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Xavier Naidoo und Antisemitismus: Man muss das Gift benennen
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Xavier Naidoo darf nicht Antisemit genannt werden, obwohl einige seiner Liedtexte antisemitische Klischees bedienen. Das lässt viel Spielraum für alle, die mit Hass und Ressentiments zündeln wollen.

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Gaztelupe 18.07.2018, 23:09
10. Möglicherweise gar nicht mehr bewusst

Vielleicht ist Naidoo ja einer von diesen: Von denjenigen, deren Antisemistimus so selbstverständlich, so tief verankert ist, dass er überhaupt nicht mehr zu Bewusstsein kommt. Er kenne die Klischees und Codes gar nicht, behauptet er. Vielleicht muss man ihm das doch glauben. Denn es gehört Distanz dazu, etwas als Klischee zu erkennen und im Code die Verschlüsselung einer bestimmten Botschaft wahrzunehmen.

Es heißt auch überhaupt nichts, dass Lieberberg »jüdischer Herkunft« ist. In meiner Familie gab es abscheuliche Antisemiten, was sie nicht davon abhielt, gerne Daliah Lavi zu hören oder sich von einem jüdischen Steuerberater betreuen zu lassen (vielleicht hat das antisemitische Vorurteil, Juden könnten besonders gut mit Geld umgehen und es mehren, mehren und nochmals mehren, dabei ja ein Wörtchen mitgeredet). Man kann tiefen Groll gegen »die Juden« hegen und trotzdem auf individueller Ebene bestens mit einem auskommen. Mein Großvater väterlicherseits, glühender Nazi, pflegte noch im Krieg Freundschaften zu Juden. Geht alles, wie man sieht. Antisemit kann man trotzdem sein.

Und man kann es auch zugeben. Solange sich das nicht in Hetze oder noch Üblerem äußert, ist es ein Anfang, nicht das Ende von allem. Innere Einstellungen kann man ohnehin nicht verbieten. Benennen dürfen aber sollte man sie. Auch unterstellen. Oder »nachweisen«. Die Folge darf Diskurs sein. Aber nicht so ein doofes Gerichtsurteil.

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erlenstein 18.07.2018, 23:30
11.

Ich halte Naidoo nicht für einen Antisemiten, ich fürchte eher das Netz des "Antisemitismusverdachts", das sich über die Kunst legt. Mit der starken personellen Aufstockung des Antisemitismusbeauftragen wird in Zukunft der Druck noch stärker, denn die Mittel müssen sich ja legitimieren. Langsam wächst die Sorge um die Meinungs- und Kunstfreiheit in diesem Land. Neben der um eine unabhängige Justiz, wenn diese so scharf angegriffen werden kann.

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onlinerspon 18.07.2018, 23:38
12.

Zitat: "Denn wie soll man die Textzeilen beurteilen, die Naidoo geschrieben und gesungen hat? Von "Baron Totschild" ist da die Rede, eine Chiffre für die jüdische Bankerfamilie Rothschild, von einem "Schmock", der ein "Fuchs" ist. Mit "Marionetten" lieferte er eine Wutbürgerhymne gegen vermeintliche "Puppenspieler" verborgener Steuerungsmächte. Das sind lupenreine antisemitische Klischees und Codes."

"Baron Totschild,Marionette,Puppenspieler,Schmock" sind in erster Linie Wörter. Hätte man sich nicht die Mühe machen sollen, den Kontext zu bereden? Wer als Steuerzahler einige Wahlkämpfe und das folgende politische Handeln beobachtet hat, stellt sich vielleicht auch die Frage, ob Politiker "Volksvertreter" sind oder ob Lobbyisten (das sind nicht die, die zum Beispiel kostenlose Kinderbetreuung, Studium etc. promoten) nicht den besseren Zugang haben und politische Meinungsbildung "steuern". Teilweise schreiben sie an Gesetzen mit... Das darf ein Künstler thematisieren. Als Antisemit stigmatisiert werden darf er wiederum nicht. Es sei denn, man kann den Nachweis führen. Da hat die Referentin den Mund etwas zu voll genommen. By the Way: Meine Erfahrung aus diversen Foren, der Antisemitismusvorwurf wird meist recht unqualifiziert angewandt. Die "eumc working definition" ist umstritten und geht vielen nicht weit genug. Kann aber die grobe Richtung weisen, insbesondere engagierten Referentinnen.

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blemblem 18.07.2018, 23:38
13. Schon wieder die Kampagne

"Der Naidoo sieht so Nafri-mässig aus, der ist ja ein halber Schwarzer, der Araber, der Bombenleger". Alle die die unsägliche Kampagne gegen den Sänger immer wieder hochfahren, sollten sich mal überlegen, welche Klischees und Vorurteile sie bedienen. Jetzt hat man ein Urteil, es wäre eher Zeit sich für die falschen Verleumdungen zu entschuldigen, als das man verzweifelt versucht irgendwelche Zusammenhänge zu konstruieren.

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Lmeter 18.07.2018, 23:59
14. Künstler

Schon mal daran gedacht seine Texte als Kunst anzusehen? Wenn er Lieder über Trauer oder Liebe macht, sind es auch nicht unbedingt seine Persönlichen Ansichten oder Erfahrungen. Deswegen nennt man es Kunst. Kunst wenn man denn nicht nur einen reinen geldzweck damit verbindet, sollte schon Grenzen ankratzen. Als Böhmermann sein Gedicht vorgelesen hat, wurde er doch auch als Satirker bezeichnet und nicht als Türkenfeind. Man sollte schon als gebildeter Mensch begreifen was Kunst ist, aber das vermisst man bei dieser doch einseitigen Herangehensweise. Das Naidoo z.B ein Kunst Projekt gegen Nazis auf die beine gestellt hat wo sehr viele Migranten Rapper mitgewirkt haben, ist dann wieder Kunst....Man sollte sich schon entscheiden. Ist er die person in seinen Texten oder ist er Künstler der über viele Dinge schreibt und singt?

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dasfred 18.07.2018, 03:25
15. Wer sick förn Pannkoken utgift, ward asn pannkoken

upfreten. Das alte plattdeutsche Sprichwort sagt mehr als deutlich, dass jeder so genommen wird, wie er sich präsentiert. Wer offensichtliche antisemitische Codes benutzt, darf nicht hinterher verlangen, dass der geneigte Zuhörer das doch bitte völlig anders verstehen möge. Hier hat sich einer zum Pfannkuchen gemacht, der nun keiner mehr sein will und angeblich nie gewesen ist. Für das Image ist es auch nicht hilfreich, sich nachträglich für dumm zu erklären.

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ichliebeeuchdochalle 18.07.2018, 03:41
16.

Anmerkung 1: Es gibt ein Gerichtsurteil aus den 1980er Jahren nach dem Kapital-Lebensversicherungen als "legaler Betrug" bezeichnet werden dürfen. Würde bedeuten: Der Staat läßt den Betrug an seinen Bürgern zu, ja er hilft beim Betrügen seiner Bürger. Das wäre eine juristische Ungeheuerlichkeit, wenn es denn so wäre. Bis heute gehen 99,99% derjenigen, die das Urteil ansprechen, davon aus, daß das Gericht dies geurteilt hat.

Hat es aber nicht. Das Gericht hat die Aussage nicht als FAKT "durchgehen lassen" sondern als "MEINUNGSÄUßERUNG", und zwar eine sehr drastische. Das Gericht hat eben gerade nicht geurteilt, daß die Aussage inhaltlich stimmt. Sie darf aber als MEINUNG (und eben nicht als FAKT) geäußert werden, um bestimmte Dinge klarzumachen.

Was die Richterin im Fall Naidoo also geurteilt hat, ist aus juristischer Sicht tatsächlich möglich. Und es geht natürlich nicht zu sagen, daß eine Richterin das schon deshalb nicht dürfe, weil es da draußen Menschen geben wird, die diese "dialektische Sichtweise" ausnützen werden.

Anmerkung 2: Sollte der Artikel das Urteil tatsächlich richtig darstellen, enttäuscht mich, daß die Äußerin vorgerichtlich ihren Vorwurf als FAKT ausgesprochen hat, sich im Prozeß aber dann doch wieder auf "MEINUNG" berufen wollte. In der falschen, laienhaften Annahme ... hat jeder schon irgendwo mal gelesen oder gehört ... Meinungen darf man IMMER sagen, weil Meinungen ja nicht stimmen müssen. Spätestens wenn man einen Rechtsanwalt einschalten muß, zieht der einem in 30 Sekunden diesen "ist ja nur eine Meinung und die ist unabhängig vom Wahrheitsgehalt immer erlaubt"-Zahn.

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mvaugusta8 18.07.2018, 04:21
17. zu einseitige Interpretation

Ich mag Xavier Naidoo nicht besonders und halte die Texte für unsäglich. Eine Nähe zu den Reichsbürgern kann ich aus den Texten schon raushören, allerdings ist mir der Vorwurf als Antisemit zu vage. Wenn man wie Borcholte argumentiert, sollte man eventuell auch die Textpassagen benennen aus denen antisemitisches Gedankengut vorgeht. Die Rothschilds gelten bei bei vielen Verschwörungsesoterikern als Übel. Von denen ist nicht jeder gleich antisemitisch. Genauso gut könnte man interpretieren, dass der Name Rothschild als Allegorie/Metapher für reiche Menschen steht, die allein aufgrund ihres Reichtums viel Einfluss haben.

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si-ar 18.07.2018, 06:12
18. Ich verstehe es nicht

Warum wird bei dem Namen Rothschild immer davon ausgegangen, dass man diese Dynastie anfeindet weil sie Juden sind? Es geht doch wohl eher um ihre Einflussnahme und, dass diese Familie der Inbegriff der Banker ist, die gnadenlos ihre Interessen durchsetzen. Wenn man sich Naidoos Lieder anhört, kann man ganz gut erkennen, dass es ihm eher um den ausufernden Kapitalismus und Neoliberalismus geht.
Andere Banker darf man kritisieren, z.B. Goldman Sachs, die ebenfalls ihre Interessen durch ehemalige Angestellte, die in höchsten politischen politischen Ämtern installiert wurden/werden, durchsetzen lässt.
Ich kritisiere auch die Politik Israels, allerdings würde ich die auch kritisieren, wenn diese so von Christen, Muslimen oder Buddhisten praktiziert würde. Mir ist es nämlich die Religionszugehörigkeit eines Menschen völlig egal und ich verurteile auch nicht eine ganze Glaubensgemeinschaft für die Taten Einzelner aus dieser Gruppe, sondern explizit diese Person unabhängig vom Glauben.
An Juden wurden unglaubliche, grauenhafte Verbrechen verübt und ich fühle noch immer eine Mitschuld, weil ich mich als Teil der deutschen Gemeinschaft empfinde, die dafür verantwortlich war. Was aber nicht bedeutet, dass ich völlig unkritisch gegenüber einzelnen Personen bin.

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bubi_2 18.07.2018, 07:04
19. Klischees und Codes

Also jemand als astreinen Antisemit zu bezeichnen wegen Songzeilen "Baron Totschild", "Schmock" und "Fuchs" das ist ein Witz. Aber unsere Gesellschaft muss eben auch die überkorrekten Erbsenzähler ertragen die hinter jeder Songzeile das Böse sehen. Ich kann das Urteil absolut nachvollziehen.

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