Forum: Gesundheit
Hikikomori: Wie junge Japaner das Leben aussperren
Maika Elan

Rund 540.000 Japaner schließen sich jahrelang in ihren Zimmern ein und vermeiden den Kontakt zu anderen Menschen. Die Fotografin Maika Elan hat die sogenannten Hikikomori in ihrer abgeschotteten Welt besucht.

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Jasro 24.04.2018, 18:12
1. Bereits 2015 berichtete der 'Spiegel' darüber

Bereits im "Spiegel" konnte man im "Spiegel" diese sehr lesenswerte Reportage lesen:

Die Fremden
Japan Junge Frauen und Männer kapseln sich ab von der Gesellschaft und leben noch als
Erwachsene bei ihren Eltern. Begegnungen mit „Hikikomori“. Von Wieland Wagner


http://magazin.spiegel.de/EpubDelive.../pdf/131147826

Es scheint, dass Hikikomori, der völlige Rückzug aus der Gesellschaft, und Karoshi, der Tod durch Überarbeitung, zwei Seiten derselben Medaille sind, nämlich der extremen Leistungsgesellschaft, die man übrigens außer in Japan auch in Südkorea findet.

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fettbemmedesgrauens 24.04.2018, 20:18
2. welcome to the NHK

Dieses soziale Phänomen wurde in einer großartigen tragikkomischen Anime-Serie "aufgearbeitet": "Welcome to the NHK". Man weiß oft nicht, ob man lachen oder weinen soll. Die Serie ist auch deshalb interessant, weil sie indirekt spiegelt, wie die Gesellschaft mit Hikikomoris umgeht, bzw. wie sie diese bewertet (tendenziell: Die sind verweichlichte Wohlstandskinder und lernen schon wieder sich zu integrieren, sobald ihnen der Geldhahn zugedreht wird). Sehr zu empfehlen für alle, die sich für das Thema interessieren...

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sajuz 24.04.2018, 20:57
3. Warum eigentlich...

erwischt man sich bei einem Anflug von Neid? Einfach gar nichts mehr tun und auf alles sch... irgendwie hab ich Respekt davor.

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serenity2012 24.04.2018, 20:58
4. Geld?

Zitat von fettbemmedesgrauens
und lernen schon wieder sich zu integrieren, sobald ihnen der Geldhahn zugedreht wird).
Genau diese Information fehlt mir in dem Artikel: Wovon leben diese Menschen denn eigentlich? Ich weiß nicht, ob Japan Sozialhilfe zahlt, aber es ist mir schleierhaft, wie man sich jahrelang so komplett abschotten kann, irgendwoher muss doch das Geld für Miete, Strom, Essen, etc. kommen.

Ich denke übrigens, es ist kein rein japanisches Phänomen, es gibt auch in anderen Ländern extrem zurückgezogene Menschen.

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Jasro 24.04.2018, 23:27
5. Beneiden Sie wirklich seelisch kranke Menschen?

Zitat von sajuz
erwischt man sich bei einem Anflug von Neid? Einfach gar nichts mehr tun und auf alles sch... irgendwie hab ich Respekt davor.
Letzten Endes ist das "Hikikomori"-Phänomen schließlich eine seelische Erkrankung.

So berichtete die BBC 2013:

(...)

Tamaki Saito was a newly qualified psychiatrist when, in the early 1990s, he was struck by the number of parents who sought his help with children who had quit school and hidden themselves away for months and sometimes years at a time. These young people were often from middle-class families, they were almost always male, and the average age for their withdrawal was 15.

It might sound like straightforward teenage laziness. Why not stay in your room while your parents wait on you? But Saito says sufferers are paralysed by profound social fears.

"They are tormented in the mind," he says. "They want to go out in the world, they want to make friends or lovers, but they can't."

Symptoms vary between patients. For some, violent outbursts alternate with infantile behaviour such as pawing at the mother's body. Other patients might be obsessive, paranoid and depressed.

(...)


http://www.bbc.com/news/magazine-23182523

Und der "Tagesspiegel" 2015:

Vor eineinhalb Jahren kam der Tag, an dem es Takeshi Shimadas Mutter einfach nicht mehr ertrug. „Zwei Männer rissen meine Zimmertür auf, griffen mich unter den Armen und trugen mich nach draußen“, erzählt der heute 32-Jährige. Am Fuß der Treppe sah seine Mutter zu, wie der älteste Sohn an ihr vorbei aus dem Zimmer gezerrt wurde, das er zuvor kaum noch verlassen hatte. Seitdem wohnt er in diesem kleinen, kahlen Raum am Rande Tokios.

(...)


https://www.tagesspiegel.de/themen/r...81534-all.html

Sind Sie auf diese Schicksale wirklich neidisch?

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ladysky 25.04.2018, 07:30
6.

Das klingt nach Depression. Viele Merkmale dieser Krankheit stimmen mit dem beschriebenen Verhalten der Hikikomori überein.

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observerlbg 25.04.2018, 08:47
7. Eine besondere japanische Ausprägung...

Betrifft in erster Linie jüngere Männer (nicht Frauen). Diese antriebslosen introvertierten Männer leben auch unter uns, meist bei Mutti (und Papi) und werden von ihren Eltern oder von uns allen durchgefüttert. Ja, auch ich vermute, dass dies eine spezielle Erscheinungsform von Depression ist. Und sie kann so wie in Japan nur in urbaner Umgebung, in der man ohne soziale Kontakte isoliert existieren kann funktionieren. Ohne eigenen Antrieb ist man der Verwahrlosung dort hoffnungslos ausgeliefert. Was sagt das über unsere, oder hier, über die japanische Gesellschaft aus?

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postmaterialist2011 25.04.2018, 11:36
8. Typisch Japan !

Ich habe 8 Jahre in Japan gelebt und noch in keinem anderen Land so viele psychisch hochgradig gestörte Menschen wie dort getroffen. Gefühlt gehören 2/3 der Bevölkerung auf die Couch, doch gerade Psychologen und Psychiater sind verpönt, zudem gibt es viel zu wenige davon. Das Hauptübel ist die "Homogenität" der Japaner ( für AfD´ler ist Japan ja das Traumland, weil es keinerlei Ausländer gibt und Japan keine Flüchtlinge aufnimmt), antiquierte Rituale und Verhaltensweisen die im 21.Jahrhundert nicht mehr passen. Ein Schulsystem, welches keinerlei Wert auf Kreativität und Entfaltung des Einzelnen legt, sondern ausschliesslich Auswendiglernen und Fakten hamstern als Ziel hat. Dass dort viele Menschen durch dieses grobmaschige Sieb fallen, verwundert mich so gar nicht. Für mich ist Japan das abschreckende Beispiel, keinerlei gesellschaftliche Entwicklung in den letzten 30 Jahren, extreme Überalterung und eine zunehmende Abschirmung, weil man denkt besser als alle anderen zu sein. So sprechen auch heute noch 95% der Japaner keinerlei Englisch. Ganz im Gegensatz zu China, wo es in gebildeten Kreisen dazugehört gut Englisch zu sprechen, selbst wenn man noch nie im Ausland war. Für mich ist Japan ein "failed state" und die Probleme dort werden eher noch zunehmen, als dass sie verschwinden.

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ackermart 25.04.2018, 15:50
9. Eremitag'e

...kommt etymologische von Einsiedelei, was man zwanglos am gleichen Wortstamm des Eremiten erkennt. Jedenfalls muss es ein sehr altes Phänomen sein, dem sicher auch einige (wenn nicht alle) dieser Fälle zufallen. Es ist schon seltsam, dass wir deren sprichtwörtliche Armut im extremen Gegensatz zum Reichtum von etwa der Petersburger Eremigag'e denken. Offenbar gab es zu älteren Zeiten Leistungen, die man zumindest genauso wie Schätze schätzte, obgleich man sich damit sicher keine leisten konnte.

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