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"Klassikkampf" von Berthold Seliger: Wie ernst steht es um die Ernste Musik?
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Publikum überaltert, ewig gleiches Repertoire, vornehmlich konservative Eliten bedienen sich aus dem Topf der musikalischen Kultur. So stellt sich für den Autor Berthold Seliger die aktuelle Klassikszene dar.

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marsman 19.10.2017, 09:42
1. Sich selbst überlassen!

Man sollte den Klassikbetrieb sich selbst überlassen, ohne die ganzen Subventionen. Dann müssten sich die Kulturschaffenden auch bemühen, sich nicht auf den Abo-Rentnern auszuruhen, sondern sich aktiv um junges Publikum zu kümmern. Funktioniert in den USA ja auch. Da kommt wenigstens auch mal der erfrischende Nachwuchs dran und nicht immer nur der sichere Durchschnitt (ABC) für die Grauhaarigen.

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mkummer 19.10.2017, 09:50
2. In vieler Hinsicht

ist da im Laienmusizieren mittlerweile mehr Leben drin. Zum Beispiel gibt es auf dem Gebiet der Blasorchester hoch ambitionierte und motivierte Musikvereine, die sich nicht scheuen, permanent Neuland zu betreten und nicht dauernd in den ausgewalzten Pfaden der „grossen“ Kultur versuchen Fuss zu fassen. Dabei ist es wirklich schade, dass sich mit den höchst leitungsfähigen und hervorragend bezahlten Spitzenorchestern nicht ein viel breiteres Band an den weiss Gott vorhandenen Meisterwerken der symphonischen Musik realisieren lässt. Warum spielt man keinen Kurt Atterberg oder Malipiero oder viele andere, die zwar die Tonsprache erweitert haben, aber ästhetisch gut um nicht zu sagen hervorragend aufnehmbare Musik geschaffen haben. Das hier beschriebene Phänomen ist aber nicht neu, sondern zieht sich wie ein rotes band durch meine persönlichen Erfahrungen in knapp 45 Jahren.

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syracusa 19.10.2017, 10:12
3.

Zitat von marsman
Man sollte den Klassikbetrieb sich selbst überlassen, ohne die ganzen Subventionen. Dann müssten sich die Kulturschaffenden auch bemühen, sich nicht auf den Abo-Rentnern auszuruhen, sondern sich aktiv um junges Publikum zu kümmern. Funktioniert in den USA ja auch.
Nein, das funktioniert in den USA sogar noch weniger als im Europa der Subventionstöpfe. In den USA läuft vieles, was bei uns die öffentliche Hand leistet, über privates Mäzenatentum. Da ist die "Hochkultur" also ganz explizit die Kultur der Herrschenden, und sie reflektiert die plutokratischen Verhältnisse allerbestens.

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sagerin 19.10.2017, 10:23
4. Selbsterfüllende Prophezeiung

Die Branche sollte endlich aufhören ihr eigenes Totenlied immer und immer wieder anzustimmen. Wie in der Buchbranche ist das einfach nicht cool und auch nicht sexy. So macht man sich für potentielle Neueinsteiger nicht interessant. Und wie in der Buchbranche (Jahresumsatz in Deutschland 6 Milliarden €) scheint dies auch gar nicht angemessen. Wie erklärt sich sonst, dass ich für viele Veranstaltungen keine Karten bekomme, weil der Andrang so groß ist? Dass es Abos gibt, die vererbt werden und auf dem freien Markt gar nicht mehr gehandelt sind? Sieht so Niedergang aus? Und wenn man unter den Zuschauern den immer größeren Anteil offensichtlich asiatischer Zuschauer wahrnimmt, kann der Fußball von solchen Wachstumsraten in diesen Märkten nur träumen. Es gab nie mehr Opernhäuser in der Welt. Freut Euch doch einfach mal drüber. Erfolg macht sexy. Vielleicht nicht der edelste Grund, aber nunmal wahr.

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christian simons 19.10.2017, 12:17
5.

Die "Proms" der BBC sind nach wie vor ein Publikumsrenner.

Das mag unter anderem daran liegen, dass man bei den zeitgenössischen Werken um ungenießbare Neutöner wie Kagel, Penderecki, Stockhausen, Cage etc. einen weiten Bogen macht und statt dessen das geneigte Publikum lieber mit John Williams, Jerry Goldsmith und Ennio Morricone verwöhnt.

Da kann der Kulturkenner von wegen "Kommerz- und Gebrauchsmusik" noch so sehr die Nase rümpfen: Das ist die symphonisch-orchestrale Musik des späten 20. bzw. frühen 21. Jahrhunderts, die jenseits der Bildungsbürgerschickeria ein nennenswertes Publikum gefunden hat.

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iekosch 19.10.2017, 12:19
6. Das Geld regiert

Was in Konzertsälen erklingt war schon immer vom Geschmack des Geldgebers abhängig.
In den vergangenen Jahrhunderten konnte sich die ernste Musik dort etablieren, wo finanzstarke Herrscher diese gefördert haben. Die Finanzierung teilen sich inzwischen reiche Mäzene, die staatliche Kulturförderung und die Konzertbesucher. Dabei wird natürlich nur das gefördert, was potentielle Konzertbesucher anlockt. Eine Kulturförderung ohne Publikumsnachfrage wäre schließlich schnell als Geldverschwendung verrufen. Daneben gab es auch schon immer kulturelle Bereiche, die sich im Wesentlichen durch ein zahlendes Publikum finanziert haben. Was weder den Geschmack eines Herrschers noch den Geschmack eines Publikums getroffen hat, war „brotlose“ Kunst und geriet in Vergessenheit. Daran hat sich bis heute im Prinzip wenig verändert, denn grundsätzlich gelten auch im Kulturbetrieb die Gesetze des Marktes. Kunst ist ohne finanzielle Mittel ist auf Dauer nicht realisierbar und Geld wird nur in Projekte investiert, die emotional ansprechen. Wer bewusst neues ausprobieren möchte, dass nicht unbedingt einem breiten oder wenigstens finanzstarken Publikum gefallen könnte, muss damit rechnen, dass sein Werk nicht oder nur sehr selten aufgeführt wird und ich sehe keinen Grund warum dies tragisch wäre.

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knok 19.10.2017, 14:18
7.

Die Unterscheidung zwischen ernster Musik und Unterhaltungsmusik ist ohnehin großer Unsinn. Musik, jede Kunst, ist dazu da, zu gefallen. Entweder man mag sie oder nicht, und die Geschmäcker sind verschieden. Die pseudointellektuelle Kulturelite mag das anders sehen, aber sie stellt eine winzige, alternde Minderheit dar.

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madensuppe 19.10.2017, 14:27
8. Was ist mit der Musik lebender Komponisten?

Zitat von mkummer
Warum spielt man keinen Kurt Atterberg oder Malipiero oder viele andere, die zwar die Tonsprache erweitert haben, aber ästhetisch gut um nicht zu sagen hervorragend aufnehmbare Musik geschaffen haben.
Da Lesen wir einen Artikel über die Verkrustung im Klassikbetrieb und als Kommentar kommt dann der Vorschlag, doch auch einmal Komponisten von vorgestern zu spielen, die weitgehend im Stile von vorvorgestern geschrieben haben. Kann man die Verkrustung besser dokumentieren?

Gelegentlich führt mich mein Weg in Konzerte der Kompositionsklassen der nächstgelegenen Musikhochschule und was dort geboten wird, ist meist wunderbare Musik. Trotzdem haben die jungen Komponisten kaum eine Chance, ihre Werke einmal einem größeren Publikum vorzustellen. Warum? Dabei ist das doch Musik, die uns als Zeitgenossen unmittelbar ansprechen soll - und ja, das tut sie auch, wenn man seine Ohren nicht *bewusst* verschliesst.

Wie kommen wir überhaupt dazu, 100 Jahre alte Musik immer noch als "modern" zu bezeichnen?

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cremuel 19.10.2017, 14:53
9.

Zitat von sagerin
Die Branche sollte endlich aufhören ihr eigenes Totenlied immer und immer wieder anzustimmen. Wie in der Buchbranche ist das einfach nicht cool und auch nicht sexy. So macht man sich für potentielle Neueinsteiger nicht interessant. Und wie in der Buchbranche (Jahresumsatz in Deutschland 6 Milliarden €) scheint dies auch gar nicht angemessen. Wie erklärt sich sonst, dass ich für ....
Danke. Man könnte noch so viel mehr anführen.
So ist z.B. der angebliche "Silbersee" seit zig Jahren Thema, seine einstigen Mitglieder werden leider überwiegend nicht mehr unter uns sein. Trotzdem wird es nicht leerer.

Von der Programmgestaltung heutiger Konzerthäuser oder Opernhäuser scheint Herr Seliger nicht die geringste Ahnung zu haben, sonst würde er ja wohl nicht die Pappkameraden der fünfziger Jahr angreifen. Obwohl: Wenn man mal ältere Programmhefte in die Hand bekommt, war das schon damals nicht wahr.

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