Forum: Gesundheit
Selbsthilfe auf Instagram: Wenn Anna Angst vor der Angst hat
privat

Seit sechs Jahren leidet Anna unter einer Angststörung, seit sechs Jahren hofft sie auf eine Therapie, die ihr hilft. Dann beginnt sie, sich selbst zu helfen. Bei Instagram.

Seite 1 von 3
averagejoe030 16.06.2017, 16:15
1. Wer fünf Jahre lang.....

nichts weiter tut als die vom Hausarzt (!) verordenten Medikamente zu schlucken ist nicht ganz unschuldig an der eigenen Misere. Es gibt unzählige Präparate, die zur Behandlung von Angststörungen zugelassen sind. SSRI, SNRI, ältere, trizyklische Antidepressiva. 15kg Gewichtszunahme und eine stetige Verschlechterung des eigenen Zustandes hätten Indikator genug sein sollen, um die "Behandlung" zu hinterfragen. Als selbst Betroffener weiß ich, dass die Suche nach dem geeigneten Medikament und einem Therapieplatz einer Odyssee gleichen und einige Zeit in Anspruch nehmen kann.....und selbst wenn man einen Therapieplatz ergattert hat, heißt das noch lange nicht, dass die Beziehung zwischen Therapeut und Patient auch Früchte trägt. Dass die junge Frau bei allen von ihr kontaktierten Facheinrichtungen "nicht ernst genommen wurde" scheint mir allerdings wenig glaubhaft. Vor allem Verhaltenstherapeuten sind auf Menschen mit (generalisierten) Ängsten spezialisiert, eine Verhaltenstherapie ist Mittel der ersten Wahl bei Panik. Ich vermute hier (jaja, ich weiß, Ferdiagnose, Laie etc.) weit mehr als "nur" eine Panikstörung.....

Beitrag melden Antworten / Zitieren
matijas 16.06.2017, 16:20
2. Anmerkungen

Warum sie sich so kategorisch wehrt gegen den Ansatz des Therapeuten, dass da was aus der Kindheit stammen könnte, ist leider nicht näher begründet. Ereignisse aus Kindheit und Gegenwart sind gleichermaßen mögliche Auslöser.
Falls es nämlich doch stimmt, hilft das, was sie jetzt macht: bewusst sich der Angst aussetzen, nicht unbedingt. Das machen ja viele jahrelang ohne Erfolg.
Falls die Instagram-Aktivität dazu führt, dass sich viele Follower ebenso kategorisch gegen das Thema Kindheit stellen, könnte das fatal sein.

Im Netz gibt es übrigens recht viele Websites, in den Betroffene sich zu Wort melden. Dass kaum jemand das Thema zur Sprache bringt, stimmt also nicht.

PS: Piercings können das vegetative Nervensystem durcheinanderbringen. Sie wirken wie Akupunktur: aber eine Dauer-Akupunktur, die genau die Energiebahnen ständig überreizt - auch im empfindlichen Schlafmodus -, die bei der Akupunktur sehr gezielt und nur für sehr kurze Zeit angeregt werden. Auch da sollten die Follower besser nicht folgen.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
hannibalanteportas 16.06.2017, 16:48
3. Leider, leider...

Lieder beschreibt dieser Artikel viel, was im Psycho-Gesundheitssektor falsch läuft!
Als angehender Psychotherapeut kenne ich diese Geschichte von einigen meiner Patienten! Erstmal super, wenn sie es so geschafft hat, das schaffen nicht viele!
Gleichzeitig fallen mir als Fachmann natürlich auch ein paar Dinge auf, die ich ebenfalls von einigen meiner Patienten kenne, die eine lange Kette schief gelaufener Therapieversuche hinter sich haben!
Es ist mitunter (leider) nötig, Therapien wieder abzubrechen! Dafür gibt es die sogenannte Probatorik, die lediglich dafür da ist, dass sich Patient und Therapeut kennenlernen und der Therapeut versteht, worum es geht! Nicht alle bleiben gleich beim ersten Therapeuten! Ich empfehle immer, auf die eigene Nase zu hören! Nimmt mich der Therapeut ernst, Fühle ich mich geborgen und hat er/sie Kompetenz!
Ja es ist beschissen, ein halbes Jahr oder länger zu warten und dann wars für die Katz! Ja es ist beschissen, eine gefühlte klatsche zu bekommen, weil man sich nicht ernst genommen fühlt und sich wieder jemand neuen suchen muss! Auf der anderen Seite ist es richtig beschissen, bei jemandem drin zu sitzen, dem man nicht vertraut und der einem nichts bringt! Dann kommen solche Geschichten wie im Artikel zusammen! Liebe Leute, an dem System sind aber nicht wir Therapeuten schuld!!!! Es gibt viel zu wenig Plätze, weil die KK denken es reicht und die lieben Psychiater sich nichts aus dem Futtertrog nehmen lassen wollen, aber das ist eine andere Geschichte! Ich sage es immer frei raus wenn es nicht passt oder ich das Gefühl habe, ich kann den/diejenige nicht richtig unterstützten; und versuche ihn/sie weiterzuvermitteln!
Und ja, bei meinen Patienten mit generalisiertet Angststörung kann es auch wichtig sein, sich die lebensgeschichtlichen Zusammenhänge anzuschauen! Denn man muss ja verstehen wie das ganze zusammengekommen ist, dass am Ende eine psychische Störung entsteht! Das bedeutet nicht, dass wir Therapeuten die Kindheit madig machen wollen oder ähnliches!!!! Bei einigen Patienten ergab alles erst einen Sinn, als wir uns die Kindheit angeschaut haben! Ich war bei den Gesprächen, die im Artikel beschrieben sind natürlich nicht dabei, aber ich erkläre es meinen Patienten zumindest immer so(natürlich etwas ausführlicher;-).
Da finde ich solche plakativen Aussagen etwas wenig reflektiert! Aber ich war wie gesagt nicht dabei! Und als

Beitrag melden Antworten / Zitieren
ladek 16.06.2017, 17:23
4. Aus eigener Erfahrung:

Eine Angststörung überwindet man, indem man aufhört, sich selbst ständig zu therapieren. Sprich: Nichts zu tun und nichts zu unterlassen, das man nicht auch ohne die Angst tun würde. Man muss die Angst von der realen Welt, vom eigenen realen Handeln und Denken entkoppeln. Es gibt keinen Workaround, kein Mantra und keinen Kniff, mit dem man sie los wird. Alles, was man wegen der Angst tut oder nicht tut, verbindet sich mit ihr, so halten wir die Erinnerung an sie aufrecht. Aber los wird man sie, indem man sie vergisst, nicht, indem man sein Verhalten an ihr ausrichtet. Das gilt auch für das Schreiben auf Instagram: Würde Anna das auch tun, wenn sie keine Angststörung hätte? Denn so erinnert sie der Login wohl jedesmal daran, warum sie tut, was sie tut.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
mueckizzl 16.06.2017, 17:58
5.

Aus eigener Erfahrung möchte ich die Aussage entkräften, dass Spezialisten sich nicht ausreichend um den Patienten kümmern. Sowohl in (m)einer stationären als auch ambulanten Therapie wurde ich immer ernst genommen. Mir wurde die nötige Hilfe zur Selbsthilfe vermittelt, denn diese in Kombination mit den entsprechenden Meds ist der Weg. Sowohl verhaltenstherapeutisch als auch schematisch wurde mit geholfen.
Ich arbeite in einer größeren Firma und ich möchte allen betroffenen die Angst nehmen, dass eine psychische Erkrankung ein No-Go ist, ganz im Gegenteil. Ich wurde durch meine Firma und meine Kollegen bestens während meines Prozesses und auch noch jetzt unterstützt. Ebenfalls sind die meisten Personen auch für das Thema aufgeschlossen wenn man es anspricht. Ich habe bisher nur positives Feedback erhalten und den Mut weiterzumachen. Also bitte veröffentlicht keine einseitigen Berichte.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
lachina 16.06.2017, 17:59
6.

Zitat von averagejoe030
nichts weiter tut als die vom Hausarzt (!) verordenten Medikamente zu schlucken ist nicht ganz unschuldig an der eigenen Misere. Es gibt unzählige Präparate, die zur Behandlung von Angststörungen zugelassen sind. SSRI, SNRI, ältere, trizyklische Antidepressiva. 15kg Gewichtszunahme und eine stetige Verschlechterung des eigenen Zustandes hätten Indikator genug sein sollen, um die "Behandlung" zu hinterfragen.
Gerade die hohe Gewichtszunahme spricht doch FÜR eine Verordnung der von Ihnen genannten Medikamente: SSRI, SNRI, ältere, trizyklische Antidepressiva. Vielleicht war auch noch Pregabalin und ein niederpotentes Neuroleptikum dabei. Die meisten Psychopharmaka machen Gewichtszunahme - und lösen das Angst- Problem nicht. Im Gegenteil, einige haben gerade die Nebenwirkung "Angst und Panik".

Beitrag melden Antworten / Zitieren
steffen.ganzmann 16.06.2017, 18:11
7. Sagen Sie:

Zitat von hannibalanteportas
Lieder beschreibt dieser Artikel viel, was im Psycho-Gesundheitssektor falsch läuft! Als angehender Psychotherapeut kenne ich diese Geschichte von einigen meiner Patienten! Erstmal super, wenn sie es so geschafft hat, das schaffen nicht viele! Gleichzeitig fallen mir als Fachmann natürlich auch ein paar Dinge auf, die ich ebenfalls von einigen meiner Patienten kenne, die eine lange Kette schief gelaufener Therapieversuche hinter sich haben! Es ist mitunter (leider) nötig, Therapien wieder abzubrechen! Dafür gibt es die sogenannte Probatorik, die lediglich dafür da ist, dass sich Patient und Therapeut kennenlernen und der Therapeut versteht, worum es geht! Nicht alle bleiben gleich beim ersten Therapeuten! Ich empfehle immer, auf die eigene Nase zu hören! Nimmt mich der Therapeut ernst, Fühle ich mich geborgen und hat er/sie Kompetenz! Ja es ist beschissen, ein halbes Jahr oder länger zu warten und dann wars für die Katz! Ja es ist beschissen, eine gefühlte klatsche zu bekommen, weil man sich nicht ernst genommen fühlt und sich wieder jemand neuen suchen muss! Auf der anderen Seite ist es richtig beschissen, bei jemandem drin zu sitzen, dem man nicht vertraut und der einem nichts bringt! Dann kommen solche Geschichten wie im Artikel zusammen! Liebe Leute, an dem System sind aber nicht wir Therapeuten schuld!!!! Es gibt viel zu wenig Plätze, weil die KK denken es reicht und die lieben Psychiater sich nichts aus dem Futtertrog nehmen lassen wollen, aber das ist eine andere Geschichte! Ich sage es immer frei raus wenn es nicht passt oder ich das Gefühl habe, ich kann den/diejenige nicht richtig unterstützten; und versuche ihn/sie weiterzuvermitteln! Und ja, bei meinen Patienten mit generalisiertet Angststörung kann es auch wichtig sein, sich die lebensgeschichtlichen Zusammenhänge anzuschauen! Denn man muss ja verstehen wie das ganze zusammengekommen ist, dass am Ende eine psychische Störung entsteht! Das bedeutet nicht, dass wir Therapeuten die Kindheit madig machen wollen oder ähnliches!!!! Bei einigen Patienten ergab alles erst einen Sinn, als wir uns die Kindheit angeschaut haben! Ich war bei den Gesprächen, die im Artikel beschrieben sind natürlich nicht dabei, aber ich erkläre es meinen Patienten zumindest immer so(natürlich etwas ausführlicher;-). Da finde ich solche plakativen Aussagen etwas wenig reflektiert! Aber ich war wie gesagt nicht dabei! Und als
Sie haben sicher schon mal gelernt, dass man im Deutschen einen Satz normalerweise mit einem Punkt beendet und nicht jeden mit mindestem einen Ausrufezeichen, oder?

Beitrag melden Antworten / Zitieren
sonstige 16.06.2017, 20:29
8.

Ich hatte das einmal.
Zuvor war meine Mutter gestorben und mein Mann ist dann etwas später in Urlaub geflogen.
Und ich allein zuhause und bin eines abends völlig durchgedreht.
Ich wusste gar nicht, was ich machen sollte, der hat sich dann die ganze Nacht in ein Internetcafé gesetzt und versucht, mich zu beruhigen.
Ich war aber fest davon überzeugt, dass ich sterbe. Ich hatte noch nie so eine Todesangst.
Ich konnte auch gar nichts sagen, hab immer nur gestammelt, dass ich auch so sterben werde und war sowas von panisch.
Ich kannte das auch gar nicht, hatte ich vorher nie und bin nur hin und her gelaufen und war nicht in der Lage, mich gedanklich wieder runter zu bringen.
Fing auch an mit einem Zwicken und dann der Gedanke: "Und wenn du das auch hast...?"
Bin dann montags direkt zum Arzt, habe mich brav für mein Erscheinen entschuldigt und mir eine kurzfristige hypochondrische Krise attestiert und wurde dann durchgecheckt, mit dem lächelnd vorgebrachten Hinweis, ich solle mir mal keine Sorgen machen, ich sei weder krank, noch verrückt. ;)
Nette Ärztin.

Ich habe lang darüber nachgedacht und eigentlich ist das auch gar nicht so krankhaft.
Viel komischer ist es doch, dass wir alle unseren sicher bevorstehenden Tod so gut verdrängen können.
Nicht damit konfrontiert, fragt sich ja kaum jemand, wie er stirbt, hat Angst davor, dass er leiden wird.
Man verdrängt das, schiebt es weg.
"Ach, gute Palliativmedizin, überhaupt wird die Medizin besser."
Oder ganz simpel: "Will ich gar nicht wissen."
Eigentlich ist das Verdrängen des eigenen Todes und die Angst davor aber die irrationale Handlung, wenn auch gleichzeitig ein lebensnotwendiger Schutzmechanismus.

Ich würde es an Annas Stelle mal beim einem richtigen Psychoanalytiker versuchen.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
averagejoe030 16.06.2017, 22:12
9.

Zitat von lachina
Gerade die hohe Gewichtszunahme spricht doch FÜR eine Verordnung der von Ihnen genannten Medikamente: SSRI, SNRI, ältere, trizyklische Antidepressiva. Vielleicht war auch noch Pregabalin und ein niederpotentes Neuroleptikum dabei. Die meisten Psychopharmaka machen Gewichtszunahme - und lösen das Angst- Problem nicht. Im Gegenteil, einige haben gerade die Nebenwirkung "Angst und Panik".
Es ist nicht nur falsch, sondern auch unverantwortlich zu behaupten, die meisten Psychopharmaka würden eine Gewichtszunahme bewirken. So werden Ängste und Vorurteile geschürt. Es ist richtig, dass bei einigen Psychopharmaka als Nebenwirkung eine Appetitsteigerung auftreten kann. Viel häufiger ist es jedoch so, dass solche Medikamente den Appetit drosseln. Eine Gewichtszunahme entsteht im Übrigen nicht selten dadurch, dass mit dem Eintreten der gewünschten Wirkung der Antidepressiva, nämlich dem Abklingen der Depression, das normale Hungergefühl zurückkehrt. Leider führen viele Patienten diese Appetitsteigerung auf das Medikament selbst zurück. Lediglich bestimmte Benzodiazepine sind dafür bekannt auf Grund ihres Wirkens an bestimmten Rezeptoren auch ohne vermehrtes Essen eine Gewichtszunahme bewirken zu können. Benzodiazepine sind allerdings keine Dauerlösung.

Was die mögliche Nebenwirkung Angst und Panik angeht: es kann unter Umständen vorkommen, dass in der Einschleichphase eines Medikamentes eine sogenannte "Erstverschlimmerung" auftritt. Dabei kann es auch zu Ängsten und Panik kommen. SSRI oder SRNI steigern den Antrieb und können eine gewisse innere Unruhe auslösen. Manche Patienten erleben dadurch vermehrt Angst oder Panik. Der Großteil moderner SSRI/SNRI ist sehr gut wirksam bei Angsterkrankungen wie Panikattacken, sozialer Phobie und generalisierter Angstörung. Dies dauert jedoch einige Zeit, in der Regel zwei bis vier Wochen. In dieser Zeit kann es durchaus sein, dass es dem oder der Betroffenen zunächst schlechter geht. Sie verbreiten hier sehr gefährliches Halb- bzw. Nichtwissen.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Seite 1 von 3