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Offener Brief von Autoren: Verlegerwechsel bei Rowohlt löst Unruhe aus
Thorsten Wulff

Florian Illies soll neuer Verleger bei Rowohlt werden. Doch über den Rauswurf seiner Vorgängerin Barbara Laugwitz schimpfte eine Nobelpreisträgerin, zürnte ein Starautor öffentlich. Nun folgt ein offener Brief.

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Knossos 12.09.2018, 15:34
1. Intrinsische Methode

Das Zitat von Illies klingt ein wenig, als ob er meint, es sei zu lange aller mögliche Kladderadatsch als Buch herausgebracht worden.

Das läßt sich beim Blick auf die Gesamtlage in Deutschland wohl auch kaum bestreiten.

Allerdings frage ich mich, ob und wie er das ändern will, während es in Deutschland (offenbar im Gegensatz zu Frankreich, wo literarische und inhaltliche Qualität immer noch gute Chancen hat, Beachtung zu finden) üblich geworden ist, daß Manuskripte unbekannter Autoren ausschließlich über Insider-Kanäle in Lektorenhände gelangen. (Also im Grunde gar nicht mehr, es sein denn zugleich begabte Autoren haben es hie & da geschafft einen Insider aufzustöbern und zu bezirzen.)

Wird Illies den Hausmeister anweisen, unaufgeforderte Skripte nicht mehr unbesehen in den Reißwolf zu schieben und einen Weg finden, Berge aus Tagträumender Hand nach Talenten zu durchforsten?

Wenn er auf Qualität aus ist, fragt er ja vielleicht bei den Franzosen nach, wie die sich organisieren. Mit der aktuellen Vetternwirtschaft in Kunst und Literatur Deutschlands jedenfalls ist auch ihm kein Edelweiß beschieden.

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hsc71@gmx.de 12.09.2018, 15:45
2. Für wen halten die sich?

Ich glaube kaum, dass die Schreiberlinge die fachliche Qualifikation haben die betriebswirtschaftlichen Kennzahlen des Verlages auswerten zu können. Auch werden sie wohl kaum Ahnung von der strategischen Ausrichtung eines Unternehmens haben.

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Alexis_Saint-Craque 12.09.2018, 15:59
3. Oh, wenn es das nur wäre

"Ich will bei Rowohlt die Bücher verlegen, von denen die Menschen träumen." Nun ja, dies hätte man jedem Juniortexter als Binse ohne jeglichen Esprit um die Ohren geschlagen. Ich verstehe, dass die Damen und Herren der einfachen und hohen Literatur sich mit Grausen abwenden. Es ist unterhalb dessen, wovon Werbeleut berufsbdedingt schwadronieren. Es ist praktisch ohne Worte. Oh, wenn es das nur wäre.

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Alexis_Saint-Craque 12.09.2018, 16:01
4. Für wen halten Sie sich?

Zitat von hsc71@gmx.de
Ich glaube kaum, dass die Schreiberlinge die fachliche Qualifikation haben die betriebswirtschaftlichen Kennzahlen des Verlages auswerten zu können. Auch werden sie wohl kaum Ahnung von der strategischen Ausrichtung eines Unternehmens haben.
Das müssen sie auch nicht. Ohne die Schreiberlinge hätte der Verlag keine Betriebswirtschaft und wäre auch kein Unternehmen.

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klogschieter 12.09.2018, 16:05
5. Offenbarungseid

Einen solchen leistet der neue Verleger mit seinem zuckersüßen und schon deswegen recht widerlichen Satz "Ich will die Bücher verlegen, von denen die Menschen träumen." Wer sich mal in einem der großen Lesediscounter wie beispielsweise Hugendubel herumgetrieben hat, kann sich recht gut vorstellen, welche Bücher es sind, "von denen die Menschen träumen", diese bunten Klötze stehen und liegen da nämlich zu Tausenden herum. Schon der Ansatz ist vollkommen falsch: Literatur ist nicht oder sollte wenigstens nicht sein eine Dienstleistung, sondern eine verdammte Kunstform. Schriftstellerinnen und Schriftsteller schreiben, weil sie Literatur respektive Kunst erschaffen wollen. Das Resultat stellen sie zur Wahrnehmung durch andere. Sie schreiben nicht, um einen vordefinierten Auftrag zu erfüllen oder eine Erwartungshaltung zu bedienen, nämlich das zu produzieren, wovon "die Menschen träumen". Wer das tut, ist verflixtnochmal kein Schriftsteller, sondern ein Schmierant, so technisch ausgefuchst seine Schmierereien auch sein mögen.

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Esib 12.09.2018, 16:12
6. Ziemlich billig

Egal, wie weit man sich in er Buchbranche auskennt, ist der Sachverhalt und die Reaktionen darauf schon interessant. Was könnte also die Ursache für den Rauswurf sein. Alles gleich auf das Attribut "Frau" zu schieben, ist nicht einfach sondern billig. Kein Verlag wäre so doof, eine Geschäftsführerin zu entlassen, die den Verlag wirtschaftlicher und gewinnbringender aufstellt, als es die Vorgänger gemacht haben. Leider habe ich auf die Schnelle keine Umsatz-/Gewinnzahlen von Rowohlt für die letzten 10 Jahre gefunden und es scheint so, als hätte der Spiegel das auch nicht recherchiert, sonst hätte man ja auf die Erfolge von Laugwitz verweisen können. Möglicherweise gibt es die aber gar nicht, auch wenn sie vielleicht tatkräftig und souverän war. Aufhorchen ließ mich das hier:

Zitat von
Laugwitz hatte ein Buch mit Jelinek-Theaterstücken ermöglicht.
Ich habe also mal bei Amazon recherchiert, denn da kann man anhand des Verkaufsranges recht gut auf die Zahl der verkauften Bücher schließen. Keines der Jelinek-Bücher, die ich gefunden habe, ist irgendein Verkaufshit. Es mag für den Verlag ein Aushängeschild sein, eine Nobelpreisträgerin unter Vertrag zu haben, ein Gewinnmotor scheint sie aber nicht zu sein. Wenn jetzt Frau Laugwitz möglicherweise vielleicht noch mehr solche Entscheidungen getroffen hat, wie die mit den Theaterstücken, finden das die Autoren natürlich toll. Für den Verlag könnte sich das aber durchaus als massives Verlustgeschäft herausgestellt haben. Und dann würde die Entlassung von Frau Laugwitz durchaus verständlich - nicht weil sie eine Frau ist, sondern weil sie (möglicherweise) wirtschaftliche Fehlentscheidungen getroffen hat. Ich bedauere es sehr, dass der Spiegel darauf verzichtet hat, das genauer zu recherchieren und/oder das den Lesern mitzuteilen.

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kulinux 12.09.2018, 16:21
7. ausgerechnet Illies!

Ich hab mir damals versucht, mir seinen "Erfolgshit" anzutun, und ihn nach wenigen Seiten weggelegt. Was mir dort entgegensprang, war genau die eitle, "hohle" Person, die ich aus den Erzählungen von Bekannten kannte, die den Autor wiederum persönlich kannten. Seine späteren Bücher waren noch inhaltsleerer und ohne den letzten Funken Witz oder Esprit, den man dem Erstling vielleicht noch hier und da bescheinigen können mochte, wenn die Ansprüchen nicht allzu hoch waren. Seitdem ist es völlig zurecht um den Herrn sehr ruhig geworden. Oder irre ich mich?
Und so jemanden macht man zum Verleger-Chef eines traditionsreichen, gelegentlich sogar unbequemen Verlags wie Rowohlt? Kein Wunder, das die Autoren rebellieren. Papierverkäufer wie Holtzbrinck mögen ja glauben, dass sich die RTL-isierung vom TV, Zeitungen und Zeitschriften auch auf Bücher übertragen lässt. Aber das wird dann eben ein weiterer, wohlverdienter Nagel im Sarg der Literaturabteilung der "Unterhaltungsindustrie" sein. So what?

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CAFE&WIEN 12.09.2018, 16:27
8. F. Illies - eine absolute Fehlentscheidung

Illies ist ein Heißluftbläser und Eloquenzkasper par excellence in einem viel zu großen Anzug. Und genau dieser Anzug ist Metapher für seinen falschen Job. Wer diesen Herrn vor Jahren einmal bei Harald Schmidt gesehen hat, wie er da mit Schlips und einem sichtbar viel zu weiten Kragen saß und einen auf FDP gemacht hat, der kann nur mit dem Kopf schütteln, wie dieser Mensch dazu gekommen ist, den ehrenwerten Rowohlt-Verlag zu leiten. Wahrscheinlich sind die Verantwortlichen auf sein FDP-Business-Sprech reingefallen. Unfassbar, diese Entscheidung!

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pterodactylus 12.09.2018, 17:10
9.

"Wieder eine Frau rausgekippt wie Abfall" > also das halte ich für arugmentativ daneben und überzogen. Nur weil man nach 4 erfolgreichen Jahren zu unterschiedlichen Auffassungen über die zukünftige Ausrichtung gekommen ist, so hat das nichts mit Rauskippen zu tun. Auch Kontaktsperren sind beim Wechsel von Führungspersonal nichts ungewöhnliches, gerade im literarischen Bereich, da man eigentlich vermeiden will, dass Personen ihre Kunden von der Firma weg mitnehmen. Ist bei Anwälten z.B. auch oft so. Da hier aber sofort wieder die Sexismus-Schiene gezogen wird - etwas, das sich so langsam beginnt abzunutzen und wie #metoo / #shetoo gezeigt hat eine sehr einseitige Sichtweise auf die Dinge ist - da muss ich sagen, da ist die Kontaktsperre gleich doppelt gerechtfertigt.

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