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Netflix-Miniserie "Alias Grace": Nicht mehr stets zu Diensten
picture alliance/ Netflix

Stoffe sind politisch: Die "Alias Grace"-Macherinnen verweben die wahre Geschichte eines wegen Mordes verurteilten Dienstmädchens zu einem feministischen Patchwork-Kostümdrama.

vish 11.11.2017, 21:37
1. Warum...

.... muss jeder Film, jede Serie, jede Sendung in der eine Frau die Hauptrolle spielt, immer gleich vom Feminismus für sich vereinbart werden? Warum kann ein starker weiblicher Charakter nicht einfach nur ein starker weiblicher Charakter sein? Früher war dies, tatsächlich, besser. Man denke an den ersten Alien-Film: Einfach großartig. Niemand kam auf die Idee, daraus ein Manifest des Feminismus zu machen, nur weil der Film eine Hauptdarstellerin hatte und obwohl die Zeiten für Frauen damals sicher nicht leichter waren als heute. Gegenwärtig wird jedoch so ziemlich alles feministisch genannt, sobald der Hauptcharakter eine Vagina hat. Nervt. PS: Die Serie ist nebenbei bemerkt wirklich gut.

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kumi-ori 11.11.2017, 22:21
2.

"Trotzdem gelten "Kostümfilm" und "Frauenliteratur" immer noch oft als minderwertige Gattungen, mit denen es sich im Wertesystem patriarchal geprägter Kultur nicht unbedingt mit Ruhm bekleckern lässt. "

Diese Spitze hängt etwas schief. Der "Kostüm- und Frauenfilm" gilt sicher nicht als Garantiesiegel für High-End-Avantgarde. Andererseits wird er gerade im patriarchalisch geprägten Trivialkulturbetrieb hoch geschätzt als das richtige Vehikel für die richtige Zielgruppe, vergleichbar etwa dem "Autoverfolgungs- und Männerfilm" als maskulines Gegenpart (wenn ich groß bin, werde ich auch mal Polizist). Es gibt übrigens einige beeindruckende Kostümfilme, so wie etwa der Name der Rose. Aber die in Massen produzierten Schinken vom Typ Wanderhure sind doch eher langweilig und ziemlich seicht.

Schon vor Wochen wurde hier ein Buch zu einem ähnlichen Thema ("the Colour of Milk" von Nell Leyshon) so hoch gelobt, dass ich es mir kaufte (nicht die Übersetzung, sondern auf Englisch), aber als ich anfing, es zu lesen, wurde ich herb enttäuscht. Seitenlang quälte mich die Autorin durch eine burleske Idylle um das Einsammeln von Hühnereiern mit einem gräßlich übertriebenen Aufbau der durchsichtigen Personencharaktere und Dialogen in einer albern antiquierenden Sprache. Das nenne ich Frauenliteratur im allerschlechtesten Sinne. Es gibt schließlich auch Bücher von Frauen, die gerade das gleiche Thema mit einer packenden Klarheit, ohne jedes Sentiment und jede Albernheit in ungeschminktem Realismus darstellen, z. B. Herbstmilch von Anna Wimscheider. Die Kostüme sind hier keine neckisch gebügelten weißen Häubchen und Schürzen, sondern eine braune Strickjacke und ein in den Ecken zusammengeknotetes Kopftuch. So könnte Frauenliteratur auch sein.

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