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Behinderten-Drama in der ARD: Die harte Schule der Inklusion
BR

Integration auf die belehrende Tour: Die ARD will mit dem Drama "Inklusion" zeigen, wie Behinderte voll in der Gesellschaft aufgehen können. Ein halbherziger Versuch - denn den Elan, Behinderte sich selbst spielen zu lassen, hatte das Erste nicht. Da war man schon mal weiter.

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joe_f 23.05.2012, 11:45
1. Weit entfernt von Inklusion

Der Artikel hat mir aus der Seele gesprochen! Ich bin selber körperbehindert und hochgradig schwerhörig. Als Behinderter treffe ich im Alltag auf viele "stumme" (also mehr oder weniger verborgene) Vorbehalte und stelle immer wieder fest, warum Deutschland die Behindertenrechtskonvention der UN erst spät ratifiziert hat: Diese Gesellschaft ist noch weit von einer Inklusion behinderter Mitmenschen entfernt! Stattdessen fühlen sich viele unbehaglich, wenn sie mit Behinderten umgehen müssen. Das liegt meines Erachtens daran, dass behinderte Schüler über Jahrzehnte regelrecht abgeschottet (man denke nur an die Sonderschulen am Ortsrand der Städte und Gemeinden) unterrichtet wurden und Nichtbehinderte selten behinderte Mitschüler hatten. Es ist also nur folgerichtig, dass für diesen Film keine behinderten Hauptdarsteller gecastet wurden...

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kleineschnecke 23.05.2012, 14:04
2. oh mann

Der Film scheint mir trotz Aufklärungsversuch eine eher negative Sicht auf Inklusion vermitteln zu wollen. Wozu wird der Blick auf das Scheitern der Inklusion und die Mängel im Bildungssystem gelegt, die durchaus da sind, was will man damit erreichen? Der Film müsste zeigen, wir gut und unter welchen Bedingungen es klappen _kann_ - damit ein Fortschritt in diese Richtung möglich wird.

Ich finde es unmöglich, dass
a) die behinderten Rollen mit nicht-behinderten Schauspielern besetzt wurden und
b) die behinderten Schüler als zynisch und Inklusion-ablehnend dargestellt werden.

Dadurch trägt der Film nicht gerade dazu bei, die Akzeptanz von behinderten Menschen in unserer Gesellschaft zu verbessern?!

Meiner Meinung nach braucht es zur Akzeptanz dieser Menschen in unserer Gesellschaft übrigens keine inklusiven Schulen da Sonderschulen besser auf den Förderbedarf von Kindern eingehen können, die wirklich Förderbedarf haben! Es geht eher darum, wie man außerhalb der Schule und nach der Schule überhaupt mit diesen Menschen umgeht.
Und die Kinder, die keinen mehr-Förderbedarf haben, die können einfach auf eine beliebige Schule gehen, egal ob körperbehindert, hörgeschädigt, sehbehindert etc.

Meine persönliche These: Inklusion hört bereits da auf, wo über sie gesprochen wird.
Gäbe es Inklusion, würde gar nicht über sie gesprochen werden, da Inklusion etwas selbstverständliches ist und dann in ihrem selbstverständlich-sein aufgeht.

Vielmehr sollte es selbstverständlich sein, dass Menschen mit jeglichen Eigenheiten, Eigenschaften, Verhaltensweisen, Körperausprägungen etc. grundlegend anerkannt und akzeptiert werden.
Wir sind alle Menschen und es sollte einfach keine Unterscheidungen zwischen Menschen getroffen werden.
So einfach wäre Inklusion, sie wäre dann von selbst da, wenn ich den jeweils anderen so annehme wie er ist.
Man bräuchte sich in der Politik und Bildungspolitik keine Gedanken über die Beschulung von behinderten Kindern zu machen, wenn es selbstverständlich wäre, dass diese Kinder gleichwertig allen anderen Kindern sind.

Ich selbst bin von Geburt an Querschnittsgelähmt. Heute rollstuhlfahrende Erziehungswissenschaftlerin und habe mir in meinem Leben nie Gedanken über meine eigene Inklusion gemacht ;-) Vermutlich bin ich deshalb völlig in die Gesellschaft inkludiert. Weil ich mich nie als anders gesehen habe. Weil ich einfach nur ich bin.
Ich war einfach so wie ich bin und ging auf eine Schule wie alle anderen auch, dann studierte ich so wie ich bin, neben allen anderen und forderte weder eine besondere Beachtung noch wurde ich von Anderen besonders beachtet.

Ich denke, je weniger man selbst seine eigene Behinderung in den Mittelpunkt stellt, umso weniger wird diese auch von der Umwelt wahrgenommen.
Das man so wird hängt vermutlich davon ab, wie stark man von seiner Familie geliebt wird.
Ich hörte schon so oft "du kommst mir überhaupt nicht behindert vor".
Und das trotz meiner offensichtlich vorhandenen massiven körperlichen Einschränkungen (sei es Rollstuhl, Skoliose, verkürzte Sehnen, versteifte Gelenke, Blasen Mastdarmentleerung, Lymphödeme, gehäufte Infekte, Gelenksbeschwerden in Ellenbogen Schultern ...das ganze übliche Angehängsel was eine Querschnittslähmung eben mit sich bringt).

Es spielt alles nur dann eine Rolle, wenn man ihm eine Rolle gibt.

Also hört auf einander Rollen zuzuschreiben und achtet etwas mehr auf den Menschen dahinter :-)

Apell: Liebt einander, seid gut zu einander, seid einfach menschlich. Nehmt euch an so wie ihr seid, gebt euch gegenseitig Kraft. Dafür sind wir Menschen, dafür leben wir. Um der Liebe willen und der Lebensfreude!

Viel Spaß :-)

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Persiflist 23.05.2012, 14:39
3.

Zitat von Artikel
...Sie hätten ernsthaft überlegt, mit behinderten Darstellern zu arbeiten, sagen Senderchef Werner Reuß und Regisseur Marc-Andreas Bochert. Aber das sei weder zeitlich noch finanziell machbar gewesen...
Dieses Argument gilt dann aber wahrscheinlich nur für Filmarbeiten...

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frygeist 23.05.2012, 21:31
4. Tja...

Klassen dritteln, Schulhelfer in jeder Klasse, Sonderpädagogen, entsprechende Materialien, regelmäßige Schulungen und behindertengerechter Ausbau... wenn die Bundesländer dies finanzieren möchten, dann könnte Inklusion möglich werden...

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Johann G. 23.05.2012, 22:39
5. Genau dadurch wird Inklusion scheitern!

Zitat von frygeist
Klassen dritteln, Schulhelfer in jeder Klasse, Sonderpädagogen, entsprechende Materialien, regelmäßige Schulungen und behindertengerechter Ausbau... wenn die Bundesländer dies finanzieren möchten, dann könnte Inklusion möglich werden...
Der Film zeigt mal wieder, dass Inklusion in Deutschland wohl schwerst möglich ist! Weil, wir leben und handeln nach dem Maximalprinzip - mehr Helfer, kleinere Klassen, mehr Ressourcen.
Dabei wird vergessen, dass die Ressourcen die Einstellungs- und Haltungsqualität ist. Wenn wir das non-plus-ultra in unserer Gesellschaft in Funktionalismus und Utilitarismus (sowie Anpassung) sehen, schaffen wir nicht mal die Integration!
Es ist normal anders zu sein! Leider nicht!
Wenn ein Film über Inklusion eine gelungene Integration von einer Person mit körperlichen Behinderungen feiert, die Schule sich selber feiert, die Politik jede gelungene Anpassung feiert, wie in diesem Film - Personen, die jedoch verhaltensoriginell (spontan) sind wieder als gelungene Integration in "Sonder-"einrichtungen abschiebt, dann wird der Titel zur Persiflage!
Ein schöner Satz ist: "Inklusion beginnt im Kopf". Hiervon ist der Inhalt des Filmes weit entfernt und zeigt doch wieder die Realität: Die Borniertheit der Gesellschaft.

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Nanne60 24.05.2012, 09:19
6. Mal eben schnell Inklusion...

Der Film zeigt es plakativ: Deutschland ist in Sachen Inklusion noch nicht sehr weit, das muss schnell geändert werden! Teilweise ohne Konzept, geschweige denn Ressourcen wird Inklusion verordnet. Dabei sind so viele Voraussetzungen nicht einmal ansatzweise gegeben: barrierefrei ausgebaute Schulen, dafür ausgebildetes Personal, kleine(re) Klassen, usw. Die größte Barriere ist jedoch unser sehr auf Selektion basierendes Schulsystem, das tief in unsere Gesellschaft hineinwirkt. Auch nichtbehinderte Schüler, die nicht dem vorherrschenden Leistungsbegriff entsprechen, sind oft zum Scheitern verurteilt. Einen Schüler wie Paul in einer Klasse zu unterrichten, in der es nur Frontalunterricht gibt, alle Schüler denselben Stoff lernen müssen (nur Paul nicht), alle auf denselben Schulabschluss hinarbeiten (nur Paul nicht) ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Selbst eine sozialer eingestellte Klasse könnte nicht verhindern, dass jemand wie Paul sich immer als Außenseiter fühlen wird, weil er in einem in der Schule wichtigen Punkt anders bleiben wird, der Leistung. Das kann man nicht schön- und Paul auch nicht ausreden. Individualisiertes Lernen ist eine mögliche Lösung, aber selbst dabei vergleichen sich die Schüler. Echte Inklusion wird erst möglich, wenn wir Menschen nicht mehr nach ihrer Leistungsfähigkeit beurteilen. Davon sind wir in Deutschland weit entfernt, solange wir schon in der Grundschule unsere Talente aussortieren. Das zeigte übrigens auch der Film (gewollt?): Die aus gutem Hause stammende Steffi schafft es am Ende, der Junge aus einem bildungsfremden Millieu nicht. Inklusion wird nur gelingen, wenn wir unser Schul- und Gesellschaftssystem von Grund auf ändern. Hastig von "oben" verordnete Maßnahmen sind nur Vorzeigeprojekte, die das schlechte Inklusionsgewissen beruhigen sollen.

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rennflosse 24.05.2012, 09:36
7.

Zitat von kleineschnecke
Der Film scheint mir trotz Aufklärungsversuch eine eher negative Sicht auf Inklusion vermitteln zu wollen. Wozu wird der Blick auf das Scheitern der Inklusion und die Mängel im Bildungssystem gelegt, die durchaus da sind, was will man damit erreichen? Der Film müsste zeigen, wir gut und unter welchen .......
Die Frage ist, was wir sehen wollen:

a.) einen Propagandafilm,
b.) einen Film, der die Realität künstlerisch aufbereitet.

Der gezeigte Film verschwieg die Probleme nicht, die den Schulen mit der Inklusion aufgebürdet wurde. Das fand ich gut. Allerdings drohte das Ganze gegen Ende in die Kitschigkeit abzugleiten, hätte es nicht einen Verlierer gegeben, den sympatischen Paul.

Dass unbehinderte Schauspieler Behinderte spielen, finde ich vollkommen in Ordnung. Es gibt sicher schlimmere Probleme.

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rennflosse 24.05.2012, 09:43
8. Nett

Zitat von Johann G.
Der Film zeigt mal wieder, dass Inklusion in Deutschland wohl schwerst möglich ist! Weil, wir leben und handeln nach dem Maximalprinzip - mehr Helfer, kleinere Klassen, mehr Ressourcen. Dabei wird vergessen, dass die Ressourcen die Einstellungs- und Haltungsqualität ist. Wenn wir das non-plus-ultra in unserer Gesellschaft in .....
Wäre die ganze Gesellschaft barrierefrei, brauchte man keine Automatiktüren und Rampen für Rollifahrer. Wäre die Gesamtgesellschaft weniger auf Leistung, Schönheit und Performance getrimmt, brauchte man keine Sonderschulen für Lernbehinderte.

Ist sie aber nicht. Die Gesellschaft akzeptiert Anderssein nur in ganz bestimmten Formen. Metrosexualität ist "in", Tetraplegie nicht.

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retmar 24.05.2012, 09:53
9. ....

Zitat von frygeist
Klassen dritteln, Schulhelfer in jeder Klasse, Sonderpädagogen, entsprechende Materialien, regelmäßige Schulungen und behindertengerechter Ausbau... wenn die Bundesländer dies finanzieren möchten, dann könnte Inklusion möglich werden...
Mich würde zu der ganzen Thematik mal die Meinung von Schulmedizinern interessieren. Es gibt da ja genaue Kriterien für die Schulreife.

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