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Zauberflöten-Premiere in Salzburg: Königin der Zirkusnacht
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Die Salzburger Festspiele eröffnen mit einer Neuinszenierung von Mozarts "Zauberflöte", einem bunten Mix aus Zirkuszauber, "Downtown Abbey" und aktuellem Zeitbezug. Überzeugend war das nur teilweise.

kajoter 28.07.2018, 19:17
1.

Ja, die Zauberflöte zu inszenieren, möchte man sich nicht antun. Nicht in dem momentan herrschenden Regietheater, das geradezu manisch danach verlangt, die Handlungen in das Hier und Jetzt und wenn nicht dort, dann zumindest an einen Ort und eine Zeit zu versetzen, die vom Librettisten und Komponisten keinesfalls gewollt waren.
Und so habe ich z.B. an einer Barock-Oper teilnehmen müssen, die statt in einem Adelspalast in einer Mucki-Bude spielte. Oder eine hochromantische Oper, in der die Chordamen oben ohne auftraten, bzw. auftreten mussten.
Man kann über diese Manie streiten, über einen Umstand aber nicht: dass wir in derartigen Inszenierungen immer Zeugen einer brutalen Kollision werden. Musiker streben nach größtmöglicher Werktreue, was so weit geht, dass bereits Dogmen wie das der Originalinstrumente in der Alten Musik entstanden. Und Musiker sind es gewohnt, ihre Herangehensweise der Epoche des Stückes anzupassen. Das heißt sie wissen, wie man z.B. eine Verzierung in der Klassik oder in der Romantik spielt usw.
Und nun kollidiert diese Epochen- und Werktreue auf zum Teil völlig durchgeknallte Inszenierungen, die die Musik permanent gegen die Wand laufen lassen. Und auf Regisseure, die häufig reine Schauspielregisseure sind und vom Tuten und Blasen tatsächlich keine Ahnung haben. Und auf deren zumeist anzutreffende arrogante Durchsetzungskraft - Dieter Wedel war in dieser Beziehung nicht die ganz große Ausnahme.
Es bringt keinen Spaß, an solchen Produktionen beteiligt zu sein und viele Sänger und Musiker sind aus diesem Zirkus bereits ausgestiegen, wenn sie es sich denn leisten konnten.
Und wer bestimmt, dass man die moderne Oper so und nicht anders machen sollte? Das sind vor allem die Menschen, die an der eigentlichen Peripherie des Geschehens wirken wie Kritiker, generell Musikjournalisten, Kulturwissenschaftler etc., die ein öffentliches Meinungsbild beeinflussen können. Wenn Elisabeth Schwarzkopf schimpfte, dass Regisseure alles Verbrecher seien, oder sich Edita Gruberova irgendwann entschloss, keine Oper mehr zu machen und nur noch konzertant aufzutreten, dann sind das leider Einzelstimmen, die im Chor aller nur über Kultur Schreibenden oder Redenden untergehen.
Ich habe so gut wie keinen Musiker und Sänger getroffen - die Damen mit eingeschlossen, die dieses Regietheater nicht zum Kotzen fand.
Zum Schluss möchte ich an den großen Giorgio Strehler erinnern, der ein wirklich fantastischer Regisseur war. Er inszenierte z.B. den berühmten "Barbier" von Rossini und wagte es, diesen in seinem typischen Umfeld incl. Bühnenbild und Kostüm zu belassen. Aber die Personenführung war derartig frisch und einfallsreich, dass niemand auf die Idee gekommen wäre, ihm Rückständigkeit vorzuwerfen.
Gut, die allermeisten Regisseure besitzen nicht sein Format, aber dann sollen sie es doch wenigstens damit kaschieren, dass sie das optische Element völlig abstrahieren und sich auf das Agieren auf der Bühne konzentrieren. Stattdessen wird die Zauberflöte in den Zirkus verlegt, was bei Tamino und Pamina noch passend sein könnte, spätestens mit Sarastro und Königin der Nacht muss es kollidieren.

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wolfgang4430 28.07.2018, 20:47
2. Was soll dieser Bloedsinn?

Auffuehrungen der Zauberfloete unter Sawallisch, Boehm und auch Levine gelten bis heute immer noch als die Besten. Warum eine Oper die klar an Freimaurische Riten beinhaltet dem eigentlichen Sinn entfremden? Was hat der Zirkus mit dem Inhalt der Zauberfloete zu tun? Nichts! Lesen sie doch mal das Libretto! Sicher die Scherze die man Pappageno frei aendern oder auch verfremden kann bleiben in den herkoemmlichen Inzenierungen dem Gesamtbild treu. Es ist eine Schande diese wunderschoene Oper zu verunstalten.

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des_pudels_kern 29.07.2018, 13:02
3.

Zitat von wolfgang4430
Auffuehrungen der Zauberfloete unter Sawallisch, Boehm und auch Levine gelten bis heute immer noch als die Besten. Warum eine Oper die klar an Freimaurische Riten beinhaltet dem eigentlichen Sinn entfremden? Was hat der Zirkus mit dem Inhalt der Zauberfloete zu tun? Nichts! Lesen sie doch mal das Libretto! Sicher die Scherze die man Pappageno frei aendern oder auch verfremden kann bleiben in den herkoemmlichen Inzenierungen dem Gesamtbild treu. Es ist eine Schande diese wunderschoene Oper zu verunstalten.
Gerade bei der Zauberflöte müssen wir es entfremden, weil der "eigentliche Sinne" samt Sexismus, Rassismus und übelster Doppelmoral sonst unerträglich wäre.
Und generell: Es gibt eigentlich keinen "eigentlichen Sinn", weil das Kunstwerk, das wir sehen, nicht das Libretto und die Partitur sind, sondern die konkrete Aufführung. Und die hat einen Sinn (hoffentlich), der aber natürlich von Aufführung zu Aufführung, von Inszenierung zu Inszenierung verschieden ist.

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helisara 29.07.2018, 20:11
4.

Zitat von des_pudels_kern
Gerade bei der Zauberflöte müssen wir es entfremden, weil der "eigentliche Sinne" samt Sexismus, Rassismus und übelster Doppelmoral sonst unerträglich wäre. Und generell: Es gibt eigentlich keinen "eigentlichen Sinn", weil das Kunstwerk, das wir sehen, nicht das Libretto und die Partitur sind, sondern die konkrete Aufführung. Und die hat einen Sinn (hoffentlich), der aber natürlich von Aufführung zu Aufführung, von Inszenierung zu Inszenierung verschieden ist.
Das Kunstwerk ist in erster Linie die Musik. Wenn die Inszenierung breiteren Raum gewinnt als die musikalische Aufführung, dann stimmt etwas nicht mehr. Die Handlung der "Zauberflöte" ist an und für sich schon verfremdet. Man kann darin natürlich auch eine Doppelmoral, Sexismus und Rassimus (gut, die Sache mit Sarastro ist schon etwas grenzwertig, aber Mozart konnte nun einmal nichts von PC wissen) hineinlesen, aber wenn Regisseure so arrogant sind, zu glauben, ein und für sich nahezu vollkommenes Kunstwerk ver(schlimm)bessern zu wollen, ist das nur noch lächerlich. Das Problem des sogenannten Regietheaters ist der Zeitgeist. Besonders unangenehm wird es, wenn Regisseure (die nicht einmal mehr Noten, geschweige denn Partituren) lesen können, versuchen, nur noch auf Skandal zu inszenieren. Es geht ihnen nicht mehr darum, das Werk wirklich zu interpretieren (gegen etwas modernisieren ist ja nichts einzuwenden, wenn es zum Werk paßt, zum "Rosenkavalier" paßt es natürlich nicht), sondern möglichst viele Buhrufe zu kassieren (während die Inszenierung dann im Feuilleton als "bahnbrechend", "mutig" oder "radikal" bezeichnet wird. Ein Paradebeispiel dafür ist Bieito.

Ich glaube, das Problem jedes "Tamino" ist noch immer der Schatten Fritz Wunderlichs. Dagegen kommt man nicht an und der derzeit vielleicht beste lebende "Tamino" singt in dieser Saison den Lohengrin in Bayreuth.

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