wieder wird bei Auseinandersetzungen das Argument gebracht, dass das Leiden der Zivilbevölkerung zum Regimewechsel führen solle. Ich kenne nur Beispiele, in denen dies nicht funktioniert hat - im Gegenteil - beim Angriff von aussen treten die Konflikte im Land zurück. Kennt jemand Beispiele, bei denen dies funktioniert hat? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Militärs nicht um die Wirkungslosigkeit wissen und befürchte daher, dass es sich eher um Propaganda handelt um den totalen Krieg gegen ein Land und dessen Bevölkerung zu rechtfertigen.
Jens Johannsen, 10.10.2012
5.
Der strategische Bombenkrieg hatte noch (mindestens) ein weiteres Ziel: Kräfte sollten gebunden werden, die sonst an der Front hätten eingesetzt werden können, Produktionskapazitäten dafür eingesetzt. Dieses Ziel ist auch vollumfänglich erreicht worden. Vergleichbar ist dies mit dem U-Boot-Krieg der Deutschen im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Das Propagandaziel, die Engländer verhungern zu lassen, war natürlich unrealistisch und wurde nicht ansatzweise erreicht. Aber durch relativ billige Waffen und geringen Personaleinsatz wurden enorme Kräfte des Gegners gebunden. Für ein einzelnes U-Boot, dessen Angriffe ja nicht substantiell Tonnage vernichten, sondern das eigentlich nur terrorisiert, sind ganze Geschwader zum Abfangen notwendig. Naja, wer den totalen Krieg will und beginnt (und das ja schon 1937), bei dem wird er auch beendet. Wer Wind sät...
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