Forum: Kultur
Erdogan-Wahl in Deutschland: Ich schwöre, wir sind gut integriert!
DPA

Ist die Integration der Türken in Deutschland komplett gescheitert - oder warum sonst hat Erdogan hier eine Mehrheit bekommen? Eine gute Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Versuchen wir es etwas komplexer.

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dasfred 30.06.2018, 15:39
1. Wahlen sind nur gut, wenn das Ergebnis stimmt

Ich glaube, darauf können sich die meisten einigen, auch wenn es Quatsch ist. Wie weit ein Türke hier integriert ist, kann man nicht ohne weiteres an seinem Abstimmungsverhalten messen. Wenn ich sehe, aus welchen Gründen in Deutschland für wen gestimmt wird, sieht man, das nur ein Teil aus tiefer Überzeugung agiert. Wenn ein türkischer Mitbürger Erdogan wählt, dann darf er es ebenso, wie hier ein Deutscher AFD oder die Linke ankreuzen kann. Integration bestimmt sich aus dem Umgang miteinander, nicht aus dem Wahlverhalten im Ausland.

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paula_f 30.06.2018, 15:40
2. die Zahlen lügen nicht !

es ist auch nicht davon auszugehen, dass die hier abgegebenen Stimmen falsch gezählt wurden. Etwa die hälfte der hier wahlberechtigten Türken hat gewählt und davon etwa 60 % pro Erdogan. Das heist etwa 30% der wahlberechtigten Türken (das ist hier der Prozentsatz der Regierungspartei) ist für Erdogan. Und wenn ich es nicht selbst erlebt hätte würde ich es nicht glauben können, sogar stolze türkische Kurden sprechen sich offen für Erdogan aus. Erklären kann man es aber nicht begreifen. Ältere Deutsche erleben wie einfach es wohl früher schon gewesen sein muss mit dem einfachen nationalen Stolz gegen Komplexe anzutreten.

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GoaSkin 30.06.2018, 16:03
3. wer hier integriert ist, darf in der Türkei meist garnicht wählen

Die meisten Deutschtürken haben mittlerweile einzig die deutsche Staatsbürgerschaft und sind damit in der Türkei auch nicht wahlberechtigt. Da ein Doppelpass eher die Ausnahme ist, handelt es sich bei den Leuten, die bei den Wahlen in der Türkei teilnehmen darf, überwiegend um jene, die sich gegen die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden haben. Das Wahlergebnis zeigt im Prinzip, dass genau dieses Klientel Erdogan überwiegend gut findet.

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a.maassen 30.06.2018, 16:14
4. Es ist ein beliebtes Spiel, Wahlergebnisse ...

nach Geschmack umzudeuteln. Es ist absurd anzunehmen, daß folgende Gleichung stimmt:
(100 % türkischstämmige Migranten - eingebürgerte türkische Migranten [Pass]) * 50% Wahlbeteiligung * 60% Erdogan-Stimmen = 15% Minderheit pro Erdogan
Solche Rechnungen werden gemeinhin als "Milchmädchenrechnungen" bezeichnet. Man darf beruhigt und bis zum schlüssigen Beweis des Gegenteils davon ausgehen, daß sich Wahlpräferenzen im Block der Nichtwähler ähnlich verteilen, wie bei den Wählern.
Fakt ist jedenfalls, daß OHNE die Stimmen aus Deutschland der größte Kalif aller Zeiten in derTürkei selber keine Mehrheit hätte. Weder für sein "Präsisdialsytem" (L'etat c'est moi), noch für seine Person (jedenfalls nicht > 50%) noch für seine Marionetten-Partei AKP.
Und vor diesem Hintergrund darf man die Frage nach der Integration durchaus stellen. Selbst wenn die Antworten darauf wohl nicht immer einfach sind.

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mimimitas 30.06.2018, 16:30
5. Tja

Danke, liebe Ferda Ataman, ich find den Artikel gut, gut auch die Anspielung im Titel: Ich schwöre...
(Das ist ja total unüblich in Deutschland, also die Deutschen schwören ja nicht.
Zeigt auf, wo Integration so enden kann :-) ) Ich find´s gut die Hintergründe verstehen und erklären zu wollen. Das macht Hoffnung und ist mutig, sehr mutig.
Aber vielleicht wird sich das ganze 'Problem' nun auf neue Weise lösen, denn die nächsten Jahre werden 'Exiltürken' zu uns kommen, die über Erdogan berichten, denen Asyl gewährt wird und zwar in der echten Bedeutung dieses Menschenrechts, weil vielleicht dann die Türkei kein sicheres Herkunftsland mehr sein wird. Ich denke und glaube, diese Menschen sind dann bei uns echt willkommen.

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hubie 30.06.2018, 16:36
6. @dasfred

Freie Wahlen sind gut. Wenn in freien Wahlen gewählt wird, nicht mehr frei wählen zu dürfen, wäre das für Leute, die Demokratie mögen ein schlechtes Ergebnis. Das macht die Wahl an sich noch nicht schlecht.

Menschen, wie unsere türkischen Mitbürger, wählen mehrheitlich (Mehrheit derer die gewählt haben zumindest) für einen Präsidenten, der die Demokratie in seinem Land abbaut und Rechte anderer einschränkt. Das ist falsch, aus meiner Sicht. Das ist wie die Kirche: Wasser predigen und Wein saufen.
Ich bin kein Rassist oder Nationalist (deswegen kann ich auch nur den Kopf vor die Stirn schlagen, wenn ich sehe wie die AfD mit plattem Vokabular die angeblich so schlauen Deutschen einfangen wie in Hameln damals die Ratten ins Netz gingen), doch wundere ich mich, weshalb die Menschen dann noch hier in Deutschland leben, wenn die Dinge in ihrer Heimat völlig konträr zu unserem Leben hier (noch...) so sehr nach ihren Wünschen abzulaufen scheinen?
Sie wollen auf dem Papier eine große Türkei mit viel Pompom und Trätärä, aber wenns drauf ankommt, dann mag man doch lieber hier wohnen, wo man eben doch noch sagen kann was man möchte und wo einem nicht gleich eine Faust im Gesicht droht, wenn man sich so verhält wie manche der Pro-Erdogan Wähler... eben weil die meisten hier, und auch die (vor Generationen) Hinzugezogenen, wissen was Recht und Ordnung ist, und mit kühlem Kopf und Verstand agieren, und nicht mit dem Herz voll Ehre, Vaterlandsstolz (zuviel davon ist gefährlich) und einer Portion Realitätsverlust, wie mir es bei vielen in der Türkei zur Zeit scheint.

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Plausible.Reasoning 30.06.2018, 16:41
7. Perspektive

Danke, das ich auch mal eine bereichernde Perspektive.
Wiederum, man wünschte sich mehr (sozial-) wissenschaftliche Verarbeitung des Themas. Welche Motive gibt es in der türkisch-stämmigen Bevölkerung? Welche Trends? Wir werden Erdogan und Deutschland-Politik verknüpft?

Es darf vermutet werden, dass es zwischen Erdogan-Fans und Rot-rot-grün-Wählern auch eine Schnittmenge gibt, den Inhalten zum Trotz.

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im_ernst_56 30.06.2018, 16:43
8. Erdogan klammert

Im 19. und 20. Jahrhundert sind mehrere Millionen Deutsche in die USA und Kanada ausgewandert. Soweit mir bekannt ist, hat nie ein deutsches Staatsoberhaupt gefordert, dass die deutschen Auswanderer ihre Kultur und ihre Sprache bewahren müssten, sich nicht assimilieren dürften und die Politik des jeweiligen deutschen Staatsoberhaupt unterstützen müssten. Eine derartige Vereinnahmung der Auswanderer hat es nach meiner Kenntnis nie gegeben, nicht mal 1933-45. Man hat die Auswanderer einfach ziehen lassen und nicht geklammert, wie es Herr Erdogan permanent tut. Der so mein Eindruck, am liebsten mitregieren würde, soweit es um die türkischstämmige Bevölkerung geht und es über DITIB auch tut. Die Türkei unter Erdogan klammert und großer Teil der Menschen mit türkische Wurzeln lässt es zu. Das ist das Problem.

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olli0816 30.06.2018, 17:01
9. Es gibt wohl eine Anzahl Türken, die ich nicht begreife

OK, das trifft durchaus auch auf so einige Deutsche zu. Aber ich frage mich schon, wenn über 400.000 Türken Erdogan wählen und viele mit Türkeifahnen beim Wahlsieg rumlaufen und jemanden wählen, mit dessen Politik sie hier in Deutschland so gar nicht konfrontiert werden, warum sie das so zahlreich tun. Im Gegensatz zur Türkei herrscht hier Pressefreiheit und auch wenn es so manche Menschen gibt, die glauben die Presse sei durch Merkel oder die Wirtschaft gesteuert, hat man doch sehr viele Möglichkeiten, sich zu informieren.

Mir geht es gar nicht so stark um den Grad der Integrierung. Jeder Mensch, der in einer bestimmten Gesellschaft lebt, wird zumindest Teile dieser Gesellschaft übernehmen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und mit Anpassung bekommt man Anerkennung und Akzeptanz. Es gibt mit Sicherheit nicht integrierte Türken, aber das gilt auch für Menschen mit anderen Nationalitäten.

Die Frage, die ich mir stelle: Warum gibt es so viele Bekloppte, die einen korrupten, aggressiven und wirklich bösartigen Menschen wählen, obwohl sie andere Informationen bekommen können, wenn sie denn wollen? Ist es nur der Nationalismus? Und wenn es nur der Nationalismus ist: Warum lebt diese Gruppe hier in Deutschland? Was ist der Antrieb? In der Türkei liesse es sich mit der richtigen Gesinnung auch ganz gut leben. Man darf halt nicht gegen die AKP und Erdogan sein. Wäre ja keine Schwierigkeit, man wählt ihn ja und findet ihn offensichtlich gut. Was treibt diese Leute an?

Der Artikel ist wirklich nett geschrieben, allerdings von einer Dame die Erdogan nicht wählen würde. Informativ wäre es, wenn ein Türke mit doppelter Staatsbürgerschaft, der Erdogan gewählt hat, seine Beweggründe niederschreiben würde. Vielleicht wäre es dann vielen Leuten hier in Deutschland klarer.

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