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Psychotherapie: Das Warten hat kein Ende
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20 Wochen: So lange müssen Patienten in Deutschland im Schnitt warten, wenn sie eine Psychotherapie benötigen. Eine Reform sollte das ändern. Doch Verbände ziehen jetzt eine ernüchternde Bilanz.

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mirage122 12.04.2018, 10:33
1. Keine Schönheits-OP

Es handelt sich hierbei um Patienten, die definitiv gefährdet sind. Bei Wartezeiten bis zu 20 Wochen kann es oftmals schon zu spät sein, und das Problem wurde "individuell" gelöst. Das ist doch schrecklich und untragbar. Aber vermutlich freut sich die Pharma-Industrie, die zwischenzeitlich mit entsprechenden "Keulen" für vermeintliche Abhilfe sorgen kann!

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dasfred 12.04.2018, 11:39
2. Der Zustand ist untragbar

Gerade bei psychischen Erkrankungen fällt es besonders schwer, Hilfe zu suchen. Wer dann noch mit zig Ablehnungen konfrontiert wird, bekommt es noch weniger auf die Reihe, sein Recht auf eine Behandlung einzufordern. Von den Kassen gibt es wenig Unterstützung, denn ein Patient, der einen Therapeuten gefunden hat, verursacht nur Kosten. Es gibt Krankenkassen, die gezielt nach dem Alkoholkonsum fragen, um dem Patienten dann zu erklären, seine psychische Erkrankung sei suchtbedingt und er solle sich doch an die Rentenversicherung wenden, um im Rahmen einer Suchttherapie seine Störung gleich mitzubehandeln. Hinzu kommt, dass der erste freie Therapeut nicht auch gleich der richtige ist. Es kann unter Umständen Jahre dauern und viele Fehlversuche kosten, bis man den Richtigen findet. Für die Zwischenzeit bleibt nur, dem Patienten viel Kraft zu wünschen.

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hannibalanteportas 12.04.2018, 11:58
3. Volle Zustimmung

Als psychologischer Psychotherapeut kann ich mich dem Artikel und seinen Schlussfolgerungen nur anschließen.
Der schnellere Erstkontakt ist positiv, die Sprechstunden ebenso, keine Frage! Und ja es stimmt, dass ich einige Kollegen kenne, welche die Therapiestunden in ihrem Kontingent reduzieren (nominell 20h bei halbem/40h bei vollem Sitz, wobei man auch ein paar Stunden mehr machen könnte), weil sie eben Zeit für Sprechstunden brauchen (andere sind so tapfer und machen das additiv).
Und ja, selbst die Psychotherapeuten, die ich kenne ärgern sich bisweilen über Kollegen, die einen vollen Sitz haben, aber nur 30h Therapie anbieten.
Gleichzeitig bleibt das Grundproblem die Unterversorgung mit Kassensitzen. Die erhöhte Verteilung am Land ist gut und wichtig. Gleichzeitig werden u.a. deswegen nur noch ein Teil der Sitze in städtischen Bereichen nicht mehr nach- oder neu vergeben. Und nur weil wir mehr Sitze am Land haben, heißt das ja nicht, dass wir in der Stadt weniger brauchen. (Was aber der Logik der KVs entspricht)
Die KVs wollen Geld sparen, das ist der Punkt. Und ich kenne eine Kollegin, die eine Privatpraxis hat und die seit der Änderung letztes Jahr auch über mehr Ablehnungen der Kostenrückerstattung klagt.
Es braucht generell mehr Sitze und auch verstärkt andere Arbeitsmodelle (wie z.B. dass zwei Therapeuten sich einen Sitz teilen).
Und ich befürchte, dass bei einem Hr. Spahn sich die Situation nicht zum Guten wenden wird.

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schmetterling10 12.04.2018, 12:39
4. 12Resi!!

Es ist nach wie vor für mich unverständlich, warum es so schwierig zu sein scheint, die Behandlungsmöglichkeiten zu verbessern! Jemand, der mit einem akuten oder chronischen somatischen Problem in eine Praxis kommt, wird auch nicht vertröstet!!! Zumal dabei erst recht nicht gefragt wird, ob denn die Behandlung auch von der Krankenkasse übernommen wird. Ganz im Gegenteil werden manchmal sogar unnötige Methoden bezahlt. Ich glaube, Politiker haben überhaupt keine Ahnung, welches Leiden und welche Konsequenzen psychische Erkrankungen verursachen - ganz davon abgesehen, welcher volkswirtschaftlichen 'Schaden' dadurch entsteht. Wann wird es also endlich angegangen? Es ist erschreckend, wie stark offenbar Lobbyisten hier am Werke sind, und wie wenig Einfluss Betroffene haben. Traurig und beschämend, finde ich!

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az150 12.04.2018, 12:46
5. Verschleppte Grundsatzprobleme

Der desinterssierte Umgang von Politik einerseits und die geradezu illegalen Abwehrpraktiken der gesetzlichen Krankenkassen andererseits sind ein Riesenskandal: Wenn ich mir ansehe, mit welchem Engagement die Behandlung schwerer körperlicher Krankheiten wie bspw. Krebs allerorten unterstützt wird und dann feststellen muss, dass man Patienten mit mindestens ebenso gravierenden psychischen Leiden am ausgestreckten Arm einfach verhungern lässt, obwohl hier die Überwindung zum Arzt zu gehen und sich einer in jeglicher Hinsicht schwierigen, einschränkenden und diskriminierenden Diagnose stellen zu müssen ungleich höher ist, fällt mir zu dieser Ignoranz und Arroganz der Verantwortlichen schlicht nichts mehr ein. Auch wenn dieses Thema viel zu wenig Widerhall findet, von den meisten Menschen - anders als bspw. Krebs - nicht ernst genommen wird: Solche verschleppten Grundsatzprobleme sind ein entscheidender Grund für den völlig berechtigten Vertrauensverlust gegenüber den etablierten Parteien, Politikern und sonstigen gesellschaftlichen Institutionen wie etwa den gesetzlichen Krankenkassen.

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lachina 12.04.2018, 16:20
6. psychiatrie

Da es einfacher ist, in einer psychiatrischen Akutstation aufgenommen zu werden, landen da eine Menge Patienten, die dort eigentlich nichts zu suchen hätten, weil ambulant für sie ausreichend wäre; belegen Betten, wärerden mediziert und beginnen eine Psychiatrie- Karriere, die sehr schnell in die Erwerbslosigkeit, Erwerbsunfähigkeit oder Verarmung führt - menschlich schon fgar nicht, aber auch wirtschaftlich überhaupt nicht sinnvoll.

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horstu 12.04.2018, 17:56
7. Humanität und Bedürftigkeit in Deutschland

Deutschland rühmt sich einer Sozialpolitik, die ihre vermeintliche Menschenwürde und Humanität in die Welt hinausruft, aber ihre eigenen Kranken und Alten nicht annähernd angemessen zu versorgen bereit ist, denn das würde ja Geld kosten. Man beginnt zu begreifen, dass es unserer Politik nicht um die Bedürftigen geht.

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Fürdie Patienten 12.04.2018, 18:46
8. Danke für den Artikel

Auch als ärztliche Psychotherapeutin kann ich dem Artikel nur zustimmen. Vielen Dank an Spiegel online, dass Sie sich für die Patienten mit der schlechtesten Lobby von allen einsetzen - die, die es nicht schaffen, sich selbst zu kümmern. Für viele wiederholt sich eine kindliche Traumatisierung von hilflosem Ausgeliefertsein im Kontakt mit ihren Krankenkassen. Mit fatalen Folgen für die Patienten selbst und für die Gesellschaft. Die vergleichsweise niedrigen Kosten für eine Psychotherapie (alle anderen Arztgruppen verdienen deutlich mehr) zahlen sich `zigfach aus, wenn man die Folgekosten nicht nur im Gesundheitssektor sondern für die Gesellschaft insgesamt berücksichtigt: Alleingelassene psychisch kranke Mütter sind überfordert, traumatisieren ihre Kinder, was zu Schulverweigerungen, Abgleiten in die Kriminalität, Ausbildungsabbrüchen, zum Empfangen von Sozialhilfe und zu vielem mehr führen kann, woran die Gesellschaft krankt. Warum werden psychisch Kranke trotz all dieser Erkenntnisse immer noch schlechter gestellt als körperlich Kranke?

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tobehonest 13.04.2018, 10:04
9. Wieviel Psychotherapie will die Gesellschaft (bezahlen)?

Ein Mittelwert sagt bei einer so diffizilen Frage wie der Wartezeit leider herzlich wenig aus. Darauf weist der Bericht ja auch ziemlich eindeutig hin: In städtischen Gebieten ist die Lage deutlich besser als auf dem Land. Als niedergelassener Therapeut in einer westdeutschen Großstadt mache ich die Erfahrung, dass ich vielleicht in der Woche 2 Neuanfragen habe. Wenn ich die Interessenten auf meiner Warteliste nach ca. 3-5 Wochen zurückrufe, sind viele schon „versorgt“. Überdies mache ich die Erfahrung, dass fast 80-90 % meiner Patienten „auf Empfehlung“ kommen. Ob dabei jeder Freund oder Bekannte von Ex-Patienten immer eine „psychische Erkrankung“ im Sinne des Krankheitskataloges aufweist oder ob es nicht in vielen Fällen um die Bewältigung von „normalen“ Lebenskrisen, Trauerfällen, Trennungssituationen, Paarkonflikten, Problemen in der Eltern-Kind-Beziehung etc. geht, ist eine Frage, die man auch innerhalb der Berufsverbände einmal differenziert erörtern sollte: Wo verläuft die Grenze zwischen Psychotherapie und Coaching? Therapeutische Unterstützung kann in jeder schwierigen Lebenslage hilfreich sein - das ist mittlerweile auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Welcher Therapeut traut sich schon nach einem ersten Sprechstundentermin jemanden zu sagen: „Ich denke, Ihr Leid gehört in das normale Spektrum des Leides, das man in diesem Leben wohl akzeptieren muss...eine Psychotherapie ist für Sie m.E. nicht indiziert?“ Als Psychotherapeuten sollten wir uns auch selbstkritisch die Frage stellen, ob wir wirklich immer die am schnellsten versorgen, die es am dringendsten bräuchten. Ansonsten ist natürlich auch die Frage zu stellen: Wieviel Psychotherapie will die Gesellschaft (bezahlen)?

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