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Koalitionsvertrag: So viele unbegründete Befristungen könnte die GroKo verhindern
DPA

Die Große Koalition will die Zahl unbegründet befristeter Jobs eindämmen. Für rund 400.000 Stellen müssten Arbeitgeber dann neue Regelungen finden, schätzen Forscher.

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meinerlei 12.02.2018, 09:32
1. Ex-Vorbild Öffentlicher Dienst

Lang ist's her, dass der Öffentliche Dienst mit gutem Beispiel voranging. Beispielsweise mit Gehaltszuschüssen für Eltern.Längst ist es normal geworden, insbesondere Geisteswissenschaftler an Unis von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hinzuhalten, bis sie in der Mitte ihrer Erwerbsbiographie plötzlich vor dem Nichts stehen. Oder Lehrer über die Sommerferien in die Arbeitslosigkeit zu schicken. Von den sachgrundlosen Befristungen selbst an Bundesministerien zu schweigen. Huch, und plötzlich entdeckt die neue alte GroKo ihr Herz für diese Gruppe. Putzig.

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whitewisent 12.02.2018, 09:37
2.

Man sollte vieleicht auch als vermeintlich linker Wirtschaftspolitiker die heterogenen Verhältnisse des "Arbeitsmarktes" beachten. Einerseits gibt es Sektoren, wo ein offensichtlicher Fachkräftemangel besteht, und derartige Verhältnisse als Einstellungshinderung so gut wie kaum noch vorkommen. Anderseits gibt es einen großen Bereich von einfachen Tätigkeiten, in denen der gesetzliche und tarifliche Kündigungsschutz stark ausgebaut ist, und bleibt. Es ist absehbar, daß ein bestimmter Kreis von Arbeitnehmern, welche es eh schon auf dem Arbeitsmarkt wegen dem Alter oder Erkrankungen schwer hat, in Zukunft wieder eher gar nicht arbeiten wird, als durch Arbeitgeber angestellt. Wenn aber gerade dieser Kreis am stärksten von ALG-2 bedroht wird, ist es nicht wirklich sozial, eine funktionierende Lösung auf diese Weise zu schleifen.

Wesentlicheres Problem sind die diversen Befristungen, wie sie im öffentlichen Bereich seit Jahrzehnten herschen, in manchen bereits seit Beginn der 80er Jahre. Und das sowohl in SPD-geführten Ländern und Kommunen, als auch bei Gewerkschaften selbst. Hier haben die zukünftigen Koalitionspartner selbst kräftigen Lobbyschutz betrieben, und sich mit der 5-Jahresregel ein weiter so geschaffen. Niemand will Sekretärinnen oder Krankenschwestern, die mehr als 8 Mal befristete Vertragsverlängerungen erhielten. Aber es gibt auch keinen Grund, Mitarbeiter von Bibliotheken und Universitäten einen befristeten Vertrag nochmals zu verlängern. Das mag bei projektbezogenen Verträgen sinnvoll sein, wenn ständig eine Zahl X von gleichwertigen Arbeitskräften auf diese Weise beschäftigt wird, ist es der Mißbrauch durch den Staat, der hier weiter forciert wird, und den auch die SPD im Wahlprogramm weiter kritisieren kann. "An ihren Taten soll man sie erkennen" . vieleicht schaut sich ein Medium wie SPON mal die Situatuion in Ländern wie MVP oder Hamburg etwas genauer an. Und wer da für was verantwortlich ist. Denn der Mißerfolg der SPD bei Wahlen hat auch etwas mit Bigotterie zu tun.

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interessierter Laie 12.02.2018, 09:43
3. Das Bild ist irreführend...

Das produzierende Gewerbe beschäftigt wenige Menschen befristet und schon gar nicht ohne Sachgrund. Spitzenreiter ist Bildung und Wissenschaft. An Unis und Forschungseinrichtungen ist nahezu jede Stelle befristet. Leute werden oftmals über 10 Jahre auf befristeten halben Drittel- und sogar Viertelstellen hingehalten, gelegentlich sogar auf Hiwi-Stellen geparkt. Dabei werden regelmäßig 100 % erwartet und das eigene akademische Fortkommen als Privatvergnügen deklariert. Nur ein verschwindend geringer Prozentsatz hat Aussicht auf eine feste Stelle. Auf sowas lässt sich keine Lebensplanung aufbauen. An Nachwuchs ist kaum zu denken. Die meisten müssen sich mit Mitte 30 was neues suchen, nachdem sie 10-15 Jahre für ein Butterbrot gearbeitet haben. Das ließe sich sofort beenden und es bräuchte nichtmal ein Gesetz dafür.

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taschenorakel 12.02.2018, 09:44
4. Notwendige Marktbereinigung

"Allerdings entstehe die Gefahr einer Einstellungsblockade" Ein Unternehmen, das nicht ausreichend vom eigenen Geschäftsmodell überzeugt ist, um benötigte Arbeitskräfte einzustellen, hat schlichtweg keine Geschäftsgrundlage. Gut, wenn diese Zombies verschwinden und Platz für vernünftig geführte Unternehmen machen.

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ludna 12.02.2018, 09:45
5. 400.000 Menschen

werden demnächst arbeitslos sein. Man kann die soiale Sicherheit nicht auf die Firmen abwälzen.

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m.sc. 12.02.2018, 09:51
6. Wissenschaft

Ich mache gerade eine Promotion (Ingenieurwissenschaften) und die Anstellungsbedingungen sind nicht gerade, wie man es sich wünschen würde. Das ist verwunderlich, da man nach Tarifverträgen des öffentlichen Dienstes angestellt ist. In der Regel bekommt man nur das halbe Gehalt, es wird aber erwartet, dass man Vollzeit arbeitet... Nebenjobs sind daher nicht möglich. Begründet wird das damit, dass die Promotion eine Art Privatvergnügen ist. An der Arbeit ändert das wenig. Auch sind Vertäge generell befristet. Teilweise unter einem Jahr. Mit Ende der Promotion endet dann meist das Anstellungsverhältnis. Es wird sich dreimal überlegt, ob man einen Wissenschaftler voll bezahlt oder sich zum selben Preis einfach 2 Doktorranden besorgt. Ich bin gespannt, welche kreativen Begründungen für Befristung und Minderung der Bezahlung im öffentlichen Dienst auf mich zukommen ;)

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joG 12.02.2018, 10:01
7. Das sind sehr gut gemeinte Maßnahmen...

...wenn man gut will. Aber jeder weiß, das diese populären Regeln die mit dem Arbeitsplatz verbundenen Kosten erhöhen. Also bedeutet das eine geringere relative Kunkurrenzfähigkeit um internationales Kapital. Das mag nun nicht wichtig scheinen. In der nächsten Rezession wird es weh tun.

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andneu 12.02.2018, 10:07
8. @ludna

Zitat von ludna
400.000 werden demnächst arbeitslos sein. Man kann die soiale Sicherheit nicht auf die Firmen abwälzen.
Genau. Und die Arbeit macht sich dann von allein, bisher hat man diese Menschen nämlich nur zum Spaß eingestellt. ;-)

Man kann die soziale Sicherheit übrigens auch nicht auf die Angestellten abwälzen.

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ernstmoritzarndt 12.02.2018, 10:09
9. Falsche Debatte

Die Arbeitgeber scheuen die Dauereinstellung wie der Teufel das bekannte Weihwasser: Ein dauerhaft eingestellter Mitarbeiter ist - wenn nicht besondere Verhältnisse vorliegen - im Grunde ohne teilweise erhebliche Aufwendungen aus einem Unternehmen nicht mehr zu entlassen. Es handelt sich um festgefügte Verhältnisse, fast wie im Öffentlichen Dienst. Selbst in Notlagen eines Unternehmens ist das nicht mehr möglich - wobei dann einige Unternehmen den Weg der Insolvenz wählen und an anderer Stelle neu anfangen/aufbauen. Wenn eine Entlassung einfacher möglich wäre, würden viele Unternehmer auch unbefristet einstellen.

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