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Volksbühne vs. Dercon: Ausweitung der Kulturkampfzone
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Zwischen Gegenwartsverweigerung und Geisterbeschwörung: Das Aus von Chris Dercon an der Volksbühne steht symptomatisch für den kleingeistigen Berliner Kulturbetrieb. Zurück bleibt ein Scherbenhaufen.

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prof.unrat 14.04.2018, 16:23
1. An diesem Kommentar stimmt nichts

Ich weiß nicht, wie der SPON und seine offiziellen Kommentatoren zu ihren Auffassungen und Meinungen bezüglich der Volksbühne kommen. Da wurde aus einer merkwürdigen Hybris heraus ( Müller und ganz speziell Renner) ein wirklich interessantes Theater, das aus viel mehr bestand als Castorf, einfach mal abgeschaltet, um endlich mal die Große Welt mit Dercon nach Berlin zu holen. Die Volksbühne war konkret in ihrer Darstellung, in ihrer Aussage, in ihren Aufführungen vertreten durch Regisseure, die Maßstäbe setzten und durch erstklassige Schauspieler. Dies wurde einer angeblich weltoffenen Beliebigkeit geopfert. Es tut mir leid, aber Herr Dietz hat wie Herr Höbel keine wirkliche Ahnung von der Volksbühne, aber maßen sich ein Urteil an. Aber irgendetwas zu beurteilen, was man eigentlich nicht wirklich durchdrungen hat, ist ja groß in Mode gekommen.

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hexedesnordens 14.04.2018, 17:33
2.

Die Herren Dietz und Hobel scheinen von der Volksbühne im Besonderen in der Tat keine wirkliche Ahnung zu haben, von den Möglichkeiten zeitgenössischen Theaters und gegenwärtiger Kunst allerdings offenbar auch nicht. Es ist nicht das "Symbol Dercon", das unter Kritik stand und auch nicht ein Generalvorwurf gegenüber Entgrenzung und Vermischung von Disziplinen, die das gesamtkunstwerklerische Programm der Volksbühne seit zweieinhalb Jahrzehnten eben ganz genau ausgemacht hat und, nebenbei, ganz schön viel international Anerkennung hat finden lassen, Stichwort Castorf, Pollesch, Schlingensief aber auch, wer's cross-overnd haben will, Gob Squad usw. . An der Stelle mit Sehgal, Weerasethakul, Serra, dem ehemaligen New Theatre anzusetzen ist kein Fortschritt, auch kein Systemerhalt, das ist - für Theater- wie Kunstpublikum gleichermaßen - hinter den Zug gesprungen, hilflos, ohne Vision - speziell, wenn man vollmundig "das" Theater zu erneuern verspricht. Wenn es dafür dann Kritik gibt - übrigens von Theater- wie von Kunstseite - und wenn vor allem das Publikum ausbleibt, woran liegt das? Weil nicht deutsch gesprochen wird? Oder weil ein ziemlich international und transdisziplinär durchsetztes Publikum - nein, kein "Berliner" sondern "in" Berlin - vielleicht eine kleine Ahnung haben kann, wo oder wie's interessant werden könnte, ohne einen heißen Tipp von Tim Renner bekommen zu müssen. SPON könnte den ja mal buchen, um mit "Mirror online" statt "Spiegel auf Leitung" etwas weniger provinziell zu werden.

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unky 14.04.2018, 17:42
3. Es ist schon traurig, ...

... wie Herr Diez um eine personelle Fehlentscheidung im Kulturbereich so eine schwurbelige Ideologie bastelt. Was ist passiert? Kulturstaatssekretär Tim Renner - seines Zeichens bar jeder Ahnung von der Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Kultur einer Großstadt wie Berlin - bestellte Dercon zum - einen Museumskurator ohne Wissen um das Theater - zum Intendanten der Volksbühne. Dercon lieferte bis zum letzten Tag seiner Amtszeit kein Konzept seiner Intendantentätigkeit und keine Aufführung im Theater, die das Publikum interessiert hätte. Sein Etat lag mit 22 Mio über dem des Vorgängers Castorf (17 Mio pro Jahr), der sein Haus regelmäßig bis zu 70-80 % mit Zuschauern füllte. Dercon brachte es auf rund 40 %. Seinen Etat verbrauchte er innerhalb eines halben Jahres. Dercon hat nicht geliefert, wozu er sich vertraglich verpflichtet hatte. Den Zuschauern oder dem Kultursenator Lederer die Schuld am Derconschen Scheitern zu geben und die Stadt insgesamt als restaurativ, nationalistisch und kulturfeindlich zu verunglimpfen ist einfach lächerlich. Berlin hat bislang noch jeden bedeutenden Theatermann/-frau gefeiert - man denke nur an Peymann, Wilson, Fritsch, Pollock u.a.m. Diese Künstler hatten ihrem Publikum aber auch etwas zu geben - nämlich großartige Theaterabende.

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henninghuno 14.04.2018, 18:21
4. was, bitte schön, ist die Aussage?

Ich habe den Text von Herrn Dietz aufmerksam gelesen, aber absolut keinen Erkenntnisgewinn erzielen können. Ohne die Umstände dieses Rücktritts zu kennen, hatte ich mir gewünscht, in etwa zu erfahren, worum es eigentlich geht. Leider Fehlanzeige.Das Ganze liest sich so, als ob der Grund für die Vorgänge an der Volksbühne mit Absicht verschleiert werden soll. Selbst der Hinweis auf die Widererrichtung des alten Stadtschlosses, dem Symbol des preußischen Militarismus, trägt nicht zur Aufklärung bei. Es ist wie bei den Stellungnahmen von Politikern: viele Worte, null Aufklärung.

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michibln 14.04.2018, 18:23
5. Ein echter Diskurs fand und findet in diesem Theater...

...und in anderen öffentlich subventionierten Theatern doch sowieso nicht statt. Alle haben die selbe Meinung, die mantramäßig wiederholt wird. Auseinandersetzung mit andersdenkenden wird verweigert. Sonst hätte man z.B. schon längst mal ganz unironisch "Der Streik" von Ayn Rand inszeniert.

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hwmueller 14.04.2018, 18:27
6.

Zitat von prof.unrat
Ich weiß nicht, wie der SPON und seine offiziellen Kommentatoren zu ihren Auffassungen und Meinungen bezüglich der Volksbühne kommen. Da wurde aus einer merkwürdigen Hybris heraus ( Müller und ganz speziell Renner) ein wirklich interessantes Theater, das aus viel mehr bestand als Castorf, einfach mal abgeschaltet, um endlich mal die Große Welt mit Dercon nach Berlin zu holen. Die Volksbühne war konkret in ihrer Darstellung, in ihrer Aussage, in ihren Aufführungen vertreten durch Regisseure, die Maßstäbe setzten und durch erstklassige Schauspieler. Dies wurde einer angeblich weltoffenen Beliebigkeit geopfert. Es tut mir leid, aber Herr Dietz hat wie Herr Höbel keine wirkliche Ahnung von der Volksbühne, aber maßen sich ein Urteil an. Aber irgendetwas zu beurteilen, was man eigentlich nicht wirklich durchdrungen hat, ist ja groß in Mode gekommen.
Werther Forist! Ihr Wutausbruch ist so konkret wie eine Nebelkerze. Herr Diez hat Sie somit recht gut beschrieben. Das in der Geste verharrende Argument, dass die Luft zur Frage fehlt, geschweige denn zur Antwort. Der Berliner, wie ich ihn täglich erlebe, beschäftigt sich am liebsten mit sich selbst. An jeder Ecke Jemand der Existenzelles zu sagen hat und über Jeden verächtlich raunt, der da behauptet, er habe sich im Theater amüsiert. Die Castorf-Zeiten habe ich als ein lang andauerndes Luftholen in Erinnerung. Oder Schnapatmung im poststruktualistischen Schal nebst individualistischer Neo-Abend-Garderobe. Auch Sie kommen mit dem Pathos der moralischen Anstalt daher, als ob die Welt voller Neugierde auf die Bretter starrt - die Jugend und Revolte nebst Becks und Döner verheißt – um den Gang der Zeit aus augurengleicher Hand gönnerhaft ins Volk gestreut zu sehen. Selbstüberschätzung nennt man das! Herr Diez hat durchaus den einen oder anderen Nagel getroffen. Der/die BerlinerIn mag sich selbst nicht besonders, daher ist ihm/ihr Jede/r der/die ihm/ihr gleicht suspekt. Diese Behäbigkeit kenne ich aus der Kohlzeit, wo Alles Neue/Fremde beleidigt abgetan wurde. Offenherzigkeit oder Visionen waren Kinderkram oder krankhaft! Berlin hat wieder ein Mauer!

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manfred_klimek 14.04.2018, 18:51
7. Decron..

..wurde gefeuert, weil sein - pardon - "halbgarer Vollschaß" (Wiener Mundart) keine Käufer fand und die Aufführungen leer blieben. Man mag der Meinung sein, dem Publikum etwas aufbürden zu müssen. Und es mag sein, dass das mitunter das richtige Theater ist. Doch was Decron aufführte wollte keiner sehen. Das entscheidet letztlich. Richtig geiles Theater: das war Peymann in Wien. Weltbühne pur! Und immer ausverkauft. Trotz beträchtlichem Aneckens. Decron schlief mit seinen Subventionsgebern, ohne sie demütigen zu wollen. Das war sein widerlichstes Vergehen. Gut, dass er Geschichte ist..

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r.hour 14.04.2018, 18:52
8. goldener Fallschirm nach Kassel

Am 1. April war im Monopol-Magazin bereits zu lesen:
"Der Documenta-Aufsichtsrat sei bei einer Sitzung am Donnerstag dem Vorschlag der Findungskommission einstimmig gefolgt, heißt es aus internen Kreisen. Nach Ostern soll die Personalie offiziell vorgestellt werden.

Die Wahl sei laut einem Kommissionsmitglied auf den Kurator gefallen, weil er krisenerprobt sei und sich durchzusetzen wisse. Dem Kosmopoliten sei in Berlin eine neoliberale, postmoderne Beliebigkeit vorgeworfen worden. Die vergangene Documenta-Ausgabe hingegen sei für ihre politische Agenda, mangelnde Vermittlung und ihren Fokus auf Minderheiten kritisiert worden. Was lag also näher, so das Kommissionsmitglied, "als den global-vernetzen Dercon, der ein Händchen für populäre Ausstellungen bewiesen hat", zum Documenta-Leiter zu nominieren. "Zudem trauen wir dem erfahrenen Kulturmanager zu, im vorgegeben Etatrahmen zu bleiben." Die Documenta 14 unter Leitung von Adam Szymczyk wurde mit einem Millionendefizit beendet." (...)
"Adam Szymczyk könnte die Lücke in Berlin perfekt ausfüllen."
ach du dickes Ei....
https://www.monopol-magazin.de/chris-dercon-wird-documenta-leiter

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wfg.niemeyer 14.04.2018, 18:57
9. Abreißen.

Selbst als Berliner hab ich bis Dato noch nicht verstanden, was das Problem ist. Hatte gehofft der Artikel könnte helfen. Leider macht der intellektuelle Feinstaub der ausgeblasen wird die Sache ziemlich nebulös. Aber das kennt man ja auch aus dem Kultur- und Kunstbetrieb. War auf ner Kunstuni, kenne Künstler aber es gibt so einen elitären Typus der sich ständig überhöhen muss und Berlin scheint nun mal ein Magnet für alle möglichen gestrandeten aus dem Bundesgebiet zu sein. Mal nebenbei die Sache mit dem Schlossreplika, finde ich auch daneben, nur hat auch der Bund mitgeredet und was die Planungen und politischen Entscheidungen vor 20 Jahren mit der aktuellen Lage an der Volksbühne zu tun haben sollen....naja.

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