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Befristete Jobs an Hochschulen: Prekär ist immer noch normal
imago/Oliver Ring

Hochqualifiziert - und trotzdem prekär beschäftigt: Seit einem Jahr soll ein neues Gesetz die Situation vieler Wissenschaftler an Hochschulen verbessern. Jetzt warnt die Gewerkschaft, es tue sich kaum was. Zu recht?

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mrotz 17.03.2017, 18:49
1. Professur

Etwas überspitzt formuliert:
Selbst mit Nobelpreis ist die Aussicht auf eine feste Stelle an einer deutschen Universität ( == Professur ) ein Glücksspiel.

mfg

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Nonvaio01 17.03.2017, 19:23
2. kein wunder

das soviele ins ausland gehen, besser foerder gelder, bessere moeglichkeiten.

Idealisten bleiben in D, leute die etwas erreichen wollen verlassen das Land.

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sgt24 17.03.2017, 19:32
3.

Dieses Gesetz hat es doch nur schlimmer gemacht. Es gibt dadurch keine einzige Dauerstelle mehr.

Stattdessen kann man jetzt nicht mehr flexibel stückeln. Das neue Drittmittelprojekt kommt 3 Monate später (ist ja eher der Normalfall): Früher kein Problem, wenn sich noch irgendwo etwas auf einem anderen Projektkonto fand. Heute heißt es: "Ja, Geld wäre da." Darf man aber nicht nehmen. Man muss nämlich einen Vertrag bis zum Laufzeitende des Projekt bekommen. Und dafür reicht es dann doch nicht. Selbst wenn der Mitarbeiter den Vertrag gar nicht so lang will. Geht er halt zum Arbeitsamt. Oder wir haben ein Projekt, läuft noch zwei Jahre, aber das Geld reicht nach Tarifanpassung nur noch 23.6 Monate. So etwas stellt Hochschulverwaltungen vor exorbitante Herausforderungen. Macht der Mitarbeiter halt zwei Wochen Zwangspause.

Ich hab das auch den VERDI- und GEW-Vertretern bei uns damals erzählt. Hab denen gesagt, die sollen sich nicht wieder über den Tisch ziehen lassen. Ja, was haben wir letztes Jahr gelacht über dieses Gesetz. Es ist mir völlig unklar, warum man noch bis 2020 mit eine Evaluierung warten will. Den Schwachsinn hätte man auch schon vor Verabschiedung erkennen können.

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heute_lieber_kein_name 17.03.2017, 22:12
4. Hier wurde es wie üblich auch schlechter - 1. Plötzlich keine Stelle

Die Uni versucht jetzt im Verhältnis mehr feste Stellen zu haben, eigentlich ja ein tolles Ziel. Da es aber nicht mehr Geld für unbefristete Stellen gibt ist der einzige Weg, weniger befristete Stellen zu erlauben. Also werden einfach möglichst viele befristete Stellen, die vor einem Jahr noch problemlos möglich gewesen wären quasi ohne Vorwarnzeit nicht genehmigt (obwohl es Projektgelder für befristete Stellen gibt). Was das für Mitarbeiter*innen bedeutet, wenn man bis wenige Tage vor Vertragsbeginn nicht weiß, ob man auf dem geplanten Projekt (weiter) arbeiten darf spielt dabei scheinbar keine Rolle. Was es für die Projekte bedeutet, wenn Mitarbeiter*innen plötzlich nicht (mehr) für das Projekt arbeiten dürfen auch nicht. Die befristeten Mitarbeiter*innen bekommen dadurch den Eindruck, dass sie an der Universität unerwünscht sind. Gerade die erfolgreichsten und qualifiziertesten Mitarbeiter*innen werden deshalb in Erwägung ziehen, dass ihre Arbeit bei anderen Arbeitgebern oder im Ausland wahrscheinlich mehr Wertschätzung erfährt.

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heute_lieber_kein_name 17.03.2017, 22:14
5. Hier wurde es wie üblich auch schlechter - 2. Einschränkung der Familienfreundlichkeit

Zusätzlich wird auch stark eingeschränkt, wer noch eine Qualifizierungsstelle bekommt. Im Ergebnis bedeutet das aber keine bessere Qualifizierung der Mitarbeiter*innen und schon gar nicht mehr feste Stellen sondern nur mehr Projektbefristungen statt Qualifizierungsbefristungen (oder in machen Fällen gar keine Stelle). Projektbefristung klingt zunächst nicht schlimm, bedeutet aber für die betroffenen Mitarbeiter*innen, dass der letzte Rest Familienfreundlichkeit auch noch weg fällt. Bei Projektbefristungen ist es nämlich im Gegensatz zu Qualifizierungsbefristungen meist kein Nachholen von Familienzeiten (Mutterschutz, Elternzeit, Teilzeit in Elternzeit) möglich. Mein Eindruck ist dabei, dass die Uni die seit der Änderung des Wissenschaftszeitarbeitsgesetzes nötige Überprüfung, ob es sich im um eine Qualifizierungsstelle handelt bewusst für Einsparungen bei der Familienfreundlichkeit nutzt. Ein Kriterium bei dieser Überprüfung ist hier an der Uni, ob der Drittmittelgeber die Stelle als Qualifizierungsstelle vorsieht, d.h. ob er eventuelle Kosten durch das Nachholen von Familienzeiten automatisch übernimmt. Das tut bisher wohl nur die DFG, sobald die Finanzierung aus einer anderen Drittmittelquelle kommt ist hier an der Uni eine Qualifizierungsbefristung mindestens für PostDocs jetzt nicht mehr möglich, vor den Änderungen war das noch kein Problem. Obwohl die Einsparmöglichkeiten wahrscheinlich nicht wirklich groß sind, wurden hier die Änderungen des Wissenschaftszeitarbeitsgesetzes genutzt um die Familienfreundlichkeit einzuschränken. D.ie reduzierten Zeiten fehlen jetzt, um das Projekt fertig zu stellen. Und falls der befristete Vertrag in der Elternzeit ausläuft ist ein Wiedereinstieg danach oft besonders schwer. Gleichzeitig rühmt die Uni sich natürlich weiter als familienfreundlicher Arbeitgeber. Bei den Mitarbeiter*innen kommt aber eher ein stärkerer Druck an, möglichst nicht zugunsten ihrer Familie die Arbeitszeit zu reduzieren oder erst gar nicht auf die Idee zu kommen, eine Familie zu gründen oder weitere Kinder zu bekommen.

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heute_lieber_kein_name 17.03.2017, 22:15
6. Hier wurde es wie üblich auch schlechter - 3. Fazit

Bisher hat leider fast alles, was die Politik sich in den letzten Jahren ausgedacht hat um die Lage des wissenschaftlichen Mittelbaus zu verbessern in der Realität zu Verschlechterungen geführt. Die Forderung der Gewerkschaften danach, befristete Stellen weiter einzuschränken halte ich für ganz fatal, solange die Forschung an den Universitäten hauptsächlich über zeitlich befristete Projekte finanziert wird.

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kfp 18.03.2017, 00:53
7.

Zitat von heute_lieber_kein_name
Die Uni versucht jetzt im Verhältnis mehr feste Stellen zu haben, eigentlich ja ein tolles Ziel. Da es aber nicht mehr Geld für unbefristete Stellen gibt ist der einzige Weg, weniger befristete Stellen zu erlauben. Also werden einfach möglichst viele befristete Stellen, die vor einem Jahr noch problemlos möglich gewesen wären quasi ohne Vorwarnzeit nicht genehmigt (obwohl es Projektgelder für befristete Stellen gibt). Was das für Mitarbeiter*innen bedeutet, wenn man bis wenige Tage vor Vertragsbeginn nicht weiß, ob man auf dem geplanten Projekt (weiter) arbeiten darf spielt dabei scheinbar keine Rolle. Was es für die Projekte bedeutet, wenn Mitarbeiter*innen plötzlich nicht (mehr) für das Projekt arbeiten dürfen auch nicht. Die befristeten Mitarbeiter*innen bekommen dadurch den Eindruck, dass sie an der Universität unerwünscht sind. Gerade die erfolgreichsten und qualifiziertesten Mitarbeiter*innen werden deshalb in Erwägung ziehen, dass ihre Arbeit bei anderen Arbeitgebern oder im Ausland wahrscheinlich mehr Wertschätzung erfährt.
Und ich dachte, die Novellierung sei nichts als ein zahnloser Tiger, der mit "hätte, sollte, wollte" praktisch überhaupt keine Veränderung in der Praxis mit sich bringt. Und dass diese "Reform" nur verabschiedet wurde, um der Petition "Perspektive für Befristung", der GEW und anderen Stimmen gegen die absolut katastrophalen Arbeitsbedingungen unter deutschen Akademikern für das nächste ca. Jahrzehnt wieder den Wind aus den Segeln zu nehmen. Dass dieser Tiger aber offenbar auch noch ein paar alte Wackelzähne hat, um sich selbst in den Schwanz zu beißen, ist dann aber sicher noch ein hübscher Nebeneffekt, über den sich die Schöpfer dieser "Reform" jetzt so richtig ins Fäustchen lachen...

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Mertrager 18.03.2017, 05:55
8. Gutes Beispiel

Staatliche Institutionen gehen immer mit gutem Beispielvoran. - Also Schluß mit Gemecker. ;-)

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dipl.inge83 18.03.2017, 06:32
9. Keine Lösung

Das Grundproblem kann auf diese Weise doch sowieso nicht gelöst werden. Es gibt einfach zu wenige Stellen für viele Absolventen, nicht nur in der Wissenschaft. Seit Ewigkeiten immer nur zu trommeln Bildung! Bildung! Bildung! schafft ja nicht automatisch Arbeitsplätze sondern verbessert nur das OECD-Ranking. Und solange zu viel Nachfrage auf zu wenig Angebot trifft werden sich Menschen zähneknirschend auf solche perspektivlosen Bedingungen einlassen müssen. Kehrtwende nicht absehbar.

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