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68er-Bewegung und die Folgen: "Sex als Weg zur Wahrheit"
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Was bleibt von 68? Der Soziologe Heinz Bude erklärt, weshalb die Agenda 2010 ein Revoluzzerwerk ist, Sex nichts mit Gerechtigkeit zu tun hat und die Jungen heute mehr Risikofreude zeigen müssen.

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kassandra21 12.02.2018, 12:08
1. Nichts aufgemischt

>Mit geht es um den Ursprung der Kraft zum Bruch. Schröder und Fischer gehören zu den Ruinenkindern der 68er-Generation, so wie ich sie in meinem Buch beschreibe, Kriegs- und Nachkriegsjahrgänge, die als Kinder aus der Kellerperspektive auf die Welt geblickt haben. Nur Ruinenkinder konnten es wagen, die gesellschaftlichen Verhältnisse so aufzumischen.<

Blödsinn.
In welcher Form hat den Schröder die Gesellschaft aufgemischt? Erst hat man mittels Steuersenkungen den Staatshaushalt ruiniert. Dann völlig überraschend den bösen Sozialsstaat entdeckt, der so unfaßbar viel Geld kostet. Und dann hat man den geschreddert. Ist ja klar. Was sollte sonst schuld sein an wegbrechenen Steuereinnahmen?

Schröder hat Öl ins längst brennende neoliberale Feuer gegossen, sonst nichts. Er hat damit die Spaltung der Gesellschaft massiv verstärkt. Von der Agendapolitik führt eine klare Linie zur AfD im Parlament.
Dieselbe Linie verbindet Schröders britisches Vorbild mit dem Brexit.

Das politische System der USA ist in seiner Degeneration schon einen Schritt weiter. Der statistische Durchschnittshaushalt in den USA hatte vor zwei Jahren etwa 54.000 Dollar Einkommen. Bei Reagans Amtsantritt waren es 56.000, alles inflationsbereinigt.

Soweit zu mehr Produktivität, trickle down, ewigem Wachstum und anderem Müll. Die Gesamtgesellschaft wird ausgeblutet für Konzerngewinne und schäumende Aktienkurse. Halluzinierter Wohlstand allerorten.
Schröder hat bestehende Verhältnisse verstärkt und nicht aufgemischt. Über Herrn Fischer verliere ich besser kein Wort. Dafür ist mir selbst meine Verachtung zu schade.

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Palmstroem 12.02.2018, 12:34
2. Intoleranz als Programm

Die 68er Bewegung in Europa war ein Abklatsch der chinesischen"Kulturrevolution", in der sie eine spontane Jugendrevolte für einen herrschaftsfreien Sozialismus sahen. Tatsächlich aber war die "Kulturrevolution" eine der schlimmsten Wellen staatlich organisierten Massenterrors im 20. Jahrhundert.
"La Chinoise", ein Film von Jean-Luc Godard, selbst ein Linker, zeigt diese Diskrepanz auf. Während in Europa die 68er nur ein Politstück aufführten, starben in China Millionen bei dieser Revolution der von Mao mißbrauchten "Jugend". Die 68er spielten Revolution, die Chinesen erlitten eine Revolution. Noch immer wird die 68er Bewegung verklärt - die Wahrheit ist, sie war so intolerant wie die Intoleranz, die sie angeblich bekämpften.

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Massarani 12.02.2018, 12:39
3. "Sex" in der Überschrift

... und nicht ein einziges Tittenbild in der Galerie. Ich fühle mich aufs Übelste betrogen und hinters Licht geführt!

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echoanswer 12.02.2018, 12:48
4. Lächerlich ...

Die sexuelle Befreiung war im miefigen und verlogenen Westen mehr als überfällig. Der Osten hat über die Verklemmtheit West schon immer gelacht und tut es immer noch. Politisch ist nicht von den 68igern geblieben. Man schaue sich nur die Opportunisten an, die in der Politik bis heut geblieben sind. Damals freie Liebe, heute Geilheit nach Geld und Macht. Die Verklärung der Revolten von damals sollen im Nachhinein eine Aufbruchsstimmung suggerieren. Die war damals in anderen Ländern Europas schon lange im Gange. Deutschland konnte gar nicht anders.

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paulvernica 12.02.2018, 12:56
5. War notwendig

Zitat von Palmstroem
Die 68er Bewegung in Europa war ein Abklatsch der chinesischen"Kulturrevolution", in der sie eine spontane Jugendrevolte für einen herrschaftsfreien Sozialismus sahen. Tatsächlich aber war die "Kulturrevolution" eine der schlimmsten Wellen staatlich organisierten Massenterrors im 20. Jahrhundert. "La Chinoise", ein Film von Jean-Luc Godard, selbst ein Linker, zeigt diese Diskrepanz auf. Während in Europa die 68er nur ein Politstück aufführten, starben in China Millionen bei dieser Revolution der von Mao mißbrauchten "Jugend". Die 68er spielten Revolution, die Chinesen erlitten eine Revolution. Noch immer wird die 68er Bewegung verklärt - die Wahrheit ist, sie war so intolerant wie die Intoleranz, die sie angeblich bekämpften.
Die 68er waren absolut notwendig um die verkrusteten Strukturen und Intoleranzen der 50er Jahre aufzubrechen. Dass damals allerdings auch schon der Kern der Heutigen Intoleranz die nun "die politisch - korrekten Menschen" auszeichnet vorhanden war will ich nicht bestreiten.
Geschichte ist im Hegelschen Sinne dialektisch. Die "Revolution" des neuen Rechts durch die AFD und andere ist nicht ein Rückfall in die dunkelsten Zeiten sondern die Antithese die wieder etwas Neues hervorbringen wird.

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bigroyaleddi 12.02.2018, 13:00
6. Komisch, ich habe das alles irgendwie anders empfunden

Ich weiss zwar nicht, warum der Autor hier speziell die "Kriegskinder" anführt - also die, welche noch den Krieg erlebt haben. Ich bin Jahrgang 1948 und gerade 1968 politisch so richtig aktiv geworden. Allerdings in der hessischen Provinz. Aber die Universitätsstadt Giessen und die Metropole Frankfurt waren nicht weit. So schwappte dann der Zeitgeist gewaltig auch bei uns Jungen dann herein.

Mit dieser Strömung wurde letztendlich die Lähmung der Adenauerzeit überwunden, die SPD kam endlich unter Willy Brandt nach vorne. Damals ging die Post auch innerhalb der SPD ab. Da ging noch was. Da rebellierten die Jungen gegen die Alten.

Gut, heute sind wir selber alt. Aber dieses Interview zeigt mir ganz deutlich, dass alles immer eine Seite der Betrachtung ist. Offensichtlich kann man die gleichen Ereignisse aus anderen Gesichtswinkeln auch völlig anders beurteilen.

Und nicht die sexuelle Revolution ist ein Synonym der Alt-68. Nein, es ist der Frust und die Wut auf die ewig Gestrigen, welche uns auf den Marsch durch die Institutionen gebracht haben. Wir haben damals auch schon gewusst, dass so manche Dinge wie die Kommune 1 nicht unbedingt ein Lebensentwurf für alle sein kann.

Jetzt, wo ich mit Altersweisheit und Milde, aber auch mit immer noch schwärender Wut auf die "heutige Jugend" blicke, sehe ich mich schon in der Tradition meiner Großeltern. Das hiess dann damals: ich bin froh, dass ich das - was noch alles kommt - nicht mehr erleben muss. Komisch, es gibt offensichtlich Dinge, welche sich nicht ändern.

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Robinski 12.02.2018, 13:00
7. Wer Houellebecq gelesen hat...

...weiß schon, dass es beim Sex der 68er nicht um Gerechtigkeit ging. "Ausweitung der Kampfzone" war seine Interpretation. Die sexuelle Befreiung brachte das sich Ausliefern an den sexuellen Markt mit sich. Die Ehe war ja - bei aller Spießigkeit - eine Institution der sozialen Absicherung und auch einer Art Gerechtigkeit; fast jeder bekam am Ende jemanden ab. In der sexuellen Revolution gab es Liebe und Sex zwar, aber am Ende meist nur für die Schönen oder Skrupellosen. Und das ist wohl tatsächlich der Geist, den metoo jetzt bekämpft.

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pmohler798 12.02.2018, 13:07
8. Empirieloser Soziologe

Vor der Empirie, will ich die Bosheit in der Beschreibung Adornos erst mal erwähnen: " Dieser kleine Mann mit den großen Augen war selbst ein Kind, das der Shoah entronnen war. Man ging zu Adorno, verstand nichts, konnte aber alles mitsingen. " Hinterhältig diese Beschreibung und unklug, denn Adorno war, wie seine Kollegen des Frankfurter Instituts klug und ging vor der Shoa aus seiner Heimat weg. Und nun zur Empirie "Man" ging zu Adorno, die "Jungen", die "68er" immer weiß der empirielose Soziologe genau Bescheid. Der Volksmund nennt so etwas "unzulässige Verallgemeinerung". Oder "viele zentrale Figuren ... waren Flüchtlingskinder - kein Wunder, denn viele Menschen in Westdeutschland waren Flüchtlinge oder staunt der Herr Soziologe darüber, dass auch Flüchtlingskinder denken konnten (und wollten)? Dem Spiegel sei Dank für das Interview, spart mir 17 Euro.

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spontanistin 12.02.2018, 13:08
9. Blauäugig oder halbblind?

Wer hat denn diese Bewegungen gesteuert und finanziert? Es herrschte der Kalte Krieg mit einer allgegenwärtigen Ideologisierung und Drohung der Auslöschung der Welt. Die ideologisch Entwurzelten wandten sich zurück oder übernahmen kritiklos die Alternativ–Ideologie des Marxismus–Leninismus–Stalinismus–Maoismus. Die glorifizierten Schröder und Fischer (Cohn–Bendit etc) haben sich bequem in der restaurierten Klassengesellschaft eingerichtet. Seltsam undifferenzierte Bewertung.

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