Forum: Kultur
Christian Kracht in Frankfurt: Blutspur des Bösen
Lecher/ Goethe-Universität

Ein Mensch, der "Me too" gesagt hat: Tagelang beschäftigte Christian Kracht die Literaturszene, weil er in seiner Vorlesung von Traumatischem berichtet hatte. Bei der Abschlussveranstaltung hörte man ihn ganz neu.

Bondurant 25.05.2018, 00:09
1. Bedaure

Es liest sich neu, denn es ist ausgeleuchtet.

Das entzieht sich meinem Verständnis. In einem Buch liest man, was drinsteht. Wenn man dann erfährt, dass der Autor sexuell missbraucht worden ist oder dass er gern Kartoffelsuppe mag, ändert sich nichts am Inhalt des Buches. Der Autor als Person ist das eine, das Buch als Werk etwas anderes. Psychologisierende, gar therapeutisierende Hilfserklärungen schaden mehr als sie nutzen.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
dasfred 25.05.2018, 03:45
2. Wenn man Literatur interpretiert

Das große Übel des Bildungsbürgers ist, dass er nicht damit zufrieden ist, etwas zu lesen, es auf sich wirken zu lassen und zu entscheiden, ob es gefällt oder nicht. Nein, er muss zwischen den Zeilen lesen, weil er ja gebildet ist. Und dann muss soetwas passieren. Der Autor erzählt, warum er so schreibt wie er schreibt und das passt dann leider nicht zur bisherigen Interpretation. Pech aber auch.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Der_schmale_Grat 25.05.2018, 08:27
3. Schlag ins Gesicht

Es lässt mich fast ohnmächtig zurück, wenn jemand wie Literaturkritiker Hubert Winkels sagt, ihm sei das "Bekenntnis" einer solchen frühen Vergewaltigung im Rahmen ästhetischer Überlegungen "zu intim", zu "obskur" und "irgendwie nicht objektivierbar". Vielleicht interpretiere ich auch ihn falsch, aber was sollen die Millionen von Opfern sexueller Gewalt (denn JEDER Kindesmissbrauch ist auch eine Vergewaltigung - egal, was genau stattgefunden hat) daraufhin denken? Vor allem das nicht "Objektivierbare" erschreckt mich, gerade weil es hier weg von einer Viktimisierung und offenen Anklage seitens Krachts passiert, sondern er sich selbst sein Wesen erklärt und diese Ausleuchtung zum ersten Mal öffentlich macht. Reicht schon eine Beschreibung schrecklicher Lebenereigenisse aus dem Blickwinkel eigener Wahrnehmung, um sich angreifbar zu machen?

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Leseohr 25.05.2018, 21:06
4. Präzise Gegenübertragung auslösend

...bei den Zuhörern/Kritikern seiner Vorlesung - nämlich eben jene Verunsicherung, die das Kind erfahren hat im vergeblichen Anruf um Hilfe der Eltern. Fortgesetzt und zugleich benannt nun, aber nur bedingt aufzulösen.
Sehr mutig war das, und spannend, wie er mit dem Licht weiterarbeitet.

Beitrag melden Antworten / Zitieren