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Krankheit Depression: Keine Frage des Zusammenreißens
REUTERS

Die teilweise verständnislosen Reaktionen auf den Suizid des Sängers Chester Bennington zeigen einmal mehr, wie viel Unwissen noch immer über das Wesen der Krankheit Depression herumgeistert.

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Bowie 25.07.2017, 16:47
1. Depressionen...

...sind in ihrer wissenschaftlich definierten Form eine schwere Krankheit. Die nachweislich besten Erfolge bei ihrer Therapie hat man mit einer Kombination aus Antidepressiva und Psychotherapie. Moderne Antidepressiva machen nicht abhängig, haben relativ wenige Nebenwirkungen und bringen die gestörten Spiegel der Neurotransmitter wieder ins Lot. Nach zwei bis drei Wochen verbessern sich dann in der Regel auch die Symptome der Depression. Eine Aufarbeitung der auslösenden Ursachen kann sinnvoll sein, führt jedoch oftmals ins Leere, da sie ggf. nicht dauerhaft änderbar sind. Außerdem sind sie keine Antwort darauf, warum der eine bei vergleichbaren Belastungen depressiv wird und der andere nicht. Kein Mensch käme auf die Idee, sich bei beginnendem Diabetes ausschließlich auf die Ursachenforschung zu konzentrieren und die verminderten Insulinspiegel zu ignorieren. Bei psychischen Erkrankungen passiert aber oftmals genau das. Es fällt uns sehr schwer zu glauben, dass unser Denken und Fühlen ganz banal durch chemische Signalsubstanzen gesteuert wird. Aber letztendlich beeinflusst jedes Glas Wein unser Denken und Fühlen - Ethanol ist auch nichts anderes als "Chemie". Das heißt schlussendlich, dass die strikte Ablehnung gegenüber Antidepressiva kurzsichtig und oftmals ideologisch aufgeladen ist. Hier hilft etwas neurologische Basisinformation und ein offenes Verständnis aller potentiellen Behandlungsmöglichkeiten von Depressionen sehr...

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ThBl 25.07.2017, 17:00
2.

Vielen Dank. Selten so viel sinnvolles und richtiges über die Krankheit Depression gelesen. Respekt.

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widower+2 25.07.2017, 17:01
3. Bravo Margarete!

So ist es! Wenn man sich die Kommentare zu diesem Thema aus jüngster Zeit ansieht, ist eine solche Klarstellung wie in Ihrer Kolumne leider immer noch nötig. Ich hoffe, dass auch hier steter Tropfen den Stein höhlt.

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omarius 25.07.2017, 17:07
4. Vorab, Ich hätte ehrlich nicht gedacht, das es mal

vorkommt, das in einem Text von ihnen, nichts zu finden ist, das ich kritisieren kann.
aber zu meiner Überraschung, muss ich eingestehen, stimme ich diesmal vollkommen mit ihnen Überein...
das zuzugeben tut mir aber keinen Abbruch.

leider wird man im Umfeld/Arbeit immer noch schief angesehen, wenn Leute erfahren das man zum Pyschologen oder zu einer Pyscho Therapie geht....
und egal, gleich ob es um Posttraumatische Erkrankungen, Bi Polaritäten, Borderliner oder Depressionen geht... von daher

Danke für den Text,
Danke für die geteilten Gedanken.
da die leute zuviel TV schauen, kann man es nicht oft genug erklären.... zwar bessert sich die INfo lage in der Breiten gesellschaft, über diese Erkrankungen, aber immer noch sehr sehr langsam.

Zuviele lassen außer acht, es kann wirklich jeden treffen,
einfach nur mal unfrewillig, Unfallzeuge werden,
oder einen Lieben Menschen nach seinem Freitod aufzufinden,
kann schon reichen jemanden ins Loch zu schubsen, aus dem man dann selber nicht mehr Rausfinden kann, und das unverständins der Umfeldes, oder gar Kontaktabbrüche, oft mit dummen Sprüchen, tun dann ihr weiteres.

Meine Hochachtung, dafür mich überrascht zu haben, Frau Stokowski.
Das mein ich ganz ehrlich.

Omarius

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michlerd 25.07.2017, 17:10
5. Toller Beitrag

Ich selbst habe auch eine Depression und ich kann allem nur zustimmen. Es gehört eine ungeheure Kraft und Willen dazu, mit einer Depression umzugehen.

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Mähtnix 25.07.2017, 17:13
6. Feingefühl

Schön, dass sich SPON mit Feingefühl dieses Themas annimmt.
Noch schöner wäre gewesen, SPON hätte dieses Feingefühl früher gehabt und sich die Wiedergabe des Liedes Hallelujah anlässlich der Beerdigung seines Freundes Chris Cornell verkniffen. Eine extrem private Situation offensichtlich nicht autorisiert aufgenommen - widerlich

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Fynn88 25.07.2017, 17:16
7. Danke...

... für diesen Kommentar, der für einige Menschen so dringend nötig ist. Sehr viele Kommentare zu diesem Thema haben mich in den letzten Tagen schockiert. Ich hoffe, dass noch mehr Aufklärung zu dieser schrecklichen Erkrankung betrieben wird, sodass man in Zukunft als Erkrankter, Angehöriger oder Freund nicht so sehr auf taube Ohren und Ablehnung stößt.

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spon-facebook-10000078616 25.07.2017, 17:18
8.

Jeder Suizid ist einer zuviel. Aus eigener Erfahrung weiss ich, an welchen Punkt das innerseelische Geschehen in einer Depression führen kann. Es ist die nackte Ausweglosigkeit, die unvorstellbarste Dunkelheit, in der es keinerlei Orientierung gibt. Ich hatte das Glück vor 25 Jahren eine ausgezeichnete Therapie machen zu dürfen, die mich aus meinen Depressionen geführt hat. Im Anschluss und aus der Erkenntnis des therapeutischen Prozesses habe ich mein Leben von Grund auf geändert. Ich habe 33 Jahre gegen mich selbst gelebt und es bedurfte der Depression, um zu dieser Erkenntnis zu kommen. Es war ein normales und erfolgreiches Leben und das war meine Krankheit. Medikamente sind notwendig, um den inneren Druck, die Unruhe und Schlaflosigkeit zu mildern und die Bedrohlichkeit der Symptome zu mindern, sie geben keine Antwort auf zutiefst existentielle Fragen. Indem ich als Depressiver ausschließlich auf die Wirkung der Medikamente warte, vergebe ich mir die Chance, das Licht in der Dunkelheit zu finden. Es bedarf unter allen Umständen der Medikamente, um damit beginnen zu können, der therapeutische Prozess sollte dann aber so früh als möglich begleitend hinzukommen. Diese existentiellen Fragen zu stellen, und eine Antwort auf sie zu finden, ist eines der zentrale Anliegen des depressiven Geschehens. Dieses ausschließlich als Krankeit zu bewerten, rückt das seelische Leiden in eine zu reduktionistische Perspektive. Depression ist Krankheit und Aufruf zugleich. Sie ist Ausdruck einer Krankheit, in der die meisten leben, abgespalten von den Wurzeln der eigenen Existenz und sie ist Aufruf, sich seiner emotionalen und seelischen Bedürfnissen bewusst zu werden, und sich Ihnen zuzuwenden. Der Suizid ist oftmals eine Kapitulation vor den aus dem eigenen Inneren herangetragenen innerseelsichen Konflikten, die aber im letztendlichen Sinne Träger von tiefster Weisheit der eigenen Seele und des Unbewussten sind. Jeder und Jede, die in sich die Gedanken trägt, das Leben vorzeitig durch eigene Hand zu beenden, rate ich medizinische, psychiatrische und therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es kann ein langer Weg sein, der zu sich selber führt, aber er lohnt sich unter allen Umständen.

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jackberlin 25.07.2017, 17:19
9.

quote:" Es ist dabei übrigens wichtig, darauf hinzuweisen, dass dieser subjektive Glaube ein krankheitsbedingter Irrtum ist: Es gibt Hilfe." Ehrlicherweise sollte man hinzufügen,dass diese Hilfe nur Menschen in Anspruch nehmen können, die über die ausreichenden finanziellen Mittel verfügen, den Therapeuten aus privater Hand zu bezahlen. Für suizidgefährdete Kinder und Jugendliche in Berlin z. B. gilt: ca. ein Jahr Wartezeit nach Vorbereitungsgespräch. Bei Frau Stokowski fällt immer wieder auf, dass sie die Realität der Normalverdiener und unteren Schichten nur vom Hörensagen kennt.

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