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Vorurteile gegen autistische Kinder: "Kannst du deinen Sohn nicht erziehen?"
TMN

Autistische Kinder und ihre Eltern stoßen in unserer Gesellschaft oft auf Ablehnung. Dabei würde in viele Situationen schon ein wenig Offenheit und Verständnis helfen.

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dosmundos 31.03.2017, 15:50
1.

Scheint mir eher ein Einordnungsproblem zu sein. Man sieht ein sich ungezogen verhaltendes Kind und denkt eben in erster Linie an mangelnde Erziehung. Und ob die Frage "Entschuldigung, ist Ihr Kind Autist, oder nur schlecht erzogen?" da dann wirklich weiterhilft, sei dahin gestellt.

Die mir bekannten betroffenen Eltern haben übrigens ein ganz anderes Thema. Sobald der Gesprächspartner den Begriff "Autist" oder gar "Asperger" hört, denkt er an die hyperschlauen Inselbegabten mit einer eher drolligen sozialen Unbeholfenheit, wie man sie aus Film und Fernsehen kennt. Was im Alltag dann auch nicht weiterhilft...

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eggie 31.03.2017, 17:56
2.

Das muß man präzisieren. Kinder stoßen in dieser Gesellschaft grundsätzlich auf Ablehnung. Die Ausnahmen bilden in gewisser Weise Kinder, die sich im fortgeschrittenen Alter erfolgreich totstellen können. Insofern ist es für Eltern autistischer Kinder tatsächlich komplizierter.

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Dario_AS 31.03.2017, 17:59
3. Kenne ich leider allzugut

Die Probleme, die Familie Storks im Umgang mit uninformierten und verständnislosen Mitmenschen beschreibt, kenne ich leider allzugut. Ich gehöre zu jeder Generation von unerkannten Asperger-Autisten, die sich in den 1970er-Jahren noch ohne Diagnose durch Leben kämpfen mussten. Erst mit fast 40 Jahren bekamm ich meine Asperger-Diagnose und kann mein Leben heute im Rückblick viel besser einordnen.

Sprüche wie "Dir gehört mal kräftig der Hintern versohlt!" standen auch für mich auf der Tagesordnung. Oft wurde ich als Kind für Verhaltensweisen bestraft (z.B. in der Schule), die in meinem Autismus begründet lagen und die ich nicht bewusst kontrollieren konnte. Das Schlimme ist: Als Kind verinnerlicht man solche Botrschaften und denkt irgendwann, man sei wirklich durch und durch schlecht, minderwertig und bestrafungswürdig. So kann es passieren, dass man zusätzlich zum Autismus (der ja schon belastend genug ist) noch mit einem total gebrochenen Selbstwertgefühl durchs Leben geht.

Meine Würde und meinen Selbstwert als Mensch konnte ich erst im Erwachsenenalter ganz langsam für mich entdecken. Ich wünsche mir, dass die autistischen Kinder von heute hoffentlich schon etwas mehr Verständnis erfahren , als das noch vor 30 oder 40 Jahren der Fall war, obwohl in dieser Hinsicht immer noch viel zu tun ist. Das Beispiel von Familie Storks zeigt das sehr deutlich.

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Sibylle1969 31.03.2017, 18:07
4.

Eines der Kinder von Bekannten hat eine Autismusstörung, und das macht den Alltag wohl sehr anstrengend. Der Junge geht auf eine normale Grundschule, er ist ja auch normal intelligent, aber er stört schon oft massiv den Unterricht und quält manchmal vor allem Mitschülerinnen und seine kleine Schwester. Damit macht er vielen das Leben schwer: den Eltern, seinem I-Helfer, der Lehrerin, seinen Mitschüler/innen und seiner Schwester. Wenn ich nicht über die Krankheit Bescheid wüsste, dann würde ich mir auch vielleicht denken "Mensch, was für ein furchtbares Kind".

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curitibano 31.03.2017, 19:08
5. Die Situation der Familie

kann ich nur zu gut nachvollziehen. Mein ältester Sohn (heute 7 Jahre alt) ist "Asperger", mit einem IQ von 142 und besucht bereits die 3. Klasse. Mit 2 Jahren konnte er einzelne Wörter lesen, mit 3 rechnen. Damals gab es für ihn keine "Tür", sondern ein "Rechteck". Und der Weihnachtsbaum war für ihn ein Dreieck. Heute lernt er neben Portugiesisch (wir leben in Brasilien) auch noch Englisch und Deutsch. Nebenbei auch noch Programmieren von Computerspiele. Während also seine geistige Entwicklung sehr weit fortgeschritten ist, ist seine emotionale Entwicklung die eines 7 jährigen Jungen, was manchmal sehr starke "Krisen" auslöst. Mein zweiter Sohn (6 Jahre alt) ist "Autist". Bis etwa 1,5 Jahre entwickelte er sich "normal", fing dann aber an wieder alles zu verlernen. Mit 3 Jahren sprach er noch kein Wort, konnte sich aber sehr gut durch Bewegungen verständigen. Heute, dank vieler Therapien kann er schon wieder ganz gut sprechen, hat aber erhebliche Probleme mit Sinnesreizungen. Für ihn ist jeder Strandbesuch ein Albtraum. Zu viele Menschen, zu viel Lärm, zu viel Sonnenlicht. Er braucht einen ihm bekannten Lebensalltag. Auf Veränderungen, und seien sie noch so klein, müssen wir ihn vorbereiten. So kann ich ihn z.B. nicht von der Schule abholen, wenn ich es vorher nicht ankündige. Er erwartet schießlich meine Frau und nicht mich.
Der Text beschreibt sehr schön zwei sehr wichtige Tatsachen:
1. Keine zwei Autisten sind gleich. Sie haben aber Gemeinsamkeiten.
2. "Normale" Menschen sind völlig unbeholfen, sobald sie auf Autisten stoßen. Das liegt darin, dass die meisten keine Ahnung davon haben, was Autisten sind, geschweige denn, wie mit ihnen umzugehen.

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Chaosfee 31.03.2017, 19:18
6.

Zitat von eggie
Das muß man präzisieren. Kinder stoßen in dieser Gesellschaft grundsätzlich auf Ablehnung. Die Ausnahmen bilden in gewisser Weise Kinder, die sich im fortgeschrittenen Alter erfolgreich totstellen können. Insofern ist es für Eltern autistischer Kinder tatsächlich komplizierter.
Wie kommen Sie denn auf diese komische Idee?

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Sentimenta 31.03.2017, 20:09
7.

Ich käme nicht auf die Idee, das die Schrift auf einem T-Shirt die Diagnose des Trägers enthalten könnte und würde sie wahrscheinlich garnicht lesen. Wenn es bei ihr funktioniert, okay...
Eine andere Mutter mit einem autistischen Sohn hatte immer Kärtchen dabei, die sie in entsprechenden Situationen verteilen konnte. Darauf stand neben der Diagnose ihre Telefonnummer mit dem Hinweis, falls jemand irgendwelche Zweifel über ihren Umgang mit ihrem Sohn, dessen Behandlung oder ähnliches habe, könne er sie bitte später anrufen und sie können sich in Ruhe darüber unterhalten. Aber nicht jetzt während einer Konfliktsituation in der ihr Sohn die volle Aufmerksamkeit seiner Mutter braucht. Fand ich eine ziemlich gute Idee!

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Dario_AS 31.03.2017, 21:30
8.

Was ich noch gesagt haben möchte: Es gibt durchaus auch schlecht erzogene Autisten, zumindest ist das prinzipiell denkbar. Das ändert aber nichts daran, dass man autistische Kinder nur für Verhaltensweisen maßregeln darf, die sie bewusst kontrollieren und auch abstellen können. Verhaltensweisen, die unmittelbar im Autismus selbst begründet sind, dürfen NIEMALS bestraft oder zum Vorwurf gemacht werden. Ich hoffe, das versteht sich von selbst.

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warz 31.03.2017, 22:39
9.

Hört sich alles toll an. Nur der heutige Grundschullehrer kann mit nicht normalem fast immer gar nicht umgehen. Darauf ist er nicht vorbereitet, und die Schule als Institution auch nicht. Damit wird die es wieder auf die Eltern zurückgeworfen. Stichwort: Loswerden, soll sich ein anderer drum kümmern. So reagieren übrigens auch die Eltern der andere Kinder. Doppelt schwer. Aber war das je anders?

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