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Gigantisches Kunstspektakel: Fukushima steht jetzt in Berlin
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Die Anti-Expo: Mit einer sogenannten Weltausstellung verabschiedet sich Berlins umjubelter Theatermacher Matthias Lilienthal aus der Stadt. Mit dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhof nutzt er eine riesige Fläche, um die Logik von Großausstellungen auf den Kopf zu stellen.

neu_ab 02.06.2012, 16:27
1. Bravo! Kunst für die Elitären!

Kunst muß wohl, gerade in Deutschland, so sein, daß kein Mensch es versteht.

Kunst muß in Deutschland am besten so sein, daß eine normale Putzfrau gar nicht auf die Idee kommt, gerade eine "Installation" für zigtausend Euro weggewischt zu haben.

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neanderspezi 02.06.2012, 22:24
2. Der Kunst eine Bresche

Selbst der boshafteste Banause muss zu so einem weitläufigen Happening, mit der Intention etwas in Sachen Kunstentfremdung auf die Holzbeine zu stellen, Respekt zeigen, tragen doch die Aktivisten hier freiwillig zur Erhöhung des Ansehens der Berliner Kunstszene bei und stellen ihre nicht interpretierbaren Bruchbudenadaptionen zur Schau. Nur so kann der Anspruch Kunst zu realisieren mutwillige Kreise der Bevölkerung infizieren und in übergreifender Performance in eine flächendeckende Kunstgesamtschau einbinden. Alles ist eben Kunst, wenn man so will, selbst Butterbrotpapiere von Beuys durch die Glasvitrine betrachtet lassen den Galeriebesucher den Wert vieler Dinge neu einschätzen und im privaten Bereich zur Wertschöpfung heranziehen.

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wiediebäume 04.06.2012, 12:08
3. Kein Mensch?

Zitat von neu_ab
Kunst muß wohl, gerade in Deutschland, so sein, daß kein Mensch es versteht. Kunst muß in Deutschland am besten so sein, daß eine normale Putzfrau gar nicht auf die Idee kommt, gerade eine "Installation" für zigtausend Euro weggewischt zu haben.
Kunst muss nicht nur nicht elitär sein, sie ist es in den meisten Fällen auch nicht. Sogar für die obskursten Arbeiten reicht es meistens aus, sich 1-2 Texte durchzulesen oder - noch besser - mal mit jemanden aus dem Umfeld ein Gespräch zu führen. Dafür bieten Museen, Kunstvereine usw. regelmäßig Führungen an - oft genug auch gratis. Geht trotzdem keiner hin: im Internet schimpfen ist wohl einfacher.

Ich finde die Arroganz erstaunlich, mit der Leute erwarten, Kunst zu verstehen, ohne sich auch nur ein wenig mit ihr auseinandergesetzt zu haben - das würde in keinem anderen Wissensgebiet passieren. Oder wird der Atomphysik oder der Biochemie vorgeworfen, dass sie elitär ist, weil die Reinigungskraft sie nicht versteht?!

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herrrainer 05.06.2012, 11:33
4.

die fragestellungen die sich der autorin durch die fukushima-arbeit aufwerfen, scheinen mir so nebenbei aus dem ärmel geschüttelt.
weshalb sollte sich "moralischer furor" gegen das seebeben samt flutwelle richten. tsunamis sind in nordhonschu nicht unbekannt, 1896 erreichte ein tsunami 42 Meter Höhe, der Tsunami 2011 errreichte in Daiichi eine Höhe von 14 Metern, beim Bau des AKW wurden 25 Meter Steilküste abgetragen, um Betriebskosten beim Pumpen des Kühlwassers einzusparen.
Der seinerzeitige japanische Premierminister Kan erklärte beim Weltwirtschaftsforum 2012 in Davos, "...der Nuklearunfall war keine Naturkatastrophe oder ein technisches Versagen, sondern wurde von Menschen verursacht..."
...oder von historischen Verhältnissen affiziertem Verstand. (Die Kritik dieser Verhältnisse wurzelt in den lebendigen Resten deutscher Geistesgeschichte: Was ist der Mensch? Könnten wir uns selbst bestimmen? ...und werden nur von einer ideologisch verblendeten, naturalistischen Machtgeschichte abgewickelt?
(Dieses Problem brennt ganz unabhängig von räumlichen Distanzen.)

Zur Kunsaktion: Brennstäbe kann man nicht anfassen. Bei diesem Problem hilft kein ästhetischer Weltzugang. - Aufschlussreich ist der Fall jener japanischen Atomarbeiter, die sich in den 90er Jahren eine radioaktive Flüssigkeit über die Hand schütteten ...und über wenige Monate "mumifizierten",... das Problem ist: dass die Eiweißanteile des Erbguts verkleben, eine Regeneration der Zellen unmöglich wird.
...Leider sehe ich in dieser Kunstaktion zu viele Parallelen zu "politischer" Komik: während Premierminister Kan noch im März 2011 vor Gemüse und Rohmilch aus Fukushima warnte, biss Regierungssprecher Edano mit dem Komiker Shizu-Chan auf einem eigens aufgebauten Markt "herzhaft" "hemdsärmelig" in Erdbeeren aus der betroffenen Region: "Auf geht´s Iwaki!", "Sind sehr süß und lecker" erklärte Edano: "In keinem Supermarkt der Welt gibt es ausschließlich sichere Lebensmittel."

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hashemliveloirah 05.06.2012, 11:40
5. Ach ja

Zitat von neu_ab
Kunst muß wohl, gerade in Deutschland, so sein, daß kein Mensch es versteht. Kunst muß in Deutschland am besten so sein, daß eine normale Putzfrau gar nicht auf die Idee kommt, gerade eine "Installation" für zigtausend Euro weggewischt zu haben.
Und da gäbe es - gerade in Berlin - arg viel "wegzuwischen".
Verstehen?
In Berlin meist ganz einfach:
Großkotzig, mit Weltstadtwahn, qualitativ aber eben meist nach wie vor auf Bolles Niveau - da könnt ihr so viel positive Medienresonanz kaufen, wie ihr wollt!

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blau-7 16.06.2012, 10:53
6. Dilettantische Besucher-Kommunikation

ich wohne in der Nähe des Flughafens Tempelhof, sehe täglich Schilder und Aufbauten auf dem Feld, die machen neugierig, aber - diese Neugierde bzw. das Interesse an der Aktion wird erstickt durch die wirklich ärgerliche Besucherkommunikation!
Zwar weisen große Schilder am Eingang auf die "Weltausstellung" hin, aber was ist das, wie geht das, wo bekomme ich Karten, wie funktioniert der Besuch?!!? Fehlanzeige. Ein Satz, der dem Interessenten eine erste Info gibt, würde reichen oder zumindest ein Hinweis auf das Karten- und Infohäuschen wäre schon einmal hilfreich. Wer soll schon wissen, dass diese Zelte, die irgendwo auf dem Feld stehen, Kassen darstellen sollten - zumal sie viel zu weit vom Eingang entfernt sind.
Dann findet man zwar irgendwann einen Flyer, da steht auch alles möglich drauf, auch ein Hinweis auf eine Kasse - dafür aber keiner zum Preis und nach wie vor Null Info zu: Wo bekomme ich die Karten denn (nämlich nur an den Kartenhäuschen nicht an einer der 15 Stationen, wie funktioniert der Besuch, usw.
Kurz gesagt - diese ganze Nicht-Kommunikation, die Gedankenlosigkeit im Umgang mit dem Besucher, der nicht einmal mit den banalsten Information versorgt wird, finde ich ärgerlich und dilettantisch - auf einen Besuch habe ich daher keine Lust mehr!
Dass solche Aktionen dann auch noch mit Steuergeldern unterstützt werden, finde ich insofern ärgerlich, weil das Minimum - Besucherorientierung und Besucherkommunikation - völlig ignoriert wird.

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