Forum: Auto
Ausstellungen zur Auto-Kultur: An die Wand gefahren
Andrew Bush

Zwei Ausstellungen in Bonn und Paris feiern unsere Liebe zum Auto - und wirken zugleich wie ein Abgesang auf eine untergehende Kultur. Hier sind die Bilder.

Seite 1 von 2
Velbert2 22.06.2017, 11:41
1. Abgesang? Untergehend?

Wenn eine Kultur untergeht muss sich zwangsläufig eine neue Kultur etablieren.
Welche sollte es in diesem Fall sein?
Eine Kultur des Bahnfahrens, des Fahrrad- oder Motorradfahrens, vielleicht sogar des "Zufussgehens"?
Ich bin da eher skeptisch, da all diese "Kulturen" ihre Nachteile haben.
Störanfälligkeit zum Beispiel bei der Bahn, wie man erst kürzlich bei den koordinierten Anschlägen auf Bahnstrecken sehen konnte.
Beim Fahrradfahren spielen oft das Wetter oder andere Verkehrsteilnehmer wie Fussgänger oder andere Fahrradfahrer nicht mit.
Ich glaube, so schnell wird man den "Kult ums Auto" nicht los, auch wenn einige das gerne prognostizieren.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
rennflosse 22.06.2017, 12:09
2. Zu viel ist ungesund

Untergehende Kultur?
Die automobile Kultur der Vergangenheit war vor allem dadurch geprägt, dass es sich um ein Objekt handelte, von dem viele träumten und das sich sehr wenige leisten konnten. Man denke an die Bemühungen in den dreissiger Jahren, überhaupt ein Automobil für Normalbürger zu bauen. Oder man denke an die hohen Preise und langen Wartezeiten in der ehemaligen DDR.

Das begehrte Objekt steht heute im Überfluss zur Verfügung. Und wenn alle ein Gut in Anspruch nehmen können, wird es für den Einzelnen eng. Die täglichen Staus, die Umweltbelastung werden immer erdrückender.

Angesichts dessen sucht man nach Alternativen. Aber wie erreicht man weniger Autoverkehr? Indem man die Mobilität grundsätzlich einschränkt? Fahrräder sind für viele Menschen zu unattraktiv.

So denke ich, die automobile Kultur geht nicht unter. Sie wird sich verändern. Und der Trend geht vielleicht dahin zurück, das eigene Auto für mehr Menschen unbezahlbar zu machen. An den Elektroautos kann man den Trend erkennen. Deren Anschaffung ist gegenüber vergleichbaren konventionell angetriebenen Fahrzeugen deutlich schwieriger.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
mol1969 22.06.2017, 13:08
3. Nun ja ...

Vorab:
Ich bin Zeit meines Lebens Autonarr. Ich fahre, seit ich 18 bin, etwa 30.000 KM jährlich, nicht etwa weil ich einen besonders langen Arbeitsweg habe, sondern weil ich wirklich gerne Auto fahre und in meiner Freizeit großen Wert auf Mobilität lege. Urlaub an der Ostsee 1000KM, Wanderausflug am Wochenende 200KM, Kumpel alle 2 Wochen zum Pizzaessen besuchen 150KM .....
Dies nur zur Erklärung: Ich bin wahrlich keiner, der das Auto verteufelt und wegen mir hätte es ewig so weitergehen wie vielleicht noch vor 10 Jahren.

Aber:
Es ist unübersehbar, dass der Verkehr in den vergangenen Jahren derart zugenommen hat, dass wir überall an Kapazitätsgrenzen stoßen bzw. diese bereits überschritten haben. Zumindest im Sommerhalbjahr vergeht kein Wochenende mehr, an dem ich nicht im Stau stehe, wenn ich eigentlich nur 50 KM weiter zum Wandern fahren will. Vor ca. 4 Wochen bin ich auf der Urlaubsrückfahrt stundenlang im Stau gestanden, für 150 KM über den San Bernadino habe ich 4 Stunden gebraucht.
Ein Bekannter von mir, ebenfalls Oldtimer-Fan, denkt inzwischen ganz ernsthaft darüber nach, seine geliebte "Cobra" mit 5Ltr-V8 zu verkaufen, weil er aus den gleichen Gründen keine Freude mehr an ihr hat. Er fährt zuhause los und steht spätestens nach einer halben Stunde irgendwo im Stau.
Es reicht.

Der Grund ist einfach:
Wirklich jeder kann sich heute ein Auto leisten, selbst viele Hartz-4-Empfänger. Keine Familie, die nicht mehrere Autos zur Verfügung hat, von Innenstadtlagen in Großstädten vielleicht mal abgesehen.
Dagegen gab es in meiner Kindheit vor etwa 30 bis 40 Jahren in aller Regel "nur" ein Auto pro Familie. Zweitwagen für die Hausfrau war selten und die Anzahl derer, die gar kein Auto hatten, war auch noch deutlich größer. Ich bin als Kind z. B. ganz ohne Auto aufgewachsen, wahrscheinlich bin ich gerade deswegen so ein "Autonarr" geworden.

Wie geht es nun weiter?
Auch wenn ich das ganz sicher nicht will, realistisch betrachtet wird das Problem nur mit einer künstlichen Verteuerung des Autofahrens zu beheben sein. Ich bin mir sicher, in 20 Jahren wird - völlig unabhängig von der Frage des Antriebssystems - ein individuelles Auto wieder das Privileg der Gutverdienenden sein, während der Normal- oder gar Geringverdiener nur noch die Wahl zwischen öffentlichen Verkehrsmitteln und der gelegentlichen stundenweisen Anmietung von - dann wahrscheinlich elektrisch betriebenen - Poolfahrzeugen haben wird, z. B. für Einkaufsfahrten oder ähnliches. Abgerundet von leichten Elektrorollern oder Fahrrädern für kürzere Strecken.

Für mich persönlich keine schöne Vorstellung, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es unvermeidbar so kommen wird. Ich hoffe nur, dass dann der ÖPNV auch entsprechend verbessert wird, denn einen Nordseeurlaub mit 2 Kindern und Hund möchte ich unter den heutigen Bedingungen nicht per Bahn oder Bus antreten müssen.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
streckengeher 22.06.2017, 13:53
4.

Zitat von mol1969
Vorab: Ich bin Zeit meines Lebens Autonarr.
Danke, eine tolle, ehrliche Meinung. Ihre Schlussfolgerung teile ich allerdings nicht. Jedenfalls nicht in dieser Kausalität. Natürlich bedeuten neue Entwicklungswege zunächst auch höhere Produktionskosten. Aber das Ende des fossilen Antriebs ist noch keinesfalls erreicht und für die Antriebstechnik geht der Produktionsaufwand weiterhin eher nach unten. Wenn die Inder oder Chinesen mit ihrem Billigauto wirklich ernst machen, kann sich noch der letzte Azubi so ein Auto leisten. Und wenn die Verbrenner dann wirklich mal auslaufen, ist die E-Technik längst soweit, als ausgereiftes Massenprodukt auch (noch) kostengünstig(er) hergestellt werden können. Dennoch teile ich die Auffassung des Artikels, dass das Ende des konventionellen Automobils kommen wird. Aber nicht als Folge zu hoher Kosten, sondern schlicht aufgrund der kommenden Megatrends. Die sich rasant weiter entwickelnde IT wird die Nutzung wie auch die Angebotsgestaltung öffentlicher Verkehrsmittel verbessern. Das autonome Fahren wird Lücken in den heutiogen Mobitätsketten schließen und neue, preiswerte Mobilitätsangebote ermöglichen, die zwangsweise die Frage aufwerfen, warum man für etwas, das man jederzeit on demand haben kann, sich noch einen automobilen Klotz ans Bein binden soll, der 23 Stunden am Tag nur rumsteht und einen Haufen Aufwand und Kosten verursacht. Das Leben ändert sich eben. Früher hat man Brot selber gebacken und jeder hatte dafür einen Ofen zuhause. Seit man es beliebig im Laden kaufen kann, macht das maum mehr jemand. Das klassicshe Eigentums-Auto hat so lange seine Berechtigung, wie es die größmögliche Flexibiltät zu einem niedrigen Gesamtpreis bieten konnte. Sobald es preiswerte und gleichgute oder bessere Alternativen gibt, werden diese auch genutzt werden.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
RobMcKenna 22.06.2017, 16:09
5.

Zitat von streckengeher
Das autonome Fahren wird Lücken in den heutiogen Mobitätsketten schließen und neue, preiswerte Mobilitätsangebote ermöglichen, die zwangsweise die Frage aufwerfen, warum man für etwas, das man jederzeit on demand haben kann, sich noch einen automobilen Klotz ans Bein binden soll, der 23 Stunden am Tag nur rumsteht und einen Haufen Aufwand und Kosten verursacht. Das Leben ändert sich eben. Früher hat man Brot selber gebacken und jeder hatte dafür einen Ofen zuhause. Seit man es beliebig im Laden kaufen kann, macht das maum mehr jemand.
Ich glaube, der Vergleich hinkt ein wenig. Ich bin nun weder ein "Auto-Messie", der sich die Karre gnadenlos vollmüllt, noch habe ich mein Auto mit irgendwelchem Deko-Zierrat ausgestattet (wie man es Frauen gerne nachsagt) - trotzdem habe in Summe viel Kleinkram im Auto (z.B. Küchen- und Feuchttücher zum Reinigen), die ich eigentlich nicht missen möchte bzw. die ich mir als reichlich umständlich vorstelle, die jedes Mal in ein "Sharing"-Fahrzeug packen zu müssen. Und das halte ich vom Umfang her noch für eher für harmlos im Vergleich zu dem, was viele andere Zeitgenossen so treiben. Von daher glaube ich nicht so recht daran, dass sich Car-Sharing - wie auch immer das im Detail nun konkret umgesetzt sein mag - wirklich auf breiter Front durchsetzen wird.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
2cv 22.06.2017, 16:18
6. Plakativismus und Effektheischerei...

Der aktuelle Stand der Dinge zum Thema "Kulturgut Automobil" ist in Deutschland ein deutlich anderer als der hier im Artikel dargestellte. Zum einen - auf "oberster" Ebene gibt es seit langem den "Parlamentskreis Automobiles Kulturgut (PK AMK)" mit Sitz in Berlin. Rund 70-100 Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Automobilclubs und Überwachungsvereinen, Museen, Kulturinstitutionen, Medien und Verbänden treffen sich in regelmäßigen Abständen, um die Anforderungen und Entwicklungen zu diskutieren und zu erörtern. Als eine der Errungenschaften kann beispielsweise das "rote 07er-Kennzeichen" (im Volksmund auch "Oldtimer-Wechselkennzeichen" genannt), sowie das "H-Kennzeichen" (Typ ..-..H) genannt werden, das den Erhalt des Kulturguts Automobil mit ermöglicht. Des weiteren wurde im letzten Jahr bei der deutschen UNESCO ein entsprechender Antrag gestellt über den Verein "Initiative Automobiles Kulturgut (IAK) e.V.". ----- Sicherlich sind die Zulassungszahlen für H- und 07er-Kennzeichen nicht mit den Neuzulassungen zu vergleichen, und daher vernachlässigbar. Auch sind moderne Generationen nicht affin zur alten, zumeist noch analogen Technik im Fahrzeugbau. Es sei auch insbesondere darauf hingewiesen, daß Deutschland bis heute kein einziges staatliches Automobilmuseum hat - und Großsammlungen historischer Fahrzeuge meist dem Schicksal des Zerschlagenwerdens z.B. bei Tod des Sammlers, oder Kündigung des Gebäudes / Museums gegenüberstehen. Selbst in Frankreich wurde die Schlumpf-Kollektion in Mulhouse verstaatlicht...! Allein im Umfeld von historischen Citroën sind in Deutschland rund 12000 Mitglieder in Clubs und IGs organisiert und erhalten täglich, oftmals auch im Alltag, ihre "dreams on wheels". Man kann auch eine Zukunft für den Erhalt des Kulturguts Automobil erarbeiten, so denn die Protagonisten allesamt mitmachen - Beispiel: Einführung neuer anerkannter Berufe wie z.B. Automobil-Restaurator, Automobil-Archivar, oder Mechatroniker insbes. mit Spezialisierung auf den Erhalt der Youngtimer.... Es gibt noch einiges auch für den Redakteur zu entdecken - bei Interesse möge er sich mal bei mir melden... wir helfen gern weiter.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
HerbertFronty 22.06.2017, 16:57
7.

Ich fahre leidenschaftlich gerne Autos. Auch bei mir ging es los, mit 18 Jahren. Das Geld gespart für ein schickes Auto. Mein Ausbilder meinte damals: "Häng die letzten 3 Lohnabrechnungen hinten in die Scheibe rein, die Weiber kommen dann von allein". Stimmt... Kann auf dem Gebiet nicht klagen. Als Jungspund mit Mitte 20 sind wir damals viel Blödsinn gefahren, oft sportlich, aber nie so asozial wie heute gefahren wird! Seit 2015 fahre ich elektrisch, im Jahr ca. 35.000 KM. Ich kann mir nix besseres, entspannteres jemals wieder vorstellen. Mir könnte man einen irgendwas TD SI blödsinn fabrikneu hinstellen, ich würde die Kisten bei ebay ab 5 Euro versteigern. Ein Kulturwandel ist es auch auch, mit Sonnenstrom zu fahren, statt mit Dino Pipi aus Arabien. Zudem bleibt das Geld im Land, wo es hingehört. Wir fahren mit einer aktuellen ZOE und ca. 200 KM Reichweite in 2 Tagen über 1.000 KM über die Alpen und zurück nach Stuttgart. Am Ende angekommen fühlt man sich mehr gewellnesst, als in dem 5 Sterne Hotel in dem wir fahren. Ich denke schon das Auto fahren Spaß machen kann, selbst im Mutterland des Hirn-ausschaltens.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
kenterziege 22.06.2017, 18:29
8. Ich war Zeuge der Eröffnungsfeier der Ausstellung in Bonn....

....und konnte weder in dem Interview des Stiftungspräsidenten Hütter mit dem berühmten Fernsehkoch und Autonarr Horst Lichter noch bei der anschließenden Besichtigung der Exponate einen Hinweis auf eine untergehende Kultur entnehmen. Die Ausstellung nennt sich ja: GELIEBT - GEBRAUCHT - GEHASST.
Mit dem Hassen ist es bei der Austellung in Bonn nicht weit her. Der Begriff wurde sicher zur Beruhigung für die Journalisten eingebaut, die dem Auto schon seit über 40 Jahren die Zukunft absprechen. Das gehört eben zum Zeitgeist mancher, die sich als intellektuell einstufen!
Ich kann die Austellung im Haus der Geschichte nur empfehlen. Dort hat Bundeskanzler Kohl ein wahres Denkmal hinterlassen, bevor alles nach Berlin ging!

Beitrag melden Antworten / Zitieren
2cv 22.06.2017, 20:41
9. ...und immer noch geliebt...

noch heute früh habe ich die Fahrt zur Arbeit in meiner 16PS-Ente angetreten. Die wurde letzte Woche 51 Jahre alt, ein 2CV AZAM von 1966. Was für ein Genuss! "Geliebt". Von den Nachbarn, Freunden, Leuten am Strassenrand. Sympathieträger wie kaum ein anderer. "Gebraucht" - das war sie schon, als ich sie kaufte, so alt bin noch nicht mal ich selber. Im Schnee wurde sie für die Schischule bewegt, Schneeketten waren oftmals drauf, der Schlitten samt Skier aus eigenen Kindertagen ziert ab und an das Dach. Und mit der Anhängerkupplung wurde so manche Fahrt zur Last- und Lustreise, wenn auch nur mit kleinen Anhänger oder Träger für die VeloSoleX. und... "Gehasst"? Nein, eher traurig war's dass Michelin keine 125er Reifen mit altem Logo auf der seitlichen Flanke mehr produzierte.... Ente im Alltag - es geht. Sicherlich ein Anachronismus. Aber einer, der entschleunigt und entspannt. Gute Fahrt!

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Seite 1 von 2