Forum: Kultur
Zum Tode von Philip Roth: Die Potenz war enorm
Peter Pereira/ 4SEE/ laif

Er war ein genialer Chronist der USA am Abgrund. Aber es war eben auch ein Amerika, das stets über alternde, weiße Männer erzählt wurde. Frauen spielten bei Philip Roth vor allem eine Rolle: das Objekte der Begierde.

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**Kiki** 23.05.2018, 15:18
1. Och, nö.

Zitat von
Aber auch damit ist Roths Oeuvre ein Sittengemälde - es ist normal. Gewesen. Die Körperpolitik der Gesellschaft wird gerade umdefiniert. Die Ära dieser Generation männlicher Schriftsteller geht zu Ende.
Es wäre ewig schade drum. Ich erinnere mich immer wieder gerne daran, wie viele strafende Blicke ich im Bus auf mich gezogen habe wegen meiner unkontrollierbaren Kicheranfälle, während ich "Portnoys Beschwerden" gelesen habe, und bei der Vorstellung, daß diese Leute wüßten, WAS diese Kicheranfälle ausgelöst hatte, konnte ich gar nicht mehr aufhören zu lachen.

Anne Haeming klingt genauso moralinsauer, wie diese Blicke es gewesen sind.

Es wäre überhaupt hoch an der Zeit, die Herrschaft der Moralinsauren, die glauben, sie wären berechtigt, die Gesellschaft nach ihrer eigenen Lustfeindlichkeit umdefinieren, wieder zu stürzen. Das durchzieht ja schon seit mindestens zehn Jahren unseren ganzen Alltag, mit dem augenscheinlichen Ziel, uns alles madig zu machen, was Spaß macht. Die definieren in ihrer "Körperpolitik" ja nicht nur den Sex neu ("nur, wenn sie sich schriftlich einverstanden erklärt hat"), sondern auch alles andere, was mit körperlichem Genuß verbunden ist (Essen, Trinken, Rauchen, Faulheit), und zwar nach einer neopuritanischen Askese-Agenda, verbunden mit quasireligiösen Heilsversprechen.

Ich muß kein Mann sein, um mich dem kategorisch zu verweigern, aus prinzipiellen Gründen wie auch, weil ich gerne Spaß habe. Philip Roth lese ich weiterhin mit Vergnügen, und ich wünsche ihm Nachfolger, die von mir aus einen so sexistischen Blick auf Frauen haben dürfen, wie sie wollen, solange es Spaß macht, zu lesen, was sie geschrieben haben.

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ernstrobert 23.05.2018, 15:27
2. Ab sofort: gähnende, klinisch reine Leere?

Sicher war Roth etwas einseitig in seiner Interpretation männlichen 'Wollens', das ja tatsächlich keinem bewussten Willen folgt, sondern einem unbewussten Trieb. Da hat er sich in der Tat ziemlich wiederholt. Wohl auch mit Blick auf den Verkaufserfolg (sex sells). Andere haben jenes Wollen als Potenz umgelenkt in künstlerische Kreativität und unermüdliches Schaffen, aber auch in Machogehabe, Protzerei und Machtanmaßung. Da ist der Weg der direkten sexuellen Befriedigung möglicherweise der bessere. Insofern fragt man sich, was "Die Körperpolitik der Gesellschaft wird gerade umdefiniert." nun heißen soll? Sollen Körper neutralisiert - oder gleich ganz abgeschafft werden? Was ist mit dem weiblichen Blick auf die Libido? Der Satz: "Die Ära dieser Generation männlicher Schriftsteller geht zu Ende." bleibt eine Vermutung, oder auch Hoffnung, doch lässt er völlig offen, was 'nicht zu Ende' geht, oder was denn nun folgen kann oder soll. Zu fürchten ist eine gähnende, klinisch reine Leere.

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thrasymachos 23.05.2018, 15:51
3. Ne, Frau Haeming,

die "Körperpolitik der Gesellschaft" wird nicht "umdefiniert". Eine immer kleiner, einsamer und verzweifelter werdende linke Elite versucht vielleicht zum letzten Mal, einen Diskurs zu erzeugen, um ihn dann zu dominieren. Philip Roths Bücher aber werden dann noch gelesen und diskutiert werden, wenn dieser Unsinn längst vergangen ist und sich kein Mensch mehr an #metoo erinnern kann.
Die faszinierenden Frauenfiguren (jawohl, die gibt es!) in Roths Werk ignorieren Sie in ihrem Artikel völlig. Man fragt sich unweigerlich, ob Sie seine Bücher überhaupt hinreichend gelesen haben. Merry Levov, Consuela Castillo, Faunia Farley oder die linke Denunziantin Delphine Roux (an die ich mich, ihre Zeilen lesend, seltsamerweise stark erinnere) sind grandiose Charakterzeichnungen und gewiss keine Wichsvorlagen für alte geile Männer. Mein Gott, wie oft will man dieses dämliche Klischee über die großen amerikanischen Autoren des letzten Jahrhunderts noch wiederholen?! Wahrer wird es dadurch nicht.
Leute, lest keine Nachrufe, lest Philip Roth!!!

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kasulzke 23.05.2018, 16:04
4. Herrje!

Philip Roth ist noch nicht mal kalt und schon wird sein Werk gefleddert. Hätte man sich ja auch mal zu Lebzeiten mit auseinandersetzen können. Grundsätzlich sind Frau Haemings Feststellungen gar nicht so falsch, aber die Schlussfolgerungen sind daneben. Wenn nur noch Literatur erscheint, die durch Ihre PC Zensurmaschine gelaufen ist, dann kann man das Lesen auch gleich bleiben lassen und sich anderweitig langweilen.

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KircheimDorf 23.05.2018, 16:17
5. Das wissende Lächeln

kommt immer danach. Das Interview atmet diesen Geist des besser wissenden Lächelns danach. Nichts ist dauerhaft . Schion gar nich ihr Kichern beim Lesen von Portnoys Beschwerden. Vielleicht hat es ihr gefallen, was sie gewlsen hat? Gerade die Besessenheit Portnoys ist doch ein Zeichen,. dass nicht alles in Ordnung ist? So auch die Erkenntnis mehr zu wissen als Roth. Ein wenig hilfts aber schon, da man die Amerikaner und unsere Reaktion darauf Roth besser einschätzen kann und die Peinlichkeit zu Trump, die einen überkommt, hört man nur seinen Namen. Nachrangige Kommentare werden nicht erklennen, dass der Antiamerikanismus auch mit Blick auf Roth propagiert wurde und nun in Trump und unsere Populisten seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Nur das Sexuelle war auch bei den 68ern sehr wichtig.. Zufällig nur waren es weisse Männer, das wird sich bald ändern. Aber wir haben ja solche Interviews , damit wirs auch verstehen.

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baronsamedi 23.05.2018, 16:34
6. "Es ist normal. Gewesen."

Hab verstanden. Schön langsam werden wir auf Linie gebracht für eine postabendländische Moral, die in einer zunehmend islamisch geprägten Öffentlichkeit möglichst wenig aneckt. Wird sicher noch ein spannendes Jahrhundert, aber wahrscheinlich ist es von Vorteil, wenn wir sabbernden geilen Greise dann nicht mehr dabei sind.

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Peter M. Lublewski 23.05.2018, 16:38
7. Danke für diesen Beitrag,

Zitat von **Kiki**
Es wäre ewig schade drum. Ich erinnere mich immer wieder gerne daran, wie viele strafende Blicke ich im Bus auf mich gezogen habe wegen meiner unkontrollierbaren Kicheranfälle, während ich "Portnoys Beschwerden" gelesen habe, und bei der Vorstellung, daß diese Leute wüßten, WAS diese Kicheranfälle ausgelöst hatte, konnte ich gar nicht mehr aufhören zu lachen. Anne Haeming klingt genauso moralinsauer, wie diese Blicke es gewesen sind. Es wäre überhaupt hoch an der Zeit, die Herrschaft der Moralinsauren, die glauben, sie wären berechtigt, die Gesellschaft nach ihrer eigenen Lustfeindlichkeit umdefinieren, wieder zu stürzen. Das durchzieht ja schon seit mindestens zehn Jahren unseren ganzen Alltag, mit dem augenscheinlichen Ziel, uns alles madig zu machen, was Spaß macht. Die definieren in ihrer "Körperpolitik" ja nicht nur den Sex neu ("nur, wenn sie sich schriftlich einverstanden erklärt hat"), sondern auch alles andere, was mit körperlichem Genuß verbunden ist (Essen, Trinken, Rauchen, Faulheit), und zwar nach einer neopuritanischen Askese-Agenda, verbunden mit quasireligiösen Heilsversprechen. Ich muß kein Mann sein, um mich dem kategorisch zu verweigern, aus prinzipiellen Gründen wie auch, weil ich gerne Spaß habe. Philip Roth lese ich weiterhin mit Vergnügen, und ich wünsche ihm Nachfolger, die von mir aus einen so sexistischen Blick auf Frauen haben dürfen, wie sie wollen, solange es Spaß macht, zu lesen, was sie geschrieben haben.
ganz hervorragend geschrieben.

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sabinaz 23.05.2018, 16:39
8. Regt euch wieder ab

Und akzeptiert, dass Frauen Werke wie Portnoys Beschwerden anders lesen als Männer der älteren Generation. Für mich war es ebenfalls eine Peinigung - sorry. Aber Der menschliche Makel machte das wieder mehr als wett. Insofern ebenfalls großes Bedauern.

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Papazaca 23.05.2018, 16:59
9. Sind wir nicht zu allererst auf unsere Lust fixiert?

Ein Bericht, der reizt. Aber ganz ehrlich: Wie würde sich eine Frau in einer von Frauen dominierten Welt verhalten?
Klar, wer die Macht hat, schreibt auch aus seiner Perspektive. Und Roth war offensichtlich ein Mann. Und hat diese Welt spannend beschrieben. Ist das eine einseitige, ungerechte Welt? Klar. Und Roth war einer ihrer Erzähler. Ich warte auf seine Nachfolgerin. Dann wird alles gerecht und ausgewogener.

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