Forum: Kultur
Poetikvorlesung von Christian Kracht: "Ich hörte, wie er hinter mir die Hose öffnete"
imago

Christian Kracht will sich im Hörsaal zu seiner literarischen Arbeit äußern, dabei hat der umstrittene Autor genau das immer vermieden. Doch nun spricht er. Und offenbart, als Junge sexuell missbraucht worden zu sein.

Seite 1 von 2
ambulans 16.05.2018, 11:28
1. merci,

liebe autorin, für ihren versuch, sich diesem durchaus schwierigen schriftsteller auch persönlich anzunähern und ihm damit wenigstens nachträglich gerechtigkeit zuteil werden zu lassen ...

Beitrag melden Antworten / Zitieren
kapetanios 16.05.2018, 12:19
2. Ein wunderbarer Text

Puh! Man hätte zu dem Thema nichts schreiben müssen, keiner hätte darauf gewartet. Aber die Autorin hatte die Sensoren, die Traute und das Glück, den Moment mitzuerleben und auf brillante Art wiederzugeben und einzuordnen. Einfach Dankeschön!

Beitrag melden Antworten / Zitieren
kitteltext 16.05.2018, 14:31
3. Anderer Meinung

zu meiner Schande: ich habe noch nie etwas von Herrn Kracht gelesen. jetzt werde ich es versuchen - oder auch nicht. ich weiß nicht, ob ich so viel schmerz, verdeckten schmerz, verpackten schmerz ertragen kann. vielleicht mit einer Flasche wein.

ich möchte aber inhaltlich trotzdem widersprechen: ich finde die Passage, ob man Herrn Kracht ein Manöver unterstellen könnte finde ich beleidigend. ich glaube einfach, Herr Kracht ist ein Mensch, der sehr sehr einsam ist. tiefe wunden. ich weiß nichts über ihn, aber ich wünsche ihm gönnerisch, dass er anderen menschen noch vertrauen kann. nicht nur sich.

es ist wie immer - sage die wahrheit, und niemand glaubt dir. Das empfände ich als Herr Kracht, wenn man sich bewusst wird, welche Hürden er zu nehmen hatte, um etwas dazu zu sagen, als Beleidigung.

Wenn in der zweiten Vorlesung Herr Kracht das alles als Witz darstellt, ich mich also zu 100% geirrt habe, dann ist die Verletzung von Herrn Kracht schwerwiegender, als sich irgendjemand vorstellen kann. ich kenne so einen erlösungsdruck. wenn auch lange nicht in der Dimension von Herrn Kracht.

Und lesen würde ich dann doch nichts von ihm.

kai

Beitrag melden Antworten / Zitieren
klangschale 17.05.2018, 23:56
4. Ach

Dieser Artikel ist so wunderbar geschrieben, dass man Lust bekommt Kracht zu lesen. Nein, dass man sich fast schon verpflichtet fühlt Kracht zu lesen und Teil einer kleinen Wiedergutmachung zu sein. Nicht an dem Autor. An dem Jungen in Kanada, dem keiner glauben wollte. Nun habe ich selbst zwei noch kleine Söhne. Und ich weiß nicht, ob ich es schaffe etwas zu lesen, vor dem ich unendliche Angst habe, dass es Ihnen auch passieren könnte. Aber ich verspreche hiermit Ihnen immer zu glauben was Demütigung, Schmerz und Misshandlung angeht. Ganz egal, ob die sämtliche Songtexte von Heino bis Nirwana als ihre eigenen zuvor ausgegeben haben sollten. Leider können wir immer nur bei uns selbst anfangen.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
starhawk2013 17.05.2018, 17:37
5.

Es schockiert mich immer wieder auf´s Neue, wenn ich von Fällen des sexuellen Missbrachs in sogenannten
"christlichen" Einrichtungen (im Inn- und Ausland) höre. Die große Vielzahl der Fälle macht deutlich, dass es sich eben nicht nur um "Einzelfälle" handelt, wie man uns ja oft suggerieren will, sondern dass es sich offensichtlich um ein sehr weit verbreitetes Phänomen dabei handelt.
Das Problem ist sicherlich vielschichtig aber ein wesentlicher Punkt dabei scheint mir doch der Zölibat und die damit einhergehende Sexualverdrängung zu sein. Es genügt jedenfalls nicht einmal pauschal "Entschuldigung" zu sagen, wie es der Papst diesbezüglich getan hat. Es müssen vielmehr auch Taten folgen, z. B. in dem der Zölibat abgeschafft wird.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
PAL 17.05.2018, 20:15
6.

Ein wundervoller Artikel über einen wundervollen Schriftsteller, mit welchem sich die Autorin offensichtlich die Liebe zur Sprache teilt. Danke.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
ergo-oetken 17.05.2018, 20:54
7. Institutionalisierte Missbrauchskriminalität

Zitat von starhawk2013
Es müssen vielmehr auch Taten folgen, z. B. in dem der Zölibat abgeschafft wird.
Der Zölibat ist nicht die Ursache der klerikalen Missbrauchskultur, befördert sie aber. https://twitter.com/RossmannKarin/st...37744652496897 (Faden zum Thema).

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

Beitrag melden Antworten / Zitieren
bollle 17.05.2018, 22:26
8. Stuckrad-Barre und Kracht

haben wir um 2001 in der Schule gehabt. Hatte Deutsch als drittes Fach (in der Abi-Klausur dann aber "Abschied von Sidonie", was ein deprimierender Kram). Trotzdem "Soloalbum" und manche, dann ich auch noch "Faserland" gelesen. Sagte mir alles nix. Das sollten unsere deutschen Popliteraten sein? was für lächerliche Sujets, auch Themen genannt. Irgendwas von: Fan von Oasis und Anzüge tragen sei cool und Drogenexperimenten mit Dekandenz auf Partys für Reiche. Mehr ist da nicht hängen geblieben, bloß die Sprache sollte beeindruckend wirken. War sie für mich aber nicht....Und jetzt mal in neuem Licht gelesen! Nach den Kenntnissen der Beiden über ihre Offenbarungen und über ihre Leere. Was an Barbarei anderer und Hilflosigkeit einzelner in unserer so aufgeklärten Zeit dabei herauskommt. Hilfe, Mensch! Welche Anfänge und Anamnesen wir noch durchzustehen haben bevor wir aussterben, und davor versuchen müssen das Wimmern unserer hierarchischen Verhältnisse zu bekämpfen. Von nun an sind es zwei Autoren für mich, die Waffen an die Hand geben unsere Kinder vor den Wichsern dieser Welt zu schützen. Danke dafür.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Stillner 18.05.2018, 10:28
9. Wohlstandsverwahrlosung

Der Artikel spielt ein abgeschmacktes Spiel der Öffentlichkeit mit: Was interessiert an einem öffentlich in einer Poetikvorlesung auftretenden Schriftsteller? Ob er gut schreiben kann? Ob er eine Poetik entwickelt? Ob er intellektuell überzeugt?
Ach was, das einzige, was zählt ist: Bekannter Schriftsteller "hörte, wie er hinter mir die Hose öffnete". Das ist unterstes Boulevard-Niveau. Allerdings von Kracht befördert, der sich in seiner Vorlesung nicht entblödete, die eigene Geschichte in einen Zusammenhang mit derjenigen Paul Celans zu stellen. Denn die Aussage, er habe es nicht ertragen, die Sprache Adolf Eichmanns im Alltag zu hören, beim Bäcker oder Metzger, ist ein indirektes Zitat Celans. Aber was ist dem einen, was dem anderen widerfahren? Und wie haben sie darüber geschrieben?
Celan hat darüber in einer Sprache geschrieben, die in jeder Zeile geprägt war von der Unmöglichkeit einer adäquaten Darstellung von Auschwitz. Kracht aber erzählt von der eigenen Mißhandlung in einer Weise, die daraus einen abgeschmackten Teil der öffentlichen Empörungs- und Klatsch-Maschinerie werden lässt. Und das geht auf: Alle berichten darüber. Die Geschichte der deutschen Literatur muss umgeschrieben werden. Kracht doch kein Zyniker. Die Sprache ist doch nicht ironisch.
Wie wäre es, wenn man, statt über pädophile Priester einmal über stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzende von Boulevardzeitungen sprechen würde, die wegen ihrer ach so wichtigen Aufsichtstätigkeit die eigenen Kinder in vermeintlich noblen Internaten verrotten und verblöden lassen? Wäre nicht diese Wohlstandsverwahrlosung viel eher das Thema, über das zu reden wäre?

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Seite 1 von 2