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Verhaltenstherapie: Ich bin stärker als die Angst
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In der Therapie lernen Patienten, sich ihren Ängsten auszusetzen. Dabei müssen sie alles Gewohnte hinterfragen: ihre Gefühle, ihre Gedanken, ihr Verhalten. Ein Besuch bei Menschen, die sich das trauen.

wishfulthinking 25.04.2017, 19:00
1. Wenn's denn so einfach wäre

KVT wird seit vielen Jahren als Mittel der Wahl bei generalisierter Angststörung propagiert. Dabei ist die Wirksamkeit vergleichbar mit der von Selektiven Serotoninwiederaufnahmehemmern. Es geht mehr um den Glauben an die Wirksamkeit als um tatsächlich beweisbare Ergebnisse (siehe BMC Psychiatry vom 08.02.2017).
Ich spreche hier auch aus eigener Erfahrung. Ich bin seit 18 Jahren an generalisierter Angststörung erkrankt, habe 5 ambulante kognitive Verhaltenstherapien durchlaufen, die ebenso wirkungslos waren wie die SSrIs.
Eine gewisse Linderung haben nur Neuroleptika gebracht.
verhaltenstherapeutische Maßnahmen versuchen, einzelne Verhaltensweisen zu trainieren die dann auf andere Bereiche übertragen werden sollen, was jedoch oft nicht funktioniert. Hinzu kommt, dass einmal erworbene Fähigkeiten, die nicht ständig weiter trainiert werden, wieder verloren gehen.
Da die generalisierte Angststörung in der regel auf Traumata zurückzuführen ist, wäre eine tiefenpsychologisch orientierte Therapie wohl wesentlich besser geeignet, allerdings auch deutlich teuerer.
Warum nun die KVT als Goldstandard in der psychologischen Behandlung der generalisierten Angststörung betrachtet wird möchte ich der Vorstellungskraft des Lesers überlassen.
Viel wichtiger als Therapieempfehlungen finde ich das Bewußtsein in der Öffentlichkeit zu fördern und so auch Wege für uns psychisch Behinderte zu öffnen, wie das für die Körperbehinderten längst geschehen ist.

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juergenausrinteln 25.04.2017, 21:17
2. @wishfulthinking, #1

Dass GAS "in der Regel" auf Traumata zurückgehen, dafür sind mir keine Belege bekannt. Umgekehrt allerdings wird ein Schuh daraus: Posttraumatische Belastungsstörungen gehen i.d.R. außer mit Intrusionen, Alpträumen etc. auch mit erhöhten Angstleveln und vegetativer Erregbarkeit einher. Da kommt es dann auf eine ausreichend sorgfältige Diagnose an. Sollte eine PTBS vorliegen, geht eine Therapie für generalisierte Angststörung natürlich am Thema vorbei, aber Gottseidank gibt es inzwischen empirisch gut abgesicherte Traumatherapien -- die übrigens weder reines Verhaltenstraining sind (was der KVT oft vorgeworfen wird, m.E. zu Unrecht) noch aber nur aufdeckende Analyse innerer Konflikte (was bei PTBS erwiesenermaßen NICHT zu einer Veränderung ausreicht). --- Als praktizierender Psychotherapeut finde ich den Artikel gut und wertvoll, v.a. da es wichtig ist, diese Volkskrankheiten zu enttabuisieren. Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass soziale Phobien und generalisierte Angststörungen durchaus auch ohne Einsatz von SSRI oder anderen Psychopharmaka behandelbar sind und kein Betroffener befürchten muss, in einer Klinik oder Praxis genötigt zu werden, gegen seinen Willen Medikamente einzunehmen.

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hape2412 25.04.2017, 21:59
3. Ich habe

zwölf Jahre unter einer massiven Panikstörung geltten, die damit einherging, dass ich - um diese Ängste überhaupt aushalten zu können - stark getrunken habe und zeitweise auch von Benzodiadiazepinen abhängig gewesen bin. Ich habe diverse Entzugstherapieen und auch diverse Psychotherapieen (unter anderem auch KVT mit bewusster Expositionen in angstbesetzte Situationen) durchgeführt. Nichts hat mir wirklich geholfen - auch die so hochgelobten Serotoninwiederaufnahmehemmer nicht. Subjektiv haben diese mein Befinden eher noch verschlechtert. Erst eine kombinierte stationäre Behandlung, in der sowohl meine Angst- als auch meine Suchterkrankung therapiert wurde, war erfolgreich. Seit nunmehr acht Jahren habe ich weder Panikattacken gehabt noch wieder zu Alkohol oder Beruhigungsmitteln gegriffen. Obwohl ich mich sehr intensiv mit meiner Erkrankung befasst und auseinandergestzt habe, kann ich im Nachhinein nicht sagen, was bei dieser erfolgreichen Behandlung der Grund für den Erfolg gewesen ist. Ein Unterschied war vielleicht, dass in dieser Behandlung die Patienten menschenwürdig behandelt wurden. Es ist leider nach wie vor so, dass sowohl psychische als auch Suchterkrankungen als Charakterschwäche betrachtet werden und nicht als das, was sie sind: Erkrankungen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich - zumindest in dieser Hinsicht - wieder gesund bin und nicht mehr diesen ungeheuren Leidensdruck, der durch eine Angsterkrankung verursacht wird, aushalten muss.

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pcpero 05.05.2017, 20:00
4. Souveränität durch Aggression?

Ich bezweifle stark, dass diese Technik funktioniert: mal eben den Effe machen im Angesicht lebenspraktischer Insuffizienzen. Grade bei Patienten, die verbale Konfrontationen mit der Präluminarie "Du, hör mal Du-" eröffnen. Sich grade machen, statt einer Körperspannung wie ein am Spaten hängender Regenwurm.
Aggression beinhaltet Angst, die das substantielle Grundgerüst für Leisetreter ist, und die ist zwar nicht unbehandelbar, aber auch am wichtigsten in den Griff zu bekommen. Konfrontation, das bewusste Erleben von angstbesetzten Situationen, ist m. M. n. nicht die zielführende Technik, weil sie zuviele Grundzüge des Patienten touchiert, und somit fehleranfällig ist. Besser ist der Schulterschluss mit ihr, die bewusste Annäherung und das Kennenlernen von sich selbst in einer Angstsituation!

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pcpero 05.05.2017, 20:12
5. Angst, ziemlich bester Freund.

Zitat von hape2412
zwölf Jahre unter einer massiven Panikstörung geltten, die damit einherging, dass ich - um diese Ängste überhaupt aushalten zu können - stark getrunken habe und zeitweise auch von Benzodiadiazepinen abhängig gewesen bin. Ich habe diverse Entzugstherapieen und auch diverse Psychotherapieen (unter anderem auch KVT mit bewusster Expositionen in angstbesetzte Situationen) durchgeführt. Nichts hat mir wirklich geholfen - auch die so hochgelobten Serotoninwiederaufnahmehemmer nicht. Subjektiv haben diese mein Befinden eher noch verschlechtert. Erst eine kombinierte stationäre Behandlung, in der sowohl meine Angst- als auch meine Suchterkrankung therapiert wurde, war erfolgreich. Seit nunmehr acht Jahren habe ich weder Panikattacken gehabt noch wieder zu Alkohol oder Beruhigungsmitteln gegriffen. Obwohl ich mich sehr intensiv mit meiner Erkrankung befasst und auseinandergestzt habe, kann ich im Nachhinein nicht sagen, was bei dieser erfolgreichen Behandlung der Grund für den Erfolg gewesen ist. Ein Unterschied war vielleicht, dass in dieser Behandlung die Patienten menschenwürdig behandelt wurden. Es ist leider nach wie vor so, dass sowohl psychische als auch Suchterkrankungen als Charakterschwäche betrachtet werden und nicht als das, was sie sind: Erkrankungen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich - zumindest in dieser Hinsicht - wieder gesund bin und nicht mehr diesen ungeheuren Leidensdruck, der durch eine Angsterkrankung verursacht wird, aushalten muss.
Wenn man die Angst kennenlent, versteht, und so entdämonisiert, nicht mehr leidet, sondern bearbeitet, bekommt die Zügel über sich selbst wiederin die Hand, man macht sich handlungsfähig und so stark, dass im Idealfall und am Schluss der Erkrankung der Hirnstoffwechsel ins Lot kommt, der ja einen nicht unerheblichen Anteil am Fortbestand der Symptome hat. In den meisten Fällen halte ich sogar psychopharmakologische Interventionen in Hirnstoffwechselzusammenhänge für obsolet, da die die Selbstheilungskompetenzen des Körpers untergraben! Viel besser ist, sich im Zuge einer selbstgesteuerten und psychotherapeutisch begleiteten Heilungsarbeit an die Selbstheilungskräfte heran zu arbeiten, sie kennen zu lernen, auf sie zu vertrauen, und so an Selbstvertrauen zurück zu gewinnen.

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