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Ein Jahr #MeToo: Reden wir über marktkonformen Feminismus
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#MeToo hat eine neue Debatte ausgelöst, sensibilisiert - und Feminismus wieder gesellschaftsfähig gemacht. Forderungen nach Gleichberechtigung werden laut. Aber will die Bewegung wirklich die bessere Welt?

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juttakristina 10.10.2018, 11:16
1. Wenn ich mir viele der Kommentare männlicher Leser

zum Thema "Ernennung von Kavanaugh" anschaue, hat #MeToo ziemlich wenig bis gar nichts erreicht (leider)... Bei vielen Männern, die sich dazu geäußert haben, hält immer noch der alte Tenor vor, dass die Frauen, die sich erst nach Jahren oder Jahrzehnten melden, per se unglaubwürdig seien, warum sie das nicht sofort gemacht hätten, für Kavanaugh wird die Unschuldsvermutung gefordert, während man gleichzeitig Ford aber der Lüge bezichtigt (für sie gilt das nicht), ist doch gar nichts passiert, ein bisschen Mund zu halten, jeder hätte in dem Alter doch mal rumgeknutscht - also klassische Verharmlosung - frau solle sich mal nicht so anstellen usw. usw.
Schon einige Geschlechtsgenossinnen hatten dann auch auf die Missbrauchsopfer der katholischen Kirche hingewiesen, ob man denen das dann auch sagen würde...

Diese Verharmlosungen erinnern mich stark ans 19. Jahrhundert, als man Frauen noch Hysterie als Krankheit unterstellte (okay, bis weit ins 20. Jahrhundert...) und es wohl Ärzte gab, die meinten, diese "Krankheit" heilen bzw. behandeln zu können, indem man sie - also der Arzt, nicht der Ehemann - mit der Hand stimulierte. Oder auch "Medikamente" wie Frauengold, wo dann die Frau mittels Alkohol "ruhiggestellt" werden sollte.
Ich weiß jetzt nicht, ob sich da neben Trump-Bots und den üblichen Trollen die Chauvinisten und Machos und Ewiggestrigen einfach zusammengetan hatten oder ob das wirklich halbwegs die Haltung vieler Männer widerspiegelt. Natürlich will ich nicht unerwähnt lassen, dass es durchaus auch männliche Zuschriften gab, die aus dieser Reihe gefallen sind und zeigten, dass es durchaus auch Männer gibt, die Frauen tatsächlich achten und respektieren und von daher auch an dieses Thema mit sehr viel mehr Verständnis rangehen.
Nein, wenn man das so alles liest, haben leider viele Männer den Schuss noch nicht gehört und stecken in der Steinzeit fest, obwohl, da war die Gesellschaft wahrscheinlich ausgeglichener als zu späteren Zeiten... Als Frau, die selbst - wie viele andere - Missbrauch in der Familie, versuchte Vergewaltigungen und eine vollzogene erlebt hat, die auch ihre Erfahrungen mit Anzeigen bei der Polizei und daraus und der Gesellschaft folgend, nicht wieder angezeigt hat, fühlt man sich von diesen überheblichen, instinkt- und gefühllosen Kommentaren, die zeigen, dass man Frauen nicht ernst nimmt, nochmals irgendwie missbraucht.

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mostly_harmless 10.10.2018, 17:29
2.

Gewiss. Die Verurteilung von Siggi Maurer

https://www.stern.de/panorama/sylvia-margret-steinitz/causa-sigi-maurer--skandal-um-obszoene-nachrichten---und-wohl-nur-der-anfang-8395374.html

zeigt, dass wir im letzten Jahr echt weiter gekommen sind. Vorwärts in die Vergangenheit sozusagen.

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hansgustor 10.10.2018, 17:39
3. Feminismus ist nicht cool

Der Begriff Feminismus steht immer noch für das Einfordern von Besserstellung ohne Gegenleistung. Ich bin für jede Unterstützung der Gleichberechtigung. Feminismus aber steht für unpraktische Gender-Sternchen, Benachteiligung von Jungen im Schulunterricht, ungerechte Frauenquoten in Betrieben mit hohem Anteil männlicher Mitarbeiter, etc.

Ich fordere pragmatische Lösungen statt Ideologie!

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Fuxx81 10.10.2018, 17:48
4. Feminismus soll cool sein?

Zitat von
Endlich soll Gleichberechtigung herrschen
Gleichberechtigung herrscht schon längst. Was Femnisten jetzt wollen ist faktische Gleichheit. Allerdings, wie mir scheint, nur in prestigeträchtigen Kategorien. Eine Frauenquote wird oft bei Dax-Vorständen gefordert, selten bei der Müllabfuhr. Dass die meisten Nobelpreise an Männer gehen, wird als Problem erfunden, dass auch die meisten Gefängnisinsassen Männer sind hingegen nicht. Korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege...

Zwei Unterschiedliche Ansätze konkurrieren gerade, wie faktische Gleichheit erreicht werden soll: Der eine ist Antidiskriminierung und geht davon aus, dass wenn nur alle künstlichen Hemmnisse, wie z.B. die männliche Anrede in der Stellenausschreibung, beseitig werden, automatisch genauso viele Frauen wie Männer den Ingenieursberuf ergreifen werden (Spoiler: wird nicht passieren). Der andere ist gezielte Frauenförderung, bei dem versucht wird, die Chancen von Frauen künstlich zu verbessern ("bei gleicher Eignung werden Frauen bevorzugt") Beides sind diametrale Gegensätze, die nicht gleichzeitig verwirklicht werden können, denn je mehr man eine von zwei Gruppen fördert, desto mehr diskriminiert man automatisch (das diese Form der Diskriminierung durchaus sinnvoll und gewollt sein kann, steht auf einem anderen Blatt). Es wird spannend zu sehen, welcher Ansatz sich durchsetzt.

Dass Feminismus plötzlich coool sein soll, halte ich übrigens auch für Wunschdenken. Im Gegenteil: ich fürchte der Ruf des Feminismus ist inzwischen so schlecht, dass schon ganze Parteien Wahlkampf dagegen machen können (Trump, AfD u.a.). Was man früher noch als nervig aber harmlos gesehen hat, halten viele inzwischen für ein echtes Problem.

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Fuxx81 10.10.2018, 17:58
5.

Zitat von juttakristina
zum Thema "Ernennung von Kavanaugh" anschaue, hat #MeToo ziemlich wenig bis gar nichts erreicht (leider)... Bei vielen Männern, die sich dazu geäußert haben, hält immer noch der alte Tenor vor, dass die Frauen, die sich erst nach Jahren oder Jahrzehnten melden, per se unglaubwürdig seien[...]
Würde nicht sagen, dass sie per se unglaubwürdig sind, aber über Schuld und Unschuld wird halt immer noch in einem Gerichtsverfahren entschieden. Und soweit ich weiß, ist Kavanaugh nicht verurteilt oder auch nur angeklagt worden.

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muellerthomas 10.10.2018, 18:05
6.

Zitat von Fuxx81
Würde nicht sagen, dass sie per se unglaubwürdig sind, aber über Schuld und Unschuld wird halt immer noch in einem Gerichtsverfahren entschieden. Und soweit ich weiß, ist Kavanaugh nicht verurteilt oder auch nur angeklagt worden.
Das betrifft die juristische Schuld - die Frage, ob so jemand für das höchste Richteramt der USA geeignet ist, ist eine andere.

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Atheist_Crusader 10.10.2018, 18:07
7.

Zitat von hansgustor
Der Begriff Feminismus steht immer noch für das Einfordern von Besserstellung ohne Gegenleistung. Ich bin für jede Unterstützung der Gleichberechtigung. Feminismus aber steht für unpraktische Gender-Sternchen, Benachteiligung von Jungen im Schulunterricht, ungerechte Frauenquoten in Betrieben mit hohem Anteil männlicher Mitarbeiter, etc. Ich fordere pragmatische Lösungen statt Ideologie!
Nein, tut er nicht. Das tut nur die Auslegung einiger der lautesten Idioten.

Tatsächlich geht es um Gleichberechtigung und das Aufbrechen von Geschlechterrollen. Keine automatische Besserstellung, sondern lediglich eine Umsetzung des Gleichberechtigungsgedankens.
Dass es um eine einseitige Bevorteiligung von Frauen ginge ist Unsinn, auch wenn er gerne (auch von einigen Frauen die sich Feministeinnen nennen) verbreitet wird. Echte Feministen wollen in jeder Beziehung Gleichberechtigung, auch da wo es nicht zum Vorteil der Frauen ist (z.B. Wehrdienst für Alle oder gleiche Strafen für gleiche Verbrechen).

Außerdem hilft der Feminismus nicht nur Frauen, sondern kann viele gesellschaftliche Probleme geraderücken, auch solche bei denen einem vielleicht gar nicht auf Anhieb bewusst ist dass sie mit unseren Vorstellungen von Geschlechterrollen zu tun hatben..
Schaut man sich zum Beispiel mal die Raten von zahllosen psychischen Problemen und Selbstmord an, fällt ein eindeutiges Übergewicht an Männern auf. Was nicht überraschend ist: Männern wird bereits in früher Kindheit beigebracht dass sie "stark sein" sollen, dass Gefühle zeigen weibisch (und weibisch-sein schlecht) sei und so weiter.
Wenn man dieser Geschlechterklischee endlich begraben kann, dann wird es für Männer sehr viel einfacher mit ihren Gefühlen umzugehen und dazu zu stehen. Was die Lebensqualität erhöht und die Selbstmordrate senkt.

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FinnSimmons 10.10.2018, 18:15
8. Feminissmus =/= Feminissmus

Das was viele ganz zu recht kritisieren ist das ein Teil des modernen Feminismuss aber nicht nur der, sondern insgesammt der Diskurs in der Öffentlichkeit, sehr oft nicht mehr auf Fakten basiert sondern auf emotionaler Rhetorik. Und so, weil es halt besser und schneller ankommt emotional zu argumentieren als ein Problem langwierig zu analysieren und dann für Leihen verständlich zu erklären, gewinnnen Linke und Rechte ihre Wähler. Die Medien könnten da stark korrigierend gegensteuern aber sowas liest halt fast keiner, also generiert man keine Klicks und damit keine Werbeeinnahmen aus durch Appblocker eh größtenteils unterdrückte Werbung. Wilkommen in der modernen Welt.

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ColynCF 10.10.2018, 18:16
9.

Zitat von juttakristina
... für Kavanaugh wird die Unschuldsvermutung gefordert, während man gleichzeitig Ford aber der Lüge bezichtigt (für sie gilt das nicht),
Nein, von den Reps wurde peinlichst darauf geachtet, Ford nicht als Lügnerin zu bezeichnen. Es wurde auch stets betont, dass sie sehr wohl Opfer eines Übergriffs gewesen sein kann. Bestritten wurde nur das wer war's?

Es gibt genügend Untersuchungen über die Fehlbarkeit von Zeugen- und Opferaussagen. Oder von Zeugen, die sich nach langer Zeit plötzlich genauer an einen Vorfall erinnern können, als kurz nach dem Vorfall. Oder sogenannte "Knallzeugen", die einen Unfall genauestens beschreiben, denen man dann aber nachweisen kann, dass sie das Geschehen von ihrem damaligen Standort aus gar nicht gesehen haben können. Die letztendlich nur den Knall gehört haben und sich den Rest dann im Geiste zusammenreimen, beeinflusst vom Hören-Sagen anderer Zeugen oder Unfallbeteiligten.

Fragen Sie mal Richter (oder Richterinnen) wie problematisch Zeugenaussagen generell sind, auch wenn es um weniger heikle Themen als sexuelle Übergriffe geht.

Daher war es richtig und gut, dass die Vorwürfe am Ende keinen Einfluss auf die Nominierung Kavanaughs hatten. Vielleicht denken Sie eines Tages auch so, wenn mal ein Freund/Ehemann/Sohn von so einer Anschuldigung betroffen ist. Und es gibt auch genügend Fälle, in denen nachgewiesenermaßen Falschbeschuldigungen zu Haftstrafen von Unschuldigen geführt haben. Daher ist das in dubio pro reo ein sehr wichtiger Rechtsgrundsatz, auch wenn es einem persönlich manchmal schmerzt.

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