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Roman über Ida Bauer und Sigmund Freud: Der hysterische Mann
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Sigmund Freud wäre nicht amüsiert: In "Ida" erzählt Katharina Adler von der Patientin, über die der Seelenforscher einst seine "Hysterie-Analyse" schrieb. Im Plauderton entlarvt sie Freud als Unsympathen.

vera gehlkiel 30.07.2018, 16:43
1.

Fast schon "typisch Frauenliteratur": da wird eine resolute Madame aus dem Halbschatten eines berühmten Mannes herauspräpariert, der aber dennoch, allerdings als eine Art von Überpopanz, beständig relevant bleibt, und vor allem für die einschlägigen Werbefotos herhalten muss. Warum man bei Freud immer auf die Bilder zurückgreifen muss, die den schwerkranken, im Prinzip über Jahre hin an Kieferkrebs schmerzvoll sterbenden Greis zeigen (der natürlich immer dementsprechend furchtbar starr wirkt), ist ebenso durchsichtig: nur so sieht er eben so richtig aus wie der Guru, der er unbedingt niemals sein wollte, zu dem man ihn aber mit rüder Erbarmungslosigkeit und in falsch verstandenem "wissenschaftlichem" Übereifer schon zu frühen Lebzeiten gemacht hat. Wer Freud kapieren will, sollte sich zunächst mit Hermeneutik befassen, namentlich mit dem Prinzip von Versuch, Irrtum und Analyse, das Popper ein Leben lang versucht hat, auch den Laien nahezubringen. Beweise im Sinn von statistischer Relevanz und randomisierten Doppelblindversuchen gibt es bei Freud eben gerade nicht, und das hat seinen guten Grund. Von daher sollte die Rechthaberei und die Vergötterung, repektive "Entgötterung", endlich aufhören. Hier werden dem Mann Wahrheitsgelüste unterstellt, welche völlig jenseits seiner Lebensprinzipien lagen. Freud war ein Suchender, kein Wissender, ein moderner Sokrates, gerade dies lieben diejenigen, die ihn weiterhin ziemlich verehren, an ihm. Und das können auch, wie in meinem besonderen Fall, feministische Frauen sein. Klar, die archaische Phallussymbolik, und der böse Penisneid! Warum leugnen, dass sie im Sinn, Artefakte unserer frühkindlichen Entwicklung zu sein, unserem inwendigen Bedürfnis nach Magie, der Horde, dem Tabu, der blinden bis blindwütigen Indentifikation jenseits der stets anstrengenden und intellektuell herausfordernden, aber keine Lösungen, sprich "Erlösungen" parat habenden Kultur, "existieren"? Jedenfalls auf einer bestimmten, bildlich orientierten Sprachebene, ebenso wie die antagonistische Kastrationsangst und der Ödipuskomplex. Ich bin als Mädchen sehr eng mit einem zwei Jahre älteren Bruder aufgewachsen, und ich war in der Tat glühend eifersüchtig auf sein männliches Glied. Ich glaube, da hat Freud auf jeden Fall schon mal irgendetwas beobachtet, was etwas für sich gehabt hat...Wenn, generell gesehen, was wieder aktuell geworden ist, dann ja wohl diese Sehnsüchte nach dem Primitiven inmitten der Hochkultur, siehe Fake-News, etc.pp.

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Oberleerer 30.07.2018, 17:14
2.

Diese Zeit damals war einmalig. Die industrielle Revolution befähigte viele Menschen über den Sinn des Lebens nachzudenken. Es wurden neue Dinge und Gesetzmäßigkeiten entdeckt oder nur postuliert und mangels negativer Erfahrung selten hinterfragt.

Die damaligen Eliten (hier Freud im Speziellen) standen fast ausnahmslos unter Kokain und Pervitin. Entsprechend skuril und grob muß der Umgamg mit diesen Leuten abgelaufen sein.

Dies sollte man sich Bewußt machen. Es erklärt dann auch den Umgang mit einer jungen Frau, mangelnde Selbstkritik und aggressive Notizen.

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vera gehlkiel 30.07.2018, 18:46
3.

Zitat von Oberleerer
Diese Zeit damals war einmalig. Die industrielle Revolution befähigte viele Menschen über den Sinn des Lebens nachzudenken. Es wurden neue Dinge und Gesetzmäßigkeiten entdeckt oder nur postuliert und mangels negativer Erfahrung selten hinterfragt. Die damaligen Eliten (hier Freud im Speziellen) standen fast ausnahmslos unter Kokain und Pervitin. Entsprechend skuril und grob muß der Umgamg mit diesen Leuten abgelaufen sein. Dies sollte man sich Bewußt machen. Es erklärt dann auch den Umgang mit einer jungen Frau, mangelnde Selbstkritik und aggressive Notizen.
Freud hat sich aus absolut kleinen Verhältnissen und beständiger Stigmatisierung herausgearbeitet, hatte früh, und ohne jede finanzielle Absicherung, schon sehr viel Verantwortung für eine eigene Familie. Sein ganzes Leben war schwer und durchwirkt von Schicksalsschlägen. Und eben die persönliche Bekanntheit von Lebensängsten und Familiensorgen, natürlich auch Jahre der Sucht, eine entsetzlich schmerzhafte und entstellende Krankheit zum Schluss, macht seine Arbeiten bis heute so direkt und nahbar, sodass man das Gefühl hat, der Typ sitze nebenan im Zimmer und schreibe immer noch um sein Leben. Dass er Kindern, und sogar Frauen, eine eigenständige Sexualität gab, war gerade das Unerhörte im Bezug auf die Eliten. Wahrscheinlich war das einiges mehr an Freiheit, als viele damals wie heute aushalten können. Denn mit Freud kam auch auf, Freiheit und Angst zusammen zu denken, das ist das Konzept der Neurose nämlich dem Grundsatz nach. Auch wenn ein Sartre glaube ich Freud ablehnte, war er im Bezug darauf eine gewaltige Ecke früher dran als Sartre mit seinem überstark an Heidegger orientiertem Existenzialismus. Und seine Sprache ist auch viel verständlicher, wenn man nun nicht gerade Berufsphilosophin ist.

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Tubus 30.07.2018, 21:58
4. Magere Bilanz

Tja, Psychoanalyse hat mit Wissenschaft eben genau so wenig zu tun wie Religion, Kunst und Literatur. Neben der Pseudowissenschaft des Marxismus die große Falle für Intellektuelle des 20. Jahrhunderts (Popper). Eine Form der Selbstinterpretation, die man (für sich) akzeptieren mag oder auch nicht. Im Vergleich mit der Interpretationskraft der Weltreligionen eine eher magere Bilanz.

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vera gehlkiel 31.07.2018, 20:54
5. @Tubus

Zitat von Tubus
Tja, Psychoanalyse hat mit Wissenschaft eben genau so wenig zu tun wie Religion, Kunst und Literatur. Neben der Pseudowissenschaft des Marxismus die große Falle für Intellektuelle des 20. Jahrhunderts (Popper). Eine Form der Selbstinterpretation, die man (für sich) akzeptieren mag oder auch nicht. Im Vergleich mit der Interpretationskraft der Weltreligionen eine eher magere Bilanz.
Rein technisch gesehen gehört die Psychoanalyse zu den Verfahren, deren medizinische Wirkung wissenschaftlich nachgewiesen ist. Wieviel "Glauben" andererseis bei den reinen Fans von Gleichungen und Zahlen vorherrscht, das wird wiederum klarer, wenn man sich einmal bewusst macht, dass auch Zahlen letztendlich nur eine Stellvertreterfunktion haben. Sie Symbole von Sprache sind und ein "Organ" benötigen, welches sie deuten und anpassen kann. Etwas, was Freud, getrennt davon und doch zum Gehirn gehörig, als Seele oder Psyche bezeichnete. Und ohne solch eine Instanz ist ein "Atom" ebenso "inexistent" wie ein Freudscher "Trieb". Freuds wissenschaftlicher Ansatz erfüllt die Grundkriterien des popperschen Falsifikationsprinzips mustergültig: Die Sorgfalt seiner Untersuchung von Einzelfällen, die innere Tragkraft der daraus abzuleitenden Argumentationsketten und die Einbettung in einen, sagen wir mal "raumzeitlichen", Kontext erschaffen einen Zusammenhang, über den sehr viel an neuer Theoriebildung stattfinden kann (und ja auch stattgefunden hat, Freud zählt zu den Wissenschaftlern in der Geschichte, auf die sich mit am meisten bezogen wurde. Marx übrigens auch). Und die Überlebenszeit der Theorie bis heute ist mustergültig lange, sie hat also aufgrund ihrer ausgeklügelten Ausarbeitung eine enorme Standfestigkeit bewiesen. Ich selbst bin religiös als linksrheinische Katholikin, aber ohne dabei an Gott zu glauben. Ich sehe das wie die Existentialisten, und somit wohl auch etwas wie Freud: ein wichtiges konstituierendes Moment des Menschen ist seine Bezugnahme auf Gott, und zwar als eine Aufforderung, dass er, in Form der reinen Wahrheit und nichts sonst, prompt erscheinen möge. Im Prinzip würde aber mit seinem realen Erscheinen sofort Schluss sein mit der menschlichen Freiheit. Und dieses Paradoxon zwingt uns als Kulturmenschen, die nicht mehr in die gnädige Selbstvergessenheit des magischen Denkens abbiegen können, eine Haltung des beständigen Verdrängens, Sublimierens, der Unehrlichkeit und Ableugnung auf. Kernpunkt meiner längeren Ausführung: Freiheit ist immer an die Angst gekoppelt, und dieses Faktum kann man nicht wegrechnen, bei aller Liebe zur "reinen" Wissenschaftlichkeit. Trotzdem muss damit umgegangen sein. Und darüber lässt sich im Weltraum nichts lernen, und auch nicht hinter dem Rasterelektronenmikroskop. Wenn sie aber alles, was die rein menschliche Perspektive einnimmt, als "Religionssurrogat" ansehen, dann ist die Psychoanalye selbstverständlich ebenfalls "nur" eines.

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