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Pädagogik: "Lehrer brauchen Führung"

Der Bildungskritiker Bernhard Bueb über das Versagen der deutschen Pädagogen, das fragile Selbstwertgefühl von Kindern und seine eigenen Fehler als Berufsanfänger

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a.weishaupt 11.09.2008, 11:27
1. Realitätsfern?

Aus dem Interview:
"Denken Sie an Mehmet, an jene muslimischen Eltern, die ihre Söhne verprügeln und ihnen gleichzeitig eintrichtern, Lehrerinnen hätten nichts zu sagen."
Also bitte - klischeehafter geht es wohl nicht mehr? Ich möchte jetzt gar nicht anführen, wo ich so etwas erwarten würde zu lesen. Sicherlich nicht hier.
Zumal diese unsägliche Aussage auch noch sachlich gesehen abstrus ist; Kindererziehung ist gerade in traditionellen Gesellschaften oftmals geradezu Hoheitsgebiet von Frauen.

Ich selbst war übrigens froh, nicht auf eine Ganztagsschule zu müssen. Vielleicht ist dies ein Konzept, das auf schwächere Schüler passt; für die, die lieber eigenverantwortlich lernen ist die ganztätige Bemutterung aber bestenfalls ärgerlich.

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topomoos 11.09.2008, 11:36
2. Weniger Führung, mehr Partizipation

Zitat von sysop
Der Bildungskritiker Bernhard Bueb über das Versagen der deutschen Pädagogen, das fragile Selbstwertgefühl von Kindern und seine eigenen Fehler als Berufsanfänger
Bueb will Schulen also führen wie Unternehmen und gibt zu, dass es sich bei Unternehmen um vordemokratische Strukturen handelt. Wie wahr. Ich würde sogar sagen, Unternehmen sind totalitäre Systeme. Einer herrscht und andere müssen ausführen, ohne Meinungsfreiheit, ohne Partizipation, dafür gespickt mit Willkür, Unterdrückung, Mobbing.
Wir brauchen in den Unternehmen weniger Führung und mehr Mitarbeiterbeteiligung. Und das sollte auch für die Schulen gelten: ein gleichberechtigtes, konstruktives Miteinander.

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Pranayama 11.09.2008, 11:38
3. Fürhung und Disziplin ...

... sind ja schön und gut. In gewisser Weise hat er damit auch recht, alleine deshalb, weil das Substrat des menschlichen Geistes neuronale Netzwerke sind, die nur durch Regeln entsprechend trainiert werden können. Und die später durch Einsicht durch Vernunft diese Regeln auch weider brechen können. Aber Regellosigkeit führt im Endeffekt zu erlernter Depression. Empfehlenswert dazu die Bücher von Manfred Spitzer, insbesondere "Geist im Netz". Auch Luc Ciompis Buch über die emotionalen Grundlagen des Denkens führt hier weiter.

Man verzweifelt jedoch an der Welt, wenn man sich folgenden Artikel vergegenwärtigt:
http://www.taz.de/1/zukunft/wissen/a...ler-engagieren

Willkommen in der Diktatur des Mediokren, die durch die von interessierten Kreisen gerne "falsch" verstandenen Auffassungen eines Pädagogen wie Bueb konsequent fortgeführt werden wird. Blinder Gehorsam, Unterordnung, Autoritätsthörigkeit etc. Aber das sind ja auch wunderbare Attribute der funktionalen Elemente des Wirtschaftskreislaufs, als die wir wahrgenommen und verwaltet werden.

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SebastianEisele 11.09.2008, 11:46
4. Sprache

Ich finde die Voreinstellung der Interviewer bezeichnend, die sich gut in der Äusserung spiegelt, man könne ja auch "Management" anstatt "Führung" sagen.
Warum ein deutsches Wort benutzen, wenn man ein englisches nehmen kann?!? Das ist ja wohl bestenfalls albern.

Als Sportlehrer muss grundsätzlich ich allerdings der "Feindlichkeit allem Spiel gegenüber" widersprechen, das hängt stark vom Lehrer ab, die Bildungsstandards lassen da durchaus ordentlich Freiraum.

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M. Michaelis 11.09.2008, 11:47
5. Falsch verstandende Demokratie

Zitat von topomoos
Wir brauchen in den Unternehmen weniger Führung und mehr Mitarbeiterbeteiligung. Und das sollte auch für die Schulen gelten: ein gleichberechtigtes, konstruktives Miteinander.
Das Problem ist nur, es funktioniert nicht. Man überfordert und zweckentfremdet das Prinzip Demokratie wenn man es zur Universalidelogie erhebt.

Falsch verstandende Demokratisierung führt zu nichts. Alles hat seine Berechtigung. Führung heisst im übrigen nicht Diktatur. In einer Diktatur steht der Führer im Mittelpunkt. Konstruktive Führung dient hingegen der Sache.

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Der Emigrant 11.09.2008, 12:13
6. Es funktioniert

Was Bueb verlangt, wird bei uns in Australien gemacht. Inklusive Schuluniform und Frontalunterricht.

Das Ergebnis?

Glückliche Schüler, die sich anerkannt fühlen, engagierte Lehrer, die Ergebnisse ihrer Arbeit sehen, und bei Pisa WEIT vor Deutschland.

Unsere Kinder mussten gelegentlich mal ein paar Monate in Deutschland zur Schule gehen. Eine Katastrophe, sie waren über die Strukturlosigkeit und das Fehlen jeglichen Rahmens vollkommen entsetzt und sind in der Zeit zu Problemschülern geworden. Nie wieder.

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Phuxx 11.09.2008, 12:14
7. Lehrerpersönlichkeiten bewegen viel...

Auch wenn ich jetzt, als Akademiker, auf meine Schullaufbahn zurück blicke, waren es nie abstrakte Ideen wie "die Liebe zum Lernen", oder das "Klima" einer Schule, die mich zum Lernen, Durchhalten und Arbeiten motiviert haben.

Es waren in jeder Schule einzelne Lehrerpersönlichkeiten!
Sie haben mich in meiner Persönlichkeitsentwicklung angespornt, zum Lernen motiviert, mir den Spaß ermöglicht, sie mit Wissen beeindrucken zu wollen, und mich in schwierigen Schlüsselphasen durch die Klassenstufen "getragen".

Ich Wünsche den Lehrern dieses Landes, dass einge der im Artikel vorgeschlagenen Elemente sich auf lange Sicht durchsetzen werden! Und ich wünsche Ihnen, dass sich auch nach Jahren noch die Freude an ihrer Arbeit erhält!

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StellaVella 11.09.2008, 12:18
8. richtig so!!

Hr. Bueb spricht mir aus der Seele!

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alphabetaomega 11.09.2008, 12:21
9. In vielem hat Bueb ja recht ...

... auch wenn es bei ihm so altbacken klingt. Vielleicht ist das die einzige Form, das konservative Bürgertum von der Notwendigkeit der Änderung zu überzeugen.

Die Vorschläge zu längerer, intensiverer Betreuung in der Schule; der Notwendigkeit, objektive Ziele anzusetzen und die Erreichung der Ziele dann zu evaluieren; die Bedeutung des Schulleiters als Führungsperson, als Manager der Schule und die der Lehrer als Mitarbeiter in einer flachen Hierarchie, die allesamt Feedback in einem transparenten Verfahren benötigen; die Forderung nach mehr Autonomie für die einzelne Schule, Ziele festzulegen und Lehrer selbst auswählen zu können; die Bedeutung, den Lehrer als die zentrale Schaltstelle der Wissens- und Bildungsvermittlung zu verstehen, der leider allzuoft zwischen die Mühlen des Schulsystems auf der einen und der Eltern auf der anderen Seite gerät; das alles wird durch die Forschung bestätigt und ist wiederholt in den grossen internationalen und nationalen Studien (z.B. PISA, Iglu) als Handlungempfehlungen an das deutsche Schulsystem herangetragen worden.

Mein ernsthafter Widerspruch zu Buebs Äusserungen ist, dass er die Notwendigkeit zu strukturellen Änderungen unterschätzt. Wenn es notwendig ist, unfähige Lehrer aus der Schule zu mobben, dann ist im System was faul.

Bueb unterschätzt m.E. auch die Schwierigkeit, bestimmte bildungsferne Teile der Gesellschaft, insbesondere Kinder mit Migrantenhintergrund und aus Familien mit generationenlanger Abhängigkeit von den Sozialsystemen (der sogenannte Sozialadel), zu erreichen. Da sind nationale Standards und Hilfsangebote notwendig, und wir könnten hier viel von Ländern wie Kanada oder den Niederlanden lernen. Aber leider sind in unserem föderelen Schulsystem einheitliche Lösungen eher die Ausnahme.

Schliesslich glaube ich, dass das drei-gliedrige Schulsystem sehr wohl zu den Schwierigkeiten beiträgt, die gerade bildungsferne Schichten haben. Es ist nämlich sehr schwer, aus der Haupt- oder Realschule aufzusteigen. Die frühe Trennung in (relativ) homogene Schulformen mit sehr unterschiedlichen Leistungsanforderungen verfestigt lediglich unser ungerechtes Schulsystem. Gemeinsames Lernen bis mindestens zur neunten Klasse ist in allen Ländern, die bei PISA an der Spitze liegen, selbstverständlich.

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